Navigation

Fußnoten

1 Begriffe wie „Europäer“ oder „europäisch“ mögen anachronistisch erscheinen, werden aber in den Quellen stets verwendet und schließen in jedem Falle England, Frankreich, Spanien, die Niederlande, die deutschen Territorien sowie Dänemark ein.

2 Van Heinigen, Willem Teunis: La situation sanitaire à bord des vaisseaux de la „VOC“ au Cap de Bonne-Espérance et à Batavia entre 1750 et 1800, In : Histoire des Sciences Médicales, XLI/3, 2007, S.303-313 ; Debien, Gabriel: Les engagés pour les Antilles (1634-1715), Paris 1952. Zur sozialen Mobilität: Marzagalli, Silvia: The French Atlantic World, in: Canny, Nicholas/Morgan, Philip (Hrsg.): The Oxford Handbook of the Atlantic World, c. 1450-c.1850, Oxford 2011, S.235-251, S.240.

3 um das Jahr 1790 etwa liegt das Verhältnis in den französisch-westindischen Kolonien bei ca. 650.000 schwarzen Sklaven gegenüber 60.000 weißen Europäern unterschiedlichster sozialer Hintergründe, hinzu kommen westindische Einwohner; Marzagalli in Canny/Morgan (Hrsg.) 2011, S.240.

4 High Court of Admirality (HCA) 30/381.

5 Diese Arbeit orientiert sich an Theodore S. Schatzkis Verständnis von Praktiken als „…a ‘bundle’ of activities, that is to say, an organized nexus of actions. (…) The actions involved, moreover, are, first, bodily doings and sayings.” Schatzki, Theodore S.: The Site of the Social: a philosophical account of the constitution of social life and change, University Park PA 2002, S. 71/72.Praktiken sind “sinnhaft regulierte Körperbewegungen, die von einem entsprechend impliziten, inkorporierten Wissen abhängen. “ Reckwitz, Andreas: Praktiken und Diskurse. Eine sozialtheoretische und methodologische Relation, in: Kalthoff, Herbert/Hirschauer, Stefan/ Lindemann, Gesa: Theoretische Empirie. Zur Relevanz qualitativer Forschung, Frankfurt am Main 2008, S. 188-209,S.192

6 HCA 30/381.

7 Exemplarisch hier: Ballantyne, Tony/Burton, Antoinette (Hrsg.): Bodies in Contact. Rethinking colonial encounters in world history, Durham 2005; Boucher, Philip P.: Cannibal Encounters. Europeans and Island Caribs 1492-1763, Baltimore 2008; Mills, James H.: Confronting the body. The politics of physicality in colonial and post-colonial India, London 2004.

8 Bhabha, Homi K.:The Location of Culture, New York u.a. 1994, S.129.

9 De Certeau, Michel: The Practice of Everyday Life, 3. Aufl., Los Angeles 2011, S.XIII.

10 Reckwitz in Kalthoff/Hirschauer/Lindemann (Hrsg.) 2008, S.188-209, S.188.

11 Briefe von Sklaven sind von extremer Seltenheit, es konnten bis dato nur zwei gefunden werden.

12 Zur Körper-Leib-Diskussion exemplarisch für einen Überblick über die unterschiedlichen Positionen der Körpersoziologie: Meuser, Michael: Zwischen ‚Leibvergessenheit‘ und ‚Körperboom‘. Die Soziologie und der Körper, in: Sport und Gesellschaft 1/3, 2004,S.197-218. Gugutzer, Robert: Soziologie des Körpers, Bielefeld 2004.

13 Gugutzer 2004, S.152.

14 Gugutzer 2004, S.152.

15 Rublack, Ulinka: Erzählungen von Geblüt und Herzen. Zu einer historischen Anthropologie des frühneuzeitlichen Körpers, in: Historische Anthropologie 9/2, 2001, S.214-232; Duden, Barbara: Geschichte unter der Haut. Ein Eisenacher Arzt und seine Patientinnen, Stuttgart 1987.

16 Wynne Smith, Lisa: The Body embarrassed? Rethinking the leaky male body in eighteenth-century England and France, in: Gender& History 23/1, 2011, S.26-46.

