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Neue Perspektiven auf Rolf Dieter Brinkmann:

Orte - Helden - Körper.

TAGUNGSBERICHT

Welche Synergien werden erzeugt, wenn Literatur- und KulturwissenschaftlerInnen gemeinsam neue Perspektiven auf ein so vielfältiges literarisches Werk wie das von Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) erschließen? Antworten auf diese Frage lieferte die vom 12. 06. bis 14. 06. 2009 durchgeführte Tagung Neue Perspektiven auf Rolf Dieter Brinkmann: Orte - Helden - Körper des Instituts für Germanistik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand ein neuer literatur- und kulturwissenschaftlicher Blick auf das Brinkmann'sche Œuvre, der sich im Zuge der dreitägigen Vortrags- und Diskussionsrunde von einer offen formulierten Erwartung zu einem deutlichen Profil neuer Akzente und Ansätze subsummierte. Das Zusammentreffen von WissenschaftlerInnen mit unterschiedlichen Schwerpunkten ermöglichte einen regen Austausch im Hinblick auf Deutungen, Figurationen, Strukturen, Motivik und rezeptionsästhetische Aspekte von Brinkmanns Texten und eine damit einhergehende Neubewertung zahlreicher Facetten seines literarischen Werkes. Die vielfältigen Vortragsthemen eröffneten bislang nicht erörterte Zusammenhänge und stellten untereinander Bezüge her, die in der derzeitigen Brinkmann-Forschung noch nicht thematisiert wurden. Alle Beiträge exponierten Lesarten, die das kanonisierte Brinkmann-Bild erweiterten.

Während in der umfangreichen Forschung eine an der Biografie orientierte Sichtweise die Werkbetrachtung dominiert oder ein popliterarischer Fokus die Analysen bestimmt, ergänzten die Beiträge der Tagung die Forschung um aktuelle Fragen und Betrachtungsweisen. Auf der Tagung wurden dabei zum ersten Mal diese neuen Forschungsrichtungen artikuliert, die als Anzeichen einer gegenwärtigen Wende in der Brinkmann-Forschung bilanziert werden könnten. Sowohl in den Sektionen Westwärts 1&2 und Körper, als auch in Provinzialität und Urbanität oder Rezeption, Reflexe, Richtungen kam es zu unterschiedlichen Synergien zwischen den Beiträgen, die allesamt auf die wichtigen Forschungsdesiderate 'Traditionslinien Brinkmanns und literaturhistorische Einordnung', 'Poetologie' und 'Körperdarstellungen' zu subsummieren sind.

Den Auftakt der Tagung vollzog der Vorsitzende der Rolf-Dieter-Brinkmann-Gesellschaft, Dr. Gunter Geduldig (Vechta). Der Beitrag verhandelte das Thema Bilder und Selbstbilder der Regionalität bei Rolf Dieter Brinkmann. Geduldig war darauf bedacht, den 'Schriftsteller der leichten Hand' zu betonen und die Sicht auf Brinkmann als enfant terrible zu relativieren. Dabei vertrat er die These, dass das literarische Werk Brinkmanns eng mit dem Leben des Autors, und seiner Heimat Vechta fusioniert. Auf Grund der dichten Verwobenheit betonte der Referent die 'werk-exegetische Diskretion', die sich in Brinkmanns Schreiben, vor allem in den großen Erinnerungsbüchern, bemerkbar mache. Daran anknüpfend thematisiere der Schriftsteller Brinkmann beinahe retardierend das Schreiben - eine 'bis in unendliche Iteration fortsetzbare Selbstbespiegelung'. Diese Perspektivierung veranlasste den Referenten zu einer kritischen Bewertung der neueren Forschung, welche ausführlich dargestellt wurde und die dem Autor, seiner selbstreferenziellen, poetischen Leichtigkeit und dem zeithistorischen Kontext zu wenig Aufmerksamkeit schenken würde.

