Forschungsprojekte

Medialität des Erzählens. Die Wiederentdeckung des Buches im Roman

Ansprechpartner: Prof. Dr. Thomas Boyken

Ausgehend von dem Befund, dass im Gegenwartsroman verstärkt mit (typo-)graphischen Elementen operiert wird, wird nach den Funktionspotenzialen, der systematischen Beschreibbarkeit und der historischen Genese dieser Phänomene gefragt. Ziel ist es, die Buchhaftigkeit / Buchförmigkeit medientheoretisch, buchwissenschaftlich und materialtheoretisch auszuloten, um in einem zweiten Schritt ein narratologisches Beschreibungsvokabular vorzuschlagen

Die zentralen Thesen des Forschungsprojekts lauten:

  • Der Gegenwartsroman zeigt an vielen Stellen eine Rückbesinnung auf die Funktionspotenziale des Mediums Buch. Hierbei handelt es sich nicht um eine Innovation, sondern um die Wiederentdeckung des Buches in der Form des Romans.
  • Grundlage für diese Entwicklung ist der Prozess der Digitalisierung, der die Gelingensbedingung für die Wiederentdeckung des Romans als Buch bedeutet.
  • Ein wesentlicher Einflussfaktor für diese Wiederentdeckung ist die Kinder- und Jugendliteratur, die für die Romane des 21. Jahrhunderts bedeutsamer ist als die visuelle Poesie, die hingegen für Romane des 20. Jahrhundert eine größere Bedeutung besitzt.
  • In der Kinder- und Jugendliteratur des 17., 18. und 19. Jahrhunderts werden die Funktionspotenziale des Mediums Buch bereits für das schriftliche Erzählen eingesetzt. 

Im Rahmen von Beispielanalysen, die sich mit historischen kinder- und jugendliterarischen Texten auseinandersetzen, werden die Funktionspotenziale der Buchhaftigkeit für das Erzählen herausgearbeitet. 

Autorschaft, Genre und digitale Medien zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Ansprechpartnerin: Greta Karnatz

Autor*innen stehen im Literaturbetrieb der Gegenwart unter Druck, sich und ihr Werk in die Öffentlichkeit zu bringen. Bei diesem Prozess werden sie von Verlagen und Marketingagenturen unterstützt, die – teilweise einem vorgezeichneten Literaturtrend entsprechend – ein Image für Autor*innen vorschlagen und veröffentlichen. Die Zuordnung von Werken zu bestimmten Warengruppen im Buchhandel bzw. zu Genres und die Berücksichtigung der möglichen Zielgruppe spielt dabei eine Rolle. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass vor allem im deutschsprachigen Raum digitale Medien auf sehr unterschiedliche Art und Weise für die Imagebildung genutzt werden. So wird bspw. eine Homepage lediglich als ‚Schwarzes Brett‘ verwendet, manchmal wird sie jedoch mithilfe von Animationen so gestaltet, dass sie einen Erlebnisraum bietet. Diese unterschiedliche Nutzung der digitalen Medien scheint mit der Zuordnung zu Genres im Zusammenhang zu stehen: So macht es zunächst den Anschein, als würde sich eine stärkere und aufwändiger gestaltete Internetpräsenz vor allem bei Phantastik- bzw. Kinder- und Jugendbuchautor*innen finden lassen. An diese ersten Beobachtungen knüpft die Arbeit an und geht der Frage nach, in welchem Verhältnis die Imagebildung der Autor*innen, die Zuordnung zu Genres bzw. Segmenten des Buchhandels (Warengruppen) sowie die Nutzung digitaler Medien stehen. Ziel ist, das Wechselverhältnis zwischen den genannten Koordinaten sichtbar zu machen und damit gegenwärtige Mechanismen im deutschsprachigen Literaturbetrieb aufzuzeigen. Um dieses Ziel zu erreichen, werden Praktiken der Inszenierung von Autorinnen und Autoren verschiedener Sparten des Buchmarkts (z. B. Phantastik, Kriminalliteratur, Kinder- und Jugendliteratur) in unterschiedlichen Medien betrachtet und miteinander verglichen. 

Von Mund- und Handwerk. Mündliches und schriftliches Erzählen in kinder- und ju-gendliterarischen Texten

Ansprechpartnerin: Prof. Dr. Thomas Boyken

 

Gemeinsam mit Dr. Anna Stemmann (Universität Bremen) erfolge ich ein Forschungsprojekt, das sich mit Formen der Mündlichkeit(en) und Schriftlichkeit(en) in kinder- und jugendliterarischen Medien befasst. Im Sommer 2021 werden wir dazu eine Tagung durchführen.

