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Sebastian Pforr
Sebastian Pforr

Forschungsvorhaben

Wissensgovernance – Die moralökonomische Steuerung von Wissen

Die Dissertation geht der Frage nach, auf welchen ökonomischen und organisationstheoretischen Annahmen ein werteorientiertes Wissensgovernancesystem konzeptionell basieren kann, so dass implizites Wissen als ökonomische Ressource für innovative Prozesse nutzbar gemacht werden kann.

Ein weithin akzeptiertes Paradigma makroökonomischer Forschung ist, dass ökonomisch weit entwickelte Staaten oder Wirtschaftsräume gegenwärtig und zukünftig verstärkt nicht mehr in den klassischen Sektoren der (industriellen) Güterproduktion ihre Wohlstandsgewinne generieren können. Unlängst hat sich eine neue Form der internationalen Arbeitsteilung herauskristallisiert, in der die klassische Güterproduktion durch aufstrebende Wirtschaftsräume verstärkt übernommen wird und hoch entwickelte Wirtschaftsräume diese Erodierung durch die Produktion innovativer, wissensbasierter Güter und Dienstleistungen substituieren müssen. Neben der ökonomisch gebotenen Notwendigkeit zur Umstellung des Arbeitshabitus dringen zugleich globale soziale und ökologische Frage- und Aufgabenstellungen auf innovative, wissensbasierte Lösungen und Anwendungen.

In diesem Kontext nimmt Wissen – und gerade implizites Wissen (tacit knowledge) – eine zentrale Stellung ein. Es liefert den Input bzw. ist selber der Grundstoff zur Erzeugung des notwendigen Fortschritts, der Erfindung und Innovation. Implizites individuelles und organisationales Wissen wird als schwer imitierbare und transferierbare Ressource zur Grundlage des dauerhaften Wettbewerbsvorteils. Dass sich Organisationen der Wirtschaft daher proaktiv mit Wissen ausein-andersetzen, ist nicht nur verständlich und essentiell, sondern auch opportun.

Als Arbeitsdefinition wollen wir in diesem Forschungsvorhaben Wissen als ein Produkt verstehen, das zum größten Teil in sozialen Interaktionen entsteht bzw. als sozialer Prozess an sich, kurzum: als Kooperationsprodukt. Die Wissensentstehung, -nutzung und -verteilung stellt infolgedessen auch immer auf die Verhaltensdisposition der an diesem Prozess beteiligten Personen ab.

In der Dissertation sollen daher Strukturen und Wege untersucht werden, die es ermöglichen, implizites Wissen in und für Organisationen verfügbar zu machen, also in die Organisation „einzuschleusen“, ohne es dabei zu zerstören. In diesem Zusammenhang scheint der Gedanke zu kurz gegriffen, implizites Wissen mit Hilfe von Managementprozessen, die mit verdünnten Verfügungsrechtsstrukturen konfrontiert sind, in und für Organisationen verfügbar, steuer- und kontrollierbar und so zu explizitem Wissen zu machen. Intendiert das Management von Wissen über die Explizierung des impliziten Wissens auf die Erhöhung von Skalenerträgen (gesteigerte Effizienz durch vermehrte Nutzung und Anwendung des einst stillschweigenden Wissens), so schafft es gerade dadurch die Möglichkeit der Imitierbarkeit des impliziten Wissens durch Wettbewerber. Von nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen kann in diesem Zusammenhang nicht mehr gesprochen werden (vgl. Coff, Coff & Eastvold 2006). Des Weiteren weist bereits Polanyi (1985), auf den der Begriff des impliziten Wissens zurückgeht, sehr früh darauf hin, dass die Beseitigung aller persönlichen Elemente des Wissens „de facto auf die Zerstörung allen Wissens hinauslaufen würde“ (S. 27). Die „Einfühlung, Verinnerlichung“, so Polanyi (S. 25), welche Fähigkeiten und Kenntnisse Wissen zu implizitem Wissen, kurz gesagt zur Kennerschaft (vgl. Wieland 2004) machen, gehen häufig verloren bei dem Versuch, es zu explizieren.

Von Interesse sind daher im Kontext der Wissensentstehung, -nutzung und -verteilung nicht nur Entscheidungen in Institutionen (choices within rules), sondern gerade auch Entscheidungen über Institutionen (choices of rules). Vertragstheoretisch rekonstruiert stellt eine Organisation die Übereinkunft individueller Ressourcenbesitzer auf bestimmte Handlungsbeschränkungen und
-ermöglichungen (formale und informale Institutionen) zur Erwirtschaftung von Kooperationsrenten dar. Erst innerhalb der Form der Organisation kann der Prozess der Organisation verhandelt und durchgeführt werden. Das heißt, dass das konstitutionelle Setting einer Organisation entscheidend auf die Verhandlung und Durchführung distinkter Transaktionen Einfluss nimmt.

Die effiziente Steuerung von Wissen innerhalb von Organisationen hängt folglich nicht nur von personalen Tugenden ab, sondern wird in entscheidendem Maße durch das organisationale Setting formaler und informaler Institutionen bestimmt. Als Matrix formaler und informaler Institutionen beschreibt der Governancebegriff die Integration und Interaktion dieser Constraints im Hinblick auf Adaptivität, das heißt Rekursivität und Reflexivität von Strukturen als Steuerungsproblem (vgl. Wieland 1999). Analyseobjekt ist in dem Forschungsvorhaben daher zum einen der kollektive Akteur „Organisation“ mit seinen Governancestrukturen und zum anderen die Transaktion, die mit kulturellen und moralischen Dimensionen aufgeladen sein kann.

Im Rahmen der Erarbeitung der organisationstheoretischen und moralökonomischen Argumentation einer Wissensgovernance wird die Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff eine entscheidende Rolle spielen. Bestärkt wird diese durch die Tatsache, dass für den Zugang zu Wissen primär die kulturellen Settings und Werte im Vergleich zu dem individuellen Wissensniveau ausschlaggebend sind (vgl. u.a. Wildavesky & Dake 1990). Kultur als ein Teil von Governancestrukturen prägt und ebnet den Umgang mit Wissen und ist daher von großer Bedeutung für dessen Verfügbarkeit in und für Organisationen.

Theoretische Paradigmen:

  • Systemtheorie
  • Neue Institutionen- und Organisationsökonomik
  • Governanceethik
  • Resource based view

Kontakt: pforr@ebelhtwv848ag-konstanzya.de 

Webmawbster (ulrof4ikelvnn.kddocgth@ue9o8ol.de) (Stand: 07.11.2019)