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Prof. Dr. Alexander Friedrich

University of Groningen

  • Großaufnahme von Petrischale, in der Bakterienkulturen wachsen.

    Gegen multiresistente Bakterien der Art Staphylococcus aureus (MRSA) sind viele Antibiotika machtlos. Mit gezielten Screenings werden Ausbrüche solcher Keime in den Niederlanden erfolgreich verhindern. Foto: Universität Oldenburg/Daniel Schmidt

  • Im mikrobiologischen Labor der Universitätsklinik Groningen werden jeden Tag Hunderte Proben analysiert. Foto: Universität Oldenburg/Daniel Schmidt

  • Alexander Friedrich leitet im Universitätsklinikum Groningen (UMCG) die Abteilung für Medizinische Mikrobiologie und Infektionsprävention. Foto: Universität Oldenburg/Daniel Schmidt

Lernen von den Niederlanden

Wie lässt sich die Zahl von Infektionen mit multiresistenten Keimen in deutschen Krankenhäusern vermindern? Ein deutsch-niederländisches Team um den Medizinischen Mikrobiologen Alexander Friedrich sucht nach den richtigen Stellschrauben.

Wie lässt sich die Zahl von Infektionen mit multiresistenten Keimen in deutschen Krankenhäusern vermindern? Ein deutsch-niederländisches Team um den Medizinischen Mikrobiologen Alexander Friedrich sucht nach den richtigen Stellschrauben.

Deutschland hat ein Problem mit sogenannten Krankenhauskeimen: Infektionen mit Bakterien, die gegen mehrere Antibiotika resistent sind, kommen teilweise zehnmal so häufig vor wie im westlichen Nachbarland, den Niederlanden. Zu den Problemkeimen zählen zum Beispiel multiresistente Staphylokokken, auch unter der Abkürzung MRSA bekannt. Dabei handelt es sich um eine Variante der weitverbreiteten Mikrobenart Staphylococcus aureus, gegen die fast kein Antibiotikum mehr wirkt. „Einen so immensen Unterschied bei den Infektionsraten würde man vielleicht zwischen Nord- und Südeuropa erwarten, aber nicht zwischen Deutschland und den Niederlanden“, sagt Prof. Dr. Alexander Friedrich, Leiter der Abteilung für Medizinische Mikrobiologie und Infektionsprävention am Universitätsklinikum Groningen.

Friedrich, der lange dem Wissenschaftlichen Beirat der European Medical School Groningen-Oldenburg angehörte, sucht gemeinsam mit Kollegen aus der Oldenburger Universitätsmedizin nach den Ursachen des Keimproblems. Dabei konzentrieren sich die Forscher auf organisatorische Unterschiede zwischen Deutschland und den Niederlanden. „Die beiden Länder unterscheiden sich in der Krankenversorgung in vielerlei Hinsicht“, sagt Friedrich. Das betrifft insbesondere Friedrichs Fachgebiet, die Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene. Allerdings liege die Ursache für die größere Verbreitung der MRSA-Keime nicht darin, dass man in Deutschland weniger über Desinfektion oder den richtigen Einsatz von Antibiotika wisse.

Faktoren jenseits des medizinischen Wissens

„Auch den deutschen Ärzten ist natürlich klar, wie man Hygiene einsetzt oder ein Screening durchführt. Es muss also Faktoren jenseits des medizinischen Fachwissens geben“, folgert Friedrich. Welche Faktoren das sind und wie man in deutschen Kliniken den niederländischen Standard erreichen kann, untersucht das von Friedrich geleitete deutsch-niederländische Kooperationsprogramm EurHealth-1Health, an dem auch die Universität Oldenburg beteiligt ist.

Einige organisatorische Unterschiede zwischen den beiden Ländern fallen sofort ins Auge: In den Niederlanden gibt es zum Beispiel in fast jedem Krankenhaus einen Medizinischen Mikrobiologen, der innerhalb kürzester Zeit das geeignete Antibiotikum in der richtigen Konzentration für Patienten mit einer bakteriellen Infektion bestimmt. Um eine Verbreitung von Erregern zu verhindern, leitet dieser Arzt gegebenenfalls selbständig präventive mikrobiologische Untersuchungen ein. In Deutschland sind solche Spezialisten hingegen rar.

In beiden Ländern werden zwar Risikopatienten – etwa Landwirte oder Fernreisende – bei der Aufnahme in ein Krankenhaus auf resistente Keime getestet. In den Niederlanden werden zusätzlich alle Patienten gescreent, die auf eine Risikoabteilung, zum Beispiel eine Intensivstation aufgenommen werden. „Vor allem dann, wenn ein Patient aus einem Krankenhaus oder Pflegeheim kommt, in dem ein Ausbruch bekannt ist, werden die Screenings teilweise wöchentlich wiederholt“, berichtet Friedrich.

