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Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
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Hagia Sophia

auszug eines exkursionsberichts


Der erste Programmpunkt der großen Exkursion des Masterstudiengangs Museum und Ausstellung war der Besuch der Hagia Sophia. Die Hagia Sophia war in byzantinischer Zeit die Hauptkirche des oströmischen Reiches und damit das Zentrum der orthodoxen Kirche. Sie war somit ein wichtiger Identifikationsort des im Orient bedrohten Christentums und in der Zeit des Schismas in Konkurrenz zu Rom ein Ort der Selbstvergewisserung und demonstrativen Prachtentfaltung. Bereits kurze Zeit nach der Gründung Byzanz' als oströmische Hauptstadt 324 v. Chr. wurde am Ort der heutigen Hagia Sophia 360 v. Chr. eine erste Basilika erbaut, die jedoch bereits 404 v. Chr. niederbrannte. Der Nachfolgebau wurde 523 v. Chr. während des so genannten "Nika-Aufstandes" ebenfalls zerstört. Die Ursprünge des heutigen Baus fallen in die Regierungszeit des Kaisers Justinian I. unmittelbar danach. Ihre Architekten waren Anthemios aus Tralles und Isidoros aus Milet; der Bau wurde 537 vollendet. Die byzantinische Zeit war geprägt durch eine starke Verflechtung von Staat und Religion, weshalb Justinian die Bauarbeiten persönlich überwachte und die Kirche nicht nur Ort religiöser, sondern auch staatlicher Zeremonien war. Der Bilderstreit innerhalb der oströmischen Kirche im 8.-9. Jahrhundert lässt sich deutlich an einem Wandel des Bildprogrammes der Mosaiken von abstrakt-vegetabilen Formen hin zur Darstellung von Ikonen ablesen.

In der osmanischen Zeit ab 1453 wurde die Kirche zur Hauptmoschee des osmanischen Reiches umgestaltet. So wurden neben einer zentralen Gebetsnische auch die den Raum prägenden Rundschilde mit Prophetennamen und eine Sultansloge eingebaut, während die Glocken und der Kirchenschmuck entfernt wurden und das oktogonale Baptisterium auf dem Außengelände zu einer osmanischen Grablege (Türbe) umgenutzt wurde. Das Gelände wurde kontinuierlich zu einem Gesamtkomplex nach osmanischer Tradition mit Armenküche, Bibliothek, barockem Reinigungsbrunnen und Minaretten erweitert. Auch für die Osmanen wurde die Hagia Sophia zu einem wichtigen Identifikationsort, war sie doch Symbol für deren entscheidensten Sieg über das Christentum. Während christlicher Bauschmuck weitestgehend entfernt wurde - was sich an vielen Wandflächen noch deutlich erkennen lässt - blieb dennoch die Geschichte der Kreuzzüge im sakralen Raum präsent. So befindet sich im rechten Teil der Empore das Grab des Dogen Enrico Dandolo, der den vierten, zur Eroberung Byzanz' führenden Kreuzzug angeführt hatte und die Hagia Sophia in den Jahren 1204-61 kurzzeitig zu einer römisch-katholischen Kirche werden ließ.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden unter Sultan Abdülmecit I. erste denkmalpflegerische Maßnahmen durchgeführt. Hierbei wurden in früher osmanischer Zeit übertünchte, christliche Mosaiken wiederentdeckt und freigelegt, was jedoch zum Protest vieler streng religiöser Imame führte.

In der Zeit der Regierung Kemal Atatürks ab Mitte der 1920er Jahre änderten sich die kulturpolitischen Maximen radikal. Angestrebt wurden nun die vollkommene Säkularisierung, der Ausgleich aller Bevölkerungsgruppen der Türkei als Grundlage für die Erzeugung eines türkischen Nationalgefühls und eine Angleichung von Gesellschaft und Wirtschaft an westeuropäische Standards mit dem Ziel einer konsequenten Modernisierung des Landes. Die Verfassung von 1938 beschreibt den türkischen Staat als "republikanisch, nationalistisch, volksverbunden, laizistisch und revolutionär". Die Forcierung einer einheitlichen kulturellen Identität führte zu einer Reihe staatlich unterstützter Museumsgründungen. Im Zuge dessen wurde auch die Hagia Sophia zu einem Museum umgewandelt und verlor ihre Funktion als ein Ort tatsächlicher Religionsausübung. In ihrer Gestalt sollte sie weiterhin Merkmale aller Nutzungsphasen erkennen lassen, so wurden alle orthodoxen Mosaike freigelegt, gleichzeitig aber auch die muslimischen Einbauten belassen. Ziel war es, so an die vielfältigen kulturell-religiösen Wurzeln der Türkei zu erinnern und damit sowohl einen Ort des Ausgleiches zwischen den Religionen zu schaffen als auch in der Unterdrückung der religiösen Praxis an diesem Ort die Macht des laizistischen Staates zum Ausdruck zu bringen.

