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Dissertationsprojekt

BevölkerungswissenschaftlerInnen im 19. und 20. Jahrhundert

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit „Bevölkerungsfragen“ war im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts in hohem Grade abhängig von gesellschaftlichen Wirklichkeitskonstruktionen und prägte diese zugleich wesentlich mit. Auf personeller, institutioneller und inhaltlicher Ebene finden sich Verschiebungen, Kontinuitäten und Diskontinuitäten, die in der bisherigen Forschungsliteratur insbesondere mit Fokus auf die 1920er bis 1940er Jahre untersucht wurden. Um jedoch der Frage nachzugehen, inwieweit „Bevölkerung“ als Vehikel dienen konnte, um (bürgerliche) Überzeugungen zur Strukturierung einer als ambivalent und risikobehaftet wahrgenommenen „Moderne“ zu verbreiten, lohnt ein Blick auf die SprecherInnen dieses Diskurses. Diese wurden bislang meist in einzelbiographischen Studien und allenfalls anhand ihrer beruflichen Stationen und ihres Werkes analysiert. Diesem Forschungsdesiderat widmet sich die im Kontext des DFG-Projekts „'Bevölkerung': Die 'Bevölkerungsfrage' und die soziale Ordnung der Gesellschaft, ca. 1798-1987“ (Leitung: Prof. Dr. Thomas Etzemüller) entstehende Dissertation, indem explizit die ProtagonistInnen der Bevölkerungsforschung in das Zentrum der Analyse gerückt und aus einer vergleichenden Perspektive heraus kollektivbiographisch untersucht werden. Der Untersuchungszeitraum umfasst die Phase der Dominanz und Radikalisierung der „Bevölkerungsfrage“ (etwa 1880er bis 1960er Jahre) und wird gerahmt durch das Geburtsjahr des ältesten ausgewählten Bevölkerungsforschers im Sample: Otto Ammon (1842-1916) bzw. das Sterbejahr des jüngsten: Siegfried Koller (1909-1998). Im Vordergrund der Analyse steht ein Vergleich der akademischen und Lebenswelten derjenigen ForscherInnen, die sich über einschlägige Publikationen zur „Bevölkerungsfrage“ profilieren konnten. Aus ihren gesellschaftlich anerkannten ExpertInnen-Positionen an Universitäten und Forschungsinstituten heraus formulierten sie eben jene, in der sich ausdifferenzierenden Gesellschaft als relevant wahrgenommenen Unsicherheiten und Risiken am Beispiel von „Bevölkerung“ und vermochten es, Komplexität durch Diagnosen, Orientierungshilfen und Lösungsvorschläge zu reduzieren. In einer steten Selbst- und Fremdvergewisserung ihrer eigenen und der Bedeutung des Forschungssujets legitimierten sie die Bevölkerungsforschung auch in Krisensituationen (wie etwa 1945). Hilfreich war hier insbesondere ein sich um 1900 etablierendes, über generationelle und disziplinäre Grenzen hinweg äußerst stabiles Forschungsnetzwerk. Die Herausarbeitung wesentlicher Knoten und Kanten dieses Netzwerkes ist zugleich das zweite Forschungsdesiderat, dem sich die Dissertation annimmt.

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