Projektförderung

Projektpartner

Laufzeit

April 2022 bis März 2025

Konzept

Das Netzwerk macht das Diagnostizieren in seiner Bedeutung und Funktion für moderne Gesellschaften zum Gegenstand interdisziplinärer, gesellschafts-, kultur- und geschichtswissenschaftlicher Analysen. Es begreift das Diagnostizieren als eine historisch spezifische Form gesellschaftlicher Selbstbeobachtung und -problematisierung, die auf das Steuern und Gestalten kontingenter Entwicklungen abzielt, um eine imaginierte Zukunft herbeizuführen.

Forschungsinteresse

Vor diesem Hintergrund möchte das Netzwerk erstens diese besondere Praxis gesellschaftlicher Selbstbeobachtung und -problematisierung historisieren, zweitens ihre spezifische Rationalität im Verhältnis zu anderen Formen der rationalen Steuerung gesellschaftlicher Prozesse erschließen, drittens einen Überblick über die jeweiligen historischen und gegenwärtigen Ausformungen des Diagnostizierens gewinnen und viertens an ausgewählten Fällen exemplarisch ihre wirklichkeitsschaffende Macht beleuchten.

Das Netzwerk geht mithin der übergreifenden Frage nach, was die verschiedenen Erscheinungsformen des Diagnostizierens für die Selbststeuerung und performative Selbstkonstitution moderner Gesellschaften leisten. Da die Verbreitung von Praktiken des Diagnostizierens schlechterdings nicht ohne ‚Wesen‘ zu begreifen ist, die diese Praktiken (im Zusammenspiel mit Infrastrukturen, Technologien usw.) vollziehen, richtet sich das Forschungsinteresse in diesem Zusammenhang zugleich fünftens auch auf die Subjektivierung von Individuen, Kollektiven und Organisationen als ‚Akteuren‘ des Diagnostizierens.

Die skizzierten Forschungsinteressen sind kulturhistorisch und kultursoziologisch motiviert: Sie fußen auf der Annahme, dass die Ordnungen von Gesellschaften und die Formen ihrer Subjekte nicht allein auf sozialstrukturelle „Basisprozesse“ (Christof Dipper), sondern auch auf kulturelle Prozesse der Selbstwahrnehmung zurückgehen, die mit den „Basisprozessen“ interagieren. Gesellschaften und deren Subjekte sind so gesehen nicht nur sozialstrukturelle, sondern auch kulturelle Formationen. Und eine einflussreiche Kraft ihrer kulturellen Selbstformierung in der Moderne sind, so unsere These, Praktiken des Diagnostizierens, in denen sich wiederum historisch spezifische und folglich wandelbare gesellschaftliche Imaginationen der Krisenhaftigkeit, Zukunftsoffenheit und Gestaltbarkeit konstituieren.

Vorgehensweise

Um (historisch und bereichsspezifisch, diachron und synchron) unterscheidbare Ausformungen des Diagnostizierens identifizieren und für empirische Untersuchungen zugänglich machen zu können, bedarf es eines heuristischen Konzepts von Diagnose, das die folgenden Schritte umfasst: 1. das Relevant-Setzen einzelner, mit besonderen Techniken und (Mess-)Verfahren beobachtbar gemachter Merkmale als Symptome für die Abweichung von einem Normal- oder Standardzustand; 2. die Zusammenschau einzelner Symptome zu einer integralen Krisengestalt; 3. die systematische, auf einer Anamnese sowie der Berücksichtigung weiterer Faktoren beruhende Prognose künftiger Entwicklungen; schließlich 4. Vorschläge für daran anschließende therapeutische (präventive, korrigierende, unterstützende, fördernde) Maßnahmen der Intervention (z. B. Unterbrechung, Neuordnung, Wiederherstellung, Vorbeugung oder Optimierung), deren Umsetzung (z. B. durch Beschäftigungsprogramme, gesundheitspolitische Maßnahmen, das Erheben einer CO2-Steuer, die Subventionierung von Elektroautos, das Fördern von Talenten usw.) Diagnosen den Status einer gesellschaftlichen Produktivkraft sui generis verleiht.

Nicht immer werden alle dieser vier Schritte durchlaufen. So ist eine Diagnose zwar entscheidend für die Legitimation einer Intervention, aber nicht jede Diagnose läuft notwendig auf eine Intervention hinaus. Darüber hinaus gehen wir davon aus, dass das Diagnosekonzept im Zuge seiner Wanderung durch verschiedene wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche gesellschaftliche Bereiche und Disziplinen semantische und pragmatische Veränderungen erfuhr, denen folglich ebenfalls nachgegangen werden soll. 

Mit Hilfe dieses heuristischen Konzepts möchte das Netzwerk Diagnosen verschiedener Medialität, Größenordnung und Reichweite aufspüren: 1. disziplinengebundene und zeittypische Diskurse des Diagnostizierens (bspw. in Soziologie, Erziehungswissenschaft, Geschichtswissenschaft), die wir unter einem performativen Blickwinkel insofern als eine „Spezialform von Praktiken“ (Andreas Reckwitz) betrachten, als sie die Sachverhalte, von denen sie ‚sprechen‘, im ‚Sprechen‘ allererst hervorbringen; 2. historische und aktuelle kulturelle Aufführungen bspw. auf den Bühnen des Theaters, der Oper oder des Sports, in denen Krisenszenarien und Zukunftsentwürfe aufgrund der Körperlichkeit und Bildlichkeit der Darstellungen eine besondere sinnlich-sinnhafte Gestalt und Prägnanz erlangen; 3. diagnostische Praktiken z. B. des Messens von Normabweichungen oder Potenzialen in verschiedenen Zeiträumen, Sozialbereichen und materiellen Arrangements. Methodologisch stützen sich die Analysen des Netzwerks mithin v.a. auf die (historische) Diskursanalyse, medientheoretisch informierte Konzepte des Performativen sowie Ansätze der (kultur-)soziologischen und historischen Praxeologie.

In Verbindung mit der gesellschaftstheoretischen Reflexion auf die geschichtlich-gesellschaftlichen Bedingungen des Auftretens und der Verbreitung von Diagnosen wird es mit diesen theoretisch-methodologischen Instrumentarien möglich, in interdisziplinären Fallstudien der Vielfalt der Themen des Diagnostizierens, ihren Erscheinungsformen, ihrem Wandel, ihren Wirkungsweisen und ihren Folgen für die gesellschaftliche Selbstwahrnehmung und politische Selbstgestaltung nachzugehen.

(Stand: 12.10.2022)