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Promotionsprojekt

Corinna Schmechel

Projektskizze

Körpergefühlsräume. Queere Fitnessgruppen als affektive Transformationsräume – Normen, Empowerment und das Verhältnis zu sich selbst (Arbeitstitel)

Einführung

Der Begriff Fitness bezeichnet sowohl eine Sportpraxis – man macht Fitness, wie Andere Karate oder Fußball – als auch einen körperlichen Zustand; man ist fit oder nicht, oder auch mehr oder weniger fit als Andere. Darin drückt sich bereits die Spezifik dieses Sports aus: Der Körper im Fitnesssport ist nicht das Werkzeug zur Ausübung einer Tätigkeit – eines Spiels, Tanzes oder Kampfes – welches dafür möglicherweise einen bestimmten athletischen Zustand benötigt, sondern der athletisch-fitte Körper an sich ist Selbstzweck seines Trainings. Fitness machen kann damit durchaus auch als Tätigkeit der Herstellung eines Produkts, eben des körperlichen Zustandes, verstanden werden.

Diskursanalytische (bspw. Duttweiler 2004) und makrosoziologische (z.B. Baumann 2005) Betrachtungen des Phänomens Fitnesssport ordnen es als wertorientierte Körper- und Selbstoptimierung im Modus der warenförmigen Konsumpraktik ein; die Formung des Körpers ist ungleich verteilte Möglichkeit und zugleich von allen erwartete Pflicht im Paradigma neoliberaler Eigenverantwortung. Mikrosoziologisch orientierte empirische Studien zu Fitnesssport verweisen vielfach auf die Persistenz binärer Geschlechterrollen in den ausgeführten Praktiken, den leitenden Idealen und Motiven der Akteur_Innen und der räumlichen Aufteilung von Fitnessstudios (Sobiech 2004, Degele/Sobiech 2007, Graf 2012).

Forschungsfeld

Im Gegensatz zu allen bisher genannten empirischen Untersuchungen forsche ich nicht in kommerziellen Fitnessstudios, sondern in Sporträumen, welche sich z.T. sehr explizit von Fitnessstudios abgrenzen und sich selbst (durch Werbetexte und/oder Teilnehmende) als „queer“ definieren. Gemeinhin ist mit „queer“ ein Widerspruch zur gesellschaftlich vorherrschenden heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit gemeint, oft aber auch eine grundlegende Ablehnung körpergebundener Identitätszuschreibungen per se, über Kategorien von Geschlecht und Sexualität hinaus. Die inhaltliche Definition des Begriffs, und entsprechende praktische Auslegungen sind im Feld variabel und umkämpft (siehe z.B. Jagose 2001, Butler 2014: 310ff). Meine Forschungsperspektive sieht den Begriff als eine Art Platzhalter oder leeren Signifikanten (siehe Laclau 2010). Entsprechende Kämpfe und Aushandlungen über seine ‚Füllung‘ und praktische Auslebung stellen einen Teil der Fragestellung der Untersuchung dar. Denn entsprechend des praxeologisch-sozialkonstruktivistischen Ansatzes der Arbeit, wird die Queerness des Feldes nicht als eigenschaftlich, sondern als Produkt kollektiver praktischer Herstellungsprozesse - bspw. Organisation der Umkleiden, Trainingspraxen und nicht zuletzt das Führen von Diskursen (z.B. um Körpernormen) - gesehen.

Theoretischer Bezug und Fragestellung

Die Arbeit sieht, im Kanon mit der bisherigen sozialwissenschaftlichen Betrachtung des Themas, Fitnesssportpraktiken als Selbsttechnologien im foucaultschen Sinne (Foucault 2012: 18), also als Praktiken der Subjektivierung an, die damit der Ambivalenz der Subjektivierung unterliegen. Diese besteht darin, dass das Subjekt stets unterworfen und ermächtigt zugleich ist (Foucault 1999) und Handlungsfähigkeit nur durch Unterwerfung unter bestehende Normen erhält, diese Handlungsfähigkeit aber dadurch mitnichten determiniert wird (Butler 2013). Die vorliegende Arbeit ist ein Beitrag zur praxeologischen Subjektivierungsforschung (z.B. Alkemeyer/Buschmann  2016), die danach fragt, wie konkrete Akteur_Innen praktisch mit dieser Ambivalenz umgehen, zugleich Subjekt im Sinne der selbstbewussten handelnden Instanz als auch Subjekt im Sinne der lateinischen Bedeutung als Unterworfenes zu sein (Foucault 1999: 166) und sich durch diesen Umgang als konkrete (hier als queere) Subjekte hervorbringen. Wie werden die Freiheit zur Selbstgestaltung, hier konkret der körperlichen Selbstgestaltung, und die gleichzeitige Einbindung dieser in normative und machtvolle Dispositive, die wiederum diese Selbstgestaltung erst ermöglichen, erlebt und lebbar gemacht?

