Themenvorschläge für Abschlussarbeiten

Themenvorschläge für Abschlussarbeiten im Bereich Stadt- und Regionalforschung

Soziologische Filmanalysen über Filme die aus Sicht der Stadt- oder der Migrationssoziologie relevante Sachverhalte thematisieren (nur nach erfolgreichem Besuch eines Filmseminars).

LA SCHOOL - EINE NEUE SCHULE SOZIOLOGISCHER STADTTHEORIE? Seit einigen Jahren wird von Theoretikern wie Michael Dear am Projekt einer Los Angeles Schule der Stadttheorie gearbeitet. handelt es sich dabei um ein der Chicago School vergleichbares theoretisch und empirisch originelles Projekt oder um einen - wie Kritiker schreiben - kurzfristigen "LA Hype"?

EIGENLOGIK DER STÄDTE – EIN NEUES SOZIOLOGISCHE THEORIEPRO­GRAMM FÜR DIE STADTFORSCHUNG? Von WissenschaftlerInnen der Uni Darmstadt ist ein neuer Ansatz für die Stadtsoziologie vorgeschlagen worden, in dem davon ausgegangen wird, dass die Beobachtung, dass Städte sich unterscheiden in der bisherigen Stadtforschung zu sehr vernachlässigt wurde. Behauptet wird, dass es eine „Eigenlogik“ gebe, die nicht nur jede Stadt einzigartig mache, sondern auch soziale Ungleichheit und das Handeln von BewohnerInnen erkläre. Welchen Erkenntnisgewinn lässt dieser Ansatz erwarten?

IMAGES UND STADTENTWICKLUNG: Images gewinnen auf zwei Ebenen an Bedeutung für die Stadtentwicklung. Zum einen als Images von Städten ("Oldenburg. Das hat was!"), die in der Konkurrenz der Kommunen um Touristen, Investoren und einkommensstarke Bewohner Teil von Werbestrategien sind. Zum anderen werden Images immer wichtigiger für die Entwicklung von Wohnquartieren in Städten. Das zeigt sich vor allem an den Stigmatisierungen benachteiligter Quatiere, die dazu führen, dass für die Bewohner das Risiko sozialer Ausgrenzung steigt. Was sind die Effekte von Images? Worauf gründen sie (Medien, Erzählungen etc.) und bei welchen Akteuren (Stadtpolitik, Makler, Bewohner etc.) sind sie handlungsleitend (im Hinblick auf Investitionsentscheidungen, Wohnstandortentscheidungen etc.)? Wie können Stigmata abgebaut werden?

SOZIALE UNGLEICHHEIT DES WOHNENS: Die hohe Arbeitslosigkeit, der Abbau sozialstaatlicher Transferleistungen und der Rückzug des Staates aus dem sozialen Wohngsbau könnten zu einer wachsenden sozialen Ungleicheit bis hin zu sozialer Ausgrenzung auch im Bereich des Wohnens führen. Welche empirischen Belege lassen sich für diese These ins Feld führen? Inwieweit produziert der Wohnungsmarkt Obdachlosigkeit - etwa durch Gentrification? Auch bei diesem Thema wäre ein internationaler Vergleich sinnvoll.

KOMMUNALE INTEGRATIONSPOLITIK: Kommunen wie Frankfurt oder Bremen sind zwar Vorreiterinnen der Integrationspolitik gewesen, aber erst in den letzten Jahren und verstärkt nach dem nationalen Integrationsplan (2007) haben Städte und Gemeinden Integrationskonzepte diskutiert und verabschiedet. Diese Konzepte könnten vergleichend untersucht oder beispielhaft analysiert werden.

DIE STADT ALS INTEGRATIONSMASCHINE: Die Soziologen der Chicagoer Schule haben die Stadt als Integrationsmaschine beschrieben. Auch heute sind vor allem die großen Städte bevorzugtes Ziel von Migrationsprozessen. Welche Voraussetzungen muß eine Stadt bieten, um dieser Aufgabe der Integration gerecht zu werden? 

