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Miriam Kuhlmann

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A02-3-325

Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Fakultät III - Sprach- und Kulturwissenschaften
Institut für Materielle Kultur
Ammerländer Heerstr. 114-118
26129 Oldenburg
 

Istanbul Modern

AUSZUG EINES EXKURSIONSBERICHTS


Die Bestrebungen, in Istanbul ein Museum für moderne und zeitgenössische Kunst zu errichten, reichen bis in das Jahr der ersten Istanbul Biennale 1987 zurück und erhielten mit Etablierung und dem zunehmenden Erfolg dieser Veranstaltung neuen Auftrieb. Die Gründung erfolgte 2004 als erstes privates Haus für dieses Objektspektrum. Die Sammlung des Museums besteht aus Stiftungen von Dr. Nejat Eczacıbaşı sowie Oya und Bülent Eczacıbaşı und den Sammlungen der Türkiye Bank, der Mimar-Sinan-Universität sowie der des Museum für Malerei und Skulptur. Das Gebäude ist eine ehemalige Lagerhalle am Pier von Karaköy; es verfügt über eine Präsentationsfläche von 8000m² auf zwei Etagen. Diese sind aufgeteilt in einen Bereich für die Dauerausstellung, einen für Sonderausstellungen, einen Shop, ein Café, ein sogenanntes "Educational Center", eine Bibliothek, die "Working Area" für zeitgenössiche Positionen und einen Ausstellungsbereich für neue Medien inklusive Kino. Die Anmutung des Hauses entspricht im Wesentlichen anderer Ausstellungshäuser für moderne Kunst. Puristisches Design mit hochwertigen Materialien und die Gestaltung der Ausstellungsräume als white cubes sind dabei die entscheidenden Merkmale. Die Verfassung aller Texte auch auf Englisch sowie das hohe Preisniveau von Gastronomie und Shop lassen als tatsächliches Zielpublikum internationales Fachpublikum und die Upper Class der Istanbuler Gesellschaft vermuten.
Die Dauerausstellung soll dem Besucher einen Überblick über das türkische Kunstschaffen der Moderne von 1900 bis heute bieten. Während die Präsentationsmodi eher klassisch sind, ist die Betextung durchaus ungewöhnlich. So gibt es neben den klassischen Objektschildchen mit Minimalinformationen zu jedem Werk einen längeren Text. Diese gehen dabei nicht nur auf die Vita und die Ausbildung des Künstlers ein, sondern beschreiben häufig die auf dem Bild dargestellten Motive aus historischer oder soziologischer Sicht. Traditionelle Rituale werden so ebenso beschrieben wie politische Ereignisse oder Stimmungen. So wird neben einem rein ästhetischen auch ein motivischer Zugang zum Werk ermöglicht und dieses historisch kontextualisiert. Die Texte sind dabei aber so zurückhaltend angebracht, dass der ästhetische Genuss nicht gestört wird. Ich persönlich habe das Angebot einer weiteren Betrachtungsebene als absolut spannend und nachahmenswert empfunden und denke, dass auf diese Weise neuen Besuchergruppen der Einstieg in die Kunstbetrachtung erleichtert und schmackhaft gemacht werden kann.
Beim Durchlaufen der Dauerausstellung wurde deutlich, dass das Kunstschaffen der Moderne in der Türkei stilistisch nicht isoliert, sondern vielmehr permanent Bestandteil des gesamteuropäischen Kunstschaffens war. Zu fragen ist dabei jedoch, inwieweit dieser Eindruck auch durch die Auswahl der Kuratoren forciert wurde. Die Frage kommt deshalb auf, weil an einigen Stellen die im Text gezogenen Verbindungen zwischen nationalem Kunstschaffen und gesamteuropäischer Entwicklung doch sehr gesucht wirken. So dominierte der Präsentation folgend in der Türkei in den 1960er Jahren im Gegensatz zum Abstrakten Expressionismus Mitteleuropas die gegenständliche Malerei, was im Text mit einer Anlehnung an den Sozialistischen Realismus erklärt wird. Dies scheint doch reichlich abwegig! Und zur 1957 gegründeten "Staatlichen Schule für angewandte Kunst" ist im Text von einem "Bauhaus-based approach to education" die Rede. Dies ist so weder stilistisch noch vom tatsächlichen Lehrplan her treffend. Werden in der Dauerausstellung also bewusst Sonderwege und -entwicklungen, wie es sie auch in der deutschen oder französischen Kunst gab, verleugnet, nur um den Eindruck der türkischen Kunst als Bestandteil einer potenziellen gesamteuropäischen Entwicklung gegenüber dem internationalen Publikum zu betonen?
An anderer Stelle, nämlich im ohne Meistererzählung auskommenden Ausstellungsteil zur zeitgenössischen Kunst, war hingegen eine beeindruckende Zahl an Arbeiten zu sehen, die sich kritisch mit Orientalismus und türkischer Geschichte auseinandersetzen. Zu nennen sei hier exemplarisch das Werk "Bir Haremim olsun isterdim" ("I wish I had a harem") von Bedri Baykam 1987.
Auf einem s/w Foto ist ein Herr in klassischem Anzug mit Hut und längerem Haar (verm. Selbstporträt des Künstlers) auf einer Holzbank sitzend und mit scheinbar selbstbewusster bis anmaßender Mimik auf den Betrachter blickend lebensgroß dargestellt. Über ihm wurde handschriftlich der Titel des Bildes mit weißer Acrylfarbe auf das Foto aufgetragen. Rund um ihn herum sind in großer Zahl Porträtfotos der Köpfe junger, attraktiver, westeuropäischer Frauen geklebt, die ihn anzublicken scheinen. Unter jedem Kopf ist wiederum handschriftlich der Name der Frau vermerkt, am unteren Bildrand sind mit Farbe weibliche Akte angedeutet. Einen namenlosen Kopf verdeckt der Künstler halb mit seinem Gesäß, eine andere Frau trägt statt ihrem den seinen Namen auf der Wange. Leider wird innerhalb der Ausstellung nun nicht die Chance genutzt, diese ironische Umkehrung des Blickes des europäischen Orientalisten kritisch zu kommentieren oder durch andere Werke zu unterstützten. Es gibt keine Texttafel und das Bild wird zusammen mit abstrakten Werken der 1980er Jahre gezeigt.
Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Medium Museum habe ich am ehesten architektonisch im Treppenhaus des Museums wahrgenommen, welches aus Metallketten und beschossenem Sicherheitsglas besteht und so eine Reflexion über den Charakter des Museums als Ort des Bewahrens aber gleichzeitig auch des Auratisierens von Werken anregen kann. Zwar widmet sich auch der einführende Text zur Dauerausstellung prominent der Thematik, dass jedoch hier am Puls der Istanbul Biennale das Museum als Ort fernab von Konsum, Markt und Produktion beschrieben wird, wenngleich sich die Objekte vor allem aus den Sammlungen reicher Industrieller rekrutieren und selbst ein deutscher Student sich keine Cola leisten kann, konnte ich nur müde belächeln. Auch die Beschreibung der türkischen Kunstgeschichte als "evolutionary process" an gleicher Stelle muss deutlich kritisch betrachtet werden.

Webm8k42astezs8cr (s.mabgbbzllk7ghmon@uol.de) (Stand: 10.02.2020)