Forschungsprojekte

Michael Ende: Poetik und Positionierungen
Tagung vom 24. bis 25.3.2022 im Deutschen Literaturarchiv Marbach

Ansprechpartner: Thomas Boyken

Im Zentrum der Tagung werden Michael Endes Poetik und sein Verhältnis zum literarischen und intellektuellen Feld der Bundesrepublik Deutschland stehen. Neben den theoretischen Texten, den öffentlichen Reden und auch den zahlreichen Interviews, die bislang nur kursorisch berücksichtigt wurden, werden auch die literarischen Texte berücksichtigt, da sie sowohl Aufschluss über die implizite Poetik als auch Einblick in seine ‚Werkpolitik‘ bieten.

Die Tagung wird organisiert von Thomas Boyken (Oldenburg), Thomas Scholz (St. Louis) und dem Deutschen Literaturarchiv Marbach. Die Tagung wird durch Mittel der Fritz-Thyssen-Stiftung gefördert. Das Tagungsprogramm finden Sie hier: https://www.dla-marbach.de/forschung/tagungen/tagungen-detail/476/?cHash=814ad121679fefa193a6e0619805d748

Plakat
Tagungsprogramm

Tagungskonzept

In den letzten Jahren rückte Michael Endes Werk zunehmend in den Blick einer literaturwissenschaftlichen Forschung (vgl. Ewers 2020a). Insbesondere für die literaturwissenschaftliche Phantastikforschung hat sich Endes Die unendliche Geschichte als ertragreicher Gegenstand erwiesen (vgl. May 2013, 586; Stojan 2004). Auch erste narratologische und literaturhistorisch ausgerichtete Studien haben sich dabei Endes Werk zugewandt und das Feld für weitere Arbeiten geöffnet (vgl. Bach 2016, Etten 2013, Voss 2009). Drei Aspekte wurden allerdings bislang nicht systematisch untersucht:

(1) Endes Poetik bildet zwar einen wesentlichen Bezugspunkt zahlreicher Studien, allerdings verweist man nur kursorisch auf seine kunsttheoretischen Schriften. Eine umfassende Diskussion von Endes Poetik, die er im Rahmen seiner theoretischen Schriften entwickelt, ist genauso ein Desiderat wie der Abgleich mit der impliziten Poetik seiner literarischen Texte.

(2) Dass sich Ende während seiner gesamten Schriftstellertätigkeit um die ‚Anerkennung‘ des literarischen und intellektuellen Feldes der Bundesrepublik bemüht hat, ist dokumentiert und Bestandteil des feuilletonistischen und akademischen Ende-Diskurses. Welche Strategien, Verfahren und welche Wechselbeziehungen zum literarischen Werk bestehen, wurde bislang ebenfalls nicht systematisch untersucht.

(3) Das Image Michael Endes als ‚verkannter Künstler‘, das der Schriftsteller Zeit seines Lebens propagierte, wird weder durch die Millionenauflagen der Bücher noch durch die Lobeshymnen bestimmter Teile der Literaturkritik und insb. der Literaturdidaktik gestützt. Die Inszenierung der Künstler-Persona oder des Autor-Subjekts Michael Ende, die Differenz zum real-historischen Autor sowie das Vexierspiel zwischen beiden in Medien und Öffentlichkeit erfordern eine grundlegende literatur- und medienhistorische Forschung, die zu einer Neubewertung des Künstlers Michael Ende führen dürfte. Auch mit Blick auf Autorschaftsfragen verspricht dieser Komplex relevante Ergebnisse für die Ende-Forschung.

