Projektdurchführende

Netzwerk der Kooperationsstellen in Niedersachsen und Bremen

Ansprechpartner*innen:
Kooperationsstelle Hochschule – Gewerkschaften

Dr. Uwe Kröcher: 

Dr.in Claudia Czycholl: 

Heike Wiese:         

Gewerkschaften in der Nachhaltigkeitsrevolution

mit Prof. Dr. Klaus Dörre (Universität Jena)

Die Veranstaltung am 22.2.2021 wurde vom Netzwerk der Kooperationsstellen Hochschulen-Gewerkschaften in Niedersachsen und Bremen in Kooperation mit der Niedersachsen Allianz für Nachhaltigkeit durchgeführt. Die Veranstaltung am 18.4.2021 wird in Kooperation mit dem Linken Forum Oldenburg durchgeführt.

Weitere Materialien zum Thema von Klaus Dörre

Eine vertiefende Auseinandersetzung über die Transformationskonflikte, denen Gewerkschaften gegenüberstehen, wird in dem im November 2020 erschienen Buch entwickelt: Klaus Dörre, Madeleine Holzschuh, Jakob Köster und Johanna Sittel (Hrsg.): Abschied von Kohle und Auto? Sozial-ökologische Transformationskonflikte um Energie und Mobilität. Verlag: Campus, Frankfurt 2020. (Leseprobe hier)

Im November 2020 hielt Klaus Dörre einen Online-Vortrag mit an schließender Diskussion an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt mit dem Titel: Solidarität und Gewerkschaften: Zwischen konservierender und transformierender Interessenpolitik, in dem er den universalistischen Charakter tradioneller Solidarität betonte ("Proletarier aller Länder vereinigt Euch"), die immer im Konflikt mit partikularen Interessen gestanden hat. Er entwickelt  die These, dass die sozialökologische Transformation eine Möglichkeit und gleichzeitig eine Notwendigkeit zur Aktualisierung dieses universalistischen Anspruches von Gewerkschaften sein kann und muss. Die Veranstaltung ist als Videomitschnittverfügbar.

In dem Artikel Die Gewerkschaften – progressive Akteure einer Nachhaltigkeitsrevolution? in der SPW (Sozialistische Politik & Wirtschaft), Heft 4/2019 entwickelt er den Begriff der "ökonomisch-ökologischen Zangenkrise", in der sich Gewerkschaften befinden und der sie nur entrinnen können, wenn sie sich zu transformierenden Akteuren im Bündnis mit der Umweltbewegung machen.

Diskussionsforum

Hier können eigene Beiträge, Fragen, Anmerkungen etc. gepostet werden. Sie werden nach einer formalen Prüfung an dieser Stelle strukturiert veröffentlicht. Von der Veröffentlichung ausgeschlossen sind Beiträge, die rechtswidrige Inhalte, sexistische, rassistische oder rechtsextreme Positionen oder sachfremde Bezüge beinhalten.

Beitrag von Ulrich Schachtschneider, Linkes Forum Oldenburg, zum Vorschlag der Wirtschafts- und Sozialräte

Beitrag von Birgit Buchrucker, Linkes Forum Oldenburg, zur verteilungspolitischen Dimension einer Nachhaltigkeitsrevolution

Beitrag von Helge Peters, Linkes Forum Oldenburg, zur Rolle von Gewerkschaften bei der Verteilungspolitik und der Demokratisierung der Wirtschaft

Beitrag von Achim Sohns, Linkes Forum Oldenburg, zur Stärkung der Machtbasis von Gewerkschaften

Diskussionsbeitrag zu Klaus Dörre: "Die Gewerkschaften – progressive Akteure einer Nachhaltigkeitsrevolution"

Der hoch interessante Text von Klaus Dörre hat einen blinden Fleck: Wenn er richtig feststellt, dass Gewerkschaften einen interventionistischen Staat benötigen, um soziale Regeln verbindlich durchsetzen zu können (weil durch die eingetretene Schwächung der Gewerkschaften der Weg über Tarifverträge wenig aussichtsreich ist), dann hätte näher dargestellt werden müssen, wie dieser interventionistische Staat agieren müsste und welche Rolle dabei die Gewerkschaften hätten.