17 Gugutzer 2004, S.152.

18 Gugutzer 2004, S.154.

19 Ebd.

20 Gebauer, Gunter:Wittgensteins anthropologisches Denken, München 2009, S.99.

21 Alkemeyer, Thomas/Brümmer,Kristina: Die Subjekte der Praktiken und die Praktiken der Subjekte, Vortragsabstract, Tagung ‚Visions of the body, Körper zwischen Theorie, Praxis & Vision‘, Universität Bern, November 2011, http://www.ispw.unibe.ch/unibe/philhuman/ispw/content/e9604/e14507/e14588/e14761/Abstract_TA_KB_ger.pdf, Zugriff: 06.07.2013.

22 Ein ähnliches Phänomen beschreiben Karin Knorr Cetina und Urs Brügger bei Aktienhändlern. Knorr Cetina, Karin/Brügger, Urs: Globale Mikrostrukturen der Weltgesellschaft. Die virtuellen Gesellschaften von Finanzmärkten, in: Windolf, Paul (Hrsg.): Finanzmarkt-Kapitalismus, Wiesbaden 2006, S.145-171.

23 Zur Definition siehe Schatzki 2002, S. 63-65. Zur Untersuchung von Praktikenwandel und Veränderung wird das trianguläre Modell von Shove, Pantzar und Watson verwendet. Shove, Elizabeth/Pantzar, Mika/ Watson, Matt: The Dynamics of Social Practice. Everyday Life and How it Changes, London u.a. 2012, S.24/25.

24 Siehe auch: Medick, Hans: ‚Missionare im Ruderboot‘? Ethnologische Erkenntnisweisen als Herausforderung an die Sozialgeschichte, in: Geschichte und Gesellschaft 10, 1984, S.295-319.

25 Greyerz, Kaspar von: Einleitung, in: Ders. (Hrsg.): Selbstzeugnisse in der Frühen Neuzeit. Individualisierungsweisen in interdisziplinärer Perspektive, München 2007, S. 1-12, S.7.

Annika Raapke

Promotionsprojekt

Karibische Körperwelten: Eine körperhistorisch-praxeologische Annäherung an Körper des späten 18. Jahrhunderts in Bewegung

1. Einleitung & historische Kontextualisierung

Der stetige Fluss von Europäern1, der im 18. Jahrhundert seinen Weg in die karibischen Kolonien findet, wird vor allem von Gewinnverheißungen im sklavereibasierten Zucker- oder Tabakgeschäft angezogen. Doch auch die Aussicht auf höhere soziale Mobilität bewegt viele Menschen aus ärmsten Verhältnissen zur Reise in die französischen, englischen oder niederländischen Siedlungen der Karibik.2 Die Männer und Frauen, welche diese Umsiedlung wagen, halten den Kontakt zur Heimat in unzähligen Briefen an Freunde, Familie und Geschäftspartner. In diesen Briefen, die in erstaunlicher Bandbreite erhalten sind (s.u.), taucht ein Phänomen unübersehbar auf: die welt-wahrnehmenden, welt-erlebenden Körper der Verfasser. In den Briefen allgegenwärtig, geschieht alle Erfahrung, alle Wahrnehmung des kolonialen Lebens durch den Körper. Aus der körperlichen Wahrnehmung erwachsen Emotionslage und mentale Verfassung, die situative Wahrnehmung der Welt- einer „Körperwelt“. Der Körper nimmt zunächst die physische Karibik wahr: Hitze, Tropenstürme, Bisse fremder Insekten, ungewohnte Nahrung. Ebenso erfährt er die spezifische Zusammensetzung der kolonialen Gesellschaften3, nimmt die schwarze Haut des versklavten Gegenübers oder die Durchmischung der weißen Bevölkerung jenseits europäischer Standesdistinktionen wahr, etwa wenn auf den Zuckerplantagen ein hochgebildeter Theaterintendant4 neben den mehrjährig verdingten Dienstboten arbeitet. Die Körper der Briefverfasser sind es, die die koloniale Umsiedlung als Krise und Nichtpassung erfahren: Ihre Alltagspraktiken5 der Bekleidung, des Arbeitens, Essens, Schlafens oder der Gesundheitspflege scheitern an den physischen Gegebenheiten der Karibik, sie erkranken, fühlen sich unwohl, kraftlos, irritiert. Auch soziale Praktiken der In- und Exklusion, der Distinktion, der Nutzung des gemeinsamen Raumes müssen modifiziert werden. Eine französische Händlergattin empört sich etwa in einem Brief über die „Frechheit der Mulattenfrauen“, die in modischen Kleidern auf den Straßen „paradieren“6. Hinzu kommt die Sklaverei, die im Alltag die Aufführung ganz eigener Praktiken erfordert. Die vielen erhaltenen Briefe bilden ein erstaunliches Spektrum intelligibler Körper ab, die durch ihre Praktiken den kolonialen Alltag des 18. Jahrhunderts mitgestalten- dies erlaubt einen neuen, praxeologisch-alltagsgeschichtlichen Zugang zu kolonialer Körpergeschichte. In diesem Projekt soll unter kulturgeschichtlich-körpersoziologischer Fragestellung untersucht werden, inwiefern aus sich wandelnden Personenkonstellationen in Kombination mit den naturräumlichen Gegebenheiten der karibischen Kolonien zäsurhafte Körpererfahrungen für die historischen Akteure entstehen, welche Praktikenmodifikationen diese Zäsurmomente zur Folge haben, wie somit Prozesse der Subjektivierung im Kolonialgefüge durch eben diese Personenkonstellationen und Körpererfahrungen beeinflusst werden- und auf welche Weise Subjektivierungsprozesse wiederum in ihnen alltagskonstituierend zum Ausdruck kommen.

