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Konversion und Religionswechsel

Konversion und Religionswechsel im Kontext von Mobilität und religiöser Subjektivierung in England im 17. Jahrhundert

„... and seriously considering of what I had heard and seen in my Travels, I greatly admired the Grand Diversity, I had observed in Religion. [...] and moreover finding they had all much to say for themselves, that in all things I could not believe them all [...] I burst forth into these words: Good God! In what a miserable Condition is a Man in his Life [...] that would be, knoweth not what to be.“ (John Sidway, 1681)

Mit dieser Äußerung umschreibt der in Dublin geborene Katholik John Sidway in seinem Konversionsbericht den Höhepunkt einer langen, von Zweifeln und kritischer Selbstreflexion geprägten Reise hin zum „wahren“ Glauben. Auf dem Weg zur Taufe nach protestantischem Ritus und der damit vollzogenen Konversion in England diskutierte er mit Rabbinern in Rom, besuchte protestantische Gottesdienste in Genf und ließ keine Gelegenheit aus, sich intensiv mit anderen Glaubensrichtungen auseinanderzusetzen. Damit ist Sidway im 17. Jahrhundert kein Einzelfall.

Getrieben von religiösen Selbstzweifeln oder auch purer Abenteuerlust steht am Beginn eines Konversionsprozesses überraschend oft eine Reise in eine fremde Welt und die offenbar gezielte Auseinandersetzung mit anderen religiösen Praktiken und Glaubensinhalten. Dabei führte die Suche nach dem wahren, dem eigenen religiösen Selbst, die Konvertiten häufig durch ganz Europa. Venedig, Konstantinopel, Damaskus, Paris und London sind in den Konversionsberichten und Briefen immer wieder genannte Reisestationen. Durch diese verschiedenen kulturellen und religiösen Kontakte zwischen Christen, Muslimen und Juden kam es im 17. Jahrhundert neben interkonfessionellen Konversionen auch vermehrt zu christlich-jüdischen oder muslimisch-christlichen Glaubenswechseln.

 

Die Verbindung von einer gezielten Auseinandersetzung mit dem Fremden durch Reisen und dem Prozess einer kritischen Reflexion des religiösen Selbst wirft ein neues Licht auf die europäische Konversionsforschung. Überholt erscheint die in den 1970er und 80er Jahren entwickelte Einordnung von Glaubenswechseln als Einzelaspekte in das größere bipolare Bild der christlichen Mehrheitskonfessionen. Die „inhaltliche und methodische Neuorientierung der historischen Konversionsforschung“ (Deventer, 2007) führte, ausgehend vom einzelnen Konvertiten und seinem Schicksal, zu neuen Fragen nach der gesellschaftlich-sozialen Verortung von frühneuzeitlichen Konversionen. Zuerst wäre demnach zu klären, in welchen gesellschaftlichen Gruppen sich frühneuzeitliche Konversionen finden lassen. Welchen Einfluss hatten Sozialisation, soziale Netzwerke, Emigration und Karriere auf den Glaubenswechsel? Sind für das 17. Jahrhundert unterschiedliche Konvertitentypen zu erkennen und voneinander abzugrenzen? Werden Glaubenswechsel gar als „soziale Praxis sichtbar“ (Duane, in: Coster/Spicer, 2005), die den frühneuzeitlichen Menschen als Individuum zeigen?

Das Promotionsprojekt will diese Fragen aufgreifen und durch die Analyse des Wechselverhältnisses von Reisen und religiöser Reflexion, mit Blick auf den frühneuzeitlichen englischen Konvertiten, seine Mobilität und die vielschichtigen Verläufe religiöser Neuausrichtungen, ein neues Verständnis der Motive für eine Konversion im 17. Jahrhundert erlauben.

Constantin Rieske, M.A./ Universität Oldenburg

(Betreut von Prof. Dr. Dagmar Freist/ Universität Oldenburg)

 
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