Bei diesen Desiderata setzt die geplante Konferenz an. Im Zentrum stehen Michael Endes Poetik und sein Verhältnis zum literarischen und intellektuellen Feld der Bundesrepublik Deutschland. Dabei geht die Konferenz von der Ausgangsthese aus, dass sich Endes explizite und implizite Poetiken als Formen literarischer Positionierung deuten lassen. Diese Positionierung erfolgt einerseits auf der literarischen Ebene, indem sich Ende in bestimmte Traditionen stellt und diese konstruktiv und produktiv fortschreibt. Andererseits ist damit eine Positionierung innerhalb des literarischen Feldes der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbunden. Insbesondere dieser Aspekt führt auf grundlegende Fragen der Kunstautonomie. Denn kinder- und jugendliterarische Texte, zu denen Endes Werk immer wieder gerechnet wird, werden oft primär in ihren sozial-gesellschaftlichen Verwertungszusammenhängen betrachtet. Dass Kinder- und Jugendliteratur auch von der Literaturkritik mit anderen Lizenzen versehen wurde (und wird), wurde von Ende stets kritisiert. Dieses Spannungsverhältnis von Kunstautonomie-Anspruch (von Seiten Endes) und Eingliederung in sozial-gesellschaftliche Verwertungszusammenhänge (von Seiten der Literaturdidaktik und -kritik) wird im Rahmen der Tagung diskutiert und in seinem Wechselverhältnis problematisiert. Statt Endes Texte als ‚Erwachsenenliteratur‘ zu betrachten (vgl. Ewers 2020b, 43–50), möchten wir vielmehr die Prozesse und Übergänge in den Blick nehmen, die Endes Texte eben zu ‚Erwachsenenliteratur‘ oder ‚Kinder- und Jugendliteratur‘ machen.

Neben den theoretischen Texten, den öffentlichen Reden und auch den zahlreichen Interviews, die Einblick in Endes explizite Poetik ermöglichen, müssen hierbei die literarischen Texte berücksichtigt werden. Aus den Romanen, Theaterstücken und lyrischen Texten lässt sich nicht nur eine implizite Poetik (oder implizite Poetiken?) entwickeln, vielmehr sind sie auch als ‚Werkpolitik‘ zu deuten (vgl. Martus 2007). Insbesondere Die unend­liche Geschichte (1979), Momo (1973) und Endes Erzählband Der Spiegel im Spiegel (1984) wurden in neueren Studien immer wieder poetologisch gedeutet (vgl. May 2020, 79–96). Sichtet man die einschlägigen Studien, verblüfft die Vielseitigkeit der Bezüge, die dort herausgearbeitet werden: Ende knüpft an Aspekte der romantischen Poetik an (vgl. Wernsdorff 1983, Ewers 2015), er rekurriert auf Platons Ideenlehre (vgl. Stierstorfer 2017), in Endes Texten besitzen zeitphilosophische Fragen eine besondere Bedeutung (vgl. Böhme 2007), Schillers Spieltheorie wird sowohl in den literarischen als auch in den theoretischen Texten herangezogen, um das eigene Schreiben zu begründen, und auch Carl Gustav Jungs Archetypenlehre (vgl. Gronemann 1985) oder die anthroposophischen Schriften Rudolf Steiners finden ihren Niederschlag in Endes Werk. Endes Romane wurden schließlich auch als postmoderne Romane gedeutet (Meier 2017, 92–95). Zuletzt hat Hans-Heino Ewers die These vertreten, dass es Ende in seinen literarischen Texten um eine poetische Re-Mythisierung der entzauberten Moderne gehe (vgl. Ewers 2018, auch Wilke 1992 u. Ludwig 1987). Laut Ewers knüpft Ende nicht nur an die romantische Poetik an, sondern erweitert sie im Angesicht einer radikal-rationalen Moderne, einer „entzauberten, banalen, aufgeklärten Welt sogenannter Tatsachen“ (Ende 2004, 260). Allerdings wären diese poetologischen Bezüge, die Ende selbst in seinen theoretischen Schriften herstellt, mit Blick auf ihre Umsetzung kritisch zu hinterfragen. Wie stark ist der Rückgriff auf romantische Konzepte? Welche romantischen Konzepte werden überhaupt rezipiert und wie werden sie in die literarischen Texte integriert? Handelt es sich um eine produktive Auseinandersetzung, in der es auch zu Modifikationen kommt? Und welche Rolle spielen dabei Aspekte der ‚Spiritualität‘? Handelt es sich bei Endes Poetik eher um eine synkretistische Poetik?

