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Hilbert Meyer:

ERSTE LEKTION, Abschnitt 4

Reflexionsübung zum Planungstypus

Eine meiner Studentinnen, Ulrike Schröder, brachte aus ihrem ersten Schulpraktikum folgenden Spruch mit zurück:

"Es gibt drei Sorten von Lehrern: Autodidakten, Türklinkendidaktiker und Hammertypen: Die Autodidakten bereiten sich im Auto auf der Fahrt zur Arbeit vor; die Türklinkendidaktiker, wenn sie die Türklinke des Klassenzimmers in die Hand nehmen; und die Hammertypen gehen in die Klasse und fragen: "Was ham'mer denn in der letzten Stunde gemacht?"1

Es ist wichtig, dass Sie sich klarmachen, welcher Planungstyp Sie sind. Zählen Sie sich eher zu den "Planungschaoten", die erst dann zu großer Form auflaufen, wenn sie während der Stunde improvisieren können? Oder gehören Sie zu den "Planungsfetischisten", die möglichst Minute für Minute im Vorhinein festgelegt haben wollen, weil dies Ihrem Sicherheitsbedürfnis entgegenkommt? Oder bewegen Sie sich irgendwo in der Mitte dieses Spannungsbogens? Ich bitte Sie, die folgende Beschreibung zweier Planungsextreme zu lesen und dann den eigenen Standort irgendwo dazwischen zu markieren.

1. Der „Sprung ins kalte Wasser“ – eine Zumutung?

Hannah, Oldenburger Lehramtsstudentin, hatte sich gründlich in einer Kleingruppe auf das Thema „Schülersozialisation“ vorbereitet und wollte nun in ihrem ersten Schulpraktikum Unterricht machen, der „irgendwie“ zu diesem Thema passen sollte. Aus Organisationsgründen erfuhr das Team erst zwei Tage vorher, in welche Schulklasse sie kommen würde – eine 8.Klasse eines Haupt-Realschulzentrums. Das Team entschied sich dann überstürzt, für die insgesamt sechswöchige Unterrichtseinheit das Thema ‘Freizeit’ zu wählen. Geplant war eine einwöchige Hospitationsphase, dann sollte es losgehen. Aber in der zweiten Stunde des zweiten Schultags kam der betreuende Lehrer zu dem Team und sagte: „Es würde ganz gut in unsere umgestellte Stundenplanung passen, wenn Ihr schon heute in der 5. Stunde Euer Thema den Schülern eurer Klasse vorstellt. Dann könnt ihr auch gleich sehen, welche Interessen die Schüler in puncto Freizeit haben und dann besser weiterplanen!“ Hannah berichtet:

Was interessiert euch denn?“

Ich hab’ mich dann bequatschen lassen, diese Stunde zu übernehmen. Ich hab’ mich vor die Klasse gestellt und uns als Team vorgestellt: „Wir sind Studenten von der Uni; ihr wisst ja auch schon, wie wir heißen. Wir wollen hier mit euch zusammen lernen und möglichst spannenden Unterricht machen. Als Thema haben wir uns ausgedacht: Freizeit! Was ihr so nachmittags macht; welche Freizeitmöglichkeiten ihr habt! Wir wollen auch ganz konkret mit euch etwas bauen oder sonst wie auf die Beine stellen! Wir können auch mal nachmittags zusammenkommen!“

Dann haben wir drei der Reihe nach den Schülern alles Mögliche über Freizeitaktivitäten erzählt, in denen wir uns auskannten. Dann war ich wieder dran mit dem schlichten Satz: „So, jetzt möchten wir, dass ihr erst mal in eure Gruppen geht und euch überlegt, was euch denn so am Thema Freizeit interessiert!’

Die Schüler reagierten dann leider anders auf unseren Impuls, als wir es uns gedacht hatten: Es gab ein allgemeines Chaos. Es war unklar, wer zu welcher Gruppe gehörte. Die Schüler liefen im Klassenzimmer herum und quatschten. Der betreuende Lehrer musste eingreifen, damit es wieder ruhig wurde.

Und dann kam mir der rettende Einfall: „So, ich mache euch einen Vorschlag! Bis morgen machen wir Studenten für euch eine Liste mit möglichen Unterrichtsthemen. Und Ihr müsst auch eine Liste mit Themen machen, die euch interessieren. Das ist Eure Hausaufgabe – ihr könnt aber auch schon jetzt damit anfangen!“

Das war wahrlich keine Musterstunde. Der Neugier-Kredit, den das Studententeam bei den Schülerinnen und Schülern gehabt haben dürfte, ist schon zum Teil verspielt; Der Anteil echter Lernzeit dieser Stunde (vgl. Meyer 2004, S. 39) war extrem niedrig. Der Lehrer musste eingreifen – dadurch wurde den Schülern gezeigt, dass die Studierenden nur mit geborgter Autorität arbeiten. Disziplinkonflikte in Stunden, in denen der Lehrer nicht anwesend ist, könnten die Folge sein.

Wer hat mehr Fehler gemacht: die Studenten oder der Lehrer?

  • Das Studententeam hatte sich fachlich gründlich, aber didaktisch-methodisch nur ungenau vorbereitet. Die Gruppenarbeit war nur angedacht, aber nicht zu ende geplant. Der Arbeitsauftrag war zu pauschal. Einfach nur die Frage zu stellen „Was interessiert euch denn?“ ist Pseudo-Schülerorientierung! Anweisungen zur Ergebnissicherung (z.B.: Herstellen einer Wandzeitung) waren schlicht vergessen.

