Navigation

Kontakt

Hilbert Meyer:

ERSTE LEKTION, Abschnitt 3

(Seite 21-25 des LEITFADENS)
Download als PDF
 

Rezeptesammlung-Langfassung und Reflexionsaufgabe

Die nachfolgend abgedruckte Rezeptesammlung-Langfassung ist im Rahmen einer Vorlesung an der Universität Oldenburg im Wintersemester 1978/79 erstellt worden. Jeder Vorlesungsteilnehmer (Lehramtstudierende im 3. bis 9. Semester) wurde aufgefordert, auf einer Karteikarte ein Unterrichtsrezept zu notieren, das ihm selbst während seiner unterrichtspraktischen Ausbildung gegeben worden ist. Insgesamt wurden damals über 300 Rezepte benannt. Eine Zahl hinter dem Rezept gibt an, wie oft dieses Rezept so oder in ähnlicher Formulierung genannt wurde.

Dompteursregeln

1.1 Die Zügel am Anfang straff halten, damit man sie später lockern kann. (Dieses Rezept ist mit 21 Nennungen der Spitzenrenner dieses Katalogs.)

1.2 Einmal Laisser-faire – immer Laisser-faire!

1.3 Immer klarstellen, wer der Chef im Klassenraum ist! (3)

1.4 Als Lehrer sind Sie Meuteführer. Also nicht dumm bei den Schülern anbiedern!

1.5 Immer die ganze Klasse im Auge behalten! (3)

1.6 Jeder Schüler muss das Gefühl haben, ständig vom Lehrer beobachtet zu werden.

1.7 Lass Dir vor Beginn des Unterrichts vom Klassenlehrer den schlimmsten Störer nennen und „verkleinere“ ihn in der ersten Stunde! (3)

1.8 Zur Respektverschaffung gleich in der ersten Stunde ein voll zensiertes Diktat schreiben lassen.

1.9 Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!

1.10 Zur Rückgabe vorgesehene Klassenarbeiten sichtbar auf das Lehrerpult legen, aber erst am Ende der Stunde zurückgeben.

1.11 Zusammensitzende Störenfriede auseinandersetzen!

1.12 Einzelne Schüler herauspicken – nicht die ganze Klasse anbrüllen!

Ruhe und Ordnung

2.1 Wenn die Klasse unruhig ist, leiser reden oder ganz schweigen! (Mit 12 Nennungen ebenfalls eines der beliebtesten Rezepte!)

2.2 Erst dann mit dem Unterrichten beginnen, wenn alle Schüler ruhig geworden sind!

2.3 Soviel Tempo in den Unterricht bringen, dass die Schüler keine Zeit haben, Schwierigkeiten zu machen. (Dazu passt ein Zitat aus Frank McCourts Buch Tag und Nacht und auch im Sommer (Luchterhand 2006, S. 311: „Man muss die Schüler auf Trab halten, damit sie nicht zu denken anfangen.“)

2.4 Störungsquellen direkt ansprechen!

2.5 Bei Disziplinschwierigkeiten Arbeitsblätter bearbeiten lassen!

2.6 Wenn man den Schülern zu Beginn der Stunde sagt, dass sie alles, was sie nicht geschafft haben, als Hausaufgabe aufbekommen werden, arbeiten sie schneller!

Imagepflege des Lehrers

3.1 Schüler wollen unterhalten werden. Als Lehrer musst Du immer so etwas wie ein Klassenclown sein. (3) (Anmerkung eines Studenten: „Hätte ich das früher gewusst, wäre ich zum Zirkus gegangen, statt mich zu immatrikulieren!“)

3.2 Immer schön locker bleiben!

3.3 Schwächen dürfen ruhig mal eingestanden werden! (2)

3.4 Den Schülern gegenüber keine Unsicherheit zeigen!

3.5 Gut ist es immer, wenn man eine tiefere Stimme hat und ziemlich groß ist. Vor allem als Frau! (Dies ist natürlich kein Rezept, sondern eine – höchst fragwürdige – Tatsachenbehauptung.)

Klimapflege

4.1 In jeder Unterrichtsstunde wenigstens einmal kräftig lachen!

4.2 Die Schüler häufig loben! (3)

4.3 Betrachte Dich nicht nur als Stoffvermittler, sondern versuche, so gut es geht, auch auf die Schülerinteressen einzugehen.

4.4 Kein persönliches Loben oder Tadeln der Schüler, sondern Lob und Tadel immer an der inhaltlichen Arbeit festmachen!

4.5 Keinen Schüler vor der Klasse bloßstellen!

4.6 Die Zensuren der einzelnen Schüler möglichst nicht in der Klasse bekannt geben, damit sich der Konkurrenzkampf nicht unnötig verstärkt!

Raumregie

5.1 Während des Unterrichtens öfter mal den Standort wechseln! (6)

5.2 Schülern nie den Rücken zukehren! (3)

5.3 Keine „Wanderschaften“ in der Klasse durchführen! (2)

5.4 Wenn der Lehrer in einer Ecke des Klassenzimmers steht, hat er den besten Überblick.

5.5 Dem Schüler nicht über die Schulter gucken, wenn er etwas schreibt oder rechnet!

5.6 Ein Schüler, der steht, kann besser denken!

5.7 Die Schüler an der Wandseite nicht vergessen! (Es gibt empirische Evidenz: Viele Lehrer achten mehr auf die Schüler an der Fensterseite.)

