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Deutsch-polnische allgemeinsprachliche lexikalische Parallelismen im gesprochenen Schlesischen der Gegenwart

Förderer:
Die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM)

Laufzeit:
01.08.2017 - 31.12.2019

Kooperationspartner:

Prof. Dr. Jolanta Tambor, Schlesische Universität Kattowitz

Das (Ober-) Schlesische hat während der vergangenen 250 Jahre eine große Zahl von Germanismen aufgenommen. Das Projekt will untersuchen, inwieweit diese heute noch im aktuellen Gebrauch in der Breite der autochthonen schlesischen Bevölkerung sind. Lehnwörter sind ein Spiegelbild von Sprach- und Kulturkontakten. 70 Jahre nach Kriegsende stellt sich die Frage, wie nachhaltig der Einfluss des Deutschen das polnisch-(ober)schlesische Idiom im Wortschatz geprägt hat. Die Ergebnisse des Projekts sollen in einer zweisprachigen deutsch-polnischen Monographie dargestellt werden, das ein Wörterbuchs der subjektiven Frequenz der Germanismen und ihrer Konkurrenzwörter mit nicht-deutscher Etymologie als Elemente des alltäglichen oberschlesischen Alltagswortschatzes umfasst.

Hintergrund

In den letzten Jahren wird in Polen bekanntlich eine intensive und teilweise emotionale Diskussion um das Schlesische geführt. (Dem polnischen Sprachgebrauch entsprechend wird mit „Schlesisch / Schlesien“ hier auf Oberschlesien abgehoben.) Es geht um die rechtliche Anerkennung des Schlesischen als „Regionalsprache“. Dem Kaschubischen wurde nach ähnlich kontroversen Diskussionen letztlich im postkommunistischen Polen dieser Status gewährt.

Zu den Gegnern einer Anerkennung des Schlesischen als Regionalsprache gehören verschiedene führende Politiker aus Kreisen der jetzigen, aber auch der früheren Regierungsparteien. Gegen eine solche Anerkennung hat sich auch der „Rat der Polnischen Sprache“ ausgesprochen. Auch unter schlesischen Intellektuellen ist das Streben nach Anerkennung als Regionalsprache nicht unumstritten, dennoch unterstützen sowohl schlesische wie auch nicht-schlesische Intellektuelle, darunter viele Polonisten, die Initiative.

Mit dem „Schlesischen“ wird hier die moderne Variante dessen angesprochen, was man lange Zeit despektierlich als „Wasserpolnisch“ bezeichnet hat. Schon der 1990 verstorbene Slawist Reinhold Olesch (einer der führenden deutschen Slawisten seiner Zeit mit schlesischen Wurzeln) hat dargelegt, dass es sich dabei in grundlegenden Strukturen um eine slawische Varietät (in Oberschlesien) handelt, die allerdings besonders in der Lexik einen enormen Einfluss des Deutschen zeigt. Dies ist das Ergebnis einer intensiven und extensiven Zweisprachigkeit, die sich trotz viel längerer Zugehörigkeit des oberschlesischen Raumes zu deutschsprachigen Staaten besonders in der Folge der Industrialisierung etabliert hat. Eine große Rolle spielte eine Germanisierungspolitik, die mit Bismarcks Kulturkampf einsetzte. Der starke Einfluss des Deutschen hat aber schon Gottfried Christoph Adelung zu despektierlich-stigmatisierenden Einlassungen über das Schlesische bewogen, und zwar weit vor der Zeit des Höhepunkts der Entlehnung aus dem Deutschen. Negative Äußerungen zum „gemischten Idiom” ziehen sich sowohl durch deutsche als auch durch polnische Publikationen, obwohl das Schlesische sicher nicht mehr vom Deutschen beeinflusst wurde, als das Englische vom Romanischen oder das Rumänische vom Slawischen. Diese historische Politisierung spielt, wenn nicht explizit, so doch latent noch heute eine nicht zu unterschätzende Rolle.

In der historischen Konstellation war Deutsch ab Mitte des 18. Jhs. bis zum Ende des Ersten bzw. Zweiten Weltkrieges die „Hochsprache“ bzw. die standardsprachliche „Dachsprache“, die schlesischen Mundarten dagegen die in der Soziolinguistik sog. „low variety“, also ein Substandard. Man spricht in der Sprachwissenschaft von Diglossie im Sinne einer sozial asymmetrischen Zweisprachigkeit. In der Breite der Gesellschaft hat sich dies besonders ab der zweiten Hälfte des 19. Jhs. ausgeprägt. Historisch ist das Schlesische zweifellos Teil eines Dialektkontinuums gemeinsam mit polnischen Dialekten wie Großpolnisch, Kleinpolnisch etc. Da es sich aber über Jahrhunderte außerhalb des polnischen Staates weiterentwickelte, war es bis Ende des Ersten / Zweiten Weltkrieges jedoch auch strukturell recht distant zur modernen polnischen Hochsprache, aber auch zu umgebenden Dialekten – nicht zuletzt aufgrund deutscher Einflüsse. Teilweise hat es sich nach dem Zeiten Weltkrieg bis heute vermutlich wieder dem Polnischen angenähert. Dies soll in diesem Projekt zum Wortschatz überprüft werden.

Das Schlesische hat – wie in solchen Konstellationen üblich – bis heute keine einheitliche Gebrauchsnorm (Usus) entwickeln und erst recht keine explizite, durch normative Wörterbücher und Grammatiken kodifizierte Norm hervorbringen können. Für Teile der polnisch-schlesischen Eliten war das Standardpolnische, das aber selbst außerhalb Schlesiens bis zum Beginn des 20. Jhs. nur bei einem kleinen Teil der polnischen Bevölkerung etabliert war, die einschlägige Schriftsprache, die in jener Zeit in Schlesien geradezu als Ausdruck des schlesischen Patriotismus galt. Während kaschubische Patrioten sich schon im 19. Jh. an einer Emanzipierung des Kaschubischen als Schriftsprache versuchten, kann Ähnliches für das Schlesische erst in jüngster Vergangenheit beobachtet werden. Andererseits kann es aber keinen Zweifel geben, dass sich im Schlesischen eine Reihe sog. Stadtkoines entwickelt haben (ganz im Gegensatz zum Kaschubischen), da das Schlesische durch eine starke Land-Stadt-Migration infolge der Industrialisierung in die Städte einzog (Urbanisierung). An einer Kodifizierung des Schlesischen, ausgehend von den koineisierten Varianten wird zurzeit gearbeitet. Noch mehr wird um sie gestritten. Zumindest eine Teilkodifizierung wäre notwendig, wenn auch im Schlesischen (und nicht nur über Schlesisch) unterrichtet werden soll, um zur Stabilisierung und Revitalisierung beizutragen. In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich die Frage, ob bzw. inwieweit Germanismen in einer solchen Kodifizierung berücksichtigt werden sollten.

Publikationen zum Projekt "Deutsch-polnische allgemeinsprachliche lexikalische Parallelismen"

We5svbmasteruw (analhstaspwlgyia.r89eib9dgs1@uol.dkimd3eqc7) (Stand: 11.11.2019)