  • Und der „rettende Einfall“, von dem die Studentin spricht, schafft zwar kurzfristig Ruhe (weil fast jede Schülerin und jeder Schüler dieser Alterslage froh ist, wenn er die Hausaufgaben schon während des Unterrichts machen kann), die Idee könnte sich aber in einen Bumerang verwandeln, weil die Schüler auf die Idee kommen könnten, dass man bei den Studenten nur lange genug undiszipliniert arbeiten muss, um die Schularbeiten schon während des Unterrichts beginnen zu können.

  • Die Hauptschuld trägt aber der Lehrer. Er hätte sich vor Beginn der Stunde vergewissern müssen, ob es dem Team gelungen ist, in zwei Stunden Vorbereitungszeit eine halbwegs vernünftige Planung hinzubekommen.

Die These, dass man ins Wasser geworfen werden müsse, um schwimmen zu lernen, ist Unfug! Ohne eine gründliche Klärung der Unterrichtsbedingungen, der Schülerinteressen und der eigenen Absichten stehen die Chancen, einen guten Start hinzulegen, schlecht!

2. Straffe Planung – die richtige Alternative?

Vom genauen Gegenteil handelt der nun folgende Bericht. Andreas F. studiert, wie es in schönem Studierendendeutsch heißt, „Politik und Geschichte auf Gymnasium“. Er hatte sich gründlich in das Thema „Lohn Preis-Spirale“ eingearbeitet und dann eine ebenso gründliche schriftliche Vorbereitung für seine erste Stunde gemacht.

Der Stundenentwurf enthielt nach seiner Auskunft sieben säuberlich operationalisier-te Lernziele.2 Jedem Lernziel war ebenso akkurat ein Lernschritt zugeordnet. Ein Arbeitsblatt war vervielfältigt, der Zeitbedarf für die einzelnen Unterrichtsschritte war mit dem betreuenden Lehrer abgesprochen worden. Andreas schreibt:

Der Sechzehn-Seiten-Spickzettel“

Meine erste Stunde? – Da darf ich gar nicht mehr dran denken! Ich hatte mir einen langen Fahrplan ausgearbeitet, so 16 Seiten lang. Mit einem Filzstift habe ich die wichtigsten Schritte rot unterstrichen, damit ich während der Stunde alles gut und schnell wiederfinden konnte. Während der Stunde musste ich dann immer wieder zum Lehrertisch gehen und die Seiten umblättern

Während der Stunde hatte ich das Gefühl: Das läuft ja ganz gut! Auch wenn ich fünf Minuten vor Stundenschluss fertig war.

Aber hinterher haben mich meine Kommilitonen fertig gemacht. Ich hätte die Schüler mit meinem Redeschwall förmlich erschlagen. Ich hätte fast die ganze Zeit nur mit zwei oder drei Schülern geredet. Und gerade als die Diskussion richtig losgegangen sei, hätte ich sie wieder abgewürgt, um mein Arbeitsblatt auszuteilen und mit der Einzelarbeit zu beginnen.

Mein Fazit aus diesen beiden Beispielen: Unterrichtsvorbereitung von Anfängern schafft – wenn’s gut geht – die Offenheit und Lernbereitschaft, um die Schüler während des Unterrichts ernst nehmen zu können; wenn’s schlecht läuft, schafft sie eine sklavische Abhängigkeit von der eigenen Planung, durch die ein flexibles Einbeziehen der Schüler verhindert wird. Die wünschenswerte Offenheit der Planung darf aber nicht mit Unverbindlichkeit verwechselt werden, und die lobenswerte Gründlichkeit nicht mit Pingeligkeit.

These: Die Kunst der rechten Vorbereitung besteht darin, Gründlichkeit und Offenheit miteinander auszubalancieren.

Das muss niemand gleich zu Beginn seiner Berufskarriere beherrschen, aber er bzw. sie sollte dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren.

3. Arbeitsauftrag

Ich bitte Sie, sich auf der im Kasten abgebildeten Meinungslinie zu positionieren. Wenn Sie dieses Buch in einem Seminar lesen, können Sie die Meinungslinie auch als virtuelle oder mit Kreppband geklebte Fußbodenlinie herstellen und sich auf der Linie platzieren. Die Methode wird in der nächsten Datei dieser HOMEPAGE erläutert. Der reflexionsförderliche Trick der Methode besteht darin, dass fast jeder, der sich durchgerungen hat einen bestimmten Platz auf der LInie einzunehmen, einen Erzähldrang entwickelt und den Beobachtern auf jeden Fall erläutern möchte, warum er hier und nicht anderswo steht.

Versuchen Sie bitte, sich auf der Meinungslinie mit den beiden Polen einzuordnen!

Bild

Meine Einschätzung vor Beginn des ersten Schulpraktikums:

Eher Chaot..............................................................................eher Fetischist

Meine Einschätzung nach Abschluss des ersten Schulpraktikums:

Eher Chaot............................................................................. eher Fetischist

Sie sollten Ihr erstes Praktikum nutzen, um sich Klarheit darüber zu verschaffen, welcher Planungstyp Sie sind. Und Sie sollten an sich arbeiten, wenn Sie dazu neigen, sich durch ungeschicktes Planen unnötige Schwierigkeiten bereiten.

Mein

Ihr

Hilbert Meyer

1 Das Uhrheberrecht für diesen Spruch hat Reinhold Miller, Wiesloch.

2 Als Operationalisierung bezeichnet man die Angabe der konkreten Operation, an der die Lernzielerreichung überprüft werden kann. Mehr auf dieser Homepage in den Zusätzen zur SIEBTEN LEKTION.

Webm8fihxaster: Bettina Meyeru2 (bettina.meyywja3er7of5t@uolybcdz.depcv) (Stand: 07.11.2019)