Gleichzeitig sind Endes poetologischen Bezüge zum einen ein Indiz dafür, dass sich Endes Texte nicht ausschließlich an Kinder und Jugendliche richten – Ende hat immer wieder betont, dass er „überhaupt nicht für Kinder“ schreibe (Ende 2004, 260). Zum anderen zeigt sich mit diesen vielfältigen intertextuellen und poetologischen Bezügen eine Strategie, um sich als ‚ernstzunehmender‘ Schriftsteller aus einem Teilbereich der Literatur zu emanzipieren, der von den meisten Literaturkritikerinnen und -kritikern der 1970er, -80er und -90er Jahre nicht als ‚echte‘ Literatur wahrgenommen wurde. Dass Marcel Reich-Ranicki Endes Werk nicht einmal gelesen hat und dies auch freimütig bekannte, war wohl eine weitaus bittere Kränkung als der schlimmste Verriss. Endes Reaktion – literarisch verarbeitet in Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch (1989) – zeigt, wie dünnhäutig Ende auf solche Nicht-Anerkennung reagierte. Das Gefühl, als Schriftsteller nicht ernst genommen zu werden, hat Ende auch andernorts immer wieder artikuliert: „Man darf von jeder Tür aus in den literarischen Salon treten: aus der Gefängnistür, aus der Irrenhaustür oder aus der Bordelltür. Nur aus einer Tür darf man nicht kommen, aus der Kinderzimmertür.“ (Hocke/Kraft 1997, 139) Insofern ist Endes Poetik sicherlich auch als Ringen um Anerkennung im literarischen und intellektuellen Feld zu deuten. Endes theoretisch-poetologischen Einlassungen sind möglicherweise auch eine Form von Positionierung, um aus der ‚Schublade‘ der Kinder- und Jugendliteratur herauszukommen. Sein Gespräch mit Joseph Beuys über Kunst und Politik, das 1982 geführt und 1989 publiziert wurde, legt dies ebenfalls nahe (vgl. Beuys/Ende 1989), wie auch das 1982 veröffentlichte Gesprächsprotokoll von Michael Ende mit Erhard Eppler und Hanne Tächl (vgl. Eppler/Ende/Tächl 1982). Schließlich war Michael Ende ein Autor, der sich auch in gesellschaftspolitische Belange einmischte. Wie stehen aber diese Strategien der Anerkennung zu Endes Poetik(en)? Aufschlussreich für Endes Strategie der Anerkennung dürfte der Ende-Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach sein ist, der von neueren Studien, die sich mit Endes Positionierung im literarischen Feld befassen, bislang nicht systematisch untersucht wurde (vgl. Müller 2013). 

Im Anschluss an diesen Komplex stellen sich notwendigerweise Fragen, die sich auf das Autorschaftskonzept von Michael Ende beziehen. So wäre genauer zu untersuchen, wie Ende bspw. im Rahmen der Veröffentlichung von Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (1960/61) mit dem Illustrator Franz Josef Tripp zusammengearbeitet hat (vgl. Steinhauser 2018). Dass sich Ende für die Ausgabe von 1983 für die Illustrationen von Reinhard Michl aussprach, ist bekannt. Welchen ‚Anteil‘ haben aber die Illustratoren Tripp und Michl an den beiden Jim Knopf-Ausgaben (vgl. Boyken 2021)? Dass sich diese Frage tatsächlich auf Aspekte der Autorschaft zuspitzen lässt, zeigt die Arbeit an Endes Die unendliche Geschichte (1979). Wie Birgit Dankert bereits bemerkt hat, ist es Roswitha Quadflieg, die auf die Idee des Zwei-Farben-Drucks gekommen ist (vgl. Dankert 2016, 179–181). Muss man also hier von einer Form der kollaborativen oder kollektiven Autorschaft ausgehen? Zum Komplex der Autorschaft gehören aber auch Endes Inszenierungsstrategien als ‚verkannter Künstler‘. Neben der medialen Inszenierung und Selbstinszenierung Endes muss man ferner das Autor-Subjekt, das in den literarischen Texten entworfen wird, präziser bestimmen (vgl. Kyora 2016). Welche Rückkopplungen von Autorschaft und Poetik(en) gibt es in Endes Werk?

