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Vorlesungsreihe LAUTHEIT – WS 2011/12 / SoSe 2012

Den Ausgangspunkt der Vorlesungsreihe LAUTHEIT bilden vielfältige Beobachtungen in der Musik- und Klangforschung. Beispielsweise werden (extrem hohe) Lautstärken in verschiedenen Hörkontexten und –kulturen ambivalent wahrgenommen. Besonders junge Menschen bevorzugen laute Musik, während immer mehr Studien auf hör- und allgemein gesundheitsschädigende Wirkungen hoher Schallpegel auf den Organismus verweisen. Der besonders laute Klang scheint Menschen in Abhängigkeit von der Hörsituation Hörerfahrungen zu ermöglichen, die als positiv bzw. als positive Grenzerfahrung wahrgenommen werden. Diese Phänomene sind aus jugendlichen Sozialisationsräumen und den dort präferierten Musikformen bekannt, wie auch als ästhetisches Moment von Klangdifferenzierung z.B. im 19. Jahrhundert. Lange bevor mittels Hyperkompression im Mastering dynamische Differenzierungen in Rock- und Popproduktionen (Loudness-War) auf ein Minimum reduziert wurden, hielt man den akustischen Pegel z.B. während Karnevals- oder Spielmannsumzügen relativ hoch und mit spitzzüngigen Oboen oder schrillen Pfeifen böse Mächte auf Abstand. Hohe Schallstärken können dabei aus kultureller Perspektive zwei zentrale Bedeutungszuschreibungen erfahren: Lautheit als akustische Kodierung von Macht (Repräsentationsmusiken) und Lautheit als Provokation, die sowohl Zeichen des Aufbegehrens (Revolutionsmusiken) als auch im Umkehrschluss als Zeichen von „Unkultiviertheit“ konnotiert und interpretiert wurden (vgl. die Rezeption von Strawinskys „Le Sacre du Printemps“).

Diese Beobachtungen leiten über zu verschiedenen Fragestellungen, die aus den Perspektiven der Hörforschung (neurowissenschaftlich und psychologisch), der Systematischen Musikwissenschaft, musikkulturellen Praktiken in Jugendkulturen/Populärer Musik und dem Einfluss der technischen Medien sowie der historisch-kulturwissenschaftlichen Forschung relevant erscheinen. Welche Bedeutungen haben Produktions- und Rezeptionsprozesse für die Gestaltung musikalischer Lebenswelten und Alltagskulturen? Welche kulturellen und historischen Hintergründe und Voraussetzungen bedingen oder ermöglichen eine Ästhetik, die sich hoher Schallpegel als markantes Merkmal musikalischer Gestaltung bedient? Hieran knüpfen sozialwissenschaftliche Fragen nach den psychologischen und soziokulturellen Dimensionen von Lautheit als Wahrnehmungsqualität und ihre Bedeutung für musikalisches Fühlen, Handeln und Denken.

Im Vorfeld einer breit angelegten wissenschaftlichen Untersuchung des Phänomens der Lautheit soll die Vorlesungsreihe einen Einblick in aktuelle Forschungsergebnisse liefern und Positionen kenntlich machen helfen, die es gegenüber dem Phänomen Lautheit derzeit gibt. Dazu laden wir Vertreter_innen aus Musikproduktion, Hörforschung, den verschiedenen Disziplinen der Musikwissenschaft und verantwortlichen Bereichen der (Gesundheits)Politik ein.

Muj3xsik-11vWebmastermtc (musilbvtk@u22ynvol.dez811) (Stand: 07.11.2019)