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Miriam Kuhlmann

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A02-3-325

Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Fakultät III - Sprach- und Kulturwissenschaften
Institut für Materielle Kultur
Ammerländer Heerstr. 114-118
26129 Oldenburg
 

Archäologisches Museum Istanbul

AUSZUG EINES EXKURSIONSBERICHTS


Ein anderes herausragendes Museum, das die Exkursionsgruppe besuchte, ist das Archäologische Museum Istanbuls. Es war das erste Museum im Osmanischen Reich in einem europäischen Kulturverständnis mit eigenem Museumsneubau. Neben dem eigentlichen archäologischen Museum gehört zum Ensemble noch das Museum für altorientalische Kunst, das Museum für islamische Kunst sowie das Museum für islamische Kunst und Fayencen. Die Beschreibung beschränkt sich auf das archäologische Museum. Im altorientalischen Teil, kann man, neben dem ersten schriftlichen Friedensvertrag der Welt, dem der Schlacht von Kadesch, auch 75.000 Keilschrift-Dokumente besichtigen.
Im Erdgeschoss des neoklassizistischen Baus befinden sich vor allem Großobjekte wie etwa Sarkophage aus der Nekropole Sidon sowie Funde des spätantiken Hafens Istanbuls, die durch den Bau des Bosporustunnels entdeckt wurden. Im rechten Flügel sind alle Objekte in chronologischer Epochenabfolge dargestellt. Im linken Flügel erfolgt die Darstellung nach Fundorten. Osman Hamdi Bey setzte sich stark für den Kulturgüterschutz ein und beanspruchte eine starke Forschungsorientierung des Museums. Davon zeugt etwa die Bibliothek im oberen Teil. Im anschließenden neuen Gebäude befinden sich im Untergeschoss mit Lichthof die Ausstellung "Kulturen in der Umgebung von Istanbul", im Erdgeschoss das Kindermuseum, im ersten Stock "Istanbul im Laufe der Zeiten", im zweiten Stock "Anatolien und Troja im Laufe der Zeiten" und im dritten Stock "Kulturen in der Umgebung von Anatolien".
Der neuere sechsstöckige Bau aus den Jahren 1969-83 ist in der Verbindung mit dem älteren Gebäude nicht stringent gelungen, sondern erzeugt im Gegenteil unnötige räumliche Uneinigkeit. Ähnlich der Hagia Sophia sind an der Gestaltung der Gebäude und musealen Einrichtung die Entstehungszeiten klar ablesbar. So wird auch dieses Museum selbst zum Objekt, das museale Repräsentation durch die Zeiten und Moden verdeutlicht.
Aus dem dunklen, mit rotem Teppich ausgelegten, Erdgeschoss der Großobjekte gelangt man in den ersten Stock. Hier sind kleine moderne Metallskulpturen ohne Kontextualisierung ausgestellt. In sehr alten Schrankvitrinen an den Wänden befinden sich kleine hellenistische Objekte und Figuren. Die Schränke sind auch innen sehr verstaubt und ungeputzt und die einzelnen Beschreibungen vergilbt. Außer den Wandvitrinen befindet sich nichts in den großen neoklassizistischen Räumen. Keiner betrachtet die Objekte. Alle gehen vorbei zur zweiten Etage des angegliederten Gebäudes. Da dieses andere Etagenhöhen hat, fungiert dieser Teil der ersten Etage des alten Gebäudes nur als Zwischengeschoss für den Rundgang. Das dies der angedachte Rundgang ist, ist nur an der folgenden Chronologie von Anatolien und Troja erkennbar.
Der angrenzende Raum in der zweiten Etage des Neubaus fungiert als Pausenraum. In seiner Mitte führt eine breite Wendeltreppe in die nächsthöheren Stockwerke. Auf alter Auslegeware stehen neben einigen Tischen eine Reihe großformatiger Sessel, die sicher zur Erstausstattung gehören. Auch dieser Raum, dessen Pendant sich an beiden Enden des Gebäudes in allen Stockwerken befindet, ist bis auf die Sitzmöbel leer.
Die beiden Gebäude sind also in Bauart, Innenraumgestaltung und Ausstellungskonzeption deutlich in die Modi ihrer Entstehungszeiten zu unterscheiden. Die Bereitstellung von Möglichkeiten des Sitzens und Ausruhens in Museen dieser Größe ist positiv hervor zu heben.
Der folgende lange Raum, in dem die Displays stehen, die näher betrachtet werden, nimmt fast die ganze Fläche des zweiten Stockes ein. Ihm vorgelagert ist ein Abteil mit einer Video-Installation und erläuternden Leuchtkästen. Der Ausstellungsraum "Anatolien und Troja im Laufe der Zeiten" ist zu beiden Seiten offen. In die Ausstellung kommt linkerhand Tageslicht aus dem Lichthof und rechterhand kann man über eine Brüstung auf den dunkleren Teil der darunter liegenden Ausstellung schauen. Im Nachblick gewinnt der Raum durch die beidseitige Öffnung etwas brückenhaftes.
Die Ausstellung ist so gestaltet, das linkerhand ein chronologischer Zeitabriss der anatolischen Geschichte mithilfe von Texttafeln und Objekten inszeniert wird und rechterhand ein chronologischer Abriss der Geschichte Trojas. Die Displays sind so geschnitten, das sie Nischen von zusammenhängenden Themenabschnitten bilden und die Abgrenzungen der Abschnitte durch in den Gang ragende Displays erzeugt werden. In der Mitte des breiten Ganges befinden sich zusätzliche Displays mit großen Vasen. Bis auf die Innenausstattung der Vitrinen erscheint das Gros der Ausstellungsmöbel als Erstausstattung.