Genug Platz für Isolation

Bis die Abstriche negativ sind, bleiben die Patienten im Nachbarland vorsorglich in einem Einzelzimmer isoliert. „Diese prophylaktische Isolierpflege wird in deutschen Krankenhäusern sehr selten umgesetzt“, sagt Friedrich. Das liege daran, dass aus wirtschaftlichen Gründen meist so viele Betten belegt werden müssten, dass Patienten gar nicht ohne Weiteres isoliert werden können. Das niederländische Gesundheitssystem sei hingegen so ausgelegt, dass lediglich 60 Prozent der Betten belegt werden müssen. „Somit ist genug Platz für Isolationspflege vorhanden“, so Friedrich. Ob ein Patient isoliert werden kann oder nicht, werde somit durch die jeweilige Vergütungsstruktur bestimmt und weniger durch medizinische Gründe.

Auf der Ebene des Gesundheitssystems existieren viele weitere Unterschiede: In Deutschland ist die Zahl der Krankenhäuser relativ zur Einwohnerzahl drei- bis viermal so hoch und die der Krankenhausbetten doppelt so hoch wie in den Niederlanden, wo es zudem keine niedergelassenen Fachärzte gibt. „Ob und wie diese Unterschiede den Einsatz von Antibiotika und die Verbreitung resistenter Keime beeinflussen, hat sich bislang noch niemand genau angeschaut“, sagt Friedrich. Im Crossborder Institute for HealthCare and Prevention, einer im Aufbau befindlichen gemeinsamen Einrichtung der Universität Oldenburg und der Aletta Jacobs School of Public Health der Universität Groningen, will man die beiden Gesundheitssysteme in Zukunft strukturiert vergleichen – und so vielleicht auch die besten Stellschrauben finden, um das Keimproblem in den Griff zu bekommen. Die niedersächsische Landesregierung räumt dieser grenzüberschreitenden Forschung eine hohe Priorität ein.

Die niederländischen Strategien einfach auf Deutschland zu übertragen, ist aus Friedrichs Sicht nicht sinnvoll. „Es gibt zu viele landesspezifische Unterschiede, die man erst einmal verstehen muss. Daher können Maßnahmen nicht eins zu eins übertragen werden, sondern müssen an den richtigen Stellen implementiert werden“, erläutert er. In einer Region mit viel Landwirtschaft können Nutztiere eine Quelle resistenter Keime sein, in einer anderen Region ist vielleicht eher die Verlegung von Patienten aus einer bestimmten Klinik in andere Krankenhäuser der wichtigste Verbreitungsweg.

Drehscheibe für resistente Erreger

Tatsächlich konnte Friedrich 2015 zusammen mit Kollegen in einer Studie zeigen, dass antibiotikaresistente Erreger häufig den Patientenströmen folgen. Gibt es einen Ausbruch in einem Krankenhaus einer Region, dann verbreitet sich der resistente Keim durch die Verlegung von Patienten rasend schnell auch in anderen Kliniken in der Umgebung. Die Untersuchung ergab, dass diese Verlegungen nicht beliebig in alle Richtungen passieren. Sondern dass bestimmte Krankenhäuser – manchmal auch nur einzelne Stationen wie zum Beispiel Intensivstationen – eine Art Drehscheibe bilden und Erreger in die ganze Region verteilen. „Diese Knotenpunkte wollen wir finden. Wenn dort die Antibiotikatherapie und die Krankenhaushygiene perfekt umgesetzt werden, profitieren alle davon – unserer Meinung nach sogar diejenigen Häuser, in denen es nicht gut läuft“, sagt Friedrich.

Für Forscher in Groningen wie in Oldenburg gibt es zahlreiche Ansätze, um das Gesundheitswesen mitsamt seinen Organisationen in Deutschland und den Niederlanden zu erforschen und zu vergleichen. Das Projekt EurHealth-1Health hat bereits Veränderungen angestoßen: Die Ausbildung für Hygienefachkräfte soll in Deutschland und den Niederlanden langfristig angeglichen und erstmals gegenseitig anerkannt werden – ein Projekt, dem sich die Universität Oldenburg gemeinsam mit dem Oldenburger Klinikum widmet. Alexander Friedrich wird außerdem beginnen, mit Mitarbeitern an der Universität Oldenburg die Wege der multiresistenten Keime auch in Deutschland genauer zu erforschen.

Denn eines sei klar: „Es ist kein Zufall, wie sich die Erreger verbreiten.“

Pry7moveskkgse & Kommnhqunikationmkh7q (presse@uotp5il.deysvtv) (Stand: 15.03.2019)