Die Texte Brinkmanns zeichnen sich durch innovative Verfahrensweisen, wie dem Festhalten des Augenblicks (den sog. snap-shots), aus. Eine damit verknüpfte Sprachskepsis und Sprachkritik - dass menschliche Erfahrungen und Stimmungen nicht hinreichend durch das Sprachsystem festgehalten werden können - wurde in der Forschung schon mehrfach betont. Bisher wurde jedoch noch nicht die Verbindung zwischen Sprachskepsis und Raumdarstellungen aufgeworfen. Welche Statik oder Dynamik den Texten eigen ist und wie eine Sprachskepsis auch durch Raumbilder zum Ausdruck gebracht werden kann, thematisierte Dr. Carsten Lange (Oldenburg) in der ersten Sektion. Lange referierte über die dynamischen und statischen Raumbilder in Brinkmanns späten Gedichten des Westwärts 1&2-Bandes. Dabei arbeitete er heraus, dass Räume als diskursive Übereinkünfte vom lyrischen Ich als Zwangsräume wahrgenommen werden. Die Sprachordnungen durchdringen die Raum(an)ordnungen und geben explizite und implizite Verbote auf. Das lyrische Ich kennzeichnet sich in diesem Zusammenhang als Flaneur (Baudelaire), wodurch eine Traditionslinie zur frühen Moderne hergestellt wird. Die Bewegung durch die Räume wird durch den sprachlichen Prozess inszeniert, wobei eine Sprachdynamik generiert wird, deren Konstitution zwischen einer statischen Bildhaftigkeit der namenlosen 'Transiträume' (Tankstellen, Haltestellen), den urbanen Gedrungenheiten oder 'Rest-Orten' (Unkrautfeld) oszilliert.

Daran anknüpfend befasste sich Prof. Dr. Sabine Kyora (Oldenburg) mit einem anderen Raumelement der Westwärts-Lyrik: den Erinnerungsorten. Diese Orte konstituieren sich durch Grundmuster und werden nahezu als Einschreibungen in den Körper dargestellt. Am Beispiel von 'Kindheits-Orten' verdeutlichte Kyora in ihrem Beitrag, dass diese insbesondere durch eine Verknüpfung von Namen mit Verboten und Strafen gekennzeichnet sind. So wird die Ordnungsfunktion der Sprache als disziplinierendes und gleichlaufend einschränkendes Phänomen inszeniert. Das Subjekt wird in Folge dessen diszipliniert. Gebrochen werden diese Grundmuster, die wiederum nicht ortsgebunden sind, durch die Installation einer spezifischen Bild-Rhetorik, etwa der metaphorischen Setzung von Epiphanien. Durch ein Aufzeigen intertextueller Modi wurde erneut deutlich, wie virulent der Einfluss der klassischen Moderne auf Brinkmanns poetische Sprache ist und dass dies einen wesentlichen Aspekt konkreter Exegese ausmachen kann.

Am Samstag widmete sich die zweite Sektion einem in mehrerlei Hinsicht erstaunlichen Forschungsdesiderat der Brinkmann-Forschung: den Körperbildern. Obwohl Körper immer wieder ein zentrales Element in Brinkmanns Schaffen sind, wurden die Körperdarstellungen und -inszenierungen noch nicht systematisch untersucht. Die Adaption literarischer Techniken von Schriftstellern der US-amerikanischen Undergroundszene (die sog. Beat-Generation) ist für die methodische Untersuchung der Brinkmann'schen Körperinszenierungen von besonderer Relevanz. Die Übernahme filmischer Mittel und vor allem die Montage von Fotos und Bildern in das Textkorpus sind hierbei besonders herauszustellen. Eben diese Bild-Text-Verhältnisse analysierte Ina Cappelmann (Oldenburg) in Bezug auf Körperdarstellungen genauer. Grundlage ihrer Betrachtungen war die Differenzierung von visuell abgedruckten Bildkörpern in dem Gedichtband Godzilla und sprachlich beschriebener Körperbilder (vor allem) im Band Die Piloten. Cappelmann diagnostizierte in ihrem Beitrag zunächst, dass der Rezeption der Fotomontagen in Godzilla die visuelle Wahrnehmung der kognitiven Textrezeption vorausgeht und diese reziprok beeinflusst. Geschlechterspezifische wie mediengenerierte Rollenzuschreibungen dienen gleichermaßen als Grundfolie der Bildkörper wie der Körperbilder. So wählt Brinkmann in den Piloten-Gedichten ausdrücklich Filmstars als Ausgangspunkt für seine Körperbild-Beschreibungen, wie im zweiten Teil des Vortrags deutlich wurde. Auch die stark auf optische Medien rekurrierende Sprache sowie das damit einhergehende Vokabular Brinkmanns wurden in diesem Zusammenhang erörtert.