Denn bietet die Losung der Formbarkeit des eigenen Körpers nicht auch das Potential zur Dekonstruktion essentialistischer bspw. zweigeschlechtlicher Körperkonzepte? Wie kann eine empirisch informierte Analyse körperformender Praktiken aussehen, die nicht nur die ‚eigentliche‘ Unterdrückung betont, die in der ‚angeblichen‘ Freiheit liegt, sondern ebenso die Ermächtigungseffekte ernst nimmt, die entsprechende Praxen bedeuten bzw. die Tatsache, dass beides konstitutiv zusammenhängt (vgl. Villa 2017)? Diese Fragen bilden den Ausgangspunkt der explorativen ethnografischen Studie.

Forschungsschwerpunkt ist dabei die Konzeptualisierung und praktische Verhandlung von körperbezogener Normativität. Aushandlungen dazu sind im Feld virulent, was aus der Spannung zu erklären ist, die sich schon in der Begriffspaarung Queerness und Fitness aufzeigt. Zielt Ersteres auf eine Infragestellung und Ablehnung starrer Kategorien und eine Umkehrung oder Auflösung bestehender Ordnungen, beschreibt Letzteres eine Form der Tauglichkeit und Einpassung (von Körpern) unter gegebenen Umständen. Es stoßen im konkreten Feld verschiedene Wertesysteme aufeinander: einerseits die einer anti-normativen Queerness - als der Anspruch, möglichst neben Geschlechternormen auch eine Hierarchisierung von Körperlichkeit entlang der Leistungsfähigkeit und Fett- oder Muskelanteile zu vermeiden - und anderseits die Logik des Fitnesssports, welcher genuin körper- und leistungsnormativ erscheint. Aus der Intention queere Trainingsräume zu schaffen, ergeben sich daher spezifische Diskurse und Spannungen.

Die Schaffungsprozesse dieser spezifischen Räume - im Sinne eines relationalen Raumverständnisses (Löw 2015, Schroer 2012, in Bezug auf queere Raumbildung Schuster 2010) gedacht - und die damit verbundenen permanenten Aushandlungen werden als konkretes Beispiel des praktischen Ambivalenzmanagements eingeordnet; als praktische Aushandlung um die Freiheitsgewinne und Unterwerfungen in der körperlichen Selbstgestaltung. Solches Ambivalenzmanagement wird in bisheriger Forschung zum Thema stets als intrasubjektiver Prozess oder als gesellschaftlicher Diskurs, nicht aber als geteilte Praxis betrachtet. So war auch die Ausrichtung dieser Untersuchung anfangs primär auf die Bedeutung der körperformenden Sportpraxen für jeweils individuell gedachte Subjekte gerichtet, fragte also danach wie einzelne Akteur_Innen im Feld benannte Ambivalenz für sich aushandeln. Doch stellte sich während der Arbeit bald heraus, dass dies im beforschten Feld weniger als jeweils intrasubjektiver sondern vielmehr als kollektiver Verhandlungsprozess auftritt. Dieser ist nicht zuletzt auch als Teil der Kämpfe um die paradoxe Idee queerer Identifikation zu sehen – paradox, weil ein Grundelement der Definition von „queer“ eine Abkehr von starren Kategorien der Identitätspolitik darstellt, gleichsam aber eine queere Gemeinschaft, die queere Räume und Praktiken erschafft und ermöglicht, eine Vorstellung davon braucht, was queer – queere Räume, queere Praxen, queeres Sein - bedeuten soll und somit in Strukturen und Problemen identitätspolitischer Bewegungen und Kämpfe steckt (vgl. Hark 1999).

Ein weiteres Verlaufsergebnis aus dem Forschungsprozess ist eine Ausrichtung der Analyseoptik auf affekttheoretische, emotionssoziologische Ansätze. Demnach liegt dem Fitness-Begriff ein promise of happiness (Ahmed 2010a) mit dem eigenen Körper als happy object (Ahmed 2010b) zugrunde. Dies ist eingebunden in ein historisch verortbares (vgl. Sarasin 2001, Foucault 2012) Gefühlsregime (Maihofer 2014, vgl. Gefühlsnormen/feeling rules in Hochschild 1990), welches grundsätzlich ein bewusstes und sorgendes (vgl. Foucault 2012) Verhältnis zum eigenen Körper normativ setzt und anhand hegemonialer Vorstellungen von Geschlecht, Körper und Schönheit bestimmte Körper als happy und andere als unhappy konzipiert. Köpernormen (Normen in Bezug auf Aussehen, Beschaffenheit und Leistungsfähigkeit des Körpers) sind damit immer auch Gefühlsnormen, also Vorgaben dazu, mit welchem Körper sich gut gefühlt, welche Körper begehrt und als schön empfunden werden können und sollen und welchen ein generelles Glücksversprechen anhaftet, und auch welche Schmerzen und Mühen wofür in Kauf zu nehmen sind (vgl. Degele 2008).

