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VA-Details

Semester: Wintersemester 2021

4.03.2301 Modelle der Sprachtheorie; Herder, v. Humboldt, Engels, Vossler, Benjamin, Wygotski, Krauss -  


Veranstaltungstermin

  • Dienstag: 10:00 - 12:00, wöchentlich (19.10.2021 - 01.02.2022)

Beschreibung

Bitte lesen Sie folgenden Seminaraufriss inklusive Bibliographie und Zeitplan sorgsam, um sich zu entscheiden, ob Sie an der Lehrveranstaltung teilnehmen möchten.
Das Verhältnis von Denken und Sprechen als kognitiv-erkenntniskritischer und phonetischer Artikulationsakt ist geknüpft an die Entstehung und Geschichte der menschlichen Lautsprache (Onomatopoesie) als praxisorientierter Vorgang, der aus gesellschaftlicher Not und dem Mangelwesen des Menschen resultiert. Denken und Sprechen als Erkennen, Nachahmen und Bezeichnen von Dingen, Sachen, Namen, Problemen, Personen, Naturgegenständen oder Attributen bildet eine prozessuale Einheit, worin sich die organisch-körperliche und geistig-schöpferische Funktion und Bedeutung der Sprache als Werkzeug der Verständigung und Weltaneignung kundtut, die nach modernen Auffassungen (Franz Brentano, John Searl) intentional bzw. an regulativen und konstitutiven Regeln ausgerichtet ist. Die Verschiedenheiten der Schriftsprachen als spätes Produkt der Menschheit unterliegen syntaktisch der Flexion oder Agglutination, ohne deren Einhaltung keine semantisch vernünftigen Aussagen gemacht werden können.
Insofern hat die Reflexion auf Sprache das philosophische Fragen von dessen vorsokratischen Anfängen an begleitet. Ihr Thema ist alles, was metaphysisch und konkret etwas ist: Gott, Mensch, Tier, Pflanze oder Welt erscheinen als Gegenstände möglichen Wissens über das Sein der Dinge, denn die Vernunft gewinnt gegenüber der Sprache, worin sich das Medium der Fixierung des Denkens entäußert, eine ausgezeichnete Bedeutung. Die Vernunft ist jedoch mehrdeutig (Kant: Dinge an sich; Erscheinungen) und für das Denken nützlich und hilfreich, aber auch teils hinderlich und schädlich, weshalb spätestens seit dem 18. Jahrhundert und Vicos, Rousseaus und Herders Sensualismus nach der Verführung des Denkens durch die Sprache gefragt wird. Daher möchte das Seminar mit der Auswahl der Essays die sprachgenetische Perspektive der von Jonas Pfister 2011 herausgegebenen Textausgabe (s. Bibliographie) erweitern und verfolgt die Absicht, Herders geschichtlich-anthropologische und organische Seite der Sprache zu erfassen und Wilhelm v. Humboldts Prozess der inneren Seite der Sprache als forma mentis an der Bildung subjektiver Vorstellungen herausarbeiten. Ferner soll Friedrich Engels‘ gesellschaftlich-historische Bedeutung der Hand-, Gestus- und Kehlkopffunktion der Sprache erkannt, Karl Vosslers Energeia-These als nicht-mechanistischer Zusammenhang von Sprache, Mentalität und Kultur in Verbindung mit ihrer intuitiv und phylogenetisch-ontogenetisch ausgerichteten Dimension nachvollzogen, Walter Benjamins göttlich-geistig und mimetisch-soziologisch begründeter Charakter der Sprache sowie Lew Wygotskis und Werner Krauss‘ pragmatische Perspektive vergleichend fokussiert werden, so dass positivistisch-materialistische und idealistische Kriterien und Erklärungsansätze des Phänomens menschlicher Sprache zu unterscheiden sind.