Bis heute wird die Umbenennung / Umnutzung zum Museum in der Türkei kontrovers diskutiert. So bestehen bis dato Bestrebungen und Initiativen, die Hagia Sophia wieder als Moschee nutzbar zu machen. Die zeitweilige Abnahme der Rundschilde 1975 führte zu öffentlichen Protestkundgebungen und die rechtsnationale Partei BBP forderte 2010, die Hagia Sophia an Ramadan für das Gebet freizugeben. Die Sultansloge darf zudem seit neustem wieder zum Gebet genutzt werden.

Aber ist die Hagia Sophia überhaupt ein Museum? Formal nein, denn sie besitzt weder eine Sammlung, noch wird eine didaktische Aufarbeitung im Innenraum vorgenommen. Aus diesem Umstand leite ich die These ab, dass der Begriff "Museum" in diesem Fall nicht wie üblich für bestimmte mit ihm verbundene Charakteristika (ICOM) steht, sondern als ein Synonym für einen den aktuellen politischen Debatten entzogenen, überzeitlichen (und daher irrtümlich als politisch neutral begriffenen) Raum eingesetzt wird, dem allgemeine Wertschätzung entgegengebracht werden soll und der verschiedene ethnisch-religiöse Gruppen in ihrem Stolz eint. Man könnte somit von einer Heterotopie als politischem Mittel sprechen. Dem Raum wird seine Sakralität genommen, er soll so gesellschaftlichen Debatten entzogen werden und in ihm soll die Utopie einer religiösen Einheit gelebt werden.

Innerhalb der auf den Besuch der Hagia Sofia folgenden Diskussion wurde der These weitestgehend zugestimmt. Die Diskussion fand in einer ursprünglich aus dem 16. Jahrhundert stammenden Madrasa, also einer höheren Schule für Koran- und Philosophiestudium statt, in der heute traditionelles Handwerk ausgeübt wird. Zunächst griff ein Vortrag von Stephanie Mallon das Thema "Istanbul als europäische Kulturhauptstadt" auf. Besonders eindrücklich waren die hierbei aufgezeigten Disparitäten - die Türkei als europäische Kulturhauptstadt aber Nichtmitglied, der Bau von Kultureinrichtungen und der gleichzeitige Abriss von Wohngebieten der Sinti und Roma oder die enorme finanzielle Unterstützung des Projektes Istanbul Modern bei gleichzeitig politisch proklamierter Rückbesinnung auf die türkischen Traditionen.

Während der Diskussion des Hagia Sophia-Vortrages wurde schließlich zurecht angemerkt, dass ja ein sakraler Raum selbst schon eine Heterotopie darstellt und wir es daher mit der Überlagerung zweier heterotoper Räume zu tun hatten. Hieran schloss sich die Frage nach einem Einfluss dessen auf das beobachtete Besucherverhalten an. Es wurde festgestellt, dass die Besucher sich in Teilen freier bewegten und stärker kommunizierten als in sakralen Räumen bislang beobachtet. Dies mag jedoch auch auf die enormen Besuchermassen zurückzuführen sein. Weitere Aspekte der Diskussion waren das beobachtete ambivalente Verhältnis zum Denkmalschutz (Reinigungsarmada vs. Katzen und Tauben im Innenraum) und die Tendenz der Besucher, sich vor präsentierten Fotografien der Hagia Sophia und nicht im Kirchenraum selbst fotografieren zu lassen. Hieran schließen sich Fragen nach der Wahrnehmung des Raumes und der Motivation zum Besuch des selbigen an. Die Gesamtgruppe empfand vor allem die Sichtbarkeit der verschiedenen Nutzungsphasen am Bau beeindruckend.

Webxeurmastggmter (s.mazqxllon@uoyn++l.d7awoe) (Stand: 10.02.2020)