So wie Yv E. Nay Heteronormativität als „eine affektiv angeleitete Sehnsucht nach einer Existenzweise, die in ihrer vermeintlichen formalen Einfachheit die aufreibende Arbeit der Reproduktion von Leben zu mindern verspricht.“ (Nay 2015: 60) fungiert das normative Ideal des fitten Körpers als affektiv angeleitete Sehnsucht nach einer Existenzweise, in welcher die stetig aufreibende permanente Aufgabe der Gestaltung eines Verhältnisses zu sich selbst (und darin eingeschrieben zum eigenen Körper) ein für alle Mal zufriedenstellend gelöst erscheint. Als Zielsetzung queerer Fitnesskultur wird oft formuliert, „body-shaming“, „Schulsporttrauma“ und „Turnhallenphobie“ zu überwinden und in einem „Schutzraum/Safe(r) Space“ zu einem „besseren Körpergefühl“ (in vivo, Interviews und Werbematerialien) zu kommen. Damit schließt sie an die Tradition feministischer Sportkultur an, aus der sie auch strukturell wie politisch - wenn auch mitnichten bruchlos - erwächst und deren zentrale Forderungen der „Aneignung“ des eigenen Körpers (vgl. Villa 2008) auch als Bemühen um einen Wandel im affektiven Bezug auf den eigenen Körper gefasst werden kann und welche damit ebendieses Gefühl für und im eigenen Körper ins Feld des Politischen holte.

(Queere) Fitnesstrainings werden hier daher in einer Verknüpfung aus raum- und affekt/emotionssoziologischen Ansätzen (vgl. Gammerl/Herrn 2015) als affektive Transformationsräume (vgl. Spahn et al. 2017:17/Baumann in Spahn et al: 151) konzipiert. Das Erreichen eines positiven Bezugs auf den eignen Körper wird als Element einer Selbstbildung als affektiv autonom von äußeren normativen Anforderungen gedeutet, was auch in vivo nicht selten als „Arbeit an sich selbst“ konzipiert wird. Damit eröffnen sich emotionssoziologische Perspektiven auf Fragen der affektiven /emotionalen Arbeit spezifisch im Kontext der reflexiven Selbstbezugnahme. Der analytische Blick richtet sich damit weniger auf die Körpernormen, als auf die Körpergefühlsnormen, welche die beobachteten Räume und Praktiken strukturieren.

Methodisches Vorgehen

Die Feldforschung ist inzwischen abgeschlossen. Sie bestand aus Teilnehmenden Beobachtungen in drei Gruppen, die sich über zwei Jahre erstreckten. Dazu kamen Beobachtungen bei einzelnen öffentlichen Veranstaltungen, und dreizehn begleitenden problemzentrierten Interviews mit Teilnehmenden bzw. auch zwei explizit Nicht-Teilnehmenden der betrachteten queeren Sporträume. Die eigenen Beobachtungen wurden so mit Interviewergebnissen ergänzt und abgeglichen, gleichsam werden die Interviewinhalte auch einem „Lackmustest“ der Beobachtung unterzogen (Reckwitz 2008: 197). Der Forschungsprozess verlief im Sinne der Grounded-Theory zirkulär (Glaser/Strauss 1998), d.h. Datenerhebung und Auswertung folgten nicht in abgetrennten Phasen aufeinander, sondern abwechselnd und z.T. überlappend. Dies erleichtert den Wechsel zwischen Beobachter_Innen- und Teilnehmendenperspektive, welcher notwendig ist, um den Blick einerseits auf die Mikropraktiken im Feld zu fokussieren, ohne die Verortung dieser in gesamtgesellschaftliche Gefüge aus den Augen und die eigene Forschungsperspektive in der Logik des Feldes zu verlieren. Auch wird die Selbstreflexion als Forscherin durch diesen regelmäßigen Perspektivwechsel begünstigt.

 

Webu9jmastertkh (martin.bues7d0tlerd8rmz@ux3p6mol.diaa0ejf) (Stand: 07.11.2019)