Neben Differenzen, werden auch Konvergenzen zwischen den zu besprechenden Texten deutlich, indem die Sprache als Vermittlerin zwischen Denken und Sein gilt und ihre Geschichte sowie der Wandel einer Sprache mit der Geschichte ihrer Träger unmittelbar verknüpft ist. Die Eigentümlichkeit der Sprache ist Ausdruck und Existenzform der Gesellschaftlichkeit des Menschen, denn sie verkörpert das tönende Gedankenband des sozial Allgemeinen, welches dem Besonderen, dem Individuum innewohnt und von ihm selbst, entsprechend den gesellschaftlichen Bedingungen und Möglichkeiten, auch ästhetisch-dichterisch und stilistisch als gebundene Wortform umgeformt wird.
Voraussetzungen: Lust, Interesse und Neugierde, sich auf etwas grundständig Neues mit Bezügen zur Geschichte der Philosophie, Ästhetik, Stilforschung und germanistisch-romanistischen Sprachwissenschaft einzulassen. Vorbereitende Lektüre und diskursive Bearbeitung der Texte im Seminar; zur ersten Sitzung sollte Herders Ursprungsessay über die menschliche Sprache gelesen sein.
Organisation: Alle Texte sind in meinem Handapparat der UB eingestellt. Bis auf die Krauss-Werkausgabe, sind alle anderen Texte auch günstig über ZVAB (Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher) oder andere Antiquariatsdienste erwerbbar. Das Seminar findet im BlueBigButton-Modus (STUD.IP) statt.
Primärliteratur:
Benjamin: Walter: Über die Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen [1916]. In: Ders.: Gesammelte Schriften II, 1. Herausebenen von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1980, S. 140-157.
– Lehre vom Ähnlichen [1933]. In: Ebd., S. 204-210.
– Über das mimetische Vermögen [1933]. In: Ebd., S. 210-213.
– Angelus Novus. Ausgewählte Schriften 2. Frankfurt/M.: Suhrkamp Taschenbuchverlag 1988 (darin u. a. der frühe Sprachaufsatz und der Mimesis-Essay).
Engels, Friedrich: Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen [1876]. In: Ders./Marx, Karl: Dialektik der Natur. Werke 20. Berlin: Dietz Verlag 1986, S. 307-570, hier: S. 444-455.
Herder, Johann Gottfried: Abhandlung über den Ursprung der Sprache [1770]. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1989.
– Über den Ursprung der Sprache. In: Ders.: Herders Werke in fünf Bänden. Ausgewählt und eingeleitet von Regine Otto. Zweiter Band. Berlin, Weimar: Aufbau-Verlag 1978, S. 89-200.
– Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit [1784]. In: Herders Werke in fünf Bänden. Ausgewählt und eingeleitet von Regine Otto. Vierter Band.
– Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Mit einem Vorwort von Gerhart Schmidt. Wiesbaden: R. Löwit Verlag 1965 (Lizenzausgabe des Joseph Melzer Verlages, Frankfurt/Main).
Humboldt, Wilhelm v.: Über Denken und Sprechen [1796/96]. In: Ders.: Werke in fünf Bänden. Band V. Kleine Schriften. Autobiographisches, Dichtungen, Briefe. Herausgegeben von Andreas Flitner und Klaus Giel. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1981, S. 97-99.
– Einleitung in das gesamte Sprachstudium [1810/11]. In: Ebd., S. 127-136.
– Ueber das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung [1820]. In: Ders.: Werke in fünf Bänden. Band III. Schriften zur Sprachphilosophie. Herausgegeben von Andres Flitner und Klaus Giel. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1988, S. 1-25.
– Ueber die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau [1824]. In: Ebd., S. 82-112.
Krauss, Werner: Über den Standort der Sprache [1949]. In: Ders.: Das wissenschaftliche Werk 8. Sprachwissenschaft und Wortgeschichte. Herausgegeben von Bernhard Henschel. Mit einer Bibliographie von Horst F. Müller. Berlin, New York: Walter de Gruyter 1997, S. 143-180.
