Am 6. Januar 2026 verstarb im Alter von 94 Jahren Dr. Andrzej Bogusławski, einer der bedeutendsten polnischen Sprachwissenschaftler der letzten Jahrzehnte, seit 1977 ordentlicher Professor an der Universität Warschau und seit 1999 Ehrendoktor unserer Universität. Diese Würde wurde ihm vom damaligen Fachbereich 11 Literatur- und Sprachwissenschaften verliehen. Im Jahr 2012 hat auch unsere Partneruniversität, die Nikolaus Kopernikus Universität in Thorn / Toruń ihm die Würde des doctor honoris causae zugesprochen.
Andrzej Bogusławski war Sprachwissenschaftler, theoretischer Linguist und Sprachphilosoph. Als universeller Gelehrter mit einem originellen und schöpferischen Ansatz erfasste sein Tun nahezu alle Teilbereiche der Sprachwissenschaft sowie deren Grenzgebiete zu anderen Geisteswissenschaften. Seine Arbeiten berührten die Bereiche Semantik, Lexikologie, Lexikographie, Pragmatik, Syntax, Flexion, Wortbildung, Phonologie, Sprachphilosophie, Text- und Übersetzungstheorie, Semiotik und Literaturtheorie. Sie beziehen sich auf zahlreiche indoeuropäische Sprachen, schwerpunktmäßig auf die slawischen Sprachen. Sein wissenschaftlicher Nachlass umfasst mehr als 400 Publikationen, darunter 25 Monographien. Sein letztes Buch erschien vor zwei Jahren, seine letzte Vorlesung hielt er im Dezember 2025!
Neben zahlreichen Forschungsaufenthalten im Ausland von Russland bis über den Atlantik, nahm er eine Reihe von Gastprofessuren wahr, drei davon an deutschen Universitäten. Er erhielt zahlreiche akademische Auszeichnungen, darunter den Forschungspreis der Humboldt-Stiftung. Er war Vollmitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAU).
Andrzej Bogusławski nahm aktiv an den gesellschaftlichen Umbrüchen in Polen zum Ende des letzten Jahrhunderts teil und war als Mitglied der Solidarność während des Kriegsrechts in Polen Anfang der 1980-er Jahre mehrere Monate interniert. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes brachte er sich in die Demokratisierung der wissenschaftlichen Strukturen ein. Später, schon im hohen Alter polemisierte er medial hartnäckig gegen neo-nationalistische Strömungen in der politischen Landschaft seiner Heimat.
In den 1990-er Jahren hat er sich aktiv in die Kooperation unserer Universität mit der Nikolaus Korpenikus Universität eingebracht, wo sein Schüler Maciej Grochowski die Polonistik leitete. Beide haben sich große Verdienste in die erfolgreiche Entwicklung der slavistischen Sprachwissenschaft in Oldenburg eingebracht, nicht zuletzt im Bereich der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.
Die Reden und Vorträge aus Anlass der feierlichen Verleihung der Ehrendoktorwürde an Andrzej Bogusławski wurden in den Oldenburger Universitätsreden Nr. 133 mit dem Titel Reflexionen über die Definierbarkeit des Wissens veröffentlicht, darunter auch der Festvortag des Geehrten mit eben diesem Titel (siehe https://oops.uni-oldenburg.de/1299/1/ur133.pdf).
Die Fakultät III Sprach- und Kulturwissenschaften wird Andrzej Bogusławski ein ehrenvolles Gedenken bewahren.
Gerd Hentschel
Oldenburg, im Januar 2026