Die Perspektive der Körperdarstellungen nahm Thomas Boyken (Oldenburg) in seinem Beitrag auf. Der Referent demonstrierte am Beispiel der Erzählung Wurlitzer, dass Musik und deren Wahrnehmung zum organisierenden Prinzip des Textes werden. Gleichfalls verwendet Brinkmann bei der literarischen Darstellung dieses generierenden Prinzips Vokabular, das eigentlich vornehmlich den Körperbeschreibungen vorbehalten bleibt. Die Musik erhält so - innerfiktional - einen Körper, und es entsteht ein sich bewegender, entgrenzter Musikkörper. Entsprechend befindet sich die Jukebox auch im Zentrum der Erzählung und strukturiert diese auf inner- und extradiegetischer Ebene. Mit diesem Phänomen geht nicht nur eine Darstellung von fragmentarisierten Körpern einher (wie dies beispielsweise auch für Der Arm zu konstatieren wäre), sondern darüber hinaus finden sich auch in der Lyrik zahlreiche solcher Darstellungen, wie Cappelmann ebenfalls herausstellte. Gleichzeitig wird so wieder die Traditionslinie zur klassischen Moderne deutlich; namentlich festzumachen an Gottfried Benn, der nachweislich zu den wenigen von Brinkmann anerkannten Schriftstellern gehörte. Daran anknüpfend wurde erneut die Frage nach den Traditionslinien relevant: In Brinkmanns Erzählung bekommen nicht nur sinnliche, akustische Reize einen Körper, sondern auch lebloses Material erhält eine sinnlich-körperliche Gestalt. In dieser Hinsicht diskutierte Boyken kritisch die gängigen Forschungsstandpunkte bezüglich der Einflüsse des nouveau roman und des Surrealismus. Sein erweiternder Vorschlag war, den Einfluss romantischer Synästhesie-Konzepte zusätzlich mit einzubeziehen. Boyken plädierte weiterhin dafür, dem 'verschütteten Einfluss romantischer Schriftsteller auf Brinkmann' (so Eichendorff, aber auch E.T.A. Hoffmann) gezielt aufzuarbeiten.

Provinzialität und Urbanität sind die beiden Pole, zwischen denen sich das literarische Werk Brinkmanns maßgeblich bewegt. Dabei spielt Brinkmanns Geburtsstadt, das ländliche Vechta, zweifelsohne eine entscheidende Rolle. Gleichwohl sind aber der Topos 'Großstadt' und die urbane Kultur Hauptgegenstandbereiche des literarischen Werkes von Rolf Dieter Brinkmann. Vor diesem Hintergrund sprach Prof. Dr. Johannes Pankau (Oldenburg) über Brinkmanns produktive Aufnahme der US-Kultur. Pankau erörterte zunächst Brinkmanns Aufbegehren gegen die damalige öffentliche Ablehnung (auch und gerade durch führende Denker der literarischen Öffentlichkeit) von Leslie A. Fiedlers Manifest Cross the border - close the gap. Indem sich Brinkmann in seinem poetologischen Text Angriff aufs Monopol für popliterarische Techniken wie cut-up, Collage und Multimedia aussprach und sich dezidiert US-amerikanischen Schriftstellern und Vorbildern wie Robert Creely oder Frank O'Hara anschloss, solidarisierte er sich mit Fiedlers erweitertem Literaturbegriff. Aus Sicht des Referenten haben Strategien der Synästhesie hohe Relevanz für Brinkmanns Schaffen. Pankaus Perspektive auf Synästhesie ergänzte den Begriff, den Boyken bereits in seinem Beitrag erörtert hatte: Hier wird Synästhesie nicht als Versinnlichung von Gegenständen, sondern vielmehr in ihrer Wirkungsfähigkeit zur Auflösung einer Konkurrenz moderner und älterer, schriftlicher und audio-visueller Medien verstanden. Ebenfalls an bisher diskutierte Aspekte anschließend konstatierte auch Pankau ein erhebliches Forschungsdesiderat hinsichtlich der Beeinflussung Brinkmanns jenseits der US-amerikanischen Beat-Generation und dem nouveau roman.

PD Dr. Wolfgang Lange (Bielefeld) unternahm anschließend den Versuch, die Darstellung von Provinzialität im literarischen Werk von Rolf Dieter Brinkmann neu zu bewerten. Lange ging dabei der Frage nach, ob Provinzialität positiv besetzt werden könne, respektive ob das Provinzielle nicht sogar ubiquitär bei Brinkmann sei. Grundsätzlich betonte der Referent, dass die Provinz immer nur in ihrer Relation zur Metropole betrachtet werden könne. In diesem Zusammenhang wurden die in der Forschung geläufigen Interpretationen der Provinz-Darstellungen bei Brinkmann als (früh-)kindliche Komplexe kritisiert. Lange plädierte dafür, diese Reduktion in der Deutung aufzulösen, um den 'affirmativen Dichter der Provinz' zu erkennen, der die 'westdeutsche Gespenstergegenwart nach 1945' anprangere. Ebenso wie bei C. Lange und Boyken, thematisierte der Referent die Figur des Flaneurs bei Brinkmann, der stark dem Topos von Baudelaire bis Baudrillard ähnele. Eskapismus und Dystopie verbinden sich in dem 'Lockruf der Moderne', dem auch Brinkmann folge.

