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Eugen Zentner

Promotionsprojekt

Der hybride Autor. Subjektbildung und die Praktik der autofiktionalen Selbstinszenierung in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

1. Forschungsgegenstand und Erkenntnisinteresse

Selbstinszenierung gehört ebenso wie der versatile Umgang mit Verfahren der Subjektkonstitution seit jeher zum literarischen Geschäft. Gleichwohl wurde in jüngerer Zeit verstärkt darauf geachtet (vgl. Jürgensen / Kaiser 2011). Dafür sind u.a. zwei Ursachen maßgeblich: Zum einen wurde die Frage nach der Autorschaft in der Literaturwissenschaft neu gestellt und der Autor als literaturtheoretische und analytische Kategorie gleichsam rehabilitiert (vgl. Jannidis u. a. 1999; Detering 2002), zum anderen schärft die Eventisierung des Literaturbetriebs im Rahmen der Erlebnisgesellschaft den Blick für die Notwendigkeiten der Imagebildung, des Reputationsmanagements, der Präsentation des Autors als Aufmerksamkeitsattraktor in einem Medienbetrieb, der zur Personalisierung neigt. Für mein Projekt sind diese theorie- und kulturgeschichtlichen Entwicklungen von großer Bedeutung; ich werde mich aber auf einen Sonderfall der Autorinszenierung konzentrieren, der mir besonders symptomatisch für die Verfahren und für die Bedeutung von Subjektbildung in der Gegenwartskultur und –literatur zu sein scheint: auf die Inszenierung des Autors als Teil seines literarischen Werks. Literatur lässt auf diese Weise die Grenze zwischen Faction und Fiction fragwürdig werden und vermittelt eine gleichsam grenzwertige Authentizitätsanmutung, die für die aktuellen Medienverbünde charakteristisch ist (Vgl. Martus 2012). Juli Zeh beschreibt dies polemisch als "Etikettierung eines Literaturverständnisses, bei dem die Verwechslung von Erzählung und Erlebtem nicht Lapsus ist, sondern Programm" (Zeh 2006). Dieses Programm lässt sich z.B. in Burkhard Spinnens 2003 veröffentlichtem Werk Der schwarze Grat beobachten, in dem ein mittelständischer Unternehmer den Autor auf einer Hochzeit kennen lernt und die Verschriftlichung seiner schweren und abenteuerreichen Unternehmerlaufbahn in Auftrag gibt. Dabei entsteht zwischen ihnen eine Geschäftsbeziehung, in der beide den Text zu einem gemeinsamen Unternehmen machen und sich an dessen Produktion zu je 50 % beteiligen: Der Unternehmer liefert Informationen zu seiner Lebensgeschichte, der Autor verarbeitet sie zu einem Text. Darin liegt auch die Besonderheit des Werks, weshalb es als eine "Annäherung von Literatur und Wirtschaft" (Pott 2004, S. 207) rezipiert worden ist.

Entscheidend für mein Projekt ist, dass das Buch nicht eindeutig einem Genre zuzuordnen ist. Der sperrige Untertitel Die Geschichte des Unternehmers Walter Lindenmaier aus Laupheim deutet aber eher in Richtung Biografie, in der die Autorfigur auch die eigene schriftstellerische Arbeit zum Erzählgegenstand macht. Spinnen strukturiert Den schwarzen Grat also so, dass die Geschichte Walter Lindenmaiers als Binnenhandlung einer anderen erzählten Handlung fungiert, die die Entstehungsgeschichte des vorliegenden Werkes abbilden will. Dieser rahmende Erzählstrang ist aber insofern brisant, als eine Autorfigur 'Spinnen' - und somit der Autor selbst - über die eigene schriftstellerische Arbeit reflektiert und zudem bemerkt, dass er als Autor seinem 'Protagonisten' doch sehr ähnlich ist. "Im Prinzip, sage ich, bin ich ja auch Unternehmer. Ich stelle etwas her, auf eigene Verantwortung, und versuche es zu verkaufen" (S. 11 f.), heißt es gleich zu Beginn, und auf den folgenden Seiten häufen sich Ausführungen, in denen die Autorfigur Spinnen dem Leser veranschaulicht, mit welchen Aktivitäten und Tätigkeiten er im Prozess der Textproduktion konfrontiert wird. Kurzum, hier inszeniert sich eine Autorfigur als unternehmensanaloger Produzent des Geschriebenen, gleichsam als Unternehmer-Autor, der den Text als "mein Unternehmen" (S. 165) bezeichnet und sowohl Sprache als auch Sitten eines Unternehmers übernimmt: "Wir sind jetzt Partner. Jeder hält genau 50 Prozent an dem Unternehmen. Und alle Entscheidungen müssen mit Mehrheit gefällt werden." (S. 181) Damit erfindet der Autor in der Rahmenhandlung seines Buches einen besonderen Autorentyp, der das literarische Feld der Gegenwart in spezifischer Weise charakterisiert: einen, der die Aufmerksamkeit des Publikums auf die eigene Person lenken will, indem er seinem schriftstellerischen 'Selbst' ein Image verpasst, in dem Außergewöhnlichkeit und Unverwechselbarkeit als Eigenschaften hevortreten. Seine Besonderheit liegt dabei in der Amalgamierung des Schriftstellers mit einem Sozialtypus, der in der Tradition gern als sein sozialer Opponent verhandelt wurde, auch wenn dies immer schon eine Idealisierung gewesen sein mag.

Spinnens Der schwarze Grat steht damit für eine Praxis der literarischen Selbst-Inszenierung, in der sich ein Autor als einen ungewöhnlichen Schriftstellertyp stilisiert. Diese Praxis lässt sich auch in dem 2009 veröffentlichten Essayband Wovon ich schreibe von John von Düffel beobachten. Hier ist es jedoch ein Autor, der im Genre des Essays - also im Thetischen - als "Sportler-Autor" (S. 64) auftritt. Die Parallelen sind offensichtlich, denn genauso wie Spinnen, stilisiert auch von Düffel sich als ein ungewöhnlicher Schriftstellertyp, der in sich zwei traditionell eher unvereinbare Sozialtypen vereint. Den Gegensatz hebt von Düffel im Buch oft genug hervor: "Autoren und Sport, das geht nicht zusammen." (S. 17), "Die Liebe zum Sport und das Schreiben stehen aber [...] in einem starken Widerspruch." (S, 18); "Literatur und Sport sind unvereinbar, das lernt man schon in der Schule." (S. 41); "Das Bild des Sportlers ist und bleibt mit dem Dichterbild schwer zu vereinbaren." (S. 44) Wie 'Spinnen' setzt auch die Autorfigur 'von Düffel' auf den Effekt der Unverwechselbarkeit, wenn er in der Modellierung seines schriftstellerischen 'Selbst' den Autor aufgreift und zum "Sportler-Autor" umgestaltet. Mit der Wahl des "Sportlers" für die Fusion mit dem Autor findet zugleich der eigentliche aufmerksamkeitsökonomische Akt statt, weil sich der Sportler aufgrund seiner im Text oft hervorgehobenen Unvereinbarkeit mit dem Schriftsteller für eine effektvolle Differenzmarkierung anscheinend genauso gut eignet wie der Unternehmer im Fall von Spinnen. Dieser eigentümliche 'Selbst'-Entwurf, in dem sich jene aufmerksamkeitsökonomische Elemente offenbaren, ist somit als eine Reaktion auf die angesprochenen Notwendigkeiten der Imagebildung im Literaturbetrieb zu verstehen.

Den Werken Der schwarze Grat und Wovon ich schreibe möchte ich schließlich Rainald Goetz' Abfall für alle (1999) an die Seite stellen. Auch in diesem Werk lässt sich eine Autorfigur ausfindig machen, die die eigene schriftstellerische Arbeit thematisiert und sich dadurch als ungewöhnlicher Autorentyp in Szene setzt. Abfall für alle veranschaulicht eindringlich, wie die Autorfigur 'Goetz' sich selbst als eine Art "Diskurs-Manager" entwirft, der – genauso wie der 'Unternehmer'- und der 'Sportler'-Autor – permanent höchste Leistung erbringt, ständig intellektuell arbeitet, immer und überall rezeptionsästhetisch tätig ist und das Erlebte semiotisch deutet, verarbeitet, rekontextualisiert, kommentiert, weiterleitet und gerade diese nicht-verschriftlichten Leistungen des Schriftstellers als die eigentlichen und wesentlichen hervorhebt: "Schreiben kann man in zwei Stunden pro Tag natürlich wirklich mehr als genug. Aber das AUFNEHMEN von anderem, die Einsicht in das Gegebene, in die Natur der – entschuldigung – Schrift, den aktuellen Status des Wortsinns, des vom Gebrauch der Sprache dauernd neu bestimmten Sinnes von jedem Wort, das Lesen, Zuhören, Sprechen, und dauernde Kritzeln und quasi atmende Schreiben [...] das DAUERT einfach. DAS kostet die Zeit." (S. 52)

Ich möchte nun die genannten Werke auf einen Nenner bringen, indem ich in ihnen einen Zusammenhang zwischen Selbstinszenierungspraktik und Subjektbildung identifiziere: Allen ist gemeinsam, dass ein Texturheber im Erzählen von der eigenen schriftstellerischen Arbeit einen Selbst-Entwurf vorlegt, in dem er die historische Rolle des Autors als Künstlers mit seinem sozialen Antipoden vereint, sich somit als ein besonderer Autorentyp stilisiert und sich in dieser Praktik zum "Unternehmer seiner selbst" bildet. Das heißt aber auch, dass die Autoren in dieser Praktik eine bestehende Subjektform des Autors aufgreifen und jeweils in eigener Weise umformen. Der eine inszeniert sich als 'Unternehmer'-, der andere als 'Sportler'- und der dritte als 'Diskurs-Manager'- Autor. Am Ende entsteht in dem jeweiligen 'Selbst'-Entwurf ein 'hybrides Subjekt' im Sinne von Andreas Reckwitz, der 'Subjekt' "als kontingentes Produkt symbolischer Ordnungen" charakterisiert, "welche auf sehr spezifische Weise modellieren, was ein Subjekt ist, als was es sich versteht, wie es zu handeln, zu reden, sich zu bewegen hat, was es wollen kann" (Reckwitz 2006, S. 34) und diese symbolische Ordnungen "auf der Ebene sozialer Praktiken" (ebd., S. 35) verortet.

Fragt man nun nach den Ursachen der Selbstinszenierungspraktik und nach den darin enthaltenen kulturellen Codes, die sich als Sinnmuster umschreiben lassen, dann muss man kulturelle Kontexte eröffnen: So lässt sich feststellen, dass mit der Ausgestaltung des Literatursystems "immer mehr Anbieter kultureller Produkte auf den Marktplatz 'Kultur' drängen und miteinander um die rare Ressource Aufmerksamkeit konkurrieren" (Jürgensen 2011, S. 406). Aufmerksamkeit fungiert somit als eine ökonomische Größe (vgl. Franck 1998; Joch 2009), um die sich ein eigener Markt gebildet hat: der Aufmerksamkeitsmarkt. In diesem kulturellen und ökonomischen Kontext sind Autoren dazu gezwungen, ihre Differenz zu markieren, in der Hoffnung, diese knappe Ressource 'Aufmerksamkeit' zu erwerben. Dies bedeutet konkret, dass sie sich selbst vermarkten müssen, um ihre Differenz von der Konkurrenz auf dem Aufmerksamkeitsmarkt deutlich zum Ausdruck kommen zu lassen. Diese aus kulturellen Codes, Typisierungen und Reglements bestehende symbolische Ordnung des literarischen Feldes ist in der Praktik der literarischen 'Selbst'- Inszenierung verdichtet, sodass die Autorfiguren 'Spinnen', 'von Düffel' und 'Goetz' sich erst im Vollzug dieser Praxis zu Subjekten bilden. Freilich tun sie es auf eine jeweils andere Weise, folgen dabei aber immer den gleichen kulturellen Regeln des ökonomisierten literarischen Feldes.

Die historischen Gründe für diese Tendenzen liegen unter anderem in der neoliberalen Politik, die sich spätestens seit dem 20. Jahrhundert vor dem Hintergrund der Frage danach, wie die Gesellschaft am besten regiert werden kann, das Marktprinzip zum Vorbild nimmt. Diese Politik überlässt die Individuen gewissermaßen sich selbst, indem sie im sozialen Gefüge Minimärkte schafft, auf denen die Individuen sich im Konkurrenzkampf behaupten und hierfür auch selbst disziplinieren müssen. Im Zuge dieser Herrschaftslogik regieren die Individuen sich selbst, während der Staat seine Aktivität einschränkt (vgl. Bröckling et altri 2000). Diese im Marktprinzip verbürgte Eigenverantwortlichkeit greift auch der literarische Diskurs als Leitmotiv auf und nimmt Transformationen vor, die sich zum Beispiel in der angesprochenen 'Selbst'-Vermarktung innerhalb des literarischen Werks zeigen, womit das Werk selbst hinter die Person des Autors tritt. Mit der allgemeinen Durchsetzung dieses feldübergreifenden neoliberalen Programms – dessen Schlüsselbegriffe Wettkampffähigkeit, Leistungsbereitschaft und Selbstmanagement heißen – scheint sich der Aufmerksamkeitsmarkt als ein Minimarkt innerhalb des literarischen Felds etabliert zu haben. Kulturproduzenten greifen auf ein Regierungswissen zu, das Foucault mit dem Konzept der 'Selbsttechnologien' genauer beschrieben hat. Diese Selbsttechnologien sind es, die Individuen die Möglichkeit geben, „mit eigenen Mitteln bestimmte Operationen mit ihren Körpern, mit ihren Seelen, mit ihrer eigenen Lebensführung zu vollziehen, und zwar so, dass sie sich selber transformieren, sich selber modifizieren“ (Foucault zit. nach Bröckling et altri 2000, S. 28 f.).

Insofern stellt die Praktik der 'Selbst'-Inszenierung innerhalb des literarischen Felds einen Ort dar, an dem auch die feldübergreifenden neoliberalen Imperative ihre Kraft entfalten und das Handeln der Autoren reglementieren, womit diese zu einem Subjekt werden, das bei Foucault den Namen "Unternehmer seiner selbst" (Ders. 2004, S. 314), bei Bröckling "Das unternehmerische Selbst" (Ders. 2007) trägt. Nach Bröckling steht diese Bezeichnung "für ein Bündel aus Deutungsschemata, mit denen heute Menschen sich selbst und ihre Existenzweisen verstehen", und "aus normativen Anforderungen und Rollenangeboten, an denen sie ihr Tun und Lassen orientieren" (ebd., S. 7). Folgen also die Autorfiguren 'Spinnen', 'von Düffel' und 'Goetz' jenem neoliberalen Programm, indem sie Praktiken der 'Selbst'-Inszenierung vollziehen? Bilden, transformieren und modifizieren sie sich zu "Unternehmern ihrer selbst", eben weil sie in diesem neoliberalen Kontext eine den "normativen Forderungen entsprechende, anerkennende Form annehmen" (Alkemeyer et altri 2013, S. 18)? Finden derartige Selbsttransformationen und Selbstmodifizierungen – genauso wie die neoliberalen Codes – letztlich auch in den 'Subjekt'- bzw. 'Selbst-Entwürfen' ihren Niederschlag, die innerhalb der erwähnten literarischen Werke aufzufinden sind? Denn der in dem jeweiligen Entwurf eines hybriden Subjekts mit dem Autor amalgamierte Unternehmer bzw. Sportler bzw. DuskursManager ist ein Sozialtypus, bei dem Wettbewerbsfähigkeit, Selbstverantwortung und Selbstmanagement als Dispositionen stark ausgeprägt sind. Damit kann vorläufig die These aufgestellt werden, dass die neoliberalen Deutungsschemata in den jeweiligen 'Subjekt'- bzw. 'Selbst'-Entwürfen bei 'Spinnen', 'von Düffel' und 'Goetz' zum Tragen kommen. Indem aber diese Autorfiguren in ihren Werken jene neoliberalen Sinnmuster aufgreifen und sich "als 'mitspielfähig' zeigen" (Alkemeyer u. a. 2013, S. 18), bilden sie sich zu "Unternehmern ihrer selbst", gerade weil sie ihr "Selbst" den neoliberalen Imperativen entsprechend modellieren.

2. Forschungsstand und Einbettung des eigenen Projekts

In der kulturwissenschaftlichen Germanistik ist dieser Zusammenhang zwischen Subjekt-Bildung und neoliberalen Sinnmustern innerhalb von Inszenierungspraktiken nur am Rande berücksichtigt worden, obwohl das Thema der Autordarstellung und der damit verbundenen Praktiken der Inszenierung an Bedeutung gewonnen hat, sodass sich die Beiträge dazu seit Anfang des neuen Jahrtausends häufen. Einschlägig sind vor allem die Aufsatzsammlungen Autorinszenierungen (Künzel / Schönert 2007), Schriftsteller-Inszenierungen (Grimm / Schärf 2008), Schriftstellerische Inszenierungspraktiken – Typologie und Geschichte (Jürgensen / Kaiser 2011) und Medien der Autorschaft (Gisi et altri 2013), in denen Inszenierungspraktiken seit dem 18. Jahrhundert in den verschiedensten Paratexten und Medien analysiert werden. Dabei wird nicht in Frage gestellt, ob eine Selbstinszenierung überhaupt stattfindet – dass das der Fall ist, darüber ist man sich flächendeckend einig. Eher rückt das 'Wie' (vgl. Porombka 2007; Blumenkampf 2011 / Husemann 2011) und somit die 'lokale' und 'habituelle Dimension' (vgl. Jürgensen / Kaiser 2011) solcher Inszenierungspraktiken ins Zentrum des Forschungsinteresses, wobei diese in den meisten Fällen unter inszenierungstypologischer Perspektive untersucht werden. Oft geht man dabei so vor, dass man von einem ganz bestimmten Autor ausgeht, dessen unterschiedliche Inszenierungspraktiken in verschiedenen Paratexten analysiert und ihn am Ende auf dieser Grundlage als einen ganz bestimmten Inszenierungstyp charakterisiert, ohne dabei auf Subjekt-Bildungen und neoliberale Implikationen einzugehen, als wäre der Konkurrenzkampf um die knappe Ressource Aufmerksamkeit nur der größeren Zahl an Autoren in dem literarischen Feld geschuldet. Missachtet werden dabei aber die neoliberalen Imperative, die Selbstinszenierungen spätestens seit Ende der 90er eben auch beeinflussen.

An diese Ansätze knüpfe ich in meinem Dissertationsprojekt an, möchte jedoch die Perspektive wechseln und nicht von bestimmten Autoren bzw. von allen ihren Inszenierungsaktivitäten, sondern eher von Autorfiguren in ganz bestimmten Werken ausgehen – in denen also die 'Selbst'- Inszenierung als ein Teil des eigenen literarischen Werks fungiert – und dieses Verfahren als "Subjekt-Bildung" betrachten. Vor diesem Hintergrund stellen sich für die Dissertation vor allem die folgenden Leitfragen: erstens danach, weshalb in den jeweiligen 'Selbst'-Darstellungen solche Figuren wie der 'Unternehmer'-, der 'Sportler'- und der 'Diskurs-Manager' für die Modellierung des "Autor-Ichs" herangezogen werden und ob hier Elemente der "praktischen Aus- und Umgestaltung vorgefundener Subjektformen" (Alkemeyer u. a. 2013, S. 21) sichtbar werden; zweitens danach, welche neoliberalen Deutungsschemata sich in den jeweiligen 'Selbst'-Modellierungen finden lassen und wo die Eigenanteile an der eigenen Subjektwerdung liegen, drittens danach, ob die Autorfiguren gerade aufgrund dieser Eigenanteile sich zu "Unternehmern ihrer selbst" bilden.

Methodisch sollen die literarischen 'Selbst'-Inszenierungen zunächst daraufhin untersucht werden, wie die genannten Autoren sich in ihren Werken figurieren, mit welchen rhetorischen Mitteln sie dabei arbeiten und wie sie die 'Selbst'-Inszenierungen als Teil des literarischen Werks strukturell gestalten. Während die Analyse hier mit literaturwissenschaftlichen Mitteln und Begriffen wie "Figurierung", "Auto(r)fiktion" und "Erzählstruktur" erfolgt, soll im nächsten Schritt ein Begriffsinstrumentarium aus der Kultursoziologie zum Einsatz kommen, um die 'Selbst'- Inszenierung des Autors innerhalb des eigenen literarischen Werks als Verfahren der Subjekt- Bildung zu untersuchen. Als besonders wichtige Begriffe wären hier "soziales Feld" und "Subjektkultur" zu nennen, weil sie es erlauben, den Zusammenhang zwischen der Praktik der literarischen 'Selbst'-Inszenierung und Subjekt-Bildung auf verschiedenen Ebenen zu betrachten. Unter "sozialen Feldern" werden in der Kultursoziologie verschiedene gesellschaftliche Bereiche verstanden, in denen es eine eigene Logik und eigene Strukturen gibt, welche die sozialen Akteure in Bezug auf ihre Handlungsmöglichkeiten einschränken (vgl. Bourdieu 2001). Als "Subjektkultur" bezeichnet Andreas Reckwitz hingegen ein Geflecht von kulturellen Codes, in deren Anwendung Individuen erst eine Subjektform annehmen (vgl. Reckwitz. 2006). Damit stehen Instrumente bereit, die es erlauben, das literarische Feld im Hinblick auf die handlungsleitenden Strukturen und die Selbstinszenierungspraktik auf ihren Gehalt neoliberaler Codes zu analysieren. Auf dieser Grundlage kann im nächsten Schritt schließlich untersucht werden, inwiefern die genannten Autorfiguren sich zu Subjekten bilden und die Form des "Unternehmers seiner Selbst" annehmen.

3. Literaturliste

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Weweebmastervja/b (t.woeltjendh@uol1pv3.de) (Stand: 07.11.2019)