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4.03.2402 Giambattista Vico: Erkenntniskritik, Sprach- und Geschichtsphilosophie -  


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Description

Im Mittelpunkt des Seminars stehen die Lektüren von Giambattista Vicos Frühschriften De nostri temporis studiorum ratione (Vom Wesen und Weg der geistigen Bildung, 1708), Liber metaphysicus. De antiquissima Italorum sapientia (Die uralte Weisheit der Italiker, 1710), De Universi Juris uno principo, et fine uno Liber unus (Von dem einen Ursprung und Ziel allen Rechts, 1720) und das Hauptwerk Scienza Nuova (Prinzipien einer Neuen Wissenschaft über die gemeinsame Natur der Völker, 1744) – alles Werke, worin Knotenpunkte hermeneutischer Wissensmethodologie und praxisorientierter Geschichts-, Rechts-, Sprach- und Kulturphilosophie entfaltet wurden. Zu erörtern ist u. a. die Frage, worin das Neue der Neuen Wissenschaft besteht, welchen Einfluss die Erkenntnistheorie und der Gottesbeweis des französischen Philosophen René Descartes auf Vicos Bestimmung der Freiheit und die verborgenen Gefahren des Übels als Möglichkeit zum Absturz ins Chaos ausübte.
Dass das von Descartes vernachlässigte Problem der Moral und Geschichte die Erforschung des Wahren einseitig auf das Studium der Gewissheit physikalisch-naturwissenschaftlich erklärbarer Welt beschränkte, ist ein Grund, weshalb Vicos frühe Kritik an Descartes‘ Methode als der Beginn einer neuen Wissenschaftskonzeption zu betrachten ist, die sich speziell den Gebieten kultureller, historischer, ästhetischer und politischer Erfahrungen des Menschen widmet. Insofern ist zu überlegen, ob sich Vicos Frühschriften auch als Ausgangspunkte kritischer Moralphilosophie und des Völkerrechts bezeichnen lassen. Welche Rolle spielt dabei das lumen naturale göttlicher Gewalt? Ist es der Anfang und das Ende aller Gewalt, und wie stellt sich Vico den Geschichtsprozess als Unterscheidung zwischen Natur- und Menschheitsgeschichte genauer vor?
Die Frühschriften entfalten nicht nur Analysen der menschlichen Tugenden und Laster, sondern in ihnen werden die wandlungsfähige Natur des menschlichen Geistes und seine Leidenschaften gezeigt, wodurch Grundstränge gegeben sind, die in der späteren „Neuen Wissenschaft“ thematisch weiterentwickelt werden. Weitere Fragen: Wie hängt Descartes‘ cogito ergo sum mit Vicos verum ipsum factum-Axiom zusammen, in dessen Konvertierbarkeit das wechselseitige Verständnis von Philosophie und Philologie als Praxis eingegangen ist. Weshalb versteht Vico Phiologie als Gesellschaftswissenschaft? Wie und weshalb richtet Vico den „gefallenen Menschen“ mit Hilfe der Philosophie wieder auf? Welche Funktion wird der menschlichen Sprache zugewiesen, und wie ist sie entstanden? Wieso macht der Mensch seine Geschichte selbst, und warum strickt Vico die anthropologisch-ontologische Verhältnisbestimmung von Essen (Nahrungsaufnahme) und Sein?
Erwartungen und Organisationsform:
Neugierde und Freude, sich auf das forschende Studium eines der wichtigsten neuzeitlichen Philosophen am Übergang zur Aufklärungsepoche und des historischen Materialismus einzulassen. Regelmäßige Teilnahme und vorbereitende Seminarlektüre, Diskussionen und Impulsstatements. Interesse an der europäischen Aufklärungsphilosophie, an ästhetischen Semantiken, an griechischer und römischer Geschichte, Moral- und Erkenntnisphilosophie. Zur ersten Sitzung sollte der Text „Vom Wesen und Weg der geistigen Bildung“ gelesen sein, gefolgt von dem Metaphysik-Buch, der Rechtsphilosophie und dem Hauptwerk der „Neuen Wissenschaft“. Versuchen Sie bitte, sich alle primären Texte über ZVAB (Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher) oder im Buchhandel anzuschaffen; ein Handapparat wird in der UB zur Verfügung gestellt.
Primärtexte:
Giambattista Vico: De nostri temporis studiorum ratione (Vom Wesen und Weg der geistigen Bildung) [1708]. Übertragung von Walter Otto mit einem Nachwort von C. Fr. v. Weizsäcker und einem erläuternden Anhang von Fritz Schalk. Godesberg: Verlag Helmut Küpper 1947.
– Liber metaphysicus. Risposte [1710/12]. Aus dem Lateinischen und Italienischen ins Deutsche übertragen von Stephan Otto und Helmut Viechtbauer. München: Wilhelm Fink Verlag 1979.
– Von dem einen Ursprung und Ziel allen Rechts [1720]. Übersetzt von Max Glaner. Wien: Verlagsgemeinschaft „Stifterbibliothek“ Wilhelm Braumüller Verlag 1950.
– Prinzipien einer Neuen Wissenschaft über die gemeinsame Natur der Völker [1744]. Übersetzt von Vittorio Hösle und Christoph Jerman und mit Textverweisen von Christoph Jermann. Hamburg: Felix Meiner Verlag 1990 (2 Bände).
Sekundärliteratur:
Bredekamp, Horst: Fortuna als Neue Wissenschaft. In: Leviathan. Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft. 47. Jg., Heft 1, 2019, S. 74-85.
König, Peter: Giambattista Vico. München: C. H. Beck Verlag 2005.
– Vico in Europa zwischen 1800 und 1950. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2013.
Otto, Stephan: Giambattista Vico. Grundzüge seiner Philosophie. Stuttgart, Berlin, Köln: Verlag W. Kohlhammer 1989.
Trabant, Jürgen: Neue Wissenschaft von alten Zeichen: Vicos Semantologie. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1994.
– Mithridates im Paradies. Kleine Geschichte des Sprachdenkens. München: C. H. Beck 2003.
– Giambattista Vico – Poetische Charaktere. Berlin, Boston: Walter de Gryuter 2019.
Woidich, Stefanie: Vico und die Hermeneutik. Eine rezeptionsgeschichtliche Annäherung. Würzburg: Königshausen & Neumann 2007.
Zeitplan:
07. 04. 2026 Einführung, Vom Wesen und Weg der geistigen Bildung (1708)
14. 04. 2026 Vom Wesen und Weg
21. 04. 2026 Vom Wesen und Weg
28. 04. 2026 Liber metaphysicus (1710)
05. 05. 2026 Liber metaphysicus
12. 05. 2026 Liber metaphysicus
19. 05. 2026 Von dem einen Ursprung und Ziel allen Rechts (1720)
26. 05. 2026 Von dem einen Ursprung
02. 06. 2026 Prinzipien einer neuen Wissenschaft über die gemeinsame Natur der Völker (1744)
09. 06. 2026 Prinzipien einer neuen Wissenschaft
16. 06. 2026 Prinzipien
23. 06. 2026 Prinzipien
30. 06. 2026 Prinzipien
07. 07. 2026 Prinzipien; Abschlussgespräch

lecturer

Study fields

  • Studium generale / Gasthörstudium

SWS
2

Anzahl der freigegebenen Plätze für Gasthörende
5

Für Gasthörende / Studium generale geöffnet:
Ja

(Changed: 11 Feb 2026)  Kurz-URL:Shortlink: https://uol.de/p28463en
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