Der Vorschlag der Wirtschafts- und Sozialräte ist nicht neu, aber trotzdem richtig, wenn er mit zivilgesellschaftliche Akteuren – wie Umweltverbänden – angereichert würde. Aber auch hier bleibt offen, welche Rechte diese Wirtschafts- und Sozialräte denn hätten.

Der notwendige sozial-ökologische Umbau der Gesellschaft erfordert andere Investitionsentscheidungen der Unternehmen ( z.B. bei der Konversion von Braunkohleabbau zu erneuerbaren Energien). Dieser Gedanke lenkt einen doch unmittelbar auf die Frage, wie es in einer kapitalistischen Gesellschaft, in der die Unternehmen ihre Investitionen nach den Gewinnerwartungen ausrichten, gelingen kann, darauf Einfluss zu nehmen, also zentral auf die Eigentumsfrage. Wenn wir gegenwärtig eine allseitige Verstaatlichung großer Unternehmen für unrealistisch oder auch für nicht zielführend halten, dann müssten meiner Ansicht nach mindestens staatliche Beteiligungen durchgesetzt werden, wobei die Wirtschafts- und Sozialräte dann an diese Staatsbeteiligungen angekoppelt ihre Machtposition hätten, soziale und ökologische Ziele durchsetzen zu können.* Diese Gremien wären als reine Beratungsinstanzen wirkungslos. Nur wenn sie in irgend einer Form mit Machtinstrumenten ausgestattet wären, könnten sie etwas durchsetzen.

von Hans-Henning Adler, Oldenburg
* vgl. zu Abschnitt in meinem Buch: Kapital-Macht wirksam bändigen VSA-Verlag 2020, S. 61

Bemerkungen zu Klaus Dörre: "Die Gewerkschaften – progressive Akteure einer Nachhaltigkeitsrevolution"

Klaus Dörre diagnostiziert einen Zangengriff auf die gewerkschaftliche Handlungsfähigkeit: bei der Durchsetzung ihrer Ziele befördere sie die ökologische Krise, ohne Durchsetzung ihrer Ziele befördere sie die Erosion ihrer Machtbasis durch Abwanderung der Mitglieder nach rechts. Als Lösung aus diesem Zangengriff schlägt er einen Lackmustest für gewerkschaftliche Forderungen vor, der auf den beiden Kriterien „wird der ökologische Ressourcenverbrauch reduziert“ und „wird die Lebensqualität der Mitglieder verbessert“ beruht.
Anschließen an diese Analyse entwickelt Klaus Dörre eine Reihe von Überlegungen, wie sich gewerkschaftliche Aktivität mit sozialen und ökologischen Initiativen vernetzen könnte, um Transformationen der Arbeit zu erreichen, die ökologisch vorteilhaft sind, aber für die Beschäftigten keine Einbußen darstellen. Diese Vorschläge sind sicherlich im positiven Sinne diskussionswürdig, wenn auch nicht immer ganz widerspruchsfrei.

1. Sie unterschätzen evtl. das Ausmaß der Divergenz, welches inzwischen in der postfordistischen Ökonomie an Arbeitsbedingungen erreicht ist und damit die Widersprüche „in der Klasse“. Mit einem durchschnittlichen Jahresgehalt von 67.000 Euro liegen Beschäftigte der deutschen Autoindustrie weit entfernt vom verfügbaren Einkommen einer Reinigungskraft oder eines Hartz-IV-Empfängers, werden aber von Klaus Dörre in einem Atemzug genannt. Beschäftigte der deutschen Autoindustrie dürften nach 25 bis 30 Jahren Vollzeitstelle und einer Erbschaft schnell an die Vermögensgrenzen geraten, wo die Credit Suisse die 1% reichsten Haushalte der Welt ansiedelt und die so ab 850.000,- Euro (incl. Wert des Eigenheims etc.) beginnt. Daraus folgt, dass beides in die Begründung gewerkschaftlichen Handels gehört: ideologisch-moralische Haltungen (z.B. als Scham und Sensibilität gegenüber Naturzerstörung und gesellschaftliche Ungerechtigkeit), die schon immer eine große Rolle in der linken Bewegung gespielt haben, ebenso wie interessensorientierte Begründung von Zielsetzungen, die sich mehr oder weniger unwillig einer ökologischen Notlage beugt und eher den Überlegungen von Klaus Dörre entsprechen.

