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Dr. Gerrit Vorjans

Promotionsprojekt

Von der »Torheit, wählerisch zu sterben«. Zur Funktion und Bedeutung von Suizidarten 
in Texten der deutschsprachigen Literatur um 1900

Die Selbsttötung als tragische Lösung literarischer Konflikte ist so alt wie die abendländische Literatur selbst. Wenig verwunderlich ist es also, dass sich auch die literaturwissenschaftliche Forschung des Suizidthemas bereits in verschiedenen Arbeiten angenommen hat. In all diesen Untersuchungen, die stets entweder die Ursachen oder die moralischen Bewertungen der Suizide in den Blick nehmen, bleibt indes ein Aspekt durchgängig unbeachtet: die Art und Weise der Selbsttötung.

Am Beispiel verschiedener literarischer Texte der deutschsprachigen Literatur zwischen 1880 und 1914 - einer Phase, in welcher das Suizidthema inner- wie außerliterarisch intensiv diskutiert wurde - soll die Produktion eines bestimmten kulturellen Wissens um die Art und Weise des Suizids untersucht werden. Wird in literarischen Texten möglicherweise ein bestimmter kultureller Code (mit-)erzeugt, der definiert, welche Suizidmethoden für welches Subjekt angemessen sind? Um dies herauszufinden wird konkret danach gefragt, wer sich unter welchen Umständen auf welche Weise das Leben nimmt. Um dieses "wer" bestimmen zu können, werden die suizidalen literarischen Figuren aus subjektivierungstheoretischer und sozialhistorischer Perspektive in den Blick genommen. Über eine Analyse der dargestellten Praktiken soll herausgearbeitet werden, welche historischen Subjektformen in den Figuren, die sich das Leben nehmen, repräsentiert werden. Die These lautet, dass ein Zusammenhang zwischen der Darstellung von Form und Verlauf der Subjektivierung der Suizidenten und den von ihnen gewählten Suizidmethoden besteht.

Indem dieser These nachgespürt wird, lassen sich möglicherweise existierende und über die Einzeltexte hinausgehende literarische oder gar gesamtkulturelle Muster feststellen, bei denen ähnliche Suizidfälle die gleiche Art und Weise der Selbsttötung hervorbringen. Allerdings ist es der Anspruch meiner Dissertation, nicht bei dem Aufspüren bloßer Ähnlichkeiten und Muster stehen zu bleiben. Besonders interessant sind vielmehr gerade diejenigen Texte, welche sich gegen die Einordnung in ein bestimmtes Muster sperren. Denn gerade in diesen Texten entfaltet sich das spezifische Potential von Literatur, über eine bloße Repräsentation der Wirklichkeit hinauszugehen, indem Subjektrepräsentationen und Suizidmethoden künstlerisch überformt werden. Diese künstlerischen Adaptionen des Suizidthemas mit in den Blick zu nehmen und auch nach den ästhetischen Funktionspotentialen von Suizidmethoden zu fragen, verspricht einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn der Arbeit.

Webmg3yaster (t.woeltjeccn@uol.de) (Stand: 07.11.2019)