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Lehrer-Schüler-Relation – eine dialektische Deutung

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Hilbert Meyer:

VIERTE LEKTION, Abschnitt 3.3 (Seite 88 f.)

Diskussionsmaterial zur Lehr-Lern-Dialektik

Am 25.9.1998 war ich in Graz in einer der Schulen, die sich zum Schulverbund Graz-West zusammengeschlossen haben. Ich skizziere die ersten Minuten einer Unterrichtsstunde in der Oberstufe:

               Geschichtsunterricht in Klasse 7 (11. Jahrgang)

Es ist Schuljahrsbeginn. Die Schüler haben ein neues Schulbuch und beginnen auf Seite 1 mit der Lektüre. Thema: „Die soziale Frage in der Industriellen Revolution“.

Lehrer: Ich les Euch mal den zweiten Satz vor. Er lautet „Das Aufbegehren gegen die sozialen Ungerechtigkeiten war der entscheidende Teil der Revolution.“ - Stimmt das eigentlich?

Yasmin: Wenn’s im Buch steht, wird’s wohl stimmen.

Lehrer: Meint ihr wirklich? Ich finde: Erst die Beendigung der sozialen Ungerechtigkeiten wäre revolutionär gewesen.

Yasmin: Warum mussten wir uns das Buch kaufen, wenn gleich auf der ersten Seite solche Fehler drin stehen?

Lehrer: Ein schlechtes Lehrbuch ist ein gutes Lehrbuch. Ihr könnt lernen, kritisch damit umzugehen.

Yasmin: Aber das Anzweifeln des Buches ist doch noch kein Beweis für Kritikfähigkeit. Wenn alle Schüler wissen, dass Sie auf so etwas abfahren, sagt Ihnen auch der dümmste Schüler genau das, was Sie hören wollen!

So ist das im Unterricht: „Sei kritisch“, sagt der Lehrer – und Yasmin widerspricht ihm, weil sie verordnetes Kritisch-Sein nicht für wirklich kritisch hält. Aber indem sie den Erwartungen ihres Lehrers an dieser Stelle widerspricht, tut sie genau das, was er möchte: Sie ist kritisch.

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