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Die Hausleute. Landhandel und Landhändler, Pachtbauern und Erben, Landmänner und Vornehme in den friesischen Marschen des 17. und 18. Jahrhunderts.

Die ostfriesische Marsch zeichnete sich im 17. und 18. Jahrhundert durch eine besondere Sozialstruktur aus: Viehzucht im großen Stil und ein ausgeprägter Handel führten zu einer Ansammlung von Wohlstand und damit zu einer starken sozialen Ausdifferenzierung. Das Ergebnis war eine kleine bäuerliche Oberschicht, die gegenüber dem Rest der Bevölkerung wirtschaftlich und politisch dominierte. Dieser Schicht entstammten die Inhaber fast aller Ehrenämter, die zu vergeben waren: Kirchvogt, Deich- und Sielrichter sowie Offizier im Bauernaufgebot.

1620 wurde ein Landtagsrecht für den dritten Stand, dem „Hausmannsstand“, festgelegt, wobei die Teilnahme großbäuerlicher Schichten wohl auch schon vorher praktiziert wurde. Im Verlauf des 17. Jahrhunderts konzentrierte sich die politische Teilhabe auf wenige, durch Vermögen herausragend Höfe und Familien, den „Interessenten“. Dieses System ist von Johannes Dillinger mit dem Begriff „Repräsentationskommunalismus“ umschrieben worden.

Kennzeichnend für die Führungsschichten der ostfriesischen Marsch ist eine kulturelle und politische Anbindung an die Niederlande, was sich nicht zuletzt am Gebrauch der niederländischen Sprache bis weit in das 19. Jahrhundert ablesen lässt.

Durch die Weihnachtsflut 1717 wurden weite Teile der ostfriesischen Marschböden auf Jahre unbestellbar, was eine Krise des Großbauerntums bedeutete. Eine Erholung fand nur langsam statt. Trotz dieses Niedergangs wusste Cocceji bei der preußischen Erbfolge 1744 von den Ostfriesen als einem „wilden Volke, wo der Bauernstand am mächtigsten ist“ zu berichten.

Zu einem spürbaren Aufschwung der ostfriesischen Landwirtschaft kam es erst wieder ab ca. 1750. Mit der Gewinnung von Neuland durch Eindeichung verlegten sich viele Großbauern von der Viehzucht auf den Getreidehandel.

Hatte sich die Schicht der Großbauern sich noch im 17. Jahrhundert in erster Linie durch einen rigiden Calvinismus hervorgetan, wurde ab der Mitte des 18. Jahrhunderts ein offensiv zur Schau gestellter Reichtum kennzeichnet für diese Gruppe, für die sich der Begriff „Polderfürsten“ einbürgern sollte. Es wäre daher außerordentlich interessant, in einer näheren Betrachtung dieser sozialen Gruppe das vermehrte Repräsentationsbedürfnis der großbäuerlichen Schichte im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts nachzuvollziehen und zu klären, ob die Bauern sich dabei eher an adligen oder an bürgerlichen Idealen orientierten und wie sie ihre Identität selbst definierten (Selbstdefinition als Landbürgertum oder eher bäuerliche Wertvorstellungen, Abgrenzung zu Kleinbauern). Ferner wäre die Gestaltung der Beziehungen zu den benachbarten Niederlanden zu klären, wo etwa in der Provinz Groningen ähnliche großbäuerliche Schichten existierten. Interessant wäre hier, ob über die Grenze hinaus eine gemeinsame Identität als bäuerliche Führungsschicht existierte und ob die Familien, etwa über verwandtschaftliche Beziehungen, in Kontakt zueinander standen.

Jessica Cronshagen, M.A./ Universität Oldenburg

(Betreut von Prof. Dr. Dagmar Freist/ Universität Oldenburg)

 

 

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