BENACHTEILIGENDE EFFEKTE BENACHTEILIGTER QUARTIERE: Von benachteiligenden Effekten spricht man dann, wenn das Wohnen in einem Quartier sich in anderen Lebensbereichen nachteilig auswirkt - wenn beispielsweise ein Bewerber einen Arbeitsplatz nicht bekommt, weil er in einer verrufenen Gegend wohnt. Solche benachteiligenden Effekte können theoretisch in unterschiedlichen Dimensionen auftreten (materiell, sozial, politisch, symbolisch). Welche Effekte lassen sich empirisch nachweisen? Welche Bevölkerungsgruppen sind besonders betroffen?

UNRUHEN IN FRANZÖSISCHEN BANLIEUES - BALD AUCH IN DEUTSCHEN STÄDTEN? Im Herbst 2005 kam es in den Vorstädten vieler französischer Großstädte zu tagelangen massiven Ausschreitungen von Jugendlichen. Was waren die Ursachen? Was spricht dafür und was dagegen, dass es auch in benachteiligten Quartieren deutscher Großstädte zu vergleichbaren Unruhen kommt?

WARUM GIBT ES IN ENGLISCHEN STÄDTEN RIOTS? Im Herbst 2010 ist es zuletzt wieder zu gewaltsam verlaufenden Unruhen in London und anderen Städten Englands gekommen? Wer waren die beteiligten Akteure? Was waren die Ursachen? Inwiefern sind es - auch -  politische Manifestationen? Welche Folgen hatten sie?

STADT UND SOZIALE KONTROLLE: Großen Städten wird seit jeher ein Kontrolldefizit unterstellt. Soziale Beziehungen seien anonymer als in kleinen Städten bzw. als auf dem Dorf, demzufolge sei auch informelle soziale Kontrolle schwächer ausgeprägt und formelle Kontrolle könne diese Lücke nicht schließen. Derzeit lässt sich für Städte sowohl erkennen, dass informelle Kontrolle in Nachbarschaften formalisiert wird (Neighborhood-Watch-Communities, Kommunale Kriminalprävention) als auch formelle Kontrolle intensiviert wird (Videoüberwachung, Einsatz kommerzieller Sicherheitsdienstleister, ...). Selbst die Stadtplanung wird entsprechend durch Richtlinien der Crime Prevention Through Environmental Design beeinflusst. Wie lässt sich so eine neue räumliche Kontrollausrichtung einordnen? Welche Bedeutung haben diese Neuerungen für soziale Beziehungen und für großstädtisches Verhalten?

WANDEL DER EUROPÄISCHEN STADT: Max Weber hat die europäische Stadt des Mittelalters definiert in Abgrenzung zu orientalischen Städten. Heute wird von der europäischen Stadt in Abgrenzung zur US-amerikanischen gesprochen. Ist es angesichts der Globalisierung nocht gerechtfertigt, von der europäischen Stadt als eigenständigen Typ zu sprechen? Wie wandelt sich die europäische Stadt? Gibt es eine "Amerikanisierung" der Stadtentwicklung?

WARUM GIBT ES IN DEUTSCHEN (ENGLICHEN/FRANZÖSICHEN/...) STÄDTEN KEINE GHETTOS? Der Begriff "Ghetto" wird in Medien, Politik und teilweise auch in der Wissenschaft häufig ohne Bezug auf die historischen Ghettos verwendet. Altbauquartiere mit einem hohen Anteil von Migranten, Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus und sogar Villenviertel werden zwar als Ghettos bezeichnet, haben aber kaum Gemeinsamkeiten mit den Ghettos der Juden in europäischen Städten der frühen Neuzeit oder den Schwarzenghettos in den USA im 20. Jahrhundert. Anhand der historischen Fälle müssten die Besonderheiten von Ghettos herausgearbeitet werden, um deutlich zu machen, was Ghettos von anderen Quartierstypen (Enklave, benachteiligtes Quartier, Slum etc.) unterscheidet.

