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4.03.2403 Walter Benjamin: Sprachtheorie, Gewalt-, Religions- und Kunstwerkkritik und Mimesis-Begriff -  


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Metaphysik, Marxismus und Messianismus: Verlaufen die drei Hauptlinien in Benjamins Werk getrennt, oder bilden sie eine Einheit? Anders gefragt: Auf welche Weise konvergieren jene drei Denkgrundrichtungen, um ein kreativ-vernünftiges Arbeitsinstrument als geistige Waffe zu schärfen, die strategisch im Klassenkampf bestehen kann, ohne dass damit sprachlich-stilistisch, ästhetisch, dialektisch-konstellationshistorisch, fortschrittskritisch, pädagogisch, messianisch und politisch verknüpfte Ambitionen voneinander abzuspalten oder isoliert preiszugeben wären?! Noch dazu verfügte wohl kein anderer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts über ein ähnlich breit gefächertes Formen-Repertoire wie Benjamin, wenn man bedenkt, dass er die monographische Abhandlung, den Essay, den Kommentar, den Aphorismus, den Rundfunkessay, das Fragment, die Montage, die Rezension, das Hörspiel, den Reisebericht, das Städtebild, die Novelle, den Brief, das Gedicht, das Kindheits- und Denkbild, das Haschisch- und Traumprotokoll, die autobiographische Erzählung, die Reportage, den Bericht, die Glosse oder auch die Übersetzung als publizistische Mitteilungsformen benutzte. In jenen Medien sind Benjamins dichterische und theoretische Denkformen als zeitlich-historisches Kontinuum samt Sollbruchstellen eigener Erfahrungen präsent, denn als jüdischer Flüchtling hatte er gewusst, dass der völkische Faschismus unweigerlich Europa mit Krieg überziehen würde. Das heißt vor allem ferner, dass der verbrecherisch-luftkriegsmäßige Überfall der Nazis auf die Völker Europas und die Sowjetunion zugleich die Vernichtung bzw. die Exilierung europäischer Juden und der Arbeiterbewegung bewirkte und dazu führte, dass die geschichtlich gewachsenen Kulturlandschaften und Staaten Mittel- und Osteuropas ausgelöscht wurden.
Nochmals, im historischen Kontext der Toten und der Überlebenden, gefragt: Welche Rolle kommt der Sprache und der Rolle der Gewalt in der Geschichte zu? Für Benjamin hängt die Interpretation des Baumes der Erkenntnis und des Sündenfalls im Schöpfungsbericht mit der Theorie der göttlichen Sprache und adamitischen Ursprache eng zusammen. Mittels Gegenüberstellung ergibt sich das Problem der Arbitrarität und Nicht-Arbitrarität der Sprachelemente des richtenden Gotteswortes und äußerlichen Menschenwortes, worin sich die Abstraktion der Sprache und deren verdinglichte Verknechtung ausdrücken, die in der babylonischen Sprachverwirrung gipfeln und so das Problem der profanen Erfüllung der Mitteilungsfunktion der Sprache stellen, die jedoch zugleich viel mehr als ein bloßes Verständigungsmittel ist, sondern das geistige Wesen des Menschen ausmacht. Dass sich im alttestamentlich-poetischen Gedankenraum und Benjamins Interpretation sprachtheologischer Topoi zentrale Fragestellungen herausbildeten und Antworthorizonte auf spätere Schriften gegeben sind, soll als durchwaltende Gestaltungskraft erkannt und anhand terminologisch veränderter Reformulierung zentraler Theoreme des frühen Aufsatzes bewusst gemacht werden. Das heißt, dass menschliche Sprache den Vorgang der Translatio studii als Übersetzung und Verlagerung von Wissenstransfers vergangener Zeiten oder verblühter Orte und Kulturlandschaften in die „Jetztzeit“ leistet, wodurch zugleich kulturelle Anschlüsse an die Tradition wie auch Abstoßungsprozesse, Verwerfungen und Veränderungen sichtbar werden.