Tafel und Kreide

6.1 Nicht zur Tafel, sondern zu den Schülern sprechen! (7)

6.2 Übersichtliches Tafelbild schaffen! (3)

6.3 Der Tafelanschrieb ist alles! Wenn der gut geplant ist, läuft auch die Stunde gut!

6.4 Möglichst farbige Kreide verwenden! (2)

6.5 Arbeitsaufträge immer an die Tafel schreiben!

6.6 An der Wandtafel dürfen keine Fehler stehen!

Gesprächstechniken

7.1 Schülerfragen an den Lehrer nicht selbst beantworten, sondern Gegenfragen stellen oder an andere Schüler zurückgeben. (7)

7.2 Lehrer Echo vermeiden. (5)

7.3 Laut und deutlich sprechen. (3)

7.4 Nicht mehrere Fragen auf einmal stellen. (2)

7.5 Keine W Fragen stellen.

7.6 Gestellte Fragen nicht selbst beantworten.

7.7 Schülerantworten, die besonders gut sind, vom Lehrer wiederholen lassen, um ihnen mehr Gewicht zu geben.

7.8 Keine Privatgespräche mit Schülern führen. (2)

Ökonomische Haushaltsführung

8.1 Keine Stunde ohne Methodenwechsel! (7)

8.2 Arbeitsaufträge so klar wie möglich formulieren! (4)

8.3 Erst den Arbeitsauftrag erläutern, dann die Arbeitsblätter an die Schüler verteilen! (3)

8.4 Die Schüler nicht mit Arbeitsblättern überfüttern! (2)

8.5 Nicht zuviel Stoff in die Einzelstunde packen!

8.6 Hausaufgaben immer gleich zu Stundenbeginn überprüfen (2)

8.7 Nicht in die Pause hinein unterrichten!

Reflexionsaufgabe

Wie ist es Ihnen bei der Lektüre dieser Rezeptesammlung ergangen? Finden Sie die Liste beherzigenswert? Oder wegen der vielfach falschen Generalisierungen einfach lächerlich? Lehnen Sie alle Rezepte ab oder nur die im ersten Block als „Dompteursregeln“ zusammengefassten Sprüche? Eine pauschale Beantwortung dieser Fragen ist wohl kaum möglich. Deshalb bitte ich Sie – im Interesse einer differenzierten Bewertung – , die folgenden drei Fragen zu beantworten:

1. Überfliegen Sie die Rezeptesammlung noch einmal und tragen Sie die Nummern von zwei oder drei Rezepten ein, die Sie für Ihre eigene Unterrichtsführung akzeptieren könnten. (Dabei gilt selbstverständlich, dass es für jede Regel auch eine Ausnahme gibt!)

Nummer ...........................................................

Ein Beispiel: Ich gehe davon aus, dass das sehr oft genannte Rezept Nr. 6.1 in allen Fällen beherzigenswert ist.

2. Tragen Sie zwei oder drei Beispiele für Rezepte ein, die Sie auf jeden Fall ablehnen!

Nummer ...........................................................

3. Tragen Sie zwei Rezepte ein, die sich auf jeden Fall widersprechen:

Nummer ...........................................................

Einige Rezepte schließen einander aus – sie können dennoch jedes für sich ihre Berechtigung haben. Denn sie waren ja an ganz bestimmte Oldenburger Studierende mit erkennbaren Kompetenzstärken und –schwächen gerichtet und für genau bestimmbare Unterrichtssituationen gedacht. Der Widerspruch ist „nur“ durch die nachfolgende Generalisierung entstanden.

Viele Rezepte sind unvollständig. Sie können dadurch schlichtweg falsch werden. Ein Beispiel liefert das beliebte Rezept Nr. 8.1: „Keine Stunde ohne Methodenwechsel.“ Aus der Perspektive der Theorie ist dieses Rezept auf jeden Fall falsch. Methodenentscheidungen müssen nämlich immer in Abhängigkeit zu den Ziel- und Inhaltsentscheidungen getroffen werden. Das ändert nichts an der Richtigkeit der Beobachtung, dass viele Berufsanfänger, aber auch viele Routiniers ihre Schüler durch Methodenmonotonie langweilen. In den meisten Rezepten fehlen diese Hinweise zu den Anwendungsbedingungen.

Es gibt auch Pseudo-Rezepte, bei denen der Rezeptgeber nur so tut, als ob er eine Handlungsmaxime formuliert hätte (z.B. Nr. 3.5).

Aus all dem folgt eine Klugheitsregel, die eigentlich selbstverständlich ist, die aber sicherheitshalber nochmals genannt sei:

These: Jedes Rezept muss vor der Verwendung auf seine Situationsangemessenheit überprüft werden!

Webmasr4ter: Betqcusotihqukmna Meyeozmklro4q (bettina.meykger@uokul.de) (Stand: 07.11.2019)