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Drei Fragen – und drei Antworten unserer Expertinnen und Experten

Das Covid-19-Virus beeinträchtigt viele Lebensbereiche – und sorgt zugleich für kreative Lösungen. Expert_innen und Lehrende des Centers für lebenslanges Lernen berichten über die aktuelle Situation und schätzen Risiken sowie Chancen der künftigen Entwicklung ein.

...für die Zukunft des digitalen Lernens?

1. Schulen und Hochschulen steigen in die Online-Lehre ein – was läuft dabei didaktisch anders als beim Präsenz-Lernen?

Stöter: Sowohl Präsenz- als auch Online-Lehre sollten im Kern den gleichen Ausgangspunkt habe: didaktische Überlegungen, eine Orientierung an den Vorerfahrungen und Bedürfnissen der spezifischen Zielgruppen sowie die Frage nach der Zielsetzung. Für Online-Angebote stellt dann die Frage nach der Auswahl der einzusetzenden Medien. Hier herrscht wahrlich kein Mangel an Möglichkeiten. Gefragt ist eine umfassende Kompetenz, diejenigen Möglichkeiten zu wählen, welche zu den didaktischen Überlegungen passen. Ein Online-Angebot, welches allein auf Basis technischer Möglichkeiten heraus geplant wurde, kann ebenso wenig sinnvoll sein, wie ein Präsenz-Angebot mit 90 Minuten Frontalunterricht.

2. Lässt sich alles online vermitteln oder gibt es etwas, das sich nur im direkten Kontakt lernen lässt?

Stöter: Alles in dieser Absolutheit sicher nicht. Aber mehr, als Viele sich wohl noch vor wenigen Woche vorstellen konnten. Letztlich kommt es auf die konkreten Inhalte und Formate an. Gute Online-Lehre plant ja auch mit dem praktischen Handeln der Lernenden: Ein Video-Impuls zu einem praktischen Thema kann dann zum Beispiel ergänzt werden durch eine praktische, haptische Aufgabe, deren Ergebnisse dann wiederum online vorgestellt und besprochen werden können.
Manches lässt sich durch die digitalen Anwendungen mit ihren auch asynchronen Austausch- und Kooperationsmöglichkeiten sogar flexibler umsetzen, als reine Präsenz es könnte. Das gilt etwa für Formate, die besonders auf persönliche Interaktion setzen, wo der Wissenserwerb im sozialen Austausch und im Anwenden konkreter Praktiken liegt. Man denke hier nur an das gemeinsame Sprachenlernen über Distanz.

3. Was passiert nach der Corona-Krise – kehren wir zum konventionellen Lernen zurück oder wird Blended Learning der neue Standard?

Stöter: Hier würde ich mich für eine Prognose nicht aus dem Fenster lehnen. Aber was wir gerade erleben, wird einen andauernden Effekt haben: Wir wissen aus Studien, dass die Nachfrage nach digitalen Lehr-Lern-Formaten dann steigt, wenn mit solchen Formaten bereits positive Erfahrungen gemacht wurden. Und wir wissen auch, dass sich Innovationen dann durchsetzen, wenn sie in die Breite getragen werden. Beides passiert gerade in einem enormen Tempo. Wenn nun Lehrende wie Lernende positive Erfahrungen mit den Potentialen digitaler Angebote und Formate machen, werden wir in Zukunft ein lebendiges und befruchtendes Miteinander der „konventionellen“ wie „digitalen“ Formate geben.

Dr. Joachim Stöter ist Diplom-Psychologe und am C3L im Bereich Digitalisierungsstrategie tätig.

...das Risiko- und Finanzmanagement?

