Über das Projekt
Im Zentrum des Projekts steht eine Frage:
Warum gelingt es trotz fundierter Forschung und wirksamer Konzepte so selten, diese nachhaltig in Bildungspraxis zu verankern?
Genau an dieser Stelle setzt QiS-Transfer an – nicht mit einem weiteren neuen Unterrichtskonzept, sondern mit der systematischen Erforschung und Gestaltung von Transfer- und Implementationsprozessen am Beispiel des inklusiven Sportunterrichts. Ziel des Projekts ist es, eine evidenzbasierte Transferstrategie zu entwickeln, zu erproben und wissenschaftlich zu fundieren, mit der ein bereits wirksamer Transfergegenstand nachhaltig verbreitet werden kann.
Der Transfergegenstand
Der Transfergegenstand ist die kompetenzprofilbasierte videografische Fallarbeit zur Förderung situationsspezifischer Fähigkeiten für einen inklusiven Sportunterricht. Diese Methode wurde im Vorgängerprojekt QiS entwickelt und empirisch überprüft. Sie basiert auf: normativen Ansprüchen inklusiven Unterrichts (Anerkennung, Teilhabe, individuelle Förderung), empirisch rekonstruierten Anforderungssituationen aus realem Sportunterricht, dazugehörigen Kompetenzprofilen, sowie systematisch aufbereiteten Videovignetten und Fallarbeitsverfahren. Die Wirksamkeit dieser Lehr-Lern-Methode konnte bereits in mehreren Studien mit mittleren bis hohen Effektstärken nachgewiesen werden.
QiS-Transfer setzt genau hier an und fragt:
Wie kann dieses wirksame Konzept nachhaltig in unterschiedliche Bildungskontexte transferiert werden?
Untersucht werden drei Kontexte:
- Universitäre Lehrkräftebildung
- Lehrkräfteweiterbildung
- Schulische Ganztagsschulentwicklung
Transferkontexte
Das Projekt folgt keiner linearen Transferlogik, sondern einem relationstheoretischen Ansatz: Transfer wird als ko-konstruktiver Beziehungsraum zwischen Wissenschaft, Praxis und Bildungsadministration verstanden. Dafür werden neue Strukturen geschaffen: Transferbündnisse, in denen Akteur:innen aus Wissenschaft, Schule, Fortbildung und Administration gemeinsam arbeiten, ein Transfer- und Transformations-Hub (TT-Hub), sowie ein Governance- und Implementationsforschungs-Hub (GI-Hub). Methodisch basiert das Projekt auf: Design-Based Research mit zwei iterativen Entwicklungs- und Erprobungsschleifen, einem Mixed-Methods-Design, das qualitative und quantitative Zugänge systematisch verbindet. Damit wird nicht nur gefragt, ob ein Transfer gelingt, sondern unter welchen Bedingungen, mit welchen Anpassungen und mit welchen Wirkungen auf verschiedenen Ebenen.
Gemeinsam: Design‑Based‑Research in zwei Zyklen, enge Kooperation mit Schulen, Bildungsbehörden und Fachverbänden – für eine wissenschaftlich fundierte, sofort einsetzbare Qualifizierung von Sportlehrkräften und Ganztagsfachkräften.
Erarbeitete Transfergegenstände aus dem Vorgängerprojekt QiS
Was ist überhaupt mit einem inklusiven Sportunterricht gemeint?
Vor dem Hintergrund der vielfältigen Ansätze bestand die erste Herausforderung darin zu präzisieren, was wir überhaupt meinen, wenn wir von einem inklusiven Sportunterricht sprechen. In zwei Expert:innenworkshops stand diese Frage im Zentrum. Das Ergebnis war die Verständigung auf die drei zentralen Ansprüche der Anerkennung, Teilhabe und individuellen Förderung.
Wie begegnen diese Ansprüche Sportlehrkräften in der Praxis?
Im nächsten Schritt standen wir vor der Frage, wie und in welchen Situationen Sportlehrkräfte mit diesen Ansprüchen konfrontiert werden. Hierfür wurden 104 Sportunterrichtsstunden in 14 Klassen an sechs Schulen (drei Grundschulen, drei Stadtteilschulen) gefilmt. Die Unterrichtsstunden wurden systematisch ausgewertet und dabei neun typische Anforderungssituationen ermitteln, in denen die drei Ansprüche den Lehrkräften begegnet sind.
Wie können Sportlehrkräfte Anforderungssituationen inklusiven Sportunterrichts bewältigen?
Eine systematische Auswertung aller Fälle dieser typischen Anforderungssituationen zeigte, wie Lehrkräfte in diesen Situationen agiert haben, wie sie die Situationen professionell wahrgenommen haben und auf welches Wissen sie dabei zurückgegriffen haben.
Auf dieser Grundlage wurden alle Situationen einer normativ-reflexiven Bewertung durch ein Expert:innenteam vorgenommen und auf dieser Grundlage Kompetenzprofile für jede typische Anforderungssituation herausgearbeitet. Die Kompetenzprofile Differenzieren in Teilanforderungen und empfehlen jeweils unterschiedliche Handlungsoptionen, welche situationsadäquat ausgewählt werden müssen.
Für die Lehre wurden zudem zugehörige situationsspezifische Fähigkeiten (professionelles wahrnehmen, interpretieren und entscheiden) sowie Einstellungen, Überzeugungen und Wissensbestände herausgearbeitet.
Wie können angehende Sportlehrkräfte auf die Bewältigung typischer Anforderungssituationen vorbereitet werden?
Die drei Ansprüche inklusiven Sportunterrichts, die typischen Anforderungssituationen und die Kompetenzprofile bieten für (angehende) Sportlehrkräfte zwar wichtige Orientierungen. Da unterrichtliche Situationen jedoch komplex sind und sich stets mehr oder weniger unterscheiden, müssen sich auch die Handlungen der Lehrkräfte an die Spezifika der Situation anpassen. Daher müssen (angehende) Sportlehrkräfte lernen, Situationen inklusiven Sportunterrichts, unter Rückgriff auf relevante Wissensbestände, professionell wahrzunehmen, zu interpretieren und angemessene Handlungsentscheidungen zu treffen.
Zu diesem Zweck wurde auf das Instrument der Videofallarbeit zurückgegriffen. Durch die Auswertung von Fremdfällen sollen die (angehenden) Sportlehrkräfte ihre Überzeugungen und motivationalen Orientierungen überprüfen, ihre Wissensbestände erweitern und ihre Fähigkeiten der Wahrnehmung, Interpretation und Entscheidungsfindung verbessern.
Darauf aufbauend sollen die (angehenden) Sportlehrkräfte die Ansprüche inklusiven Sportunterrichts bei der Planung von Unterrichtsversuchen im Rahmen von Schulpraktika berücksichtigen, relevante Situationen dokumentieren und fallbezogen auswerten.
Insbesondere die Arbeit an Fremdfällen erwies sich als wirksam. Die Berücksichtigung der der Planung und die Auswertung von Unterrichtsversuchen im Schulpraktikum brachte zum Teil weitere Zuwächse oder wirkte zumindest stabilisierend.