Die Konferenz wird eine doppelte Perspektive auf Michael Ende und sein Werk anlegen. Einerseits wird es um die literarischen und theoretischen Texte gehen. Andererseits sollen diese Texte dezidiert als ästhetisch-literarische Praktiken verstanden, die in gesellschaftliche und soziale Zusammenhänge eingebunden werden. Zu fragen wäre also nicht nur, ob Ende auch ein öffentlicher Intellektueller der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war. Vielmehr geht es um die Funktionalisierung der literarischen und poetologischen Bezüge, um sich als ‚ernstzunehmender‘ Schriftsteller zu positionieren. Die Tagung verfolgt das Ziel, den Autor Michael Ende und seine literarischen Texte literaturwissenschaftlich zu erschließen. Es handelt sich gewissermaßen um Grundlagenforschung, die einen Anstoß für die weitere Beschäftigung mit dem literarischen Werk und dem Autor Michael Ende geben kann. Insbesondere die Fokussierung poetologischer und literatursoziologischer Aspekte lässt in den nächsten Jahren vielversprechende Ergebnisse erwarten.

Ausgewählte Literatur

Bach 2016 – Bach, Oliver: Auf den Schultern von Scheinriesen stehen? Zur Narratologie von Michael Endes erzählten Welten. In: Tobias Kurwinkel, Philipp Schmerheim und Annika Sevi (Hg.): Michael Ende intermediär. Von Lokomotivführern, Glücksdrachen und dem (phantastischen) Spiel mit Mediengrenzen. Würzburg 2016, S. 75–93.
Beuys/Ende 1989 – Beuys, Joseph und Michael Ende: Kunst und Politik ein Gespräch. Achberg 1989.
Böhme 2007 – Böhme, Hartmut: Zeitphilosophie in Michael Endes Momo. In: Gerhard Gamm, Alfred Nordmann und Eva Schürmann (Hg.): Philosophie im Spiegel der Literatur. Hamburg 2007, S. 79–89.
Boyken 2021 – Boyken, Thomas: Mediensimulationen bei Joachim Heinrich Campe und Michael Ende. Literaturtheoretische und literaturgeschichtliche Überlegungen zur Bedeutung der Buchhaftigkeit in der erzählenden Kinder- und Jugendliteratur. In: Spiegel der Letteren. Tijdschrift voor Nederlandse Literatuurgeschiedenis en voor Literatuurwetenschap [2021].
Dankert 2016 – Dankert, Birgit: Michael Ende. Gefangen in Phantásien. Darmstadt 2016.
Ende 2004 – Ende, Michael: Über das Ewig-Kindliche. Vortrag vor der J.B.B.Y. in Tokyo. In: Ders.: Das große Michael Ende Lesebuch. Hg. v. Andrea und Roman Hocke. Zürich 2004, S. 260–277.
Eppler/Ende/Tächl 1982 – Eppler, Erhard; Ende, Michael und Tächl, Hanne: Phantasie, Kultur, Politik. Protokoll eines Gesprächs. Stuttgart 1982.
Etten 2013 – Etten, Jonas: Schreiben für das „Kind in uns allen“. Metafiktion und Kindheit bei Michael Ende und William Goldman. Marburg 2013.
Ewers 2020a – Ewers, Hans-Heino (Hg.): Michael Ende. Zur Aktualität eines Klassikers von internationalem Rang. Frankfurt a.M. 2020.
Ewers 2020b – Ewers, Hans-Heino: Die Rettung Phantásiens. Michael Endes Projekt einer Remythisierung der Gesellschaft. In: Ders. (Hg.): Michael Ende. Zur Aktualität eines Klassikers von internationalem Rang. Frankfurt a.M. 2020, S. 43–50.
Ewers 2018 – Ewers, Hans-Heino: Michael Ende neu entdecken. Was Jim Knopf, Momo und Die unendliche Geschichte Erwachsenen zu sagen haben. Stuttgart 2018.
Ewers 2015 – Ewers, Hans-Heino: Kritische Gefolgschaft. Michael Ende und die Romantik. In: Kinder- und Jugendliteraturforschung 2014/2015 (2015), S. 72–77.
Gronemann 1985 – Gronemann, Helmut: Phantásien – das Reich des Unbewußten. Die unendliche Geschichte von Michael Ende aus der Sicht der Tiefenpsychologie. Zürich 1985.
Hocke/Kraft 1997 – Hocke, Roman und Thomas Kraft: Michael Ende und seine phantastische Welt. Die Suche nach dem Zauberwort. Stuttgart u.a. 1997.
Kyora 2016 – Kyora, Sabine: Subjektfom ‚Autor‘? Einleitende Überlegungen. In: Dies. (Hg.): Subjektform Autor. Autorschaftsinszenierungen als Praktiken der Subjektivierung. Bielefeld 2016, S. 11-20.
Ludwig 1987 – Ludwig, Claudia: Was du ererbt von deinen Vätern hast… Michael Endes Phantásien – Symbolik und literarische Quellen. Frankfurt a.M. u.a. 1987.
Martus 2007 – Martus, Steffen: Werkpolitik. Zur Literaturgeschichte kritischer Kommunikation vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Berlin 2007.
May 2020 – May, Markus: Briefe an die Väter. Michael Ende, Edgar Ende und die Traditionen des Phantastischen. In: Hans-Heino Ewers (Hg.): Michael Ende. Zur Aktualität eines Klassikers von internationalem Rang. Frankfurt a.M. 2020, S. 79–96.
May 2013 – May, Markus: Zeit- und Raumstrukturen (Chronotopen/Heterotopien). In: Hans Richard Brittnacher und ders. (Hg.): Phantastik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart und Weimar 2013, S. 583–593.
Meier 2017 – Meier, Albert: Postmoderne. Philosophie – Literatur. Kiel 2017.
Müller 2013 – Müller, Linda: Einmal Phantásien und zurück. Michael Endes Unendliche Geschichte – Hintergründe, literarische Einflüsse und Realitätsbezüge. Marburg 2013.
Reusch 2020 – Reusch, Jutta: Der Teilnachlass von Michael Ende in der Internationalen Jugendbuchbibliothek München. In: Hans-Heino Ewers (Hg.): Michael Ende. Zur Aktualität eines Klassikers von internationalem Rang. Frankfurt a.M. 2020, S. 365–372.
Scholz 2020 – Scholz, Thomas: Der Teilnachlass von Michael Ende im Deutschen Literaturarchiv Marbach (DLA). In: Hans-Heino Ewers (Hg.): Michael Ende. Zur Aktualität eines Klassikers von internationalem Rang. Frankfurt a.M. 2020, S. 373–378.
Steinhauser 2018 – Steinhauser, Mirijam: Von Jim Knopf bis Hotzenplotz. Die Kinderbuchwelten von Franz Josef Tripp. Würzburg 2018.
Stierstorfer 2017 – Stierstorfer, Michael: Antike Mythologie in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Unsterbliche Götter- und Heldengeschichten? Frankfurt a.M. u.a. 2017.
Stoyan 2004 – Stoyan, Hajan: Die phantastischen Kinderbücher von Michael Ende. Mit einer Einleitung zur Entwicklung der Gattungstheorie und einem Exkurs zur phantastischen Kinderliteratur der DDR. Frankfurt a.M. 2004.
Voss 2009 – Voss, Julia: Darwins Jim Knopf. Frankfurt a.M. 2009.
Wernstorff 1983 – Wernsdorff, Christian von: Bilder gegen das Nichts. Zur Wiederkehr der Romantik bei Michael Ende und Peter Handke. Neuss 1983.
Wilke 1992 – Wilke, Sabine Poetische Strukturen der Moderne. Zeitgenössische Literatur zwischen alter und neuer Mythologie. Stuttgart 1992.