1. Wie lassen sich Szenarien zur Pandemie im Risikomanagement abbilden?

Ruckdeschel: Die Coronakrise ins Risikomanagement für Finanzdienstleister zu integrieren, heißt in jedem Fall, bestehende Modelle zu erweitern. Unter den regulatorisch abgebildeten Risiken würden Coronarisiken zunächst einmal als operationelle Risiken erfasst. Man hatte so etwas also grundsätzlich schon auf dem Schirm. Für die konkrete Umsetzung sind dann Anleihen in anderen Fachdisziplinen hilfreich, was natürlich spannend ist.
Für die Dynamik des Infektionsgeschehens hat die Epidemiologie bereits seit langem entsprechende deterministische und stochastische Modelle entwickelt, zum Beispiel SIR und SEIR. Neu an der derzeitigen Corona-Epidemie gegenüber früheren Epidemien – und dementsprechend noch in diese Modelle einzubauen – ist die erhebliche, aber unsichere, Verzögerung und Latenz in der Inkubationszeit, in der die Infizierten bereits ansteckend sind, aber noch keine Symptome zeigen, also nur schwer quantitativ erfasst werden können.
Für die aus diesem Infektionsgeschehen resultierenden Implikationen auf die Zahlungsströme im (inner-)betrieblichen Geschehen und auf die Absatzmärkte gibt es dann weiteren Modellierungsbedarf. Hilfreich könnten hier Konzepte aus der Modellierung von Kreditrisiken und Naturkatastrophenrisiken sein, die einerseits eine entsprechende Exposure für die Zahlungsströme quantifizieren, also zu welchem Grad der Zahlungsstrom durch die konkrete Infektionszahl betroffen wird, und andererseits für die Dynamik mit einer möglichen Erholung auch eine Recovery Rate modellieren.

Dies alles ist insofern innovativ, als die beiden Disziplinen des Risikomanagements – das finanzielle und das biometrisch-epidemiologische zur Modellierung von Epidemien – bislang noch nicht so eng verwoben waren, wie etwa die Alterungs- und Mortalitätsrisiken in der Lebensversicherungsmathematik. Meiner Kenntnis nach ist hierzu zumindest noch nicht viel publiziert worden. In beiden Risikomodellierungsbereichen sind aber in jedem Fall Szenarien ein wichtiges, etabliertes Werkzeug, um punktuell Auswirkungen bestimmter Konstellationen zu studieren und zu analysieren.

2. Wie begegnet man aktuellen Herausforderungen, die sich etwa durch Kreditvergabe und Insolvenzen ergeben?

Ruckdeschel: Für eine korrekte Einschätzung der finanziellen Risiken in der aktuellen Krise kommt es neben den unmittelbar durch die Infektionen getriebenen Risiken auch noch darauf an, mittelbare Implikationen korrekt abzubilden, die durch die staatlichen Interventionen induziert wurden, die in Reaktion auf das primäre Infektionsgeschehen ergriffen wurden – wie dem Shutdown oder den Kontaktverboten.
Zum Beispiel müssen dieser Tage ausnahmsweise andere Maßstäbe für die Kreditvergabe angelegt werden, als dies im normalen Wirtschaftsgeschehen in den üblichen einer Kreditvergabe vorausgehenden Bonitätsprüfungen geschehen würde. Nach ökonomischen Prinzipien müssten eigentlich viele der kreditsuchenden Betriebe als insolvent angesehen werden, dürften also keinen Kredit bekommen. Bei diesen Firmen handelt es sich allerdings in großer Mehrheit nicht um durch eigene Unwirtschaftlichkeit in existenzbedrohende Schwierigkeiten gekommene Unternehmen, sondern vielmehr haben gut überlegte und begründete Staats-Sanktionen sie aus dem Markt genommen.
Daher müssen aus volkswirtschaftlichem Interesse herkömmliche Bonitätsprüfungen derzeit weitgehend außer Kraft gesetzt werden. Dies kann einerseits durch direkt vom Staat – etwa über die KfW – vergebene Kredite, andererseits durch entsprechenden Staatsgarantien und -bürgschaften für privatwirtschaftliche Kredite erreicht werden. Schließlich kann – auch aus Autonomiegesichtspunkten heraus, um einen Ausverkauf auf dem internationalen Markt entgegenzuwirken – der Staat vorübergehend durch Aufkauf von Aktien fallende Kurse stützen und so das Eigenkapital der entsprechenden Unternehmen festigen. Die durch diese Maßnahmen zugeführte, exogene Bonität kann dann durchaus in bestehende Kreditratingmethodiken integriert werden.
Wie dies allerdings konkret möglichst ohne marktverzerrende Nebenwirkungen geschehen kann – etwa gegenüber Konkurrenten, die gerade nicht in Genuss solcher Förderung kommen – ist eine weitere spannende Frage.

