Johanna Raphaela Wahl ist die Erste in ihrer Familie, die studiert hat und nun promoviert. Das neue Mentoring-Programm „Perspektiven“ unterstützt sie dabei, eine akademische Karriere voranzubringen.
Langfristig Fuß fassen in der Wissenschaft, das kann sich Johanna Wahl gut vorstellen. Forschen, promovieren, Postdoc. Wer weiß, vielleicht irgendwann einen Lehrstuhl ergattern, mit einem spannenden Forschungsfeld. „Ich war aber lange unsicher, wie ich die ersten Schritte in die akademische Welt überhaupt schaffen soll“, erzählt Johanna Wahl. „Mir fehlten die akademischen Vorbilder, die ich um Rat fragen konnte.“
Wahl ist Erstakademikerin – also die Erste in ihrer Familie, die ein Hochschulstudium abgeschlossen hat. Als die Entscheidung in ihr reifte, eine akademische Karriere anzustreben, lag ihr Masterabschluss in Kulturwissenschaft an der Humboldt Universität in Berlin schon vier Jahre zurück. Die 35-Jährige arbeitete schon während und auch nach ihrem Studium als Referentin bei der Deutschen UNESCO-Kommission. „Irgendwann war mir klar: Ich will doch noch promovieren.“
Chancengleichheit an der Uni anstreben
Mittlerweile ist Wahl wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pädagogik. Sie promoviert in der Sozialwissenschaft im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts „Generationen im Protest“ unter der Leitung von PD Dr. Martina Schiebel und kommt gut voran. „Trotzdem bleibt da dieses Gefühl, mehr Kraft aufbringen zu müssen als viele andere, um universitäre Prozesse zu verstehen“, berichtet Wahl. „Als ich davon erfuhr, dass es an der Universität Oldenburg ein neues Mentoringprogramm gibt, das sich explizit an Erstakademiker*innen in frühen Karrierephasen richtet, habe ich mich sofort beworben.“
„Perspektiven. Wege in die Wissenschaft“ heißt dieses Angebot. Es läuft über ein Jahr, ist im September 2025 erstmals angelaufen und richtet sich an fortgeschrittene Promovierende und frühe Postdocs. Die Uni will mit diesem zusätzlichen Baustein für mehr Chancengleichheit sorgen. Das scheint auch bitter nötig: Die Statistik zeigt, dass die soziale Herkunft in Deutschland immer noch maßgeblich über den Bildungserfolg entscheidet: Nur 27 Prozent der Schülerinnen und Schüler an Grundschulen aus einem nicht-akademischen Haushalt beginnt später ein Studium. Zum Vergleich: Bei Akademikerkindern sind es 79 Prozent. Nur zwei von 100 Nichtakademikerkindern promovieren, bei Akademikerkindern sind es im Schnitt sechs. (Quelle: Hochschulbildungsreport 2022).
Karriereverlauf von Arbeiterkindern unterstützen
Die neue Programmlinie unterstützt im gesamten frühen Karriereverlauf die besonderen Bedürfnisse von Erstakademikerinnen und Erstakademikern, damit sie ihre wissenschaftliche Karriere festigen können.
Prof. Dr. Katharina Al-Shamery; Schirmherrin von „Perspektiven”
Die Mentees haben den Einstieg in die Promotion bereits erfolgreich gemeistert. Beratungsbedarf gibt es aber weiterhin. Acht Frauen und zwei Männer nehmen am ersten Durchgang teil. „Die neue Programmlinie unterstützt im gesamten frühen Karriereverlauf die besonderen Bedürfnisse von Erstakademikerinnen und Erstakademikern, damit sie ihre wissenschaftliche Karriere festigen können“, betont Prof. Dr. Katharina Al-Shamery, Vizepräsidentin für Akademische Karrierewege, Chancengleichheit und Internationales und Schirmherrin von „Perspektiven“.
Und so läuft es ab: Teilnehmende suchen selbst nach einem passenden Mentor oder Mentorin aus der Wissenschaft, um sich über Fragen zu Entscheidungsfindung, Karriereorientierung, Finanzierung und Forschungsprojekten auszutauschen. „Die ‘One-to-One‘-Mentoring-Beziehung ist der Kern des Programms, denn Mentees profitieren enorm davon, eine erfahrene Professorin, einen erfahrenen Professor oder eine erfahrene Führungspersönlichkeit außerhalb der Wissenschaft persönlich und vertraulich um Rat fragen zu können“, betont Dr. Sandra Wienand, Referentin für Akademische Karrierewege. „Workshops, Diskussionsabende und gezieltes Coaching für Mentees ergänzen das Programm.“
Ein Netzwerk aufbauen
Vor allem der Kontakt mit Gleichgesinnten, die nicht im akademischen Umfeld geprägt worden sind, sei sehr wertvoll, berichtet Wahl, die bereits erste Treffen besucht hat. Viele Parallelen ließen sich unter Arbeiterkindern feststellen, viele Hürden beim Weg in die Wissenschaft gemeinsam reflektieren. „Viele von uns sind schon etwas älter, haben keinen geradlinigen Weg hin zur Promotion verfolgt, parallel zum Studium gearbeitet, das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg erlangt.“
Wahl hat bereits eine passende Mentorin gefunden: Prof. Dr. Alice Mattoni, die an der Universität Bologna in Italien zu sozialen Bewegungen und Digitalität forscht. Also eine Wissenschaftlerin aus dem Ausland, die ein Themenfeld besetzt, das dem von Wahl ähnelt. „In der Soziologie beschränken wir uns oft auf den deutschen Forschungsraum“, erklärt die Promovierende. „Ich möchte ‚Perspektiven‘ dazu nutzen, die Protestforschung auf internationaler Ebene besser kennenzulernen und mich gleichzeitig mit meiner Mentorin über inhaltliche Fragen und Karrierewege austauschen.“ Als Erste in der Familie zu promovieren, das sei bereits ein großer Schritt. Und danach? Auf einen bestimmten Weg versteifen wolle sie sich nicht. Sie arbeite aber darauf hin, sich alle Türen offen zu halten – auch die zum Karriereziel Professur.