2. Damit verbunden ist ein weiterer Punkt, nämlich die weitgehende Vernachlässigung der Frage nach der Selbstermächtigung abhängig Beschäftigter gegenüber ihrer Arbeits-, Kooperations- und Austauschverhältnisse mit der Natur. Klaus Dörre schlägt zwar in dieser Hinsicht vor, regionale oder auch bundesweite Gremien zu schaffen, die der staatlichen Investitionslenkung auf der Nachhaltigkeit als Verfassungsziel zuarbeiten. Allerdings bleibt dabei das erhöhte Risiko zur subjektiven Verformung (durch reelle Subsumtion der lebendigen Arbeit unter die Kapitalverwertung und fordistischen Klassenkompromiss) außerhalb seiner direkten Überlegungen, obwohl genau für die Braunkohleindustrie von ihm detailliert analysiert wird. Und auch die historische Tatsache, dass die kapitalistische Gesellschaft insofern einmalig ist, dass sie das Allgemeininteresse nur rückwirkend und anonym als Marktpreise repräsentiert und damit dem Besitzindividualismus auf die Spitze treibt, wird nicht wirklich tangiert.

Mal etwas provokativ formuliert, sollte man deshalb den Vorschlag von Kaus Dörre in folgender Weise ergänzen:
1) Der Natur werden Persönlichkeitsrechte mit Verfassungsrang eingeräumt, nicht nur der Nachhaltigkeit, so wie Dörre schreibt. Staaten wie Ecuador und Bolivien haben diese wichtigen Schritte gemacht
2) Ziel gewerkschaftlicher Intervention sollte - und zwar nicht nur für die Automobilproduktion - die Reduktion des Anteils der Arbeitszeit sein, die in der jeweiligen Produktion der Firmen verbraucht wird, mit komplementärer Steigerung der Arbeitszeit, die dafür verbraucht wird, - die Produktion humaner und kooperativer (d.h. weniger hierarchisch) zu gestalten, - über Verfahrensabläufe und Produkte nachzudenken, die ökologischer sind, - die individuellen instrumentellen und sozialen Fähigkeiten zu verbessern - für Care Aufgaben im individuell sozialen Umfeld. Die ersten drei Punkt kann man sich etwa analog zu Berufsschulunterricht vorstellen, aber eben nicht zur einfachen Berufsausbildung, sondern zur Entwicklung eines moralisch höherwertigen Austausch mit der Natur und untereinander. Durch eine Veränderung des Verhältnis zwischen notwendiger Arbeitszeit in der Produktion und freier Arbeitszeit neben ihr kommt es gleichzeitig zu einer Verringerung der Produktivität und zu einer Steigerung der ökologischen Nachhaltigkeit ihres Vollzugs und zu einer Vermeidung eines bloßen Konsumismus als zeitlichem Ausgleich für eine „ungefüllte“ Arbeitszeitverkürzung.
3) Gewerkschaften formulieren einen „politischen Lohnanteil“, der durch einen Common realisiert wird. Z.B. die Produktion von erneuerbarer Energie nicht in Form von privatwirtschaftlicher Akkumulation und Besitzausschluss, sondern komplett dezentral, als gemeinsames technologisches Projekt aller, mit intelligenten Netzwerk- und Verbrauchsstrukturen, als gemeinsame Arbeit der handwerklich-technischen und naturwissenschaftlichen Intelligenz. Zur Befriedigung eines Grundbedürfnisses, aber auch um Mobilität und Migration individuell und kollektiv ressourcenneutral aufrechterhalten zu können.
Wie in den anderen beiden Punkten stände auch hier die selbstreferentielle Verstärkung von Denk- und Verhaltensweisen im Mittelpunkt, die schon immer den Kern bzw. Lackmustest linker und solidarischer Bewegungen ausmachten: Freiheit, Gleichheit, Fürsorge und Kooperation

Hellmuth, Oldenburg

Anmerkungen zu: K. Dörre, Die Gewerkschaften – progressive Akteure in einer Nachhaltigkeitsrevolution? in: SPW, H.4/2019

Ich stimme darin überein, dass soziale und ökologische Zielsetzungen miteinander verbunden werden sollen und dass diese Verbindung durch Institutionen zu bewerkstelligen ist. Mir geht es jetzt um die Frage, wie die Institutionen diese Aufgabe bewerkstelligen sollen.