PRIVATISIERUNG DER STADT: Shopping Malls, Urban Entertainment Centers, Business Improvement Districts sind Schlagworte für die "Verhäuslichung" (N. Elias) von Funktionen - hier von Markt und Handel -, die zu den klassischen Funktionen des öffentlichen Raums der Stadt gehören. Die Tendenz ist nicht neu, schon die Passagen und Kaufhäuser Anfang des Jahrhunderts weisen in diese Richtung. Welchen Umfang hat diese Entwicklung heute angenommen, was sind ihre Ursachen und was sind ihre Folgen?

JUGENDLICHE IM ÖFFENTLICHEN RAUM: Pädagogen, die Jugendliche "von der Straße holen" werden dafür oft gelobt. Übersehen wird dabei, dass der öffentliche Raum wichtige Funktionen in der Sozialisation Jugendlicher haben kann. Welche Funktionen sind das, und können sie unter den Bedingungen des Wandels des öffentlichen Raums (s.o. Stichwort : Privatisierung) noch erfüllt werden? Welche Alternativen gibt es für Jugendliche?

DIE KULTURELLE VIELFALT DER STADT: Die Pluralisierung der Lebensstile und die Zuwanderung machen alle Städte zu multikulturellen Ort. Der Gegenstand der multikulturellen Stadt kann aus ganz unterschiedlichen Perspektiven untersucht werden. Aus der Sicht der Bewohner, die die kulturelle Vielfalt als Zumutung oder/und Gewinn sehen können, aus der Perspektive der Politik, die sich auf neue Aufgaben einstellen muss (lokale Integrationspolitik etc.), oder aus der Sicht von Einrichtungen wie Theater und sozio-kulturelles Zentrum, die neue Gruppen für sich gewinnen müssen ohne die alten zu verlieren.

SICHERE STADT: Die Soziologie der Stadt befasst sich von Anfang an mit der sozialen Strukturierung von Raum. Dabei standen bislang ökonomische, politische, soziale und kulturelle Ursachen der sozialräumlichen Segregation im Vordergrund. Neue Polizeistrategien, die Entwicklung neuer Überwachungstechniken, Gated Communities etc. belegen, dass Sicherheit zu einer immer wichtigeren Dimensionen der sozialen Strukturierung von Raum wird. Welche Räume, welche sozialen Gruppen und welche Funktionen betrifft diese Entwicklung? Was sind ihre Ursachen (Veränderungen der Stadtstruktur, soziale Polarisierung, technische Entwicklungen, Privatisierung von Stadt...)?

SUBURBANISIERUNG, DESURBANISIERUNG, EDGE-CITIES: Der Begriff der Suburbanisierung meint eine doppelt abhängige Entwicklung des Umlands von der Kernstadt: funktional, weil die Umlandgemeinden auf zentral-örtliche Funktionen, die in der Kernstadt angesiedelt sind, angewiesen bleiben, dynamisch, weil das Wachstum der Umlandgemeinden von den Überschüssen der Kernstadt gespeist wird. Suburbanisierung in diesem Sinne als doppelt abhängige Entwicklung des Umlands von der Kernstadt trifft die heutige Realität immer weniger. Im Umland entstehen eigenständige "Edge-Cities". Die moderne Gesellschaft scheint räumliche Zentralität aufzulösen. Welche empirischen Belege für diese These gibt es? Und welche theoretischen Erklärungen für solche Entwicklungen lassen sich anführen?

RENAISSANCE DER STADT: Die Gegenthese zur Annahme, dass Desurbanisierung und Edge-Cities die Siedlungsstrukturen prägen, behauptet, dass es aufgrund des ökonomischen, sozialen, demografischen und kulturellen Wandels zu einer Renaissance der Stadt als Ort von Innovation und Integration kommt. Was spricht aus theoretischer Perspektive für diese These? Welche empirischen Belege lassen sich dafür heranziehen?

DIE ATTRAKTIVITÄT DES EINFAMILIENHAUSES: In westlichen, entwickelten Ländern votieren 70 bis 80 % der Bevölkerung für das Einfamilienhaus als ideale Wohnform. Architekten und Planer, neuerdings auch Ökologen, laufen dagegen Sturm. Wie erklärt sich die Attraktivität dieser Wohnform? Dabei ist nicht nur auf Wohnbedürfnisse, Distinktionsgewinne, rechtliche und ökonomische Aspekte einzugehen, sondern auch auf die symbolische Bedeutung dieser Wohnform.

