Promotionsprojekt

Andrea Strübe

Promotionsprojekt

Arbeit am Selbst. Subjektivierung zwischen verweigerter Erwerbstätigkeit und Erwerbslosigkeit als Verweigerung

Problemfeld

„Früher glaubten wir, die Lebensformen der Unterschicht seien die Folgen ihrer Armut. Das Gegenteil ist richtig: Die Armut ist Folge ihrer Verhaltensweisen, eine Folge der Unterschichtskultur.“

(Renate Künast, zit. n. Tsianos 2013: 23)

Die medial geführten Debatten um die so bezeichnete „neue Unterschicht“ produzieren ein homogenes Bild von Leistungsempfänger_innen, das gespickt ist mit Zuschreibungen und Abwertungen. Dieses Bild hat sich seit der Einführung der Hartz IV-Gesetze 2005 und dem damit verbunden Umbau sozialstaatlicher Institutionen anhand „neosozialer“ (Lessenich 2008) Paradigmen verfestigt und die Rede der ‚faulen Erwerbslosen‘, die es sich in der ‚sozialen Hängematte gemütlich‘ machten, hat sich etabliert (Lessenich 2012). Erwerbslose, insbesondere Langzeiterwerbslose, werden zumeist selbst verantwortlich für ihre Situation gemacht, indem ihnen unterstellt wird, „faul, frech, dreist“ Sozialleistungen ohne Gegenleistung entgegen zu nehmen (Baron/Steinwachs 2012). Der faule, leistungsunwillige, womöglich noch ungebildete, alkoholabhängige, ungepflegte Arbeitslose hat sich als medialer Repräsentant einer marginalisierten Unterklasse manifestiert. Diese Repräsentationen sind es, die zum einen der Markierung und Bewertung bestimmter konstruierter Personengruppen dienen und zum anderen den sozialstaatlichen Umbau legitimieren: „Die Neujustierung des Sozialstaats und der Abbau von Sozialleistungen werden durch die Behauptung gestärkt, Transferleistungen lösten keine sozialen Probleme, sondern würden diese erst hervorbringen“ (Friedrich 2012: 100).

Der Sozialstaat unterlag in den letzten Dekaden einer historischen Veränderung vom versorgenden zum aktivierenden Sozialstaat als „Arrangement der Produktion selbsttätiger und sozial verantwortlicher Subjekte“ (Lessenich 2008: 17). In dieser Transformation veränderte sich vor allem das Verhältnis zwischen Einzelnem und Gesellschaft: Selbstverantwortlichkeit wird zum Parameter für ein gerechtes Verhalten an und in der Gesellschaft. Im Umkehrschluss gelten Erwerbslose als Menschen, die zu wenig (Selbst-)Sorge betrieben und unverantwortlich handelten.

Wie Dörre et al. (2013) in ihrer umfassenden Studie „Bewährungsproben für die Unterschicht?“ aufzeigen, schaffen die Delegitimation von Erwerbslosigkeit und die Abwertungen jener, die von Sozialleistungen abhängig sind, nicht nur das gesellschaftliche Stigma einer Minderheitenposition, sondern produzieren, im Gesamtkontext des Aktivierungsregimes für Erwerbslose stete Prekarität. Von einer unterstellten „Unterschichtenmentalität“ könne allerdings keine Rede sein. Dörre et al. kommen anhand der Rekonstruktion subjektiver Erwerbsorientierungen zu dem Ergebnis, dass die Befragten „trotz widriger Umstände mit großer Hartnäckigkeit und unabhängig von strengen Zumutbarkeitsregeln an der Erwerbsnorm fest[halten]“ (ebd.: 202).

Perspektivwechsel

Was den Betrachtungsansätzen im Hinblick auf Langzeitarbeitslose gemein ist, ist die Perspektive auf Erwerbslose als Objekte der Auseinandersetzung, sie werden zu einer Gruppe umkämpfter Deutungen. Auch sozialwissenschaftliche Untersuchungen setzen empirisch an dieser Top-Down-Perspektive an und untersuchen primär die anrufungsspezifischen Prämissen. Doch bleibt dabei die Frage offen, wie diese Subjektivierungsangebote in der Praxis genutzt werden. In meinem Projekt vertrete ich die Annahme, dass die Anrufungen der Aktivierung nicht disziplinarisch auf die Subjekte wirken, sondern diese die subjektivierende Beteiligung der Individuen zur Aufrechterhaltung der sie unterwerfenden Ordnung braucht.

Erwerbslose sind – wie alle Subjekte – keine einfachen Empfänger_innen sozialer Anreize und Politiken. Sie selbst konstituieren – wenn auch aus einer weniger machtvollen Position heraus – Realität mit. Erwerbslose sind „weder passive Opfer noch dienstleistungshungrige ‚Kunden‘ dieses Regimes“ (Booth et al. 2012: 353). Zwischen Prüfer_in (Jobcenter- Angestellte_r) und Geprüftem bestehen reale Aushandlungsprozesse, denn „[e]in erheblicher Teil der Prüfungen erfolgt informell“ (ebd.), lässt also Raum für Aushandlungen. Somit sind auch Sozialleistungsempfänger_innen an den Prüfungsformaten des Arbeitsmarktregimes beteiligt und tragen zur Sozialstrukturierung – freilich entlang asymmetrischer Machtachsen – bei.

Die Studie interessiert sich für erwerbslosenspezifische Subjektivierungen, genauer jene, die durch ein Nicht-Einfügen in die Anforderungen sozialstaatlicher Arrangements und aktivierender Instrumente hervor gebracht werden sowie jene Selbstbildungsprozesse, die diese Dispositionen, z.B. Befähigung zum Widersetzen erst hervorbringen. Zentrales Interesse erlangen hierbei die Praktiken, die dazu dienen können, Spielräume zu erweitern.

Forschungsfrage

Mit dem Begriffspaar Subjektivierung und Selbst-Bildungen ist für mein Vorhaben ein begriffliches Instrumentarium bereit gestellt, welches die Prozessualität und die Reflexivität von Subjektivierungen berücksichtigt. Besonders mit der Analyse der reflexiven Selbstbildungen in Praktiken können Befähigungen zur kritischen Abweichung, zur Neuerung und zur Verweigerung analysiert werden.

Meine Fragestellung lautet demgemäß: Mit welchen (Selbst-)Techniken und Praktiken subjektivieren sich verweigernde Erwerbslose? Wie gehen sie dabei mit Diskursen über Erwerbslosigkeit (bspw. über Faulheit) um und wie verhalten sie sich zu Aktivierungsanrufungen? Wie reflektieren sie auf sich selbst (bspw. mittels welcher Narrationen) und welche Strategien des Umgangs mit ihrer Situation weisen sie aus?

Literatur

Baron, Christian / Steinwachs, Britta 2012: ›Faul, Frech, Dreist‹. Die Diskriminierung von Arbeitslosigkeit durch BILD-Leser*innen. Edition Assemblage, Münster.

Booth, Melanie / Dörre, Klaus / Haubner, Tine / Marquardsen, Kai / Scherschel, Karin / Schierborn, Karen 2012: Bewährungsprobe für die Unterschicht: Wirkungen aktivierender
Arbeitsmarktpolitik. In: Best, Heinrich / Holtmann, Everhard (Hg.): Aufbruch der entsicherten Gesellschaft. Deutschland nach der Wiedervereinigung. Campus Verlag, Frankfurt/New York. S. 347-368.

Dörre, Klaus / Scherschel, Karin / Booth, Melanie / Haubner, Tine / Marquardsen, Kai / Schierhorn, Karen 2013: Bewährungsproben für die Unterschicht? Soziale Folgen aktivierender Arbeitsmarkpolitik. Campus Verlag, Frankfurt/New York.

Friedrich, Sebastian 2012: Die diskursive Erschaffung des ‚nutzlosen Anderen‘. Zur Verschränkung von Einwanderungs- und Unterschichtendiskurs. In: Jäger, Margarete / Kaufmann, Heiko (Hg.): Skandal und doch normal. Impulse für eine antirassistische Praxis. Unrast Verlag, Münster. S. 96-111.

Lessenich, Stephan 2008: Die Neuerfindung des Sozialen. Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus. Transcript Verlag, Bielefeld.

Lessenich, Stephan 2012: Hartz ist heute ein Schimpfwort. Soziologe Stephan Lessenich zieht eine ernüchternde Bilanz. Interview von Tom Strohschneider. In: Neues Deutschland vom 15.8.12.

Tsianos, Vassilis S. 2013: Urbane Paniken. Zur Entstehung des antimuslimischen Urbanismus. In: Gürsel, Duygu / Cetin, Zülfukar / Allmende e.V. (Hg.): Wer Macht Demo_kratie? Kritische Beiträge zu Migration und Machtverhältnissen. Edition Assemblage, Münster. S. 23-43.

(Stand: 21.08.2020)