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Miriam Kuhlmann

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Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Fakultät III - Sprach- und Kulturwissenschaften
Institut für Materielle Kultur
Ammerländer Heerstr. 114-118
26129 Oldenburg
 

Sadberk Hanim Museum

auszug eines exkursionsberichts


Der Besuch des 1980 eröffneten, ersten privaten Museums Istanbuls hinterlässt bei mir zwiespältige Eindrücke und zudem einige offene Fragen. Die uns betreuende Kunsthistorikerin des Hauses bemüht sich, uns sämtliche Fragen bezüglich Sammlungsbestand, -interesse und Ausstellungskonzeption zu beantworten; aufgrund meiner Sprachbarrieren vermag ich die Informationen und Erklärungen aus dem Gespräch mit ihr aber nur zum Teil auf die besichtigten Ausstellungen zu übertragen.

Träger des Museums ist die Vehbi-Koç-Stiftung, die aus der reichen Unternehmer-Familie Koç hervorgegangen ist. Die Frau von Vehbi Koç war eine eifrige Sammlerin, die bis zu ihrem Tode bestrebt war, ihre Sammlung in ein Museum umzuwandeln; ein Wunsch, der ihr erst nach ihrem Tod von ihrem Mann erfüllt wurde.

Das Museum setzt sich aus zwei Gebäuden mit je unterschiedlichen Sammlungsschwerpunkten zusammen: Das Hauptgebäude beansprucht die Zurschaustellung der kunst- und kulturgeschichtlichen Bestände in mehreren - an dem Ursprungszustand im 19. Jahrhundert orientierten - restaurierten, möblierten und dekorierten Räumen. 1988 eröffnete in einem angegliederten, ebenfalls restaurierten Nachbarhaus aus dem 20. Jahrhundert die archäologische Sammlung.

Die Atmosphäre des ersten Gebäudes dominiert die repräsentative Gestaltung der ehemaligen Sommerresidenz der Familie Koç. Eine interessante Raumführung im ersten Stockwerk trennt die Dauerausstellung der Keramik- und Porzellansammlung von der Sonderausstellung zur (Porträt-)Fotografie im Osmanischen Reich ab. Das Narrativ folgt unter anderem dem Werdegang zweier Fotografen am Hofe der osmanischen Sultane bzw. Kalifen. Dem Bereichstext zufolge ließen sich sämtliche Sultane, ihre Familien und ihr Gefolge medienwirksam in Szene setzen und im Rahmen dessen auch fotografieren. Eine Ausnahme bildete der letzte Kalif, Abdülmecit II. Während er sich der Porträtierung vor und nach seiner Regierungszeit (1922 - 1924) nicht versperrte, ist in diesen Jahrzehnten keine Fotografie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. So fehlt auch in der Herrschergalerie im Erdgeschoss sein Bild (als einziges?) unkommentiert. Seinen ganzen Machtapparat und seine Familie ließ er allerdings fotografieren, und zumindest ein Gemälde, das er von sich selbst anfertigte, ist erhalten (und heute im Istanbul Modern ausgestellt). Mich verwundert, dass der Bereichstext diese Auffälligkeit zwar erwähnt, aber keine weiterführenden Überlegungen oder Mutmaßungen über die Hintergründe und den Zweck dieser fotografischen Unsichtbarkeit anstellt. Galt das Bilderverbot vielleicht nur für die Kalifen, aber nicht für die Sultane? Und ist dieser für die islamischen BesucherInnen so selbstverständlich, dass er nicht weiter ausgeführt werden muss? Mich erinnert das Fehlen einer fotografischen Repräsentation Abdülmecits II. an die 'Macht des Unsichtbaren' in den herrschaftlichen Sammlungen seit der Renaissance, in denen ein Abschnitt nur dem Prinzen und seinem engsten Gefolge vorbehalten war: Durch den Verzicht der Repräsentation der allerhöchsten Machtinstanz kann ihre Wirksamkeit gleichsam verstärkt werden.

Auf der metakommunikativen Ebene schließe ich daraus, dass es in der Sonderausstellung eher um eine selbstbewusste Zurschaustellung der frühzeitig sehr entwickelten Fotografie im Osmanischen Reich geht, als um ihre kritische Beleuchtung als Instrument von Machtausübung. Weit mehr als im übrigen Museum geht es hier auch um die Produktionstechniken des Ausgestellten. Im Einklang mit den übrigen Ausstellungen steht aber ebenfalls das Künstlerische im Vordergrund.