Lutz Steinbrück veranschaulichte in seinem Beitrag den Einfluss von Brinkmanns Geburtsstadt auf die Arbeit des Schriftstellers und auf die Persönlichkeitsentwicklung. Der biografische Hintergrund mit kindlichen Kriegserlebnissen, sozialem Druck und geistiger Enge bildet demnach die Basis für Brinkmanns konfliktreiches Verhältnis zur bundesrepublikanischen Gesellschaft. Dabei führte Steinbrück die Biografie eines jugendlichen Ausreißers und Rebellen vor, der bewusst gegen Normen verstieß und auf diese Weise Konflikte provozierte. Die Ablehnung gesellschaftlicher Konventionen und eine daraus resultierende Entfremdung habe bereits in seiner Vechtaer Zeit wesentlich zu einer nur den eigenen Wahrnehmungen verpflichteten, radikalen Subjektivität geführt. Typisch für die Charakterisierung Vechtas im Werk Brinkmanns sei eine subjektivistische Darstellung der Provinzialität.

In gewissen Hinsichten an Kyora anschließend, nahm sich Uwe Schwagmeier (Oldenburg) in seinem Vortrag weiterer Erinnerungsfunktionen in Brinkmanns Lyrik und Prosa an. Im Fokus standen dabei Imaginationen einer kulturell ge- oder verformten Idee von 'Indianern'. Ganz sicher haben diese Eingang in die Vorstellungen des Schriftstellers durch seine Wahrnehmung von Spielfilmen in Kino und Fernsehen gefunden. Gerade in Brinkmanns Gedichten wird durch eine solche Bilderwelt nicht selten eine kritische Distanz zu den USA verhandelt (z.B. Gedicht für Frank O'Hara). Hier werde aber auch das Phantasma 'Amerika' sichtbar, welches durchaus als Projektionsfläche einer bundesrepublikanischen, kleinbürgerlich geprägten Mentalität erscheint, die dorthin ihre (männlichen) Helden imaginiert. Schwagmeier verstand dies - vor allem mit Blick auf die Erzählung Früher Mondaufgang - als Modus einer kindlich-jungendlichen Auffassung, die in ihrer künstlerischen Überformung in Brinkmanns Werk den 'Indianer' auch als Erinnerungsfigur stiftet. Poetologisch könnten, so Schwagmeiers Vorschlag, die Amerika-Imaginationen Brinkmanns als rhizomatisch und - im Sinne Roland Barthes' - seine Erinnerungsmuster als 'Album' sowie sein Erzählton als 'rhapsodisch' gefasst werden.

Am Sonntag trugen in der Sektion Rezeption, Reflexe, Richtungen drei weitere TeilnehmerInnen vor und stellten ihre Beiträge zur Diskussion; sie komplettierten das bisher entwickelte Spektrum. Den Beginn machte dabei Liesa Pieczyk (Oldenburg), die über das Verhältnis von Sexualnormen der 1960er-Jahre und Männlichkeits-Phantasmen im Gedichtband Godzilla referierte. Pieczyk zeigte, dass in den Gedichten aus einer voyeuristischen männlichen Introspektive heraus sexuelle Wünsche und Fantasien inszeniert werden. Solches könne dann als Folge einer medialen Reizüberflutung durch die sexuelle Liberalisierung in der Werbewelt gelesen werden. Dafür spricht auch die Auswahl der Fotos, auf die die Texte montiert sind. Die Bilder zeigen ihrerseits auf weibliche Attribute beschränkte Darstellungen von Modellen aus der zeitgenössischen Bademodenwerbung. Das Trivialmonster Godzilla fungiere in diesem Kontext als ein Sinnbild der Kompensation unterdrückter Gefühle und Wünsche der lyrischen Position. Ferner verwies Pieczyk auf die tabubrechende Darstellung von einer technisierten und pragmatisierten Sexualität. Aus den Perspektiven von Gender-Theorie und Medienkritik legte sie, wie auch schon Cappelmann, den Objektcharakter der Frauendarstellungen und die Besetzung der weiblichen Position mit stereotypen Rollenbildern dar. Vor dem historischen Hintergrund der zweiten Frauenbewegung in den 1960er-Jahren bewertete sie dies als äußerst problematisch.

