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Selektives Erinnern & Geschichtsschreibung

Besonders im geschichtswissenschaftlichen Zusammenhang spielen die Worte „Erinnerung“ und „Gedächtnis“ eine große Rolle. So führt man Zeitzeugenbefragungen durch, um ein Verständnis von einer vergangenen Lebenswirklichkeit zu bekommen. Das Gedächtnis ist flexibel und kann die Vergangenheit nicht sachlich wiedergeben, sondern passt sich der gegenwärtigen Identität eines Zeitzeugen an. Es wird also klar, dass man stark zwischen persönlicher Erinnerung und Wirklichkeit unterscheiden muss, da es sein kann, dass unsere Erinnerung reine Fiktion, Fantasie und vielleicht Wunschvorstellung ist, wie in dem oben beschriebenen Beispiel. Um dieses Problem zu umgehen, schlägt der Historiker Jakob F. Dittmar vor: „Wesentlich […] ist die Aufbereitung der historischen Hintergründe für die individuelle Erzählung und deren Abfolge sozialer Handlungsabläufe.“[1]

Was jedoch bedeutet dies? Wann wird etwas als "historisch" begriffen? Zunächst einmal wird Geschichte immer aus der Gegenwartsperspektive geschrieben. Eine Zeit wird in geschichtliche Ereignisse eingeordnet - diese Ereignisse werden nach Relevanz ausgesucht und geschichtlich eingeordnet. Die Grundlage dieser Relevanz bildet das kulturelle Gedächtnis. Damit ist es zugleich wichtiger Bestandteil von Geschichtsschreibung. Geschichte ist immer kulturelles Gedächtnis einer Generation. Eine Einordnung von Erinnerungen, die sich zwar ähneln, aber bei jedem Individuum unterscheiden, da sie unterschiedlich wahrgenommen und im Gedächtnis gespeichert werden, wirft für die Geschichtsschreibung allerdings zugleich Probleme auf. Wir vertrauen auf die Historiker, die eine Auswahl kollektiver übereinstimmender Erinnerungen treffen und diese als ,geschichtlich relevant‘ in politische und gesellschaftliche Ereignisse einbinden.

Nach Ricœur ist das Aufgreifen dieser Problematik und der konkrete Sinn von Geschichtswissenschaft die öffentliche Diskussion von Zeugenaussagen[2]. Für eine öffentliche Diskussion sei ein Vetrauensvorschuss obligatorisch, der darauf basiert, dass das Gesagte der Zeitzeugen wahr ist (vgl. ebd.). Diese kann beispielsweise bei der Vermittlung von Geschichte geschehen. Weiterführende Überlegungen zur Vermittlung von Geschichte mithilfe von Comics finden Sie hier.

Es bleibt nicht nur zu überprüfen, welchen Wahrheitsgehalt das Erinnerte aufweist, sondern auch, welche Relevanz es innerhalb der gesellschaftsübergreifenden Erinnerung hat und welchen Platz es innerhalb des kollektiven Gedächtnisses einnehmen soll. Es ist also Aufgabe der Gesellschaft kulturelles Gedächtnis anhand von subjektiven Erinnerungen zu diskutieren und einander aufzuwiegen, um sie anschließend mit geschichtlichen Ereignissen zu verknüpfen.


[1] Dittmar, Jakob F. : Comic und Geschichtsbewusstsein: Mythisierung im Gegensatz zur Historisierung, in: Ralf Palandt (Hg.): Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Comics, Berlin 2011, S. 420.

[2] Vgl. Ricœur, Paul: Geschichtsschreibung und Repräsentation der Vergangenheit. Hrsg. Colliot-Thélène, Catherine. Münster 2002, S. 23f.

 

 

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