3. Und hat das alles auch etwas Gutes? Bekommt das Risikomanagement einen höheren Stellenwert?

Ruckdeschel: Ob das alles auch etwas Gutes nach sich zieht? In jedem Fall! Zunächst wären all die positive Implikationen zu nennen, die die KollegInnen hier auf der Website des C3L schon angesprochen haben, von der besseren Resilienz durch mehr Erfahrung, über die Erprobung neuer alternativer Büro- und Arbeitsorganisationen im Hinblick auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie, bis hin zum Riesenschub für die Digitalisierung.

Natürlich profitiert auch unmittelbar das Risikomanagement als Ganzes von der Krise. Modelle werden erweitert und verbessert. Das (finanzielle) Risikomanagement stellt sich durch Einbezug epidemiologischer Risiken auf eine breitere Basis. Und natürlich bietet sich die Gelegenheit, durch den Transfer von Konzepten aus beiden Seiten wechselseitig zu profitieren. Insgesamt ist uns allen der Umgang mit dem Unvorhergesehenen, also dem zentralen Gegenstand des Risikomanagements, durch die Krise mehr als plastisch vor Augen geführt worden, und insofern erhält das Risikomanagement als Ganzes folglich sicher gesellschaftlich einen höheren Stellenwert.
Und das finanzielle Risikomanagement hält als Antwort auf Corona noch eine mögliche Innovation aus einer ganz anderen Ecke bereit: Vielleicht gibt es ja bald auch „Corona-Bonds“, aber nicht in dem Sinn, wie sie gerade diskutiert werden, sondern als ein spezielles Sicherungsinstrument am Finanzmarkt. So etwas Ähnliches gibt es für Naturkatastrophenrisiken bereits in Gestalt von „catbonds“. Diese gewähren dem Käufer einen höheren als den marktüblichen Zins, das eingezahlte Kapital aber geht im Fall einer Katastrophe an den Emittenten, der dies also einsetzen kann wie eine Versicherung, nur dass die Versicherung nicht von einer Versicherung kommt, sondern von einem Investor. Das wäre insofern interessant, weil klassische Versicherungsideen mit einem Risikoausgleich über einem Kollektiv bei einer Pandemie nicht so einfach umzusetzen sind, weil eben weltweit parallel und simultan alle vom adversen Ereignis getroffen werden.

Prof. Dr. Peter Ruckdeschel hat die Professur für angewandte Statistik an der Universität Oldenburg inne. Er ist Mitglied der Studiengangsleitung des Weiterbildungsmasters „Risikomanagement für Finanzdienstleister“ am Center für lebenslanges Lernen.

...unsere Freiheit und unsere Lebensführung?

1. Viele empfinden die derzeitige Pandemie als Grenzerfahrung. Haben wir es mit einer Grenzsituation im Karl Jasperschen Sinne zu tun?