– Ein Wendepunkt in der Sprachwissenschaft [1950]. In: Ebd., S. 181-184.
– Der marxistische Standpunkt in den Sprachwissenschaften [1950]. In: Ebd., S. 185-190.
– Die Bedeutung der sprachwissenschaftlichen Arbeiten Stalins für die Weiterentwicklung der Theorie des Marxismus-Leninismus [1950/51]. In: Ebd., S. 191-206.
Vossler, Karl: Gesammelte Aufsätze zur Sprachphilosophie. München: Max Huber 1923.
– Geist und Kultur in der Sprache. Heidelberg: Carl Winters Universitätsbuchhandlung 1925.
Wygotski, Lew: Denken und Sprechen [1934]. Mit einer Einleitung von Thomas Luckmann. Herausgegeben von Johannes Helm. Übersetzt von Gerhard Sewekow. Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 1972 (Reihe: Conditio Humana).
Sekundärliteratur:
Bahner, Werner: Zur Relevanz der Sprachgeschichte für die Literaturgeschichte. In: Geschichte und Funktion der Literaturgeschichtsschreibung. Vorträge des Krauss-Kolloquiums II. Berlin: Akademie Verlag 1981, S. 46-53.
Bochmann, Klaus: Sprache und Kultur bei Karl Vossler. In: Grenzgänge. Beiträge zu einer modernen Romanistik. Heft 6, 1996, S. 110-121.
Borsche, Tilman: Wilhelm v. Humboldt. München: Verlag C. H. Beck 1990.
Greif, Stefan/Heinz, Marion/Clairmont, Heinrich (Hrsg.): Herder Handbuch. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag 2015.
Klesczewski, Reinhard: Karl Vossler und die Theorie von Sprache als Spiegel der Kulturentwicklung. In: Lönne, Karl-Egon (Hrsg.): Kulturwandel im Spiegel des Sprachwandels. Tübingen, Basel: A. Francke Verlag 1995, S. 161-172.
Kompa, Nikola (Hrsg.): Handbuch Sprachphilosophie. Stuttgart: J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung 2015.
Lindner, Burkhardt (Hrsg.): Benjamin Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart, Weimar: J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung 2006.
Pfister, Jonas: Texte zur Sprachphilosophie. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2011.
Sauder, Gerhard (Hrsg.): Johann Gottfried Herder (1744-1803). Hamburg: Felix Meiner Verlag 1987.
Trabant, Jürgen: Traditionen Humboldts. Frankfurt/Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1990.
Vološinov, Valentin Nikolajewitsch: Marxismus und Sprachphilosophie. Grundlegende Probleme der soziologischen Methode in der Sprachwissenschaft [1929]. Übersetzt von Renate Horlemann. Herausgegeben und eingeleitet von Samuel M. Weber. Frankfurt/Main, Berlin, Wien: Ullstein Verlag 1975.
Zeit- und Ablaufplan:
19. 10. 2021 Einführung, Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache.
26. 10. 2021 Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache.
02. 11. 2021 Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit.
09. 11. 2021 Herder: Ideen.
16. 11. 2021 W. v. Humboldt: Über Denken und Sprechen; Einleitung in das gesamte Sprachstudium.
23. 11. 2021 W. v. Humboldt: Ueber das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung; Ueber die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau.
30. 11. 2021 Engels: Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen.
07. 12. 2021 Vossler: Gesammelte Aufsätze zur Sprachphilosophie.
14. 12. 2021 Vossler: Geist und Kultur in der Sprache.
21. 12. 2021 Benjamin: Über die Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen.
11. 01. 2022 Benjamin: Über das mimetische Vermögen.
18. 01. 2022 Wygotski: Denken und Sprechen.
25. 01. 2022 Krauss: Über den Standort der Sprache.
01. 02. 2022 Krauss: Ein Wendepunkt in der Sprachwissenschaft; Der marxistische Standpunkt in den Sprachwissenschaften; Abschlussbesprechung.

DozentIn

Studienbereiche

  • Studium generale / Gasthörstudium

SWS
2

Art der Lehre
Ausschließlich Online

Lehrsprache
--

empfohlenes Fachsemester
--

Für Gasthörende / Studium generale geöffnet:
Ja

Hinweise zum Inhalt der Veranstaltung für Gasthörende
Das Verhältnis von Denken und Sprechen als kognitiv-erkenntniskritischer und phonetischer Artikulationsakt ist geknüpft an die Entstehung und Geschichte der menschlichen Lautsprache (Onomatopoesie) als praxisorientierter Vorgang, der aus gesellschaftlicher Not und dem Mangelwesen des Menschen resultiert. Denken und Sprechen als Erkennen, Nachahmen und Bezeichnen von Dingen, Sachen, Namen, Problemen, Personen, Naturgegenständen oder Attributen bildet eine prozessuale Einheit, worin sich die organisch-körperliche und geistig-schöpferische Funktion und Bedeutung der Sprache als Werkzeug der Verständigung und Weltaneignung kundtut, die nach modernen Auffassungen (Franz Brentano, John Searl) intentional bzw. an regulativen und konstitutiven Regeln ausgerichtet ist. Die Verschiedenheiten der Schriftsprachen als spätes Produkt der Menschheit unterliegen syntaktisch der Flexion oder Agglutination, ohne deren Einhaltung keine semantisch vernünftigen Aussagen gemacht werden können. Insofern hat die Reflexion auf Sprache das philosophische Fragen von dessen vorsokratischen Anfängen an begleitet. Ihr Thema ist alles, was metaphysisch und konkret etwas ist: Gott, Mensch, Tier, Pflanze oder Welt erscheinen als Gegenstände möglichen Wissens über das Sein der Dinge, denn die Vernunft gewinnt gegenüber der Sprache, worin sich das Medium der Fixierung des Denkens entäußert, eine ausgezeichnete Bedeutung. Die Vernunft ist jedoch mehrdeutig (Kant: Dinge an sich; Erscheinungen) und für das Denken nützlich und hilfreich, aber auch teils hinderlich und schädlich, weshalb spätestens seit dem 18. Jahrhundert und Vicos, Rousseaus und Herders Sensualismus nach der Verführung des Denkens durch die Sprache gefragt wird. Daher möchte das Seminar mit der Auswahl der Essays die sprachgenetische Perspektive der von Jonas Pfister 2011 herausgegebenen Textausgabe (s. Bibliographie) erweitern und verfolgt die Absicht, Herders geschichtlich-anthropologische und organische Seite der Sprache zu erfassen und Wilhelm v. Humboldts Prozess der inneren Seite der Sprache als forma mentis an der Bildung subjektiver Vorstellungen herausarbeiten. Ferner soll Friedrich Engels‘ gesellschaftlich-historische Bedeutung der Hand-, Gestus- und Kehlkopffunktion der Sprache erkannt, Karl Vosslers Energeia-These als nicht-mechanistischer Zusammenhang von Sprache, Mentalität und Kultur in Verbindung mit ihrer intuitiv und phylogenetisch-ontogenetisch ausgerichteten Dimension nachvollzogen, Walter Benjamins göttlich-geistig und mimetisch-soziologisch begründeter Charakter der Sprache sowie Lew Wygotskis und Werner Krauss‘ pragmatische Perspektive vergleichend fokussiert werden, so dass positivistisch-materialistische und idealistische Kriterien und Erklärungsansätze des Phänomens menschlicher Sprache zu unterscheiden sind. Neben Differenzen, werden auch Konvergenzen zwischen den zu besprechenden Texten deutlich, indem die Sprache als Vermittlerin zwischen Denken und Sein gilt und ihre Geschichte sowie der Wandel einer Sprache mit der Geschichte ihrer Träger unmittelbar verknüpft ist. Die Eigentümlichkeit der Sprache ist Ausdruck und Existenzform der Gesellschaftlichkeit des Menschen, denn sie verkörpert das tönende Gedankenband des sozial Allgemeinen, welches dem Besonderen, dem Individuum innewohnt und von ihm selbst, entsprechend den gesellschaftlichen Bedingungen und Möglichkeiten, auch ästhetisch-dichterisch und stilistisch als gebundene Wortform umgeformt wird. Voraussetzungen: Lust, Interesse und Neugierde, sich auf etwas grundständig Neues mit Bezügen zur Geschichte der Philosophie, Ästhetik, Stilforschung und germanistisch-romanistischen Sprachwissenschaft einzulassen. Vorbereitende Lektüre und diskursive Bearbeitung der Texte im Seminar; zur ersten Sitzung sollte Herders Ursprungsessay über die menschliche Sprache gelesen sein. Organisation: Alle Texte sind in meinem Handapparat der UB eingestellt. Bis auf die Krauss-Werkausgabe, sind alle anderen Texte auch günstig über ZVAB (Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher) oder andere Antiquariatsdienste erwerbbar. Das Seminar findet im BlueBigButton-Modus (STUD.IP) statt.

(Stand: 09.06.2021)