In der Porzellan- und Keramikabteilung wurden in größerem Ausmaß, als ich es bisher in Museen gesehen habe, bei stark beschädigten Exponaten die fehlenden Stücke nachgebildet. Insgesamt schien mir die Präsentationsweise ihren Fokus auf die ästhetisch inszenierte Anmutung der Objekte zu legen. Auf das Sichtbarmachen oder Thematisieren der unterschiedlichen historischen Spuren am Objekt wurde hingegen deutlich weniger Wert gelegt. Wie auch im oberen Stockwerk sind die Bereichstexte sehr informativ und differenziert. Sie verdeutlichen, wie osmanische und europäische Einflüsse die Bekleidungskultur ab dem 18. Jahrhundert beeinflussten. Allerdings ließen sich ihre Ausführungen nur selten an den Objekten selbst festmachen - die Objekttexte waren äußerst sparsam gehalten.

Die stark auratisierte Präsentation ihrer (vom Museum fortgesetzten) Textiliensammlung im zweiten Stock scheint mit den differenzierten Bereichstexten nicht ganz stimmig. Während die Texte die vielfältigen inner- und außerosmanischen Einflüsse auf die Bekleidungskultur thematisieren, wurde bei den einzelnen Exponaten auf derartige Denotationshilfen - die über "Kleid/ Bekleidung" hinausgehen - weitestgehend verzichtet. Ebenso wenig kommen die sicherlich existenten sozialen und wirtschaftlichen Hintergründe zur Sprache, die den Besitz der Textilien überhaupt erst ermöglichten. Die Kontextualisierung der Objekte wurde zugunsten der Förderung ihrer Aura überaus dünn gehalten. Anders als die Texte legen die Exponate auf diese Weise eine homogene Bekleidungskultur der Istanbulaner nahe. Ein Bereichstext lässt auf das Vorhandensein eines männlichen oder eines geschlechtsneutralen Kleides schließen; im Gespräch mit der Kunsthistorikerin erfahren wir, dass dieses bisher nicht erworben werden konnte. Auch hier verwundert mich die fehlende Bezugnahme von Text und Objekt. Die Problematik, an ein solches Kleidungsstück heranzukommen, wäre ebenfalls der Erwähnung wert gewesen. Wie auch in der archäologischen Abteilung, fallen mir die mitunter drapierten und verspielten Anordnungen ins Auge. Sie lenken die Aufmerksamkeit vom einzelnen Exponat auf die Vielzahl von gleichen oder ähnlichen Materialien und Formen. Die ästhetische Wirkung der Arrangements scheint mir hier eindeutig im Vordergrund zu stehen.

Die archäologische Abteilung im zweiten Gebäude des Museums präsentiert die Sammlung in Gestalt einer Entwicklungsleiter. Im unteren Stockwerk werden die ältesten Funde gezeigt, chronologisch folgen in den nächsten Stockwerken weitere Zeitabschnitte. Um die sehr alten Objekte zu schützen und vermutlich auch, um das Gefühl "weit-vor-unserer-Zeit" oder "tief-unter-der-Erde" zu bewirken, ist das Gebäude sehr dunkel gehalten. Die Zuordnung der Exponate fällt nicht immer leicht. Bei einigen Displays stellt sich bei mir der Eindruck ein, es gehe der Ausstellung hier vor allem darum, zu zeigen, dass die Sammlung eine erstaunlich große Menge der seltenen, schwer zu erhaltenden alten archäologischen Objekte beinhaltet.

Ähnlich der kunst- und kulturgeschichtlichen Ausstellung scheint die Ausstellungsstrategie primär paradigmatisch ausgerichtet zu sein, die über ihre Objektpräsentation mehr zeigen, als buchstäblich erzählen will.

Noch an der Peripherie Istanbuls gelegen, plant das Museum seinen Standort in das Stadtzentrum zu verlegen. Anbetrachts anderer prunkvoller Publikumsmagneten (in Istanbul wie nahezu überall auf der Welt) wird es mit seinem Konzept vermutlich auch dort Erfolg haben. Dennoch wird es meiner Ansicht nach auf ein 'authentisches', ähnlich repräsentatives Haus (wenn möglich ebenfalls der Familie Koç) angewiesen sein, um seine Aura für die BesucherInnen zu erhalten.

Weeabmastea2x2rlsq (s.maeullon59eih@uolcm2c.de) (Stand: 10.02.2020)