Daher besteht das Ziel des Seminars auch darin, verschiedene Sujets Benjamins (Fragment, Aphorismus, systematischer Essay) vorzustellen, die als Entgegnung auf die Krise des bürgerlichen Bewusstseins (1914), die Integration und Revision des Marxismus oder die gefühlte Stillstellung der Dialektik im Zeitalter von Nationalsozialismus und Stalinismus (1933) entstanden waren. Entlang philosophisch-literarischer Verschachtelungen als Typus dichterischen Denkens, worin sich Unsichtbares und Verborgenes versinnbildlicht, geht es darum, Benjamins ideengeschichtliche Determinanten freizulegen und seine Entwicklung zum dialektischen Materialismus zu verdeutlichen. Kurzum: Stilistische Arbeit am Begriff und dessen jeweils historisch-semantische Aufschlüsselung auch experimenteller und utopischer Aspekte sollen dazu beitragen, die spezifische Schreibweise und Methodologie Benjamins nachvollziehbar zu machen und mittels ihrer Bilder, Metaphern und Konstruktionen sich bewusst zu werden, dass sie in einem unmittelbaren Erfahrungszusammenhang eigener Proletarisierung als Lohnschreiber stehen. Seine Auffassungen, speziell den Marxismus betreffend, liefen zuweilen nicht nur Th. W. Adorno zuwider, sondern sie stimmten gleichfalls mit der Exil-Politik des von M. Horkheimer geleiteten Instituts für Sozialforschung oftmals nicht überein. Zu besprechen ist ferner die Frage, inwieweit Benjamins Sprach- und Gewaltkritik sich überlappen, ob sein Neapel-Erlebnis des Jahres 1924 mit der lettischen Theaterregisseurin Asja Lacis eine kommunistisch inspirierte Arbeitsphase biographisch einleitete und mitbewirkte, dass nach Benjamin mimetische Reproduktionstechnologien und bürgerliche Kultur und Kunst als Stabilisatoren kapitalistischer Warenästhetik bestimmenden Einfluss auf das angeblich schon befreite Subjekt nehmen.
Voraussetzungen, Organisation, Perspektiven: Erwartet wird die aktive Bereitschaft, in die frische Feige des physiognomisch-monadologisch-materialistischen Denkens zu beißen, worin sich nicht nur verzehrender Genuss, sondern auch die Entfremdung vorgefundener Produktions- und Verwertungsbedingungen als kapitalistisch unterjochtes Naturverhältnis widerspiegeln. Kontinuierliche Lektüre und rege Diskussionsteilnahme werden belohnt durch Einsichten, die das eigne Leben verändern können.
Empfohlen wird, sich folgende Taschenbuchausgaben der Schriften anzuschaffen, die viele der zu studierenden Texte enthalten: Walter Benjamin: Illuminationen. Ausgewählte Schriften 1. Ausgewählt von Siegfried Unseld. Frankfurt Main: Suhrkamp Verlag 1977; Ders.: Angelus Novus. Ausgewählte Schriften 2. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1988; Ders.: Ein Lesebuch. Herausgegeben von Michael Opitz. Frankfurt/Main 1996. Ansonsten wird nach der Ausgabe „Gesammelte Schriften“ zitiert, die genauso wie die Schriften 1 und 2, das Lesebuch und viele Einzeltitel über ZVAB (Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher) gut und günstig zu erreichen sind; ein Handapparat wird in der UB zur Verfügung gestellt.
Zum Einstieg in die erste Sitzung sei auf folgende Texte hingewiesen (s. Bibliographie und Zeitplan): „Das Leben der Studenten“; „Der destruktive Charakter“; „Ausgraben und Erinnern“.
Primärschriften:
Benjamin, Walter: Das Leben der Studenten [1914]. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem herausgegeben von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Bd. II., 1. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1980, S. 75-87.
– Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen [1916]. In: Ders., Bd. II., 1, S. 140-157.
– Zur Kritik der Gewalt [1921]. In: Ders.: Bd. II, I, S. 179-203.
– Kapitalismus und Religion [1921]. In: Ders.: Bd. VI., S. 100-103.
– Neapel [mit Asja Lacis, 1924]. In: Ders.: Bd. IV, 1, S. 307-316.
– Einbahnstraße [1924/28]. In: Ders.: Bd. IV., 1, S. 83-148.
– Frische Feigen [1930]. In: Ders.: Bd. IV., 1, S. 374 f
– Theorien des deutschen Faschismus [1930]. In: Ders.: Bd. III., 1, S. 238-250.