Während die Beiträge und die Diskussion bislang immer um die Beeinflussungen Brinkmanns kreisten, wurde im anschließenden Vortrag Brinkmann selbst als 'Traditionsstifter' thematisiert. Dr. Branka Schaller-Fornoff (Berlin) erörterte die Reflexe Brinkmanns bei Jan Röhnert. Dabei arbeitete sie Ähnlichkeiten und intertextuelle Bezüge zum literarischen Werk Rolf Dieter Brinkmanns heraus. Die exemplarische 'Spurensuche' Schaller-Fornoffs fokussierte dabei sowohl inhaltliche als auch strukturelle Parallelstellen und exponierte aufschlussreich motivische und stilistische Rekurse. Während die Provinz das Hauptfeld der Texte Brinkmanns darstellt, übernimmt diese Funktion bei Röhnert die Metropole - eine These, die auch mit W. Langes Erörterungen zum Verhältnis von Provinz und Metropole korrespondieren. In Bezug zu C. Langes Beitrag über die Raumkonzeptionen ergaben sich auch hier weitere Synergien (so beispielsweise die Spiegelungen 'ostwärts versus westwärts' oder das Verhältnis von Augenblicklichkeit und Dynamik). Eine augenscheinliche Verbindungslinie zwischen Röhnerts und Brinkmanns Lyrik ist laut Schaller-Fornoff die männliche Perspektive. Ferner wurde hier das Konzept des 'Tagtraums' (im Sinne Baudelaires) thematisiert, und unabhängig vom Beitrag Schwagmeiers sprach auch die Referentin von einem 'Album'; sowohl bei Röhnert als auch bei Brinkmann.

Brinkmanns einzigem Roman Keiner weiß mehr widmete sich am Ende der Tagung Dr. Christoph Rauen (Kiel), der darin Merkmale und Strukturen eines negativen Entwicklungsromans zu verorten suchte. In seinen Ausführungen setzte sich Rauen mit der bisherigen Einstufung des Textes als 'Roman ohne Handlung' auseinander und analysierte dessen Handlungs- und Spannungsaufbau. Der oben genannten Setzung widersprach Rauen in seinem Beitrag und machte ein Handlungsschema des Romans transparent, das sich als 'Desillusionsroman' mit einer profanisierten Epiphanie als Kern darstelle. Die Narration setze erst nach einem 'novellenartigen Wendepunkt' ein, der sich aus dem Wunsch des Protagonisten nach einem wiederholten Evidenzerlebnis entwickelt. Aus der 'endlosen Zirkularität' von Keiner weiß mehr in Kombination mit einem Freiheitsbegriff Brinkmanns, der stets sexuell konnotiert sei, entsteht eine fatalistische Sichtweise, die der Roman transportiere. Auf poetologischer Ebene widersetzt sich Brinkmann in seinem Roman-Erstling dabei immer wieder dem treffenden Wort. Der Unsagbarkeitstopos der Romantik wird hier genauso aufgenommen wie Elemente des Entwicklungsromans eines Karl Philipp Moritz oder Ludwig Tieck oder die Vorstellung einer Vorhölle mit Sehnsucht nach einer Epiphanie, wie sie durch Jean-Paul Sartre oder Dante Alighieri beschrieben wurde. Nach Rauen beginne Brinkmanns (Anti-)Entwicklungsroman Keiner weiß mehr, wo Hegels Auffassung von diesem Genre aufhöre.

Trotz dieser mannigfaltigen neuen Perspektiven auf Werk und Schaffen Brinkmanns spielen das Phänomen Pop und popliterarische Strategien in der Auseinandersetzung mit dem Vechtaer Schriftsteller, aber auch ganz allgemein im gegenwärtigen kulturellen Diskurs nach wie vor eine gewichtige Rolle. Deshalb blieb auch das Tagungswochenende nicht auf eine rein wissenschaftliche Auseinandersetzung begrenzt: Am Abend des Eröffnungstages präsentierte das Duo phonofix aus Berlin ihr aktuelles Hörspiel du kannst nicht immer schimmern mein spatz, das in popliterarischer Tradition steht. Jörg Albrecht und Matthias Grübel eröffneten dem Publikum im Oldenburger Universitätstheater mit ihrer von elektronischen Klängen untermalten Lesung Einblicke in die melancholischen Seiten der virtuellen Welt des web-blogs. Assoziationsketten, Wiederholungen und vor allem rhetorische Fragen schufen eine literarische Reflexion über die Bedingungsmöglichkeiten der Liebe, wenn Identität inkonsistent und austauschbar wird.

Germanistik-Webmk/bastekdujbr (eske4b/oe.broxoxgtereng9b@uol.de13ea) (Stand: 07.11.2019)