Promotionsprojekt

Nils Baratella

Forschungsprojekt

Das kämpferische Subjekt. Der Kampf als Subtext moderner Subjektphilosophie und seine Aufführung im Boxring.

Abstract

In meinem Dissertationsprojekt begreife ich den Boxring als einen kulturell und historisch hervorgebrachten Ausnahmeraum, in dem ein ethisierter, ästhetisierter und reglementierter Kampf aufgeführt wird. Nicht um Gewalt geht es hier, sondern um einen Kampf. Die moderne Vorstellung, dass sich zwischenmenschliche Gewalt zivilisieren lasse, ist keine, die genuin im Sport entsteht.

Vielmehr steht diese Idee im Zentrum moderner Philosophie. Anhand zweier Autoren soll die Entwicklung dieser Idee nachgezeichnet werden: Hegel denkt einen konstruktiven, vergesellschaftenden und vereinheitlichenden „Kampf um Anerkennung“. Gegen diese Vereinheitlichung rebelliert Nietzsche. Bei ihm sollen lange unterdrückte Kräfte des Körperlichen als Gegenentwurf zur Unterwerfung durch Disziplinierung entfesselt werden. Beide Theorien können als entgegengesetzte Pole eines Diskurses betrachtet werden: Hegel will die Kämpfe rationalisieren und in Richtung vernünftigerer Verhältnisse führen. Nietzsche will durch Kampf und Gewalt einen kathartischen Reinigungsprozess einleiten.

Zudem rückt mit Nietzsche die Bedeutung des Körperlichen und seiner Aufführung in den Fokus philosophischen Interesses. Gemein ist beiden Theorien die heraklitische Idee des permanenten Werdens im Kampf. Sowohl bei Nietzsche als auch bei Hegel wird das Subjekt der Moderne als ein gespaltenes, zerrissenes, agonistisches Wesen verstanden, das sich in Kämpfen und Konflikten erzeugt. Dieses kämpferische Subjekt zeigt sich in vielfältigen Kulturerzeugnissen - ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts auch im Sport. Sportliche Aufführungen, und v.a. das Boxen, gewinnen mit der Jahrhundertwende zunehmend massenwirksame Bedeutung. So ist das Boxen ein Phänomen der (atlantischen) Moderne, deren Ideale, deren „Weltbild“ (Heidegger), es in einer sportlichen Inszenierung sichtbar macht: Nahezu gleiche Gegner treten gegeneinander an, um sich zu duellieren. Das Ergebnis gleicher Voraussetzungen ist jedoch größtmögliche Ungleichheit: Einer steht, der Andere liegt. Für diesen Kampf haben sich die Boxer geformt, hart an sich gearbeitet und ihr Leben diesem Ziel unterworfen. Die Wut und Aggression der kämpfenden Körper muss durch Regeln kontrolliert werden. Erst wenn die Kämpfer dieses Regelwerk inkorporiert haben, der Ethos des Sports ihre körperliche Praxis durchdringt, sind sie, was sie sein wollen, um die Anerkennung des Gegners und des Publikums gewinnen zu können: Das kämpferische Subjekt Boxer. Der faire Kampf als Ideal der Moderne tritt in vielfältigen Kulturerzeugnissen auf. Doch im Boxen wird es in besonders paradigmatischer körperlicher Weise aufgeführt. Kann dieses Ideal unter heutigen Bedingungen aufrechterhalten werden? Und hat es noch Gültigkeit?

(Stand: 21.08.2020)