Die Faszination der Ebene ergibt sich aus den Erkenntnismöglichkeiten, die ein Teil der ausgestellten Objekte bieten könnte. Zum Einen wird das Museum frequentiert von einem internationalen Fachpublikum. Das wird deutlich an den Gesprächen von einem Mann und einer Frau, die sich auf österreichisch unterhalten, sowie einer englisch-sprachigen Gruppe zum Zeitpunkt der Analyse. Diese besitzen ein Vorwissen über den Kontext vieler Objekte und sind eher an der originalen Präsenz dieser interessiert. Das weitere Nichtfachpublikum zeigt sich in diesem Bereich punktuell interessiert und würde von einer besseren Kontextualisierung profitieren.
Im linken Zeitablauf von Anatolien werden in mehreren der hohen Vitrinen Keilschrift-Dokumente aus Ton ausgestellt. Diese Vitrinen reichen derart in den Gang, das sie von drei Seiten einsehbar sind. Verschiedene Tondokumente sind in etwa in Hüfthöhe auf durchsichtigen Trägern drapiert. Diese gebogenen, dreiseitigen Träger aus durchsichtigem Material sind so gestaltet, das eine Seite den Sockel bildet und eine Seite den Träger der Objekte. Auf der langen und dem Besucher zugewandten dritten Seite befindet sich in schwarzer Schrift in Blockform die Kontextualisierung. Diese besteht je aus der Kennzahl des Objektes, einer türkischen und einer englischen Übersetzung des Keilschrift-Dokumentes sowie Datierung, Größe etc.
Mit Sicherheit unterliegen die ausgestellten Objekte einer Auswahl hinsichtlich ihrer Erhaltung, Entzifferbarkeit und Bedeutung. Ihre Abfolge in den Vitrinen ist chronologisch. Alle Texte sind Gebrauchstexte im Sinne etwa von Schuldbriefen oder ähnlichem. Einer der jüngeren Texte behandelt beispielsweise ein semi-religiöses Thema, in dem er von einem Herrscher als übermenschlich berichtet.
Zwei herausragende Charakterzüge der Objekte sind ihre Bedeutung als Zeitdokumente und ihre Bedeutung als lesbare Medien, die den Gehalt eines Kommunikationsverkehrs eröffnen. In erster Funktion sind sie gut präsentiert, sie stechen nicht gegenüber anderen Objekten hervor. In zweiter Funktion als Informationsmedien sind sie unterrepräsentiert. Diese Unterrepräsentation ist der Ausgangspunkt für meine Analyse. Das Erlebnis, die beiderseitig mittig nach außen gewölbten, also bikonvexen, selten größer als handtellergroßen Tonstücke neben ihrer Transkription sehen zu können, hat eine besondere Qualität, da sie in beiden oben genannten Funktionen erschließbar werden. Am obigen Beispiel können unterschiedliche Ebenen der Information und des Erlebnisses der Information und somit der Vermittlung aufgezeigt werden.
Die Dokumente berichten erstens eine individuelle Sicht auf einen Sachverhalt. Durch diese Schilderung werden zweitens spezifische Normen und Werte, Gepflogenheiten und Selbstverständnisse der Zeit und der Lokalität der Entstehung sichtbar. Dieses komplexe Verständnis ist zum dritten anwendbar auf alle nicht-medialen Objekte des selben Kulturkreises etwa in der Ausstellung sowie im Vergleich auf Objekte anderer Zeiten, etwa aus der Gegenwart. Dadurch erfahren wir über das Erschlossene viertens letztlich etwas über den anderen Kulturkreis und uns selbst.
Über den konkreten Sachverhalt sind im Einzelfall und nicht generalisiert die Konventionen und Selbstverständnisse des Kulturkreises zu erkennen, das ein komplexeres Verständnis offenbart als die benachbarten nichtmedialen Objekte.
Dieser medialen Seite der Objekte wird die Präsentation nicht gerecht. Die Übersetzungen sind nur gebückt lesbar, da sich die Texte auf dem Träger unter den Objekten befinden.
Der verfügbare Raum zum Betrachten und zeitaufwändigen Lesen ist auf wenige Besucher begrenzt. Der Beobachtung nach nehmen nur wenige Besucher die Sonderstellung der Objekte und die verfügbaren Geschichten wahr und niemand liest über einzelne Übersetzungen hinaus. Die Keilschriftdokumente nicht zumindest punktuell hervorzuheben, vernachlässigt sie auch in ihrer Funktion als Kontextualisierungstexte der benachbarten Objekte. In Würdigung ihrer Medialität sollten die Übersetzungen in lesabarer Höhe installiert werden sowie in einem Abstand zueinander, der es mehr Besuchern ermöglicht, sich zu vertiefen. Zudem müssen sie in ihrer Sonderfunktion hervorgehoben werden. Das das Verständnis schuldnerischen Verhaltens im beschriebenen Kulturkreis ähnlich dem heutigen war, ganz im Gegensatz zum Kinderhandel, kontextualisiert die Zeit, aus der die Objekte stammen und erschüttert zeitgemässe Selbstverständnisse auf erhellende Art.

Webmgaa3waster (s.macrdxillonwnpih@uol.decvr) (Stand: 10.02.2020)