Bormuth: Den Begriff der "Grenzsituation" entwickelte Jaspers 1917 in der Vorlesung "Psychologie der Weltanschauung" vor allem auch angesichts der außergewöhnlichen Realität von Tod und Leiden im Ersten Weltkrieg. Die technische und kulturelle Ohnmacht der modernen Zivilisation stand allen vor Augen. Später lehrte Jaspers in der "Philosophie", dass man sich wissenschaftlich-rational soweit als möglich orientieren solle, aber philosophisch immer auch die Irrationalität des Lebens bedenken, um in der drohenden Sinnlosigkeit, deren stärkster Ausdruck die Nähe des Todes war, eine lebenstragende Haltung entwickeln zu können. Diese Aufgabe eines kühlen Handelns und nüchternen Nachdenkens über die Unmöglichkeit, Ohnmachtserfahrungen auszuschalten, kann man an Jaspers neu entdecken, der "Leben als Grenzsituation" verstand. Seine Briefe geben davon beredt bis in die 1960er Jahre Ausdruck.

2. Staatlich verordneter Shutdown und bürgerliche Freiheit: (wie) passt das zusammen?

Bormuth: Die Pandemie erlaubt gesetzlich und erfordert politisch staatliches Handeln, das in Verbindung mit medizinischen Institutionen Grundrechte zweitweise einschränken kann, um die Ausbreitung dieser "Seuche" zu verhindern. Natürlich kann der medizinische Grund in besonderen Konstellationen, man denke an Ungarn, als Feigenblatt genutzt werden, um die grundsätzliche Absicht weiter umzusetzen, die individuellen Freiheiten soweit einzuschränken, dass sich gegenüber staatlicher Machtpolitik kein Widerstand aufbauen kann. Deshalb muß in einem demokratischen Staat der medizinische Diskurs gepflegt werden, um die widerstreitenden Expertenmeinungen ins Gespräch zu bringen, welche Maßnahmen wirklich notwendig sind, um die Ausbreitung des Virus sinnvoll zu verlangsamen. Nur so kann vermieden werden, dass die Freiheitsrechte unnötig eingeschränkt werden. Der politisch-philosophische Diskurs über die Grenzen ihrer Einschränkung ist als Schärfung des Bewusstseins wichtig, damit nicht nach der Krise die beständige Überwachung als Standard gilt, so wie es in China droht. Man muß abwägen zwischen dem Wunsch, neuen Epi- oder Pandemien vorzubeugen, und der Sorge, Freiheit und Privatheit der Individuen zu erhalten und zu schützen. Von dieser Voraussetzung her kann es sein, dass in demokratischen Gesellschaften weniger Vorbeugung betrieben wird als in Gesellschaften, in denen dieser Anspruch bislang weniger oder gar nicht entwickelt ist. Es kann zum Konflikt zwischen Werten der Gesundheit und der Freiheit kommen.

3. Was können wir aus der Krise mit Blick auf die Lebenkunst lernen?

Bormuth: Mir schiene "Lebensführung" als Begriff nüchterner als "Lebenskunst", da darin die schlichte Notwendigkeit stärker zum Ausdruck kommt, sich selbst aktiv wertend verhalten zu müssen und zu können. Deshalb kann eine Krise durch die erzwungene Isolation herausfordern, im möglichen Nachdenken vorerst Abstand von der Lage zu gewinnen, auch indem man über verschiedene Medien sich vergegenwärtigt, wie Menschen in früheren Epidemien sich verhalten haben. Zweifelsohne haben Menschen einen gewissen Vorteil, die über die Kulturtechnik des Lesens, Hörens und Sehens ihre Fähigkeit geübt haben, sich andere Menschen mit ihren Meinungen und Erfahrungen über geschriebene und gesprochene Texte und Gespräche wie auch filmische Medien zu vergegenwärtigen. Karl Jaspers und Hannah Arendt sprachen vom "Geisterreich", mit und in dem man im direkten, aber auch indirekten medialen Austausch über Zeiten und Räume hinweg kommunizieren könne. Als Arendt nach der Katastrophe des Weltkrieges das briefliche Gespräch mit ihrem Lehrer Jaspers wieder aufnahm, war es diese Qualität einer "existentiellen Kommunikation", die in aller Isolation nach dem "Zivilisationsbruch" ihr half. Heute ist unsere Situation eine ganz andere, aber unsere Lebensführung bedarf ebenso noch des Austausches mit anderen, um in den prekären Verhältnissen als Person – innerlich und äußerlich – bestehen zu können.

