Markert, Jan

Dissertationsprojekt

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Dissertationsprojekt: „Wer Deutschland regieren will, der muß es sich erobern“. Die politische Biographie Wilhelms I. und sein Einfluss auf die Transformation der Hohenzollernmonarchie 1840–1866

Projektzusammenfassung:
„Es gibt wohl keinen größeren Antagonisten der Constitution als mich“, schrieb 1850 der spätere Kaiser Wilhelm I. (1797–1888) an seine Schwester, „aber kann man immer gegen den Strom schwimmen? Dasselbe gilt auch von der sogenannten deutschen Träumerei.“ Der während der Revolution 1848/49 als ‚Kartätschenprinz‘ verrufene preußische Thronfolger gab mit diesen Worten gewissermaßen ein Resümee der politischen Lehren, die er aus dem Beinahezusammenbruch der Hohenzollernmonarchie gezogen hatte – und umriss zugleich das Konzept, nach welchem er der gesamteuropäischen revolutionären Bedrohung traditioneller monarchischer Herrschaft durch Demokratie- und Nationalbewegung im 19. Jahrhundert entgegentreten wollte.

Die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche, die Europa nach der Französischen Revolution prägen sollten, stellten die gekrönten Häupter des Kontinents vor bis dato ungekannte Herausforderungen. Die traditionell auf dem Gottesgnadentum fußende monarchische Herrschaftsordnung musste nach neuen Legitimierungsstrategien, neuen systemstützenden Fundamenten suchen, wollte sie nicht Gefahr laufen, einer revolutionären Entwicklung zum Opfer zu fallen. Diese Epoche der Neuerfindung der Monarchie erlebte Wilhelm I. nicht nur aus erster Nähe mit. Er spielte auch eine aktive, ja teils entscheidende Rolle im Transformationsprozess, den die Hohenzollernmonarchie nach der Märzrevolution 1848 durchlief.

Das Dissertationsprojekt analysiert die politische Biographie Wilhelms I. auf Grundlage einer systematischen Auswertung von dessen umfangreichen archivalischen Korrespondenznachlass. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf der Zeitspanne zwischen der Thronbesteigung seines Bruders Friedrich Wilhelms IV. 1840 bis zur Neuregelung der ‚Deutschen Frage‘ nach dem Krieg gegen Österreich 1866. Als preußischer Thronfolger, Regent und Monarch durchlief Wilhelm I. einen vielschichtigen politischen Entwicklungsprozess, der sich im Kern um die Legitimierung der monarchischen Herrschaft und damit verbunden der Stellung Preußens als Großmacht in Europa, insbesondere dem Verhältnis zum innerdeutschen Rivalen Österreich drehte. Der Zeitraum 1840–1866 nimmt innerhalb der politischen Biographie Wilhelms I. die Stellung einer ‚trial-and-error‘-Phase ein, in welcher spätere ‚Heldenkaiser‘ verschiedene politische Konzepte entwickelte und in die Tat umzusetzen versuchte, die preußische Krone gegen die Herausforderungen der Zeit zu wappnen – wobei die Erfahrungserlebnisse der Märzrevolution eine entscheidende Zäsur darstellen. Beispielhaft stehen Person und Politik Wilhelm I. für eine gesamteuropäische Neubewertung der Handlungsmotive und -möglichkeiten monarchischer Akteure im Revolutions- und Nationalstaatszeitalter.

Von der Forschung bislang weitestgehend ignoriert, agierte der erste Hohenzollernkaiser Zeit seines Lebens als eigenständiger politischer Akteur. Lange vor der Ernennung Otto von Bismarcks zum preußischen Ministerpräsidenten 1862 trat Wilhelm I. als Verfechter einer deutschlandpolitischen ‚Revolution von Oben‘ auf. Die Nationalisierung der Hohenzollernmonarchie – die Verknüpfung nationaler und dynastischer Interessen – sollte die Krone im Inneren neu legitimieren und nach außen Preußen als deutschem Supremat eine einflussreichere Stellung im europäischen Mächtekonzert erlangen lassen. Mit der Reichsgründung erlebte diese Konzeption eines dynastischen Hijackings der ‚Deutschen Frage‘ ihren unbestrittenen Höhepunkt, auf den Wilhelm I. seit 1848 zunächst weitestgehend allein, dann seit 1862 gemeinsam mit Bismarck hingearbeitet hatte. Bismarcks Vorgehen in der ‚Deutschen Frage‘ nach 1862, das mit zu den Kriegen gegen Dänemark 1864, gegen Österreich 1866 und schließlich gegen Frankreich 1870/71 führte, wäre unmöglich gewesen, hätte der spätere sogenannte Eiserne Kanzler nicht die Allerhöchste Unterstützung seines Monarchen genossen. Zwar kam es immer wieder zu Konflikten zwischen den beiden nicht immer harmonierenden Persönlichkeiten, doch blieben diese stets den gemeinsamen politischen Zielen untergeordnet, die König und Ministerpräsident anstrebten: Die Verteidigung des monarchischen Herrschaftsprinzips gegen die Herausforderungen des Parlamentarismus und die Einigung Deutschlands unter preußischer Suprematie. Die Gründung des Norddeutschen Bundes 1866/67 und später die des deutschen Kaiserreichs 1870/71 können in diesem Kontext als Kulmination eines langjährigen antirevolutionären monarchischen Projekts Wilhelms I. betrachtet werden, dessen Grundzüge sich insbesondere auf die Revolutionserfahrungen 1848/49 zurückverfolgen lassen.

