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CMC - Center for Migration, Education and Cultural Studies

Willkommen beim Center for Migration, Education and Cultural Studies (CMC)

Wanderungen von Menschen, Sprachen und Lebensformen über politische, kulturelle und imaginäre Grenzen gehören zu jenen Phänomenen, die öffentliche Diskurse, politische Auseinandersetzungen, alltagsweltliche Räume sowie nicht zuletzt individuelle Positionen, sowie Selbstverständnisse in bedeutsamer Weise beeinflussen.

Das Center for Migration, Education and Cultural Studies beschäftigt sich mit migrationsgesellschaftlich bedeutsamen Unterscheidungspraxen und Subjektpositionen. Es untersucht Differenz- und Zugehörigkeitsverhältnisse als Unterscheidungspraxen, die das gesellschaftliche Geschehen symbolisch, materiell, institutionell und diskursiv für Gesellschaftsmitglieder begreifbar machen. Erfahren, begriffen und verstanden wird mit Hilfe von Zugehörigkeits- und Differenzordnungen gesellschaftliche Realität und die eigene Position in ihr. Das CMC untersucht Zugehörigkeits- und Differenzzusammenhänge hierbei nicht allein im Hinblick auf die (bildende) Macht, die diese Zusammenhänge über Individuen entfalten, sondern auch im Hinblick darauf, wo und wie Subjekte Zugehörigkeits- und Differenzzusammenhänge problematisieren, verändern, verschieben und ihnen einen anderen Sinn geben.

Aus aktuellem Anlass: Kommentar zu dem Ankündigungstext des Vortrags „Die unkultivierte Aneignung. Über islamische Sklaverei“ vom 27.06.2018

Wir leben in einer verstörenden Zeit.

Das Ideal universalistischer Rechtsansprüche bekämpfende und zuweilen bespottende Gruppierungen und Akteure beanspruchen den öffentlichen Raum politisch und kulturell nicht unmaßgeblich und machen keine Anstalten, sich so schnell wieder zurück zu ziehen. Im Gegenteil; ihre machtvolle Präsenz scheint von Tag zu Tag zu wachsen. Der italienische Innenminister bezeichnet Geflüchtete auf Booten als Menschenfleisch, der bayrische Ministerpräsident spricht unbeirrt von Asyltourismus, und der österreichische Bundeskanzler bemüht im Rahmen einer an die von George W. Bush betriebene Irak-Invasion von 2003 erinnernden Politik, die hunderttausenden Menschen das Leben gekostet hat, das Bild der "Achse der Willigen". Die an Erbarmungslosigkeit reichende Rhetorik gegenwärtig in Europa vorherrschender Politik, die sich nicht nur hier mächtig formiert hat, korrespondiert mit der Rücksichtslosigkeit ihres Handelns: Lager, Ankerzentren, Abschaffung des Rechts auf Asyl. Zur Legitimation und Durchsetzung dieser Unterschreitung von Minimalmaßstäben der Humanität und Zivilität ist die Imagination und Dämonisierung eines migrationsgesellschaftlichen Anderen funktional, wie dies täglich in Berichten und Gesprächen über die Kriminalität und Gefährlichkeit Geflüchteter, die Bedrohung durch Muslime und Migranten aufgeführt wird: eine performative Iteration der Bedrohung durch jene Andere, die als rückständig gezeichnet werden und uns aus dieser Rückständigkeit heraus vermeintlich gefährden. Die zunehmend unverblümt Menschenrechtsverletzungen gutheißenden politischen Akteure, die den Vorrang eines nationalen oder westlichen oder europäischen Wir behaupten, gehen uns als Intellektuelle in Europa und vielleicht auch als intellektuelle Europäer/innen etwas an, da uns jedwede Form des Totalitarismus intellektuell in einer besonderen Verantwortung für das Humane kritisch zu interessieren hat, insbesondere aber auch jene totalitaristischen Tendenzen at home.

In dieser historischen Situation lädt der AStA der Carl von Ossietzky Universität zu einem mit „Die unkultivierte Aneignung. Über islamische Sklaverei“ überschriebenen Vortrag in dieser Woche ein. Im Ankündigungstext zu diesem Vortrag werden in einer zuweilen groben, kaum in einem wissenschaftlichen Sinne als analytisch zu bezeichnenden Terminologie („Bru­der­hor­den des ‚Is­la­mi­schen Staa­tes’“, „Fat­wa­dreck­schleu­dern“) und in einem eben solchen Duktus im Wesentlichen drei Dinge inszeniert und ausgesagt: a) es existiere eine Art essentialistisch gefasste Differenz zwischen zwei Welten, die als „islamisch“ und „christlich-westlich“ bezeichnet werden, wobei b) der als „christlich-westlich“ bezeichneten Welt eindeutig ein zivilisatorischer Vorsprung zugesprochen, der anderen Welt hingegen Rückständigkeit attestiert wird, um c) schließlich zu behaupten, dass dieses zivilisatorische Gefälle von der „dauerempörten akademisch tonangebenden Linken“ ausgeblendet werde.

Wir leben in verstörenden Zeiten. Auch in den akademischen Räumen, an Universitäten und Hochschulen – selbst an solchen, die mit ihrem Namen an die Notwendigkeit erinnern, dem Wiederaufflackern und -lodern des Denkens in Rassekategorien zu widerstehen – ist rassistische Rede vernehmbar. In dem zwei einander, was Kennzeichen des Denkens in Rassekategorien ist, diametral und eindeutig gegenüber stehende Blöcke zeichnenden Ankündigungstext des Vortrags, ist das in der als „christlich-westlich“ bezeichneten Welt ansässige Wir so fraglos zivilisatorisch gut, dass, wie es dort heißt „das einzig ‚Weiße’ an Kolonialismus und Sklaverei, deren Abschaffung gewesen ist“. Eine solche Aussage kommt in dem gegenwärtigen sprachlich-politischen Klima zwar nicht ganz unerwartet; denn diese ist Teil und Variante eines vielstimmigen und sich zuweilen kaltschnäuzig erhebenden Versuchs, Europa, den Westen, neuerlich „rein“ zu waschen, indem Europa beispielsweise der Verantwortung für Kolonialismus, Sklaverei, multiple Genozide auch durch Falschaussagen und Geschichtsklitterung enthoben wird.

Verstörend und auch beklemmend ist aber freilich, dass ein solcher Satz auf einer Seite der Carl-von-Ossietzky Universität möglich ist.

Es scheint uns geboten, Räume zu schaffen, in denen die Frage, ob rassistische Artikulationen sowie analytische und normative Aussagen über gesellschaftliche Verhältnisse, die ohne Begründungen auszukommen versuchen, an der Universität zunehmen und was gegen solche totalisierenden Tendenzen zu tun, in der Verantwortung der Universität liegt. Das Center for Migration, Education and Cultural Studies wird im kommenden Semester eine Gastvortragsreihe und ein Symposium zum Thema „Grenzenlose Redefreiheit? Erkundung öffentlicher Artikulationsweisen an Universitäten, die Rassekonstruktionen bestärken“ durchführen.  Wir laden Sie heute bereits dazu ein.

Prof. Dr. Paul Mecheril

Center for Migration, Education and Cultural Studies

Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Isolde Hey+9uenozo (cmchfxkl.se60tnekrethjvariatg/pfy@uol.dohefke) (Stand: 28.09.2018)