Prof. Dr. Matthias Bormuth ist Inhaber einer Heisenberg-Professur für Vergleichende Ideengeschichte an der Universität Oldenburg und Leiter des Karl-Jaspers-Hauses. Er ist Vorsitzender der Karl-Jaspers-Gesellschaft und koordiniert die Ringvorlesung Philosophie.

...Startups in Deutschland?

1. Warum werden junge Unternehmen vom Lockdown besonders hart getroffen?

Birkner: Der Lockdown trifft nicht alle, aber mit Sicherheit viele junge Unternehmen. Die Gründe hierfür können vielfältig sein. Beispielsweise ziehen sich gerade viele Investoren zurück. Zudem verfügen junge Unternehmen wenig bis kaum über einen finanziellen Puffer, der über mehrere Wochen und Monate auch in der Krise entstehende Kosten bei fehlender Auftragslage abfangen kann. Dies gilt übrigens auch für etablierte Unternehmen ebenso wie beispielsweise für freischaffende Künstler_innen.

2. Lässt sich ein großes Start-up-Sterben in den nächsten Monaten verhindern?

Birkner: Bund und Länder haben in Zusammenarbeit mit Verbänden und Beiräten bereits wichtige Unterstützungsleistungen für die Gründungsszene auf den Weg gebracht. Herausforderungsvoll ist aktuell noch das Antrags- und Genehmigungsverfahren damit die Leistungen auch schnell dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Wichtig ist in meinen Augen nicht für sondern mit den Gründer*innen gemeinsam zu gestalten, wie sie weiter und noch besser unterstützt werden können.

3. Bietet die Corona-Krise auch Chancen für Entrepreneure?

Birkner: Mut macht mir gerade zu beobachten wie die Gründungsszene mit etablierten Organisationen und Institutionen beispielsweise in bundesweiten und auch internationalen Hackathons zusammenwächst. Spannend ist auch zu sehen, wie die Aussage „haben wir noch nie so gemacht, werden wir auch jetzt nicht“ aus dem Vokabular zu verschwinden scheint. Hinzukommt, Digitalisierung ist keine reine Zukunftsvision mehr sondern innerhalb weniger Tage für viele zur Selbstverständlichkeit geworden – und dies dank der Gründungsszene im HomeSchooling, im HomeOffice und im Klinikalltag!

Prof. Dr. Stephanie Birkner ist Juniorprofessorin für Female Entrepreneurship der Fakultät II, Department für Wirtschafts- und Rechtswissenschaften und Direktorin am C3L, Ressort: Nachwuchs & Transfer.

...die Lehre?

1. Lässt sich Online-Lehren von jetzt auf gleich im Crashkurs lernen?

Walzik: Pointiert gesagt: Wer bereits nach systemisch-konstruktivistischer Ermöglichungsdidaktik lehrt, kämpft kurz mit den Online-Medien, muss aber nicht wirklich viel Neues lernen. Andere müssen tiefgreifend neue Haltungen erlernen und viel umstrukturieren. Je nach Disposition kann dann ein Crashkurs genügen, danach könnte aber Arbeit anstehen.

2. Welche Tipps geben Sie Neulingen für den digitalen Unterricht?

Walzik:

(1) Sich mit diesen Medien anfreunden (musste ich auch!).

(2) Loslassen lernen: wir planieren die Straße, während wir sie befahren. Das ist die „Theory U“ – so lautet der Titel eines Buchs zum Change Management von Otto Scharmer in der Praxis. Wer das verinnerlichen kann, hat schon gewonnen.