Das Dissertationsprojekt belegt, dass Wilhelms I. als eigenständiger politischer Akteur handelte – und dass er als Monarch vor dem Hintergrund seiner Zeit als durchaus erfolgreich betrachtet werden kann. Die bisherige historiographische Marginalisierung und bismarckzentrierte Darstellung des ersten Hohenzollernkaisers ist aufgrund der Quellenlage und angesichts der multiperspektivischen Fragestellungen der modernen Monarchieforschung einer Revision überfällig. Neben dem ‚Eisernen Kanzler‘ muss Wilhelm I. als die zentrale Figur der preußisch-deutschen Geschichte der Reichsgründungszeit betrachtet werden.
 

Kurzvita:

Jan Markert (Jahrgang 1991) promoviert an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg im Fach Neueste Geschichte unter der Betreuung von Malte Rolf und Martin Kohlrausch (Katholische Universität Leuven). Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Politik- und Ideengeschichte des ‚langen 19. Jahrhunderts‘ im Allgemeinen, sowie die Geschichte der Hohenzollernmonarchie und ihrer Repräsentanten in jenem Zeitraum im Speziellen. 

seit 2019

Promotionsstipendiat
Konrad-Adenauer-Stiftung

2019
 

Lehrbeauftragter
Otto-Friedrich-Universität Bamberg

seit 2018
 

Promotion Neueste Geschichte,
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

2015-2017
 

Master-Studium Geschichte,
Otto-Friedrich-Universität Bamberg

2011-2015

 

Bachelor-Studium Geschichte/Politikwissenschaft/Europäische Ethnologie,
Otto-Friedrich-Universität Bamberg


Veröffentlichungen:

Monographien:

  • Es ist nicht leicht, unter Bismarck Kaiser zu sein? Wilhelm I. und die deutsche Außenpolitik nach 1871. (Friedrichsruher Beiträge Bd. 51), Friedrichsruh 2019.
     

Beiträge in Sammelbänden:

  • „Wer Deutschland regieren will, muß es sich erobern“. Das Kaiserreich als monarchisches Projekt Wilhelms I., in: Andreas Braune/Michael Dreyer/Markus Lang/Ulrich Lappenküper (Hrsg.), Einigkeit und Recht, doch Freiheit? Das Deutsche Kaiserreich in der Demokratiegeschichte und Erinnerungskultur. (Weimarer Schriften zur Republik Bd. 17), Stuttgart 2021, S. 11–37.
     
  • „Das Nicht zu Standekommen einer Deutschen Einigung ist das Ziel der Révolution.“ Wilhelm I. und die Deutsche Frage 1848 bis 1870, in: Ulrich Lappenküper/Maik Ohnezeit (Hrsg.), 1870/71. Reichsgründung in Versailles. (Friedrichsruher Ausstellungen Bd. 8) Friedrichsruh 2021, S. 22–28.
     
  • [gemeinsam mit Susanne Bauer:] Eine „Titelaffaire“ oder „mehr Schein als Wirklichkeit“: Wilhelm I., Augusta und die Kaiserfrage 1870/71, in: Ulrich Lappenküper/Maik Ohnezeit (Hrsg.), 1870/71. Reichsgründung in Versailles. (Friedrichsruher Ausstellungen Bd. 8) Friedrichsruh 2021, S. 70–76.
     
  • Ein System von Bismarcks Gnaden? Kaiser Wilhelm I. und seine Umgebung – Plädoyer für eine Neubewertung monarchischer Herrschaft in Preußen und Deutschland vor 1888, in: Wolfram Pyta/Rüdiger Voigt (Hrsg.), Zugang zum Machthaber. (Staatsverständnisse Bd. 171) Baden-Baden [erscheint 2022].
     
  • Prussia’s Road to ‚Iron and Blood‘. Wilhelm I and the Nationalization of the Hohenzollern-Monarchy, in: Heidi Hein-Kircher/Frederik Frank Sterkenburgh (Hrsg.), Modernizinig the Unmodern. Europe’s Imperial Monarchies and Their Path to Modernity in the 19th and 20th Centuries. (Palgrave Studies in Modern Monarchy), London [erscheint 2022].
     

Zeitschriftenaufsätze:

  • Wider die „Coalition der Jesuiten und Ultramontanen und Revolution“. Kaiser Wilhelm I. und die Zentrumspartei, in: Historisch-Politische Mitteilungen 27 (2020), S. 5–25.
     
  • „Nur das vertrocknete Gehirn eines Diplomaten könne zweifeln ob die jetzige Bewegung zum Ziel kommen werde.“ Bismarck, Wilhelm I. und die Elmshorner Volksversammlung am 27. Dezember 1863, in: Heimatkundliches Jahrbuch für den Kreis Pinneberg 55 (2022), S. 157–170.
     
  • Der verkannte Monarch. Wilhelm I. und die Herausforderungen wissenschaftlicher Biographik, in: Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte. Neue Folge 31 [erscheint 2022].
     

Online-Beiträge:

Tagungsberichte:

(Stand: 13.01.2022)