Im Zentrum der Tagung steht die Frage nach dem produktiven Spannungs- und Beeinflussungsverhältnis von Schriftlichkeiten und Mündlichkeiten in Kinder- und Jugendmedien. Fokussiert werden die unterschiedlichen Formen des mündlichen und schriftlichen Erzählens. Obwohl münd­liches und schriftliches Erzählen kategorial anders verlaufen – mündliches Erzählen erfolgt in der Zeit und ist flüchtig; schriftliches Erzählen stellt sich auf dem Blatt dar und ist gespeichert –, sind auch die buch- und schriftbasierten Texte poetologisch durch Konzepte des Mündlichen beeinflusst. Dass die Grenze zwischen schriftlichem und mündlichem Erzählen nicht immer eindeutig zu bestimmen ist, merkt schon der Kinderbuchautor Otfried Preußler an: „Als Geschichtenerzähler repräsentiere ich seit Adams und Evas Zeiten das älteste Medium der Unterhaltung, Belehrung, der Nachrichtenübermittlung schlechthin – eine Tatsache, die mich mit Stolz erfüllt, ohne dass sie mich überheblich machte. Vielmehr verleiht sie mir eine gewisse Sicherheit der Einschätzung meiner selbst, zudem meines Handwerks. Oder sollte ich Mundwerk sagen? Die Unterscheidung ist schwierig.“ (Preußler 2010, 91) Es geht an dieser Stelle nicht um Mündlichkeitseffekte einer nachgeahmten Erzählsituation, wie sie beispielsweise in Textsorten wie dem Märchen auftreten. Vielmehr geht Preußler von einer Wechselwirkung zwischen mündlichem und schriftlichem Erzählen aus, die den poetologischen Kern seiner Erzählungen ausmacht: Auch wenn sie in Buchform erscheinen, sind sie strukturell auf der Grenze von mündlichem und schriftlichem Erzählen verortet.

Als Leitfragen der Tagung fungieren:

  • Wie wird in schriftlichen Texten Mündlichkeit erzeugt?
  • Wie wird in auditiven Medien Schriftlichkeit hergestellt?
  • Welche Funktionspotenziale besitzen Mündlichkeiten/Schriftlichkeiten in unterschiedlichen kinder- und jugendliterarischen Medien?
  • Wie stellt sich das Verhältnis von Repräsentation und Inhalt dar?
  • Ist im 21. Jahrhundert, womöglich im Zuge der Digitalisierung von Druck- und Leseprozessen sowie einer intensivierten, auch editionswissenschaftlich informierten Medialitäts- und Materialitätsforschung, eine Neuperspektivierung der Bedeutung des Mediums für literarische und künstlerische Formen festzustellen?
  • Welche medialen Übersetzungs- und Transkriptionsprozesse sind bei der Produktion und Rezeption von Hörbüchern und anderen Audiotexten beteiligt?
  • Und welche Rolle spielt die material-mediale Verfasstheit kinder- und jugendliterarischer Medien bei der Herstellung von Mündlichkeits- oder Schriftlichkeitseffekten?

Die Tagung verfolgt ein doppeltes Ziel: Einerseits geht es um historische Fallanalysen, die die Wechselwirkungen zwischen Mündlichkeiten und Schriftlichkeiten am Beispiel ausgewählter kinder- und jugendliterarischer Medien untersuchen. Andererseits geht es um eine literaturtheoretische Präzisierung des Verhältnisses von mündlichem und schriftlichem Erzählen. Ziel ist es dabei, ausgehend von konkreten Beispielen die genuine poietische Dimension der Wechselwirkung von mündlichem und schriftlichem Erzählen herauszuarbeiten.

Poetik-Vorlesungen

Ansprechpartnerin: PD Mareile Oetken

Die Oldenburger Poetik-Vorlesungen für Kinder- und Jugendliteratur bieten Autor*innen, Illustrator*innen oder Übersetzer*innen die Möglichkeit, über Bedingungen und Prozesse ihres literarischen und künstlerischen Schaffens für Kinder und Jugendliche Einblick zu geben. In öffentlichen Vorträgen können so poetologische Positionen, ästhetische oder pädagogische Normen des künstlerischen Arbeitens für Kinder und Jugendliche und die ästhetischen Traditionen, in die man sich stellt, dargestellt werden. Die Oldenburger Poetik-Vorlesungen finden seit 2016 in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Heidelberg statt. Die Vorlesungsreihen werden seit 2017 in der Reihe der Kinder- und Jugendliteratur aktuell (kopaed) veröffentlicht. Die Poetik-Vorlesungen werden hier i.d.R. durch Beiträge aus Fachwissenschaft oder Fachdidaktik ergänzt.

kinderundjugendmedien.de

Ansprechpartnerin: Dr. Kirsten Kumschlies

Dr. Kirsten Kumschlies leitet den Bereich der Rezensionen. Die rezensierten Bücher umfassen sowohl Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur als auch aktuelle Werke; zudem bemühen wir uns, die Nominierungen des deutschen Jugendbuchpreises in den Sparten Kinder- und Jugendbuch zu besprechen.

http://www.kinderundjugendmedien.de/index.php/literaturkritiken

http://www.kinderundjugendmedien.de/index.php/unser-team/dr-phil-kirsten-kumschlies

(Stand: 09.10.2020)