(3) Selbstvertrauen und Prozessvertrauen lernen. Es geht nun mehr und mehr um „Erkenntnisgewinnprozessbegleitung“, nicht um Planung.

(4) Paradoxienmanagement und Ziele im Auge behalten.

3. Wird Online-Learning nach der Krise normal oder wechseln wir wieder zu face-to-face-Formaten?

Walzik: Ich vertraue dem Prozess, den Covid 19 nun beschleunigt. Ich habe selbstverständlich Hoffnungen und Wünsche, aber leider keine Kristallkugel.

Dr. Sebastian Walzik ist Wirtschaftspädagoge und am C3L Dozent im Zertifikatsprogramm „NQ – Qualifizierung für Lehrende in der Erwachsenen- und Weiterbildung“. Sein nächstes Seminar findet am 8./9. Mai 2020 statt – und das komplett online: https://uol.de/c3l/schwierige-situationen.

...den Leistungssport?

1. Sportveranstaltungen, Wettbewerbe und auch die Olympischen Spiele finden dieses Jahr bis auf weiteres nicht mehr statt. Welche Auswirkungen hat das auf den Leistungssport?

Kaiser-Jovy: Die gegenwärtige Situation ist in der Geschichte des Sports bislang einmalig. Es wurden zwar schon einige Olympische Spiele aufgrund von Kriegen abgesagt, und es gab Boykotte. Corona ist aber ein temporäres Phänomen, zumal mit sehr unterschiedlicher Dynamik in verschiedenen Teilen der Welt, von dem selbst Experten nur schwer abschätzen können, wie lange es uns beschäftigen wird. Das Verschieben von Sportgroßveranstaltungen hat im Grunde den Charakter einer Wette: Je kürzer die Dauer der Verschiebung, desto größer ist das Risiko, dass die Situation eine Austragung immer noch nicht zulässt. Je weiter man in die Zukunft verschiebt, desto komplexer wird das Planungsproblem und werden die Konflikte mit Blick auf den internationalen Sportkalender insgesamt. Wenn nun die Olympischen Spiele von Tokio 2020, wie kürzlich angekündigt, im Sommer 2021 statt¬finden sollen, dann steht das zum Beispiel in Konflikt mit der Fußball EM, die zuvor auf Mitte Juni bis Mitte Juli 2021 verschoben wurde, oder auch mit der Leichtathletik WM Anfang August in Eugene/Oregon. 

2. Welche Karrieren und Vereine sind besonders bedroht?

Kaiser-Jovy: Betroffen ist nicht nur das „System Olympia“ im engeren Sinne. Das IOC leitet knapp 1,2 Mrd. Dollar der Olympiaeinnahmen an den organisierten Sport weiter, Gelder, die gerade für kleinere Verbände zum Teil überlebenswichtig sein können. Allgemein gilt: je größer der Anteil solcher Einnahmen am Gesamtbudget ist, desto größer ist die Abhängigkeit und damit die Bedrohung im Falle unvorhersehbarer Krisen wie der aktuellen. Bei gemeinnützigen Vereinen wird die Problematik grundsätzlich dadurch verschärft, dass sie gegenüber Unternehmen deutlich eingeschränkt sind was die Bildung von Rücklagen angeht. Kürzlich hat der DOSB daher einen Solidarfonds aufgelegt, um Vereinen zu helfen, die durch die Corona-Krise in Not geraten sind.

3. Werden sich Profis in Zukunft besser auf die Zeit nach der Karriere vorbereiten oder ist das nur schwierig umzusetzen?