Medialität des Erzählens. Die Wiederentdeckung des Buches im Roman

Ansprechpartner: Prof. Dr. Thomas Boyken

Ausgehend von dem Befund, dass im Gegenwartsroman verstärkt mit (typo-)graphischen Elementen operiert wird, wird nach den Funktionspotenzialen, der systematischen Beschreibbarkeit und der historischen Genese dieser Phänomene gefragt. Ziel ist es, die Buchhaftigkeit / Buchförmigkeit medientheoretisch, buchwissenschaftlich und materialtheoretisch auszuloten, um in einem zweiten Schritt ein narratologisches Beschreibungsvokabular vorzuschlagen

Die zentralen Thesen des Forschungsprojekts lauten:

  • Der Gegenwartsroman zeigt an vielen Stellen eine Rückbesinnung auf die Funktionspotenziale des Mediums Buch. Hierbei handelt es sich nicht um eine Innovation, sondern um die Wiederentdeckung des Buches in der Form des Romans.
  • Grundlage für diese Entwicklung ist der Prozess der Digitalisierung, der die Gelingensbedingung für die Wiederentdeckung des Romans als Buch bedeutet.
  • Ein wesentlicher Einflussfaktor für diese Wiederentdeckung ist die Kinder- und Jugendliteratur, die für die Romane des 21. Jahrhunderts bedeutsamer ist als die visuelle Poesie, die hingegen für Romane des 20. Jahrhundert eine größere Bedeutung besitzt.
  • In der Kinder- und Jugendliteratur des 17., 18. und 19. Jahrhunderts werden die Funktionspotenziale des Mediums Buch bereits für das schriftliche Erzählen eingesetzt. 