2. Forschungsstand

Die Colonial und Postcolonial Studies haben sich bereits in einer Vielzahl diskursanalytischer Forschungen mit der Konstruktion, Reflexion, Objektifizierung und Sexualisierung männlicher, und weiblicher schwarzer, eingeborener und versklavter Körper in der Politik, Wissenschaft, Medizin, Literatur etc. der Kolonial- wie auch der Heimatgesellschaften beschäftigt. Auch die körperliche Begegnung mit dem Fremden, dessen Erfahrung und diskursive Etablierung sind häufige Gegenstände kolonialer und postkolonialer Forschungsansätze.7 Die hier entstandenen Arbeiten haben faszinierende und wichtige Einblicke in die diskursive Verankerung der frühen Kolonialideologien gegeben. Der Alltag der Kolonialgesellschaften wurde jedoch auch durch eine große Zahl von Menschen unterschiedlichster Herkunft konstruiert, die nicht auf der Ebene normativer Textproduktion mitspielten (von Homi K. Bhabha als „in itself a theatre of war“8 bezeichnet), deren konstitutive Bedeutung sich nur über die Analyse ihrer Praktiken erschließen lässt. De Certeaus Argument „the presence and circulation of a representation (…) tells us nothing about what it is for its users. We must first analyse its manipulation by users who are not its makers“9 gilt auch hier. Gerade für die sich im 18. Jahrhundert noch in ihrer Konstitution befindenden Gesellschaften des Kolonialgefüges ist die Untersuchung von Veränderung auf der Mikroebene anhand von Praktiken als „kleinste Einheit der kulturwissenschaftlichen Analyse“10 extrem vielversprechend, denn sie ermöglicht eine Rekonstruktion dieser Konstitution „von unten“. Das ausgewählte Material in seiner Bandbreite, der alltagsgeschichtliche Ansatz in Kombination mit der perspektivischen Ausrichtung auf den Körper und seine Praktiken, erlauben neue Einblicke in die Körperwelten des Kolonialgefüges und somit in dessen Alltag, in dem jede Gesellschaft sich letztendlich überhaupt erst konstituiert.

3. Erkenntnisinteresse

Das Projekt will in einer alltagsgeschichtlich-praxeologischen Perspektive die Veränderungen in den Praktiken kolonialer Siedlerinnen und Siedler, sowie die Entstehung von historischen kolonialen Subjekten durch deren Körperzusammenhänge herausarbeiten. Die mit der Umsiedlung in die Kolonien einhergehende extreme Veränderung der physischen und sozialen Umgebung wird zuvorderst vom Körper erfahren - als eine Zäsur, die Anpassungen erzwingt. Die Krisen und Umstellungen der Körper finden Ausdruck in den Wahrnehmungsäußerungen, die in den Briefen formuliert werden. Diese Wahrnehmungen sind es auch, in denen sich die Selbstverortungen des Körpers in Beziehung zu anderen Körpern (etwa versklavten) über das Erleben des „Anderen“ artikulieren. Körper als Wahrnehmungsorte, die gleichzeitig als Akteure im Zentrum einer beständigen Aufführung, Modifikation und Neuaufführung von Praktiken stehen werden, werden in den Briefen in ungewöhnlicher Dichte entworfen. Auf dieser Grundlage will das Projekt folgenden Fragen nachgehen: Auf welche Weise manifestiert sich die Nichtpassung, das Zäsurmoment in den Wahrnehmungsäußerungen des Körpers? Wie wird die Nichtpassung reflektiert, die Veränderung von Praktiken thematisiert? Wie verortet sich der Körper in Beziehung zu anderen Körpern im Kolonialgefüge? Welche Irritations- und Veränderungsvorgänge lassen sich in Subjektivierungsprozessen nachweisen, die auf die Entwicklung mit spezifischen Praktiken ausgestatteter Kolonialsubjekte hinweisen? Wie verändern sich körperliche Wahrnehmungsschemata im Verlauf dieser Subjektivierungsprozesse? Bleiben die veränderten Praktiken dieser Subjekte für die Adressaten in der Heimat intelligibel, oder finden sich Irritationsmomente in Antwortbriefen? Anhand dieser Fragen soll herausgearbeitet werden, inwiefern die spezifischen Personenkonstellationen und naturräumlichen Gegebenheiten des kolonialen Gefüges zur Veränderung von Subjektivierungsprozessen führen- und wie diese Veränderungen direkten Einfluss auf den Alltag der untersuchten Kolonialgesellschaften nehmen.