Kaiser-Jovy: Zunächst ist die Stärkung der Stimme der Athletinnen und Athleten eine der wenigen positiven Konsequenzen der aktuellen Situation: Letztlich war es der anhaltende Druck von Athletenseite der den Entschluss des IOC, die Spiele zu verschieben befördert, und unumgänglich gemacht hat. Ich glaube nicht, dass das Problembewusstsein auf Athletenseite aufgrund der Corona-Krise höher geworden ist, denn die Vereinbarkeit von Leistungssport und (beruflicher) Karriere ist seit jeher eines der zentralen Probleme. Umgekehrt ist aber Planungssicherheit eine der grundlegende Voraussetzungen hierfür, und gerade die ist nun durch die Verschiebungen massiv eingeschränkt.

Prof. Dr. Sebastian Kaiser-Jovy ist im C3L Lehrender für den Bachelorstudiengang BWL für Leistungssportler_innen.

...die Systemische Beratung?

1. Systemische Beratung, Supervision, Coaching und Mediation nehmen den sozialen Kontext in den Blick – wie funktioniert das in Zeiten von Social Distancing?

Beermann: Auch jetzt bestimmen Wechselwirkungen mit anderen unser Denken, Fühlen und Handeln. Eine Grundidee des systemischen Modells besagt: Niemand ist alleine krank. Da es ja nicht wirklich um ein „social distancing“, sondern eher um ein „physical distancing“ geht, können systemische Fragen und Visualisierungen dazu beitragen, die Wahrnehmung zu schärfen. Um dynamische Zusammenhänge zu klären und um Probleme, Konflikte und Wünsche zu verstehen, lässt sich etwa fragen: „Was glauben Sie, was diese Krisensituation für ihren Kollegen bedeutet?“ Oder: „Was glauben Sie, wie sich diese Situation auf Ihre Beziehung und Ihre Ideen über die gemeinsame Zukunft auswirkt?“

2. Welche Folgen haben Kontaktsperren und lassen sich diese digital ausgleichen?

Beermann: Kontaktsperren fordern das Bedürfnis nach Zugehörigkeit heraus. Insbesondere wenn Ängste entstehen, ist es wichtig, Verbindungen und Beziehungen auf alternativen Kommunikationswegen zu ermöglichen. Wie das geht, erfahren derzeit viele in Videokonferenzen. Ich habe gerade erlebt, wie 30 Personen über drei Stunden online sind und sich ansehen und anlächeln. Wir haben diskutiert, abgestimmt, Gefühle über Emojis ausgedrückt. So lässt sich ein Gemeinschaftsgefühl wahren.
Zugleich lässt sich der Kontakt zu sich selbst wieder bewusster wahrnehmen, indem sich Menschen zum Beispiel fragen, wie kann ich gut und liebevoll mit mir selbst umgehen. Botschaften dieser Art an sich und andere zu senden, kann auch ohne direkten Kontakt erfüllend sein. Gerade diese Selbstakzeptanz und Selbstbewusstheit ist ein wesentliches Ziel systemischer Beratungsprozesse.

3. Können wir durch das enge Zusammenleben zu Hause neue Ressourcen und Kompetenzen entwickeln?

Beermann: Ja, gewiss kann die aktuelle Krise auch Potenziale freisetzen, eine Chance für die Beziehung zu sich selbst und für das Zusammenleben sein. Zu spüren, wen oder was man im Moment gerade besonders vermisst, welche Sehnsüchte es gibt, kann zu einer Entwicklung führen. Allerdings gibt es auch die andere Seite, bei der Konflikte stärker werden oder gar eskalieren. Ich glaube, es ist gerade wichtig, aufmerksam und konstruktiv bezogen auf sich und andere zu sein. Es entstehen gerade ja auch viele soziale Gesten und kreative Ideen, und so bewirkt diese Zeit, in der man mehr zu sich kommen und an andere denken kann, gewissermaßen auch eine neue Form der Solidarität.

Dr. Astrid Beermann ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung Beratung & Konfliktlösung des C3L.

...die Psychotherapie?

1. Was bedeutet die Umstellung auf Online für die Psychotherapie aktuell?

Rieforth: Wenn die Sitzung aufgrund der Corona Krise auszufallen droht, dann bleibt als zusätzliche Möglichkeit die Videosprechstunde. Mit Hilfe eines besonders gesicherten Video-Dienstes, der von den Gesetzlichen Krankenversicherung übernommen wird ist eine Behandlung im Rahmen der heilkundlichen Behandlung so weiterhin möglich.

2. Welche Risiken birgt es/was ist das Problem, wenn es kein Gegenüber mehr gibt?

Rieforth: Stimmungen und Emotionen lassen sich über einen Bildschirm nur begrenzt vermitteln. Live auf dem Bildschirm miteinander verbunden zu sein, bedeutet eben nicht sich live zu begegnen, wie es in der analogen Form üblich ist. Es entsteht eine ganz neue Form von Resonanz zwischen Patient_in und Therapeut_in. Diese will gelernt sein und erfordert in der Regel etwas Übung von beiden Seiten um die Verbindung von Stimme, Gesichtsausdruck und Körperhaltung richtig zu deuten. Auch die Dynamik der professionellen Beziehungsgestaltung lässt sich mit diesem Medium nur begrenzt erfassen.

3. Und hat das alles auch etwas Gutes?

Rieforth: Immerhin lässt sich Psychotherapie auch unter diesen Bedingungen weiterführen und trägt so zu einer Entlastung der psychischen Situation der Patient_innen bei sowie in vielen Fällen zur Bearbeitung von Ängsten und depressiven Stimmungen. Durch die Übernahme der Kosten durch die Krankenversicherungen und die aktuell kostenlose Bereitstellung der gesicherten Softwareprogramme sind auch die Psychotherapeut_innen in der Lage diese Form anzubieten ohne Einkommensverluste. Gleichzeitig sei aber auch darauf hinzuweisen, dass auch aktuell die Behandlungstätigkeit weiterhin möglichst im direkten Kontakt mit den entsprechenden Hygiene- und Schutzmaßnahmen stattfinden sollte.

Priv.-Doz. Dr. Joseph Rieforth ist Wissenschaftlicher Leiter der Ausbildungsstätten und Hochschulambulanzen für Psychotherapie der Universität Oldenburg.

...die Gasthörenden?

1. Wie können ältere Menschen weiterhin in die Lehrveranstaltungen eingebunden werden?

Brokmann-Nooren: Auch wenn die Lehrveranstaltungen im SoSe 2020 zunächst rein online angeboten werden sollten, können Ältere als Gasthörende nach wie vor partizipieren.

2. Werden Ältere ohne digitale Anbindung abgehängt?

Brokmann-Nooren: Der Großteil unserer Seniorstudierenden kennt unser universitäres Lernmanagementsystem "StudIP" aus den vorangegangenen Semestern. Zudem bleibt unsere Beratung weiterhin aktiv, so dass auch Neue sich einfinden können. Für diejenigen, die gar keine digitale Anbindung haben, sieht es in der Tat derzeit schlecht aus, da wir momentan keine Präsenzveranstaltungen anbieten dürfen.

3. Bietet die derzeitige Situation auch eine Chance für Seniorstudierende?

Brokmann-Nooren: Ja, ich denke schon. Wir machen in diesen ungewöhnlichen Zeiten alle ganz neue Erfahrungen. Auch die Älteren, die bisher noch etwas "scheu" den digitalen Medien gegenüber waren, merken jetzt, dass z.B. online-Angebote eine Brücke sein können, eingeschränkte physische Kontakte durch digitale Partizipation und Kommunikation zumindest abzufedern. Da tun sich derzeit Türen auf, die auch nach der Corona-Krise weit geöffnet bleiben werden.

Dr. Christiane Brokmann-Nooren ist Leiterin des Bereichs Öffentliche Wissenschaft am C3L.

Webmaster (axeln0o.kleinsc2rvhmidt@up1ol.c9oc3del41g) (Stand: 27.04.2020)