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Christian Fritz-Hoffmann

Promotionsprojekt

Peinliche Berührung. Zur Analyse der Materialität von sozialen Praktiken

Abstract

Wer schon mal andere gepflegt hat, mit Kranken oder Behinderten zu tun hatte, wird vermutlich erfahren haben, dass auch eine Diagnose, eine Zustandsveränderung, ein Blick, eine Erinnerung oder die Anwesenheit bestimmter Personen »berühren« kann. Einem dominanten, meist impliziten Verständnis zufolge wären dies aber nur Berührungen im übertragenen oder nebensächlichen Sinn. Berührung gilt allgemein als (sanfter) Haut- oder Körperoberflächenkontakt. Das ist Berührung natürlich auch. In meinem Dissertationsprojekt interessiert mich dagegen vor allem die Vielseitigkeit des Begriffs gerade dort wo er über direkten Körperkontakt hinausgeht: Die Berührung von Kulturkreisen, durch subtile Gewalt, durch Blicke, Worte, Gesten u.v.a.m. Die Studie geht der Frage nach, wie ein solcher »weiter« Berührungsbegriff präzise bestimmt und analytisch handhabbar gemacht werden kann für eine soziologische Perspektive. Diese Frage wird in vier Schritten bearbeitet.

Im ersten Teil wird das analytische Potential des Berührungsbegriffs erschlossen, in dem die verschiedenen Verwendungsweisen des Berührungsbegriffs zum Anlass genommen werden, deren sachlichen Gehalt und theoretische Modellierbarkeit zu erarbeiten. Z.B. gibt es in der Mathematik einen klar definierten Berührungsbegriff für die Analyse von Funktionen (»Tangente«, aus dem Lat. tangere berühren), der es gestattet jedes willkürliche Phänomen auf Berührungen zu beziehen - wie Verwendungsweisen in der Physik (Berührung von Atomen) oder Medizin (Berührung von Gewebestrukturen und Kreisläufen) bestätigen. Jaques Derrida hat daneben gezeigt, dass im Bedeutungsspektrum der Berührung ein Traditionsbestand der christlich-philosophischen Tradition des Abendlandes eingelagert ist. Dies betrifft z.B. Diskurse um Kontingenz (aus dem Lat. contingere widerfahren, berühren) oder die Frage, wie Gott mit der Welt und ihren Geschöpfen in Berührung kommen konnte. Weiter wird danach gefragt, wie die Berührung in sensomotorischen Systemen verstanden werden kann (z.B. taktile Wahrnehmung), die Berührung von Subjekten (z.B. Psychotraumata), in sozialen Ordnungen (z.B. Konventionen des Berührens) oder kulturellen Vergleichen (z.B. Berührung durch Geister in schamanischen Kulturen).

Im zweiten Teil wird ein theoretisches Fundament für einen weiten Berührungsbegriff erarbeitet. Aufbauend auf die Kategorie der »exzentrischen Positionalität« nach Helmuth Plessner werden Berührungen erarbeitet als Manifestationen der Grenzrealisierungen von lebendigen Körpern. Die berührungstheoretische Lesart von Plessner wird anschließend ausdifferenziert und erweitert durch eine Lektüre der Arbeiten von Gesa Lindemann und Hermann Schmitz. Die Arbeit leistet dabei einen wichtigen Beitrag zu praxis- und subjektivierungstheoretischen Debatten der letzten Jahre, in dem eine weitere bisher unbeachtete Theorietradition erschlossen und deren Anschlussfähigkeit aufgezeigt wird. Das zweite Kapitel synthetisiert die begrifflichen Werkzeuge zur Analyse von Berührungen in einem Konzept sozialer Praxis.

Im dritten Teil wird die Beschreibungssprache in eine Analytik der Berührung übersetzt und in Fallanalysen angewendet. Im Vordergrund steht dabei die Aufgabe, einzelne Dimensionen von Berührungen an Fallbeispielen zu erarbeiten und Vorschläge für eine erste Differenzierung von Berührungsformen oder -typen zu machen (z.B. Berührung durch eine bestimmte Art von Raumpräsenz bei Blicken, Gesten u.a.). Die Fallbeispiele werden eigenen Feldforschungen entnommen, sowie ergänzenden Materialien um die Themen Behinderung, Prostitution, Pflege und Medizin. Die Studie versteht sich dabei insgesamt als Arbeit eines Werkzeugmachers. Es werden nicht alle Arten und Weisen von Berührung deduktiv festgelegt, sondern Wege einer Analyse vorgeschlagen die vor einem offenen empirischen Horizont operiert. Welche Berührungen es gibt, muss in Abhängigkeit von den jeweils historisch-kulturell und feldspezifisch situierten Praktiken beantwortet werden. Diese methodologische Offenheit wird im zweiten Kapitel konzeptionell abgesichert. Die Beschreibungssprache erhält dadurch einen interdisziplinär anschlussfähigen Charakter. Die Analytik der Berührung kann vielfach aufgegriffen werden in historischen, soziologischen, philosophischen oder literaturwissenschaftlichen Arbeiten und dort weiter ausgearbeitet werden.

Im vierten Teil werden die Überlegungen der Studie zusammengeführt und aufgezeigt wie man Berührungsordnungen über einzelne Fallanalysen hinaus in den Blick bekommt. Die Analytik der Berührung eröffnet dabei viel mehr Varianten der Berührung als tatsächlich realisiert werden können. Dies ermöglicht am Ende der Arbeit einen gesellschaftstheoretischen Ausblick auf das Problem, wie durch De/Sensibilisierungen Berührungsordnungen stabilisiert oder verändert werden können, z.B. mit Blick darauf wie Privatsphären berührt werden oder nicht.

Weyvcbmaster1xhj (t.woeltjendx@uol.dcydx2ebq) (Stand: 21.08.2020)