WER PRODUZIERT DIE STADT? Celebration City und der Potsdamer Platz sind besonders spektakuläre Beispiele für das Engagement großer Konzerne in der Stadtentwicklung. Wer produziert die Stadt? Die Planer, die Developer, die Eigentümer, große Investoren, die Bewohner oder auch soziale Bewegungen?

TOURISMUS, FREIZEIT UND KULTUR ALS NEUE ÖKONOMISCHE BASIS DER STÄDTE? Die Umsätze in den Bereichen Freizeit, Erholung, Kultur sind in der letzten Zeit rasant gestiegen. Viele Städte erhoffen sich vom Tourismus positive Effekte auf dem Arbeitsmarkt wie hinsichtlich ihres Steueraufkommens. Welche ökonomische Bedeutung haben Tourismus, Freizeitindustrie und Kultur für die Städte? Welche Konsequenzen sind mit den neuen Organisationsformen im Freizeit- und Kulturbereich für die Städte verbunden?

URBANITÄT DURCH DICHTE Dass die gebaute Umwelt soziales Verhalten beeinflusst, ist eine plausible Vermutung. Viele Stadtplaner glauben zum Beispiel, dass eine dicht bebaute, kompakte Stadt die Kommunikation unter den Städtern fördern könnte. Urbanität durch Dichte war ein Schlagwort des Städtebaus in den 1960er und 1970er Jahren. Die Ergebnisse waren alles andere als urban. Es gibt einige theoretische und einige empirische Untersuchungen zum Verhältnis von gebauter Umwelt und sozialem Verhalten, zu einem großen Teil auch außerhalb des engeren Bereichs der Soziologie (Umweltpsychologie). Eine entsprechende Arbeit hätte – am Beispiel der Dichte oder auch anderer Aspekte gebauter Umwelt – zu klären, was an gesicherten theoretischen und empirischen Kenntnissen zum Zusammenhang von gebauter Umwelt und sozialem Verhalten vorliegt.

SOZIALE MISCHUNG – SINNVOLLES ZIEL VON STADTPLANUNG UND WOHNUNGSPOLITIK? Seit Beginn der Bundesrepublik ist es ein erklärtes Ziel von Stadtplanung und Wohnungspolitik, soziale Segregation und sozial homogene Quartiere zu vermeiden. Die Frage der sozialen Segregation ist durch die Einwanderung nach Deutschland zusätzlich aktuell geworden. Eine entsprechende Arbeit kann zur Klärung folgender Fragen beitragen: Nach welchen Kriterien (kulturelle, ökonomische, soziale, ethnische Faktoren) stellt sich Segregation her? Über welche Mechanismen setzt sich soziale Distanz in räumliche Distanz durch (Belegungspolitik, Wohnungsmarktmechanismen...)? Was sind die positiven und was sind die negativen Folgen sozialer Segregation und für wen?

SCHRUMPFENDE STÄDTE - PROBLEME UND CHANCEN: Stadtentwicklung war lange Zeit identisch mit Wachstum, Stadtpolitik bedeutete das Wachstum zu kanalisieren. Wachsende Städte gibt es auch heute noch (oder wieder), aber die meisten sind mit Schrumpfungsprozessen konfrontiert - der Bevölkerung, der Arbeitsplätze, der Wirtschaftskraft. Was sind typische Probleme schrumpfender Städte? Welche Erfolgsaussichten hat eine Stadtpolitik, die auf Wiedererlangung des Wachstums setzt? Was ist von der These zu halten, dass im Schrumpfen auch Chancen liegen können?

Die Themen skizzieren teilweise sehr breite Arbeitsfelder, die sowohl theoretisch wie empirisch bearbeitet werden können und für Qualifikationsarbeiten eingeschränkt und präzisiert werden müssen. Interessenten wenden sich bitte an Dr. Norbert Gestring.

(Stand: 21.08.2020)