Im Rahmen von Beispielanalysen, die sich mit historischen kinder- und jugendliterarischen Texten auseinandersetzen, werden die Funktionspotenziale der Buchhaftigkeit für das Erzählen herausgearbeitet. 

Von Mund- und Handwerk. Mündliches und schriftliches Erzählen in kinder- und ju-gendliterarischen Texten

Ansprechpartnerin: Prof. Dr. Thomas Boyken

 

Gemeinsam mit Dr. Anna Stemmann (Universität Bremen) verfolge ich ein Forschungsprojekt, das sich mit Formen der Mündlichkeit(en) und Schriftlichkeit(en) in kinder- und jugendliterarischen Medien befasst. Im Sommer 2021 werden wir dazu eine Tagung durchführen.

Im Zentrum der Tagung steht die Frage nach dem produktiven Spannungs- und Beeinflussungsverhältnis von Schriftlichkeiten und Mündlichkeiten in Kinder- und Jugendmedien. Fokussiert werden die unterschiedlichen Formen des mündlichen und schriftlichen Erzählens. Obwohl münd­liches und schriftliches Erzählen kategorial anders verlaufen – mündliches Erzählen erfolgt in der Zeit und ist flüchtig; schriftliches Erzählen stellt sich auf dem Blatt dar und ist gespeichert –, sind auch die buch- und schriftbasierten Texte poetologisch durch Konzepte des Mündlichen beeinflusst. Dass die Grenze zwischen schriftlichem und mündlichem Erzählen nicht immer eindeutig zu bestimmen ist, merkt schon der Kinderbuchautor Otfried Preußler an: „Als Geschichtenerzähler repräsentiere ich seit Adams und Evas Zeiten das älteste Medium der Unterhaltung, Belehrung, der Nachrichtenübermittlung schlechthin – eine Tatsache, die mich mit Stolz erfüllt, ohne dass sie mich überheblich machte. Vielmehr verleiht sie mir eine gewisse Sicherheit der Einschätzung meiner selbst, zudem meines Handwerks. Oder sollte ich Mundwerk sagen? Die Unterscheidung ist schwierig.“ (Preußler 2010, 91) Es geht an dieser Stelle nicht um Mündlichkeitseffekte einer nachgeahmten Erzählsituation, wie sie beispielsweise in Textsorten wie dem Märchen auftreten. Vielmehr geht Preußler von einer Wechselwirkung zwischen mündlichem und schriftlichem Erzählen aus, die den poetologischen Kern seiner Erzählungen ausmacht: Auch wenn sie in Buchform erscheinen, sind sie strukturell auf der Grenze von mündlichem und schriftlichem Erzählen verortet.

Als Leitfragen der Tagung fungieren:

  • Wie wird in schriftlichen Texten Mündlichkeit erzeugt?
  • Wie wird in auditiven Medien Schriftlichkeit hergestellt?
  • Welche Funktionspotenziale besitzen Mündlichkeiten/Schriftlichkeiten in unterschiedlichen kinder- und jugendliterarischen Medien?
  • Wie stellt sich das Verhältnis von Repräsentation und Inhalt dar?
  • Ist im 21. Jahrhundert, womöglich im Zuge der Digitalisierung von Druck- und Leseprozessen sowie einer intensivierten, auch editionswissenschaftlich informierten Medialitäts- und Materialitätsforschung, eine Neuperspektivierung der Bedeutung des Mediums für literarische und künstlerische Formen festzustellen?
  • Welche medialen Übersetzungs- und Transkriptionsprozesse sind bei der Produktion und Rezeption von Hörbüchern und anderen Audiotexten beteiligt?
  • Und welche Rolle spielt die material-mediale Verfasstheit kinder- und jugendliterarischer Medien bei der Herstellung von Mündlichkeits- oder Schriftlichkeitseffekten?

