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Zeiten, Erinnerungen, Entwürfe

Jede Gesellschaft schafft ihre eigene Zeitlichkeit. Sie entwirft ihre eigene Erinnerungskultur und gewinnt daraus Gegenwartswahrnehmungen und Zukunftsvorstellungen. Dadurch wird sie elementarer Bestandteil von Identitätsfindungen, Bildungsprozessen und Lebensgestaltungen. Krisen oder Konflikte entstehen immer dann, wenn Vergangenes an Prägekraft verliert und keine Entwürfe für Gegenwart und Zukunft ableitbar sind. Krisen oder Konflikte entstehen auch dann, wenn die Tempi der Entwicklung differieren und dadurch eine „Gleichzei-tigkeit des Ungleichzeitigen“ (Koselleck) entsteht. Krisen und Konflikte entstehen nicht zuletzt dann, wenn konkurrierende Entwürfe aufeinanderprallen. Die Analyse von Zeitvorstellungen und Erinnerungskulturen trägt zum Verständnis der Genese dieser Krisen und Konflikte bei. Sie eröffnet auch Perspektiven für die Gestaltung von und den Umgang mit Erinnerungskulturen.

Die Adorno-Forschungsstelle, das dem Institut für Philosophie assoziierte Hannah-Arendt-Zentrum sowie die Arbeitsstelle Jüdische Studien ergänzen die Frage nach der Genealogie und Semantik transsubjektiver Zeit- und Erinnerungskonzepte in je besonderer Weise. Gemeinsam ist diesen drei Einrichtungen das Interesse an der kritischen Analyse und Selbstreflexion jener Subschichten und Prädispositionen, denen geschichtliche Epochen und kulturelle Verständigungsformen jeweils gefolgt sind und folgen. Den Verdrängungsgewohnheiten, die es hier gibt – auch und gerade in den ‚zeitlose Geltung’ beanspruchenden Wissenschaften –, gilt es Reflexions- und Aufklärungsarbeit entgegenzustellen. Wenn ‚Zeit’ kein neutraler Behälter, sondern die qualitative Form ist, in der sich lebensweltliche Erfahrungs- und Konfliktbewältigungsprozesse vollziehen, und ‚Erinnern’ keinen bloß sekundären Weltbezug, sondern die Tätigkeit bedeutet, durch die sich Erfahrung bildet, dann erfordert das in der kritischen Sichtung kollektiver Selbstdeutungen die Bündelung begriffsanamnetischer und gegenwartsdiagnostischer Perspektiven. Die Adorno-Forschungsstelle, der zugleich die vorhandenen Aktivitäten zum Werk von W. Benjamin integriert sind, das Hannah-Arendt-Zentrum und die Arbeitsstelle Jüdische Studien sind in der Fakultät die Orte, an denen sich die Einlösung dieses Forschungsprogramms bündelt. Für sie gilt im Besonderen, was die Frage nach ‚Zeiten, Erinnerungen, Entwürfen’ insgesamt kennzeichnet.

Im Bewusstsein zeitlicher Dimensionen gesellschaftlicher Praktiken richtet sich die Aufmerksamkeit u.a. auf

  • die Zeitkonstruktionen und Ungleichzeitigkeiten unterschiedlicher Epochen, Gesellschaften und Kulturen,
  • die Herstellung, Wahrung und Instrumentalisierung von Erinnerungsorten und Erinnerungskulturen,
  • die Analyse der Relevanz von Gedächtniskulturen für Versöhnungs- und Konfliktbewältigungsprozesse,
  • die Analyse von Erinnerungsprozessen in ihrer Relevanz für lehramtsbezogene Bildung und Orientierung.
Webmrdbgaster (incqternet@uol.dhtuwse/c) (Stand: 07.11.2019)