Zeiterleben und Alter(n): Eine empirisch-informierte Analyse von Vorstellungen des Zeiterlebens im Kontext existenzieller Konflikte in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Arbeit mit älteren Menschen

Zeiterleben und Alter(n): Eine empirisch-informierte Analyse von Vorstellungen des Zeiterlebens im Kontext existenzieller Konflikte in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Arbeit mit älteren Menschen

Felix Weibezahl

Abteilung Ethik in der Medizin, Department für Versorgungsforschung, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Der Vortrag untersucht den Zusammenhang zwischen Vorstellungen subjektiven Zeiterlebens und der Auseinandersetzung mit existenziellen Themen bei älteren Menschen in psychotherapeutischer Behandlung. Im Zentrum steht die Frage, inwiefern implizite und explizite Annahmen über die Struktur der selbst erlebten Zeit im therapeutischen Prozess thematisiert werden und wie diese mit der Bewusstwerdung des eigenen Alter(n)s in Beziehung stehen. Die Relevanz der Fragestellung ergibt sich daraus, dass das psychotherapeutische Behandlungsangebot für ältere Menschen bislang unzureichend ist, während die absolute Zahl älterer Menschen in der Bevölkerung stark steigt und ihr Bedarf an psychosozialen Betreuungs- und Behandlungsangeboten zunimmt. Zugleich gibt es wenige Untersuchungen, die sich altersspezifischen Behandlungsansätzen widmen. Diese lassen außerdem Raum für eine existenzphilosophisch grundierte Perspektive. Die empirische Grundlage für diese Analyse ist eine qualitative Untersuchung der psychotherapeutischen Behandlungsdokumentation von älteren Patientinnen und Patienten in einer psychiatrischen Klinik. Anhand dieses Materials wird herausgearbeitet, inwiefern existenzielle Themen im Behandlungsprozess verhandelt werden und welche zeitbezogenen Deutungsmuster dabei sichtbar werden. Im Ergebnis können Motive wie der Wechsel von einer zirkulären, endpunktlosen zu einer linearen, auf den Tod ausgerichteten Zeitvorstellung, die gesteigerte Bedeutung vergangener Lebenszeit oder Varianten leidvollen als auch reibungsfreien Erlebens der alltäglichen Zeit herausgearbeitet und unter dem Eindruck von Endlichkeitserfahrungen im fortgeschrittenen Alter verstanden werden. Abschließend zeigt sich, dass zeitbezogene Motive und Deutungsmuster in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung älterer Menschen bislang kaum systematisch berücksichtigt werden. Zugleich weisen sie ein Potenzial auf, die Verhandlung existenzieller Konflikte im höheren Lebensalter differenzierter zu verstehen und dieses Verständnis therapeutisch fruchtbar zu machen.

Internetkoordinator (Stand: 24.06.2026)  Kurz-URL:Shortlink: https://uol.de/p119952
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