Ich sehe keine zu großen Schwierigkeiten, wenn es darum geht, dass ökologisch orientierte Institutionen soziale Ziele übernehmen. Eine große Mehrheit derjenigen, die sich für ökologische Ziele einsetzen, verstehen sich selbst als "Linke" und haben keine Problemen, soziale Ziele zu integrieren. Eine andere Frage ist aber, wie weit sie bereit sind zu gehen. Andererseits ist es auch kein Problem, wenn Teile der ökologischen Bewegung keine sozial fortschrittlichen Positionen vertreten.

Anders ist die Lage der Gewerkschaften. Hier möchte ich zwei Aspekte hervorheben:
1. Die Gewerkschaften sind Interessenvertreter der Lohnabhängigen.
2. In der Vergangenheit haben sich die Gewerkschaften auf die Erzielung hoher Löhne konzentriert und dabei oft andere, mögliche Ziele etwas vernachlässigt.

Dem entsprechend verstehen viele Lohnabhängigen die Gewerkschaften allein als Sicherung für hohe Löhne, was sich für die Gewerkschaften negativ auswirkt, denn in einem Land mit hohen Löhnen, wie der Bundesrepublik, wird eine solche Funktion nicht so hoch bewertet. Darüber hinaus gehen viele davon aus, dass die Sicherung der Lohnhöhe eine Aufgabe des Staates und weniger der Sozialakteure sei. Stellen Gewerkschaften unter diesen Bedingungen ökologische Forderungen, können diese sehr leicht als Angriff auf die eigene Arbeitsplatzsicherheit gesehen werden.

Die Vereinbarkeit von sozialen und ökologischen Zielen kann aber glaubwürdig werden, wenn die gewerkschaftliche Politik weniger auf die Lohnhöhe und mehr auf die Arbeitsbedingungen fokussiert ist. Dies gilt insbesondere für die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, - was mit einer Reduktion der Produktion von Gütern mit klimatisch negativen Auswirkungen einher gehen könnte.

Man darf diese Überlegungen nicht als ein Plädoyer für eine radikale Veränderung gewerkschaftlicher Strategien missverstehen.

1. Die bisherige Strategie hat sicherlich Interessen und Abhängigkeiten geschaffen, die berücksichtigt werden müssen.

2. Die Forderungen, für die ich plädiere, gehören schon heute zum Katalog des DGB; man müsste nur die Schwerpunkte etwas verlagern.

3. Wenn die Durchsetzung von ökologischen Zielen zu Arbeitsplatzverlusten führt, ist nicht gesichert, dass neue, ökologische Arbeitsplätze diesen Verlust quantitativ kompensieren. Hinzu kommt, dass auch nicht gesichert ist, dass die Personen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, die neuen Arbeitsplätze erhalten.

4. In der Bundesrepublik gibt es noch unerträgliche Armut, die im Kapitalismus leichter durch Wachstum als durch Umverteilung bekämpft werden kann

Carles Ossorio, Oldenburg

Stellungnahmen aus dem Kreis des "Linken Forums Oldenburg" zu Klaus Dörre: "Die Gewerkschaften – progressive Akteure einer Nachhaltigkeitsrevolution"

Das Linke Forum Oldenburg hat am 7.2.2021 den Text von Klaus Dörre in der SPW diskutiert und einige Mitdiskutanten haben dazu Stellungnahmen verfasst, die zur Debatte über die Rolle von Gewerkschaften in der sozial-ökologischen Transformation interessante Anregungen geben.

Stellungnahmen aus dem Kreis des Linken Forums Oldenburg

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(Stand: 09.06.2021)