– Der destruktive Charakter [1931]. In: Ders.: Bd. IV., 1, S. 396-398.
– Ausgraben und Erinnern [1932]. In: Ders.: Bd. IV., 1, S. 400 f.
– Die Lehre vom Ähnlichen [1933]. In: Ders.: Bd. II., 1, S. 204-210.
– Über das mimetische Vermögen [1933]. In: Ders.: Bd. II., 1, S. 210-213.
– Erfahrung und Armut [1933]. In: Ders.: Bd. II., 1, S. 213-219.
– Der Autor als Produzent [1934]. In: Ders.: Bd. II., 2, S. 683-701.
– Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit [1935]. In: Ders.: Bd. I., 2. S. 431-469.
– Über den Begriff der Geschichte [1940]. In: Ders.: Bd. I., 2, S. 691-704.
Forschungsliteratur:
Bulthaup, Peter (Hrsg.): Materialien zu Benjamins Thesen ‚Über den Begriff der Geschichte‘. Beiträge und Interpretationen. Frankfurt/Min: Suhrkamp Verlag 1975.
Demirovic, Alexander: Der nonkonformistische Intellektuelle. Die Entwicklung der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1999.
Garber, Klaus: Zum Bilde Walter Benjamins. Studien – Portraits – Kritiken. München: Wilhelm Fink Verlag 1992.
Habermas: Jürgen: Rettende und bewusstmachende Kritik – die Aktualität Walter Benjamins. In: Zur Aktualität Walter Benjamins. Aus Anlaß des 80. Geburtstages von Walter Benjamin herausgegeben von Siegfried Unseld. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1972, S. 173-223.
Holz, Hans Heinz: Prismatisches Denken [1956]. In: Über Walter Benjamin. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1968, S. 62-110
Lindner, Burckhardt (Hrsg.): Benjamin-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart, Weimar: Verlag J. B. Metzler 2006.
Marcuse, Herbert: Revolution und Kritik der Gewalt [1964]. In: Materialien zu Benjamins Thesen ‚Über den Begriff der Geschichte‘. Beiträge und Interpretationen. Herausgegeben von Peter Bulthaup. Frankfurt/Main 1975, S. 23-27.
Menninghaus, Winfried: Walter Benjamins Theorie der Sprachmagie. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1980.
Mayer, Hans: Der Zeitgenosse Walter Benjamin. Frankfurt/Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 1992.
Palmier, Jean-Michel: Walter Benjamin. Lumpensammler, Engel und bucklicht Männlein. Ästhetik und Politik bei Walter Benjamin [2006]. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Florent Perrier. Aus dem Französischen von Horst Brühmann. Frankfurt/Main 2009.
Salzinger, Helmut: Swinging Benjamin [1973]. Erweiterte Neuausgabe. Mit einem Nachwort von Klaus Modick. Hamburg: Kellner Verlag 1990.
Schöttker, Detlev (Hrsg.): Walter Benjamin. Über Städte und Architekturen. Berlin: Dom Publihers 2017.
Vialon, Martin: Neuere Benjamin-Lesarten und ihre Kritik. In: Jahrbuch der Internationalen Georg Lukács-Gesellschaft. Herausgegeben von Frank Benseler und Werner Jung, Jg. 10./11., 2006/07, Bielefeld: Aisthesis Verlag 2007, S. 83-103.
– Warum Walter Benjamins Moskaus-Pläne scheiterten. In: Christine Blättler/Christian Voller (Hrsg.): Walter Benjamin. Politisches Denken. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2016, S. 277-301.
Terminplanung:
08. 04. 2026 Einführung; Das Leben der Studenten (1914/15); Der destruktive Charakter (1931); Ausgraben und Erinnern (1932)
15. 04. 2026 Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen (1916)
22. 04. 2026 Zur Kritik der Gewalt (1921)
29. 04. 2026 Zur Kritik der Gewalt; Kapitalismus als Religion (1921)
06. 05. 2026 Neapel (mit Asja Lacis, 1924); Einbahnstraße (1928);
13. 05. 2026 Einbahnstraße; Frische Feigen (1930)
20. 05. 2026 Theorien des deutschen Faschismus (1930); Der destruktive Charakter (1931)
27. 05. 2026 Erