Promotionsprojekt

Julia Noah Munier

Promotionsprojekt

Von Nazi-Vamps und Nazi-Camp¹. Sexualisierte Deutungsmuster von Nationalsozialismus und italienischem Faschismus als erinnerungskulturelle Praktiken der Subjektivierung

ABSTRACT

Im Rahmen meines Promotionsprojekts forsche ich zu sexualisierten Deutungsmustern von Nationalsozialismus und italienischem Faschismus im Kontext bundesdeutscher und italienischer Erinnerungskultur. Mein Materialkorpus umfasst vorwiegend filmische und literarische, retrospektive – also nach 1945 entstandene – Repräsentationen von Nationalsozialismus und italienischem Faschismus. In ihrer theoretisch-methodischen Ausrichtung auf „Praktiken der Bedeutungsproduktion“ (Hall 1997) und „Praktiken des Zu-Sehen-Gebens“ (Schade/Wenk 2011) steht diese Forschung in der Tradition poststrukturalistisch-semiotischer praxeologischer Ansätze.

Sexualisierte Deutungsmuster als Praktiken der Subjektivierung

Unter Deutungsmustern begreife ich verfestigte, in den jeweiligen Erinnerungskulturen wiederholt auftretende „Interpretationsangebote von Geschichte“ (Bollenbeck 1994). Im Kontext meiner Forschung von „Sexualisierten Deutungsmustern“ zu sprechen bedeutet, diese Deutungsmuster als „Interpretationsangebote von Geschichte“ zu verstehen, die im Speziellen durch Gender und Sexualität strukturiert sind (vgl. Eschebach/Jacobeit/Wenk 2002). Zu diesen sexualisierten Deutungsmustern zähle ich beispielsweise das Deutungsmuster des „Homosexuellen Nazis“, das des „Nazi-Vamps“, aber auch Figuren, die über die „Repression von Sexualität“ charakterisiert werden.

Sexualisierte Deutungsmuster leiten Wahrnehmung und Verstehen an. Sie wirken orientierend und motivieren Verhalten (vgl. ebd.). Zudem befördern sie – und dies ist die zentrale These der Forschung – Subjektbildungen von Medienrezipent_innen2. So gehe ich von der Annahme aus, dass im Rahmen der untersuchten erinnerungskulturellen Repräsentationen vermittels sexualisierter Deutungsmuster von Nationalsozialismus und italienischem Faschismus und ihrer Art und Weise der Inszenierung, spezifische Betrachter- und Subjektpositionen impliziert werden. Der Forschung liegt also die Annahme zugrunde, dass in die „Praktiken der Bedeutungsproduktion“ (Hall 1997) semiologisch analysierbare Subjektpositionen eingeschrieben sind.

Mich interessiert nun, wie diese in den Repräsentationen enthaltenen Subjektpositionen verknüpft sind mit implizierten sexuellen- und Gender-Positionierungen. Für den Untersuchungszeitraum der direkten Nachkriegszeit gehe ich von der Annahme aus, dass diese implizierten Gender-Positionen bipolar gegendert und heteronormativ sexualisiert sind. Diese Subjektbildungsangebote können sich beispielsweise um das Jahr 1968 verschieben.

Als zentrale „Agenten“ dieser Subjekt- und Genderpositionierung, die als Praktiken der Subjektivierung verstanden wird, fungieren die Körperrepräsentationen der Nazifiguren bzw. der italienisch-faschistischen Figuren (a), bildräumliche Rhetoriken des Zu-Sehen-Gebens der Nazifiguren bzw. der italienisch-faschistischen Figuren (b) und die Praktiken der Suture (c).  Diese fordern die Rezipient_innen auf  sich im praktischen Vollzug der Medienrezeption spezifisch zu verwickeln und befördern hierdurch ein mögliches „Einpassen“ in tradierte Subjektbildungsangebote.

Der Untersuchungszeitraum des Projekts konzentriert sich auf drei zeitliche Phasen: Die Nachkriegszeit, die Zeit um das Jahr 1968 und auf zeitgenössische Repräsentationen.

Anmerkungen:

1 Sontag, Susan (2006): Anmerkungen zu „Camp“: In: Ebd.: Kunst und Antikunst. 24 literarische Analysen. [im Orig. Against Interpretation, and other Essays übers. von Mark W. Rien] 8. Aufl. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verl., S. 322-341. (Orig. 1964).

2 Die Unterstrichform als Benennungsform dient dem Aufbrechen konventioneller bipolarer Gendervorstellungen (vgl. hierzu und zu ihrer weiteren Verwendung als kritische Sprachhandlung: Nduka-Agwu; Hornscheidt 2010).

Literatur:

Bollenbeck, Georg (1994): Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters. Frankfurt a. M.; Leipzig: Insel Verl.

Eschebach, Insa/Jacobeit, Sigrid/Wenk, Silke (Hg.) (2002): Gedächtnis und Geschlecht. Deutungsmuster in Darstellungen des nationalsozialistischen Genozids. Frankfurt; New York: Campus.

Hall, Stuart (1997): The Work of Representation. In: Ebd (Hg.): Representation. Cultural Representations and Signifying Practices. London: Sage Publications. S. 13-64.

Nduka-Agwu, Adibeli/Hornscheidt, Antje Lann (2010): Der Zusammenhang von Rassismus und Sprache. In: Ebd. (Hg.): Rassismus auf gut Deutsch. Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen. Brandes & Apsel. S. 11-49.

Schade, Sigrid/Wenk, Silke (2011): Studien zur visuellen Kultur. Einführung in ein transdisziplinäres Forschungsfeld. Bielefeld: Transcript.

 

 

 

(Stand: 21.08.2020)