Die Tagung verfolgt ein doppeltes Ziel: Einerseits geht es um historische Fallanalysen, die die Wechselwirkungen zwischen Mündlichkeiten und Schriftlichkeiten am Beispiel ausgewählter kinder- und jugendliterarischer Medien untersuchen. Andererseits geht es um eine literaturtheoretische Präzisierung des Verhältnisses von mündlichem und schriftlichem Erzählen. Ziel ist es dabei, ausgehend von konkreten Beispielen die genuine poietische Dimension der Wechselwirkung von mündlichem und schriftlichem Erzählen herauszuarbeiten.
Programm
Tagungsbericht

 

 

Die Funktionspotenziale des Mittelalters in der Kinder- und Jugendliteratur zwischen 1945 und 1970

Dissertatonsprojekt von Laura Merker.

Autorschaft, Genre und digitale Medien zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Ansprechpartnerin: Greta Karnatz

Autor*innen stehen im Literaturbetrieb der Gegenwart unter Druck, sich und ihr Werk in die Öffentlichkeit zu bringen. Bei diesem Prozess werden sie von Verlagen und Marketingagenturen unterstützt, die – teilweise einem vorgezeichneten Literaturtrend entsprechend – ein Image für Autor*innen vorschlagen und veröffentlichen. Die Zuordnung von Werken zu bestimmten Warengruppen im Buchhandel bzw. zu Genres und die Berücksichtigung der möglichen Zielgruppe spielt dabei eine Rolle. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass vor allem im deutschsprachigen Raum digitale Medien auf sehr unterschiedliche Art und Weise für die Imagebildung genutzt werden. So wird bspw. eine Homepage lediglich als ‚Schwarzes Brett‘ verwendet, manchmal wird sie jedoch mithilfe von Animationen so gestaltet, dass sie einen Erlebnisraum bietet. Diese unterschiedliche Nutzung der digitalen Medien scheint mit der Zuordnung zu Genres im Zusammenhang zu stehen: So macht es zunächst den Anschein, als würde sich eine stärkere und aufwändiger gestaltete Internetpräsenz vor allem bei Phantastik- bzw. Kinder- und Jugendbuchautor*innen finden lassen. An diese ersten Beobachtungen knüpft die Arbeit an und geht der Frage nach, in welchem Verhältnis die Imagebildung der Autor*innen, die Zuordnung zu Genres bzw. Segmenten des Buchhandels (Warengruppen) sowie die Nutzung digitaler Medien stehen. Ziel ist, das Wechselverhältnis zwischen den genannten Koordinaten sichtbar zu machen und damit gegenwärtige Mechanismen im deutschsprachigen Literaturbetrieb aufzuzeigen. Um dieses Ziel zu erreichen, werden Praktiken der Inszenierung von Autorinnen und Autoren verschiedener Sparten des Buchmarkts (z. B. Phantastik, Kriminalliteratur, Kinder- und Jugendliteratur) in unterschiedlichen Medien betrachtet und miteinander verglichen. 

Poetik-Vorlesungen

Ansprechpartnerin: PD Mareile Oetken

Die Oldenburger Poetik-Vorlesungen für Kinder- und Jugendliteratur bieten Autor*innen, Illustrator*innen oder Übersetzer*innen die Möglichkeit, über Bedingungen und Prozesse ihres literarischen und künstlerischen Schaffens für Kinder und Jugendliche Einblick zu geben. In öffentlichen Vorträgen können so poetologische Positionen, ästhetische oder pädagogische Normen des künstlerischen Arbeitens für Kinder und Jugendliche und die ästhetischen Traditionen, in die man sich stellt, dargestellt werden. Die Oldenburger Poetik-Vorlesungen finden seit 2016 in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Heidelberg statt. Die Vorlesungsreihen werden seit 2017 in der Reihe der Kinder- und Jugendliteratur aktuell (kopaed) veröffentlicht. Die Poetik-Vorlesungen werden hier i.d.R. durch Beiträge aus Fachwissenschaft oder Fachdidaktik ergänzt.

(Stand: 05.01.2022)