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Ein kurzes Plädoyer für die Tafel

Bernd Blasius, Institut für Chemie und Biologie des Meeres, Universität Oldenburg

 

Auch wenn mir als Modellierer die computergestützte Präsentationstechnik vertraut ist, habe ich mich in meinen Vorlesungen zur Modellierung Veranstaltung bewusst für die Nutzung des traditionellen Mediums der Tafel entschieden. Mir ist kein anderes Medium bekannt, dass eine nur ansatzweise vergleichbare dynamische Vermittlung komplexer Sachverhalte ermöglicht, vorausgesetzt es sind genügend Tafelfläche, bunte Kreide und Schwamm vorhanden und ein sorgfältig geplanter Einsatz der Tafel.

  • Dynamik: Die Tafel ermöglicht einen dynamischen Aufbau des Stoffes, bei dem komplexe Zusammenhänge sukzessiv durch den Dozenten konstruiert werden.

  • Irrwege: der Schwamm erlaubt es, Irrwege zu gehen, oder Vorschläge der Studierenden „on the spot“ auszuprobieren und erhöht damit die Interaktion Dozent–Studierende.

  • Fläche: Bei der Mathematischen Modellierung müssen oft längere logischen Zusammenhängen dargestellt werden. Dies wird durch die große zur Verfügung stehende Tafelfläche begünstigt. In den Hörsälen am ICBM stehen normalerweise zwei breite Tafeln zur Verfügung. Jede Tafel unterteile ich in drei bis vier nebeneinanderliegende Blöcke. Dies ergibt eine „Gesamtsichtfläche“ entsprechend dem Inhalt von etwa 6-8 PowerPoint Folien, die gleichzeitig sichtbar sind.

  • Struktur und Tafelbild: Diese Fläche wird dann wertvoll, wenn sie im Tafelbild sinnvoll eingesetzt wird. Dabei langt es nicht, den „Stoff“ einfach von links nach rechts „runterzuschreiben“, wischen wenn die Tafel voll ist, und dann wieder von vorne anfangen. Stattdessen bemühe ich mich um ein sorgfältig strukturiertes Tafelbild, bei dem Inhalte auf ganzen Tafelhälften die volle Dauer der Vorlesungsstunde nicht weggewischt werden und so zum Vergleich sichtbar bleiben.

  • Farbe: Das Tafelbild wird durch den Einsatz der Farbe bedeutend übersichtlicher. Ich setze bunte Kreide nur minimal, aber wohlüberlegt ein, vor allem in Skizzen. So können würden z.B. Skizzen mit mehreren Zustandsvariablen sehr schnell verwirrend und können durch die Farbe separiert werden.

  • Interaktiver Dialog zwischen Dozent und Studierenden: Um die Studierenden aktiv einzubeziehen stelle ich wiederholt Fragen, in denen die Studierenden zu selbständigen Vorschlägen für die weitere Entwicklung der Modelle angeregt werden, die normalerweise unmittelbar an der Tafel ausprobiert werden können. Diese sukzessive Entwicklung eines Algorithmus oder Modells bedarf eines Mediums, das dieses interaktiv möglich macht, und geht meiner Erfahrung nach nur mit der Tafel.

  • Die handgezeichnete Skizze In einer Zeit, in der die Studierenden andauernd mit „perfekten“ computerdargestellten Zeichnungen und Bildern konfrontiert sind möchte ich in meinen Vorlesungen den Wert der handgezeichneten Skizze hervorheben. Dies ist besonders wichtig im Forschungsalltag der Modellierung, der zu einem großen Teil im qualitativen Skizzieren von Abhängigkeiten besteht, die ja typischerweise in der Praxis gerade nicht durch präzise analytische Formeln vorgegeben sind. Um diese Fähigkeiten zu vermitteln, bietet sich die Tafel hervorragend an.

  • Geometrische Veranschaulichung bedeutet die Übersetzung abstrakter Zusammenhänge in einfache geometrische Formen und Linien (z.B. einen Fluss im Phasenraum). Diese setze ich systematisch als ein wesentliches Hilfsmittel ein, um die Prinzipien, die sich hinter den abstrakten Gleichungen verbergen, offenzulegen und begreifbar zu machen. Meine Erfahrung zeigt, dass dieser Einbezug des visuellen Vorstellungsvermögens entscheidend dazu beiträgt, die formale Abstraktionsebene der Mathematik „durchschaubar“ zu machen.

ICBM-Webmaster (Stand: 10.09.2018)