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Glokalisierung - lokale Produktion und Konsumtion globaler Kultur am Beispiel bäuerlich-bürgerlicher Eliten der friesischen Marschen und den angrenzenden Geestgebieten

In den Marschen und den angrenzenden Geestgebieten in Friesland waren in der Frühen Neuzeit die besitzenden Bauern in vielerlei Hinsicht eine besondere Schicht. Spezielle politisch-rechtliche Bedingungen führten zu einer weitgehenden Selbstverwaltung dieser Bauern. So konnte sich eine Führungsschicht etablieren, die in vielerlei Hinsicht eigene Merkmale aufwies. Diese bäuerlich-bürgerlichen Eliten haben zahlreiche Kulturgüter hinterlassen, sowohl schriftliche als auch Sachquellen, welche sich in den Museen Cloppenburg und Jever bzw. im niedersächsischen Staatsarchiv Oldenburg befinden. Insbesondere die Bestände an Sachkultur zeigen, dass diese Gesellschaftsschicht nicht nur über einen offensichtlichen Wohlstand verfügte, sondern sie deuten auch auf eine europäische Verflechtung hin, die neben wirtschaftlichen Kontakten einen kulturellen Austausch mit sich brachte.

Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nahmen die "Bürgerbauern" zunehmend am europäisch-globalen Markt teil. Zeitgleich nahm die Alphabetisierung der Bevölkerung erheblich zu. Während die Lesefähigkeit vornehmlich auf kirchliche Einflüsse zurückzuführen ist, lässt sich die zunehmende Rechen- und Schreibfähigkeit hingegen als Ausdruck eines wachsenden Bildungsbewusstseins der Bevölkerung erklären. Diese Fähigkeiten waren insbesondere bei der großbäuerlichen Schicht bemerkbar, deren Bildungsbemühungen zunehmend von geldwirtschaftlichem Denken bestimmt wurden. Für diese Entwicklung sind nicht zuletzt überregionale Wirtschaftskontakte von Bedeutung, die eine Verschriftlichung der Handelsgeschäfte erforderten.

Eine weitreichende Alphabetisierung und eine zunehmende europäische Wirtschaftsverflechtung ermöglichten ein höheres Bildungsniveau und neue Handelsoptionen, aber vor allem - und das zeigt sich insbesondere an der uns überlieferten Sachkultur - einen kulturellen Austausch. Die Bestände und Sammlungen in den Museen zeigen auf einen ersten Blick die Vielfalt dieses Kulturkonsums: Verschiedene Importwaren und Luxusgüter, Mobiliar und Geschirr, Wandschmuck und Kleidung, aber auch Buchbestände.

Durch die Analyse der Sachkultur in Verbindung mit einer Auswertung von Briefen (Bestellung von bestimmten Luxusgütern), Katalogen und Modejournalen, Warenlisten von Schiffen und Händlern, Rechnungsbüchern usw. sollen der Weg von Konsumgütern in diese Region sowie die dahinter liegenden Motive und Wertschätzungen rekonstruiert werden. Weiterhin wird es um die Funktion dieser Güter und die Art ihrer Verwendung als Ausdruck eines besonderen Selbstverständnisses der bäuerlich-bürgerlichen Elite gehen. Inwieweit ist das Konsumverhalten und die Entwicklung von Kennerschaft und Geschmack beeinflusst durch eine europäische Verflechtung dieser Region in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht? Heben sich die bäuerlich-bürgerlichen Eliten durch eine solche europäische Orientierung von anderen sozialen Gruppen, insbesondere vom Landadel ab? Und welche Rückwirkungen hatte diese Orientierung auf den symbolischen Stellenwert lokal produzierter Konsum- und Alltagsgüter? Der im Titel gewählte Begriff der "Glokalisierung" lenkt das Augenmerk auf eben diese Wechselwirkung lokaler Produktion und Konsumtion globaler Kultur.

We3xxsbmyifraster (sa.neumann@umgrn/ol.dugeebg) (Stand: 07.11.2019)