4. Untersuchungsmaterial

Das Projekt stützt sich auf eine für die Frühe Neuzeit ungewöhnlich breite und bis dato unerforschte Quellenbasis: Die Kapergut-Bestände des britischen High Court of Admirality, gelagert in den National Archives, London. Die unzähligen, zum Teil noch ungeöffneten Briefe stammen aus den Händen von Männern, Frauen und Kindern aus nahezu allen europäischen Ländern. „Niedere“ Bedienstete aller Art, Schiffsbesatzungen, Händler und Händlerinnen, Plantagenangehörige jeden Rangs sind vertreten11, das Niveau der Schriftlichkeit variiert von rudimentärsten Schreibkenntnissen bis hin zu „Meister-briefen“ von höchstem literarischen Anspruch. In zwei bisher erfolgten Sichtungen konnte das Erkenntnispotential des Karibikbestands für die Fragestellungen des Projektes, sowie die Eignung des alltagsgeschichtlichen Ansatzes für das Material, bestätigt werden. Zur Untersuchung wird vor allem persönliche Korrespondenz herangezogen.

5. Theoretische und Methodische Herangehensweisen

5.1 Theoretische Grundlage

Es bietet sich an, bereits im Exposé des Projekts dessen Umgang mit der Körper-Leib-Debatte12 zu klären, da die Positionen dieser sehr „heutigen“ Diskussion nicht reibungslos mit dem Körperwissen des 18. Jahrhunderts zu vereinen sind. Robert Gugutzers Auflistung soziologischer Kriterien zur Unterscheidung von Körper und Leib13 ist aufgrund ihrer konzisen Präzision zur Abgrenzung und Absteckung eines theoretischen Terrains sehr geeignet und wird daher hier als Leitfaden verwendet. Gugutzer stellt zusammenfassend zwei Kategorien auf: eine individuell spürbare Leiblichkeit, zu der etwa Affekte zählen, steht einer objektiv „nachweisbaren“ Körperlichkeit gegenüber, etwa dem physischen Vorhandensein bestimmter Körperteile14. Diese Kriterien kollidieren jedoch mit Körperverständnissen der Frühen Neuzeit. Wie Ulinka Rublack oder Barbara Duden nachgewiesen haben15, ist die leiblich-affektive Erfahrung in der frühen Neuzeit oft keine Frage des individuellen Erlebens, sondern fällt unter die Kategorie des körperlich-objektiven, indem etwa bestimmte Emotionen als in spezifischen Organen ansässig, als durch „Gewohnheit der Natur“ vererbtes physisches Körpermerkmal, oder als externe Konfrontation des Körpers zu verstehen sind. Gleichzeitig beweist unter anderem Lisa Wynne Smith16 am Beispiel von über unterschiedlichste Körperteile menstruierenden Männern, wie wenig objektiv die bei Gugutzer genannte „objektive Tatsache“17 eines Körpers, der von Geburt an über bestimmte Merkmale verfügt, für die Frühe Neuzeit tatsächlich sein kann. Auf der anderen Seite ist ein theoretisches Modell zur Erfassung der hier zur Untersuchung stehenden Körper an das Konzept eines affektiven, über Wahrnehmungsäußerungen zugänglichen Körpers bzw. Leibes, der nicht an die Kopräsenz seines physischen Körpers gebunden ist, angewiesen. Die Briefe werden von Körpern zu Papier gebracht, die in der Karibik physischen Raum einnehmen und agieren, sie transportieren aber auch auf Papier gebrachte Körper, die über weite Distanzen hinweg funktionieren, intelligibel, anfassbar sind. Die Körper in den Briefen sind intensiv körperlich und leiblich, sie sind belebt, spüren und fühlen - laut Gugutzers Zusammenfassung ein Merkmal der Leiblichkeit18-, sie entleeren sich, gebären, haben Arme, Beine und Köpfe, „unteilbare“19 Elemente eines Körpers. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf den Praktiken, die sowohl von den Körpern vor Ort, als auch von jenen im Brief aufgeführt werden. Um einerseits einen ahistorischen Blickwinkel zu vermeiden, andererseits aber die ganze Bandbreite historischer Praktiken in klaren Begriffen für diese Untersuchung fruchtbar machen zu können, wird hier Gunter Gebauers Begriff des „Umgangskörpers“, samt der Erweiterung des „Umgangsleibes“ von Thomas Alkemeyer und Kristina Brümmer verwendet. Der Umgangskörper ist nach seiner Umsiedlung physisch in den Kolonien situiert. In einer der europäischen Gesellschaften geformt, muss er sich nun den Bedingungen des neuen Spielfeldes Karibik anpassen, muss seine Praxis verändern, um wieder „Sitz des Sensus Communis“20 zu sein. Mit Erwerb dieses neuen körperlichen Spielsinns entwickelt er „…zugleich spieladäquate Weisen des Wahrnehmens und Verstehens, des Fühlens und Spürens (z.B.) von Schmerz21“, den Umgangsleib. Es ist der Umgangsleib, der in den Briefen mitreist, auf den hier direkt zugegriffen werden kann - und der doch immer wieder den Blick freigibt auf den Umgangskörper. Der Umgangsleib entsteht jedoch nachweisbar erst auf dem Papier- um somit tatsächlich verstanden und vergewissert werden zu können, muss er im wahrsten Sinne des Wortes gelesen werden. Er wird somit in Antizipation des Verstandenwerdens entworfen, konzipiert für einen Rezipienten, dem er intelligibel sein soll. Die Briefverfasser existieren zeitgleich an zwei verschiedenen Orten22, sie partizipieren nicht nur in social sites23, in denen ihr Körper physischen Raum einnimmt, sondern auch in räumlich und zeitlich zerdehnten Sites, in die die Verfasser sich spätestens im Moment des Briefversandes verbindlich „ein-schreiben“; sie verharren in ihnen zur immer wieder erneuerbaren Bestätigung durch den Leser.

5.2 Bemerkungen zur Methodik

Historische Selbstzeugnisse halten körperliche Bewegungen und leibliche Empfindungen fest, frieren sie ein, erlauben ihre Beobachtung und Rekonstruktion über Jahrhunderte hinweg. Mit der interpretativen Dimension, die jede Beobachtung von Praktiken mit sich bringt, muss bewusst und offen umgegangen werden, erst die Interpretation ist es jedoch, die aus schlichten Beobachtungen sinnhafte Erkenntnisse macht, die aus Bewegungen intelligible Praktiken werden lässt24. Der Brief, als Selbstzeugnis „par excellence25“, zeichnet Praktiken im wahrsten Sinne des Wortes auf. Die spektakuläre Bandbreite des Quellenmaterials bedeutet einen immensen Fundus an „Praktikenaufzeichnungen“, die mit aller gebotenen Vorsicht beobachtet und interpretiert werden sollen.

6. Abschließendes

Die Geschichte der Kolonien kann nicht alleine in Diskursen erfasst werden. Koloniales Leben wird im Alltag konstituiert, einem Alltag, der körperlichen Eigensinn besitzt, in dem Dichotomien kolonialer Diskurse unterwandert und außer Kraft gesetzt, oder auch erst generiert und bestärkt werden können - auch Sklaverei ist nicht einfach ein machtwirksamer Begriff, sondern zuallererst ein Gebilde von Praktiken, das Tag für Tag Sklaven macht. Doch auch die weißen Körper in der Karibik existieren nicht nur eindimensional in der Oppression ihres schwarzen Gegenübers. Der koloniale Alltag, der entsprechend der Subjektivierungsprozesse seiner Akteure konstituiert wird, kann nur über den praxeologischen Weg rekonstruiert werden. Die in den Beständen des High Court of Admirality lagernden Briefe bieten die Möglichkeit, in praxeologischer Selbstzeugnisforschung den Wandel europäischer Umgangskörper und -leiber nachzuvollziehen, die Entstehung von neuen Subjekten auf der Mikroebene zu begleiten und dem Fundament der kolonialen Gesellschaften ein Stück näher zu kommen.

Literatur

Archivalien:

The National Archives, London,

High Court of Admirality (HCA): HCA 30/381

Sekundärliteratur:

Alkemeyer, Thomas/Brümmer,Kristina: Die Subjekte der Praktiken und die Praktiken der Subjekte, Vortragsabstract, Tagung ‚Visions of the body, Körper zwischen Theorie, Praxis & Vision‘, Universität Bern, November 2011, http://www.ispw.unibe.ch/unibe/philhuman/ispw/content/e9604/e14507/e14588/e14761/Abstract_TA_KB_ger.pdf, Zugriff: 06.07.2013.

Ballantyne, Tony/Burton, Antoinette (Hrsg.): Bodies in Contact. Rethinking colonial encounters in world history, Durham 2005.

Bhabha, Homi K.:The Location of Culture, New York u.a. 1994.

Boucher, Philip P.: Cannibal Encounters. Europeans and Island Caribs 1492-1763, Baltimore 2008.

Debien, Gabriel: Les engagés pour les Antilles (1634-1715), Paris 1952.

De Certeau, Michel: The Practice of Everyday Life, 3. Aufl., Los Angeles 2011.

Duden, Barbara: Geschichte unter der Haut. Ein Eisenacher Arzt und seine Patientinnen, Stuttgart 1987.

Gebauer, Gunter: Wittgensteins anthropologisches Denken, München 2009.

Greyerz, Kaspar von: Einleitung, in: Ders. (Hrsg.): Selbstzeugnisse in der Frühen Neuzeit. Individualisierungsweisen in interdisziplinärer Perspektive, München 2007, S. 1-12.

Gugutzer, Robert: Soziologie des Körpers, Bielefeld 2004.

Knorr Cetina, Karin/Brügger, Urs: Globale Mikrostrukturen der Weltgesellschaft. Die virtuellen Gesellschaften von Finanzmärkten, in: Windolf, Paul (Hrsg.): Finanzmarkt-Kapitalismus, Wiesbaden 2006, S.145-171.

Marzagalli, Silvia: The French Atlantic World, in: Canny, Nicholas/Morgan, Philip (Hrsg.): The Oxford Handbook of the Atlantic World, c. 1450-c.1850, Oxford 2011, S.235-251.

Medick, Hans: ‚Missionare im Ruderboot‘? Ethnologische Erkenntnisweisen als Herausforderung an die Sozialgeschichte, in: Geschichte und Gesellschaft 10, 1984, S.295-319.

Meuser, Michael: Zwischen ‚Leibvergessenheit‘ und ‚Körperboom‘. Die Soziologie und der Körper, in: Sport und Gesellschaft 1/3, 2004, S.197-218.

Mills, James H.: Confronting the body. The politics of physicality in colonial and post-colonial India, London 2004.

Reckwitz, Andreas: Praktiken und Diskurse. Eine sozialtheoretische und methodologische Relation, in: Kalthoff, Herbert/Hirschauer, Stefan/ Lindemann, Gesa: Theoretische Empirie. Zur Relevanz qualitativer Forschung, Frankfurt am Main 2008, S. 188-209.

Rublack, Ulinka: Erzählungen von Geblüt und Herzen. Zu einer historischen Anthropologie des frühneuzeitlichen Körpers, in: Historische Anthropologie 9/2, 2001, S.214-232.

Schatzki, Theodore S.: The Site of the Social: a philosophical account of the constitution of social life and change, University Park PA 2002.

Shove, Elizabeth/Pantzar, Mika/ Watson, Matt: The Dynamics of Social Practice. Everyday Life and How it Changes, London u.a. 2012.

Van Heinigen, Willem Teunis: La situation sanitaire à bord des vaisseaux de la „VOC“ au Cap de Bonne-Espérance et à Batavia entre 1750 et 1800, In : Histoire des Sciences Médicales, XLI/3, 2007, S.303-313.

Wynne Smith, Lisa: The Body embarrassed? Rethinking the leaky male body in eighteenth-century England and France, in: Gender& History 23/1, 2011, S.26-46.

Webmasterjk6m (t.woelt0ojhcjen@uocndl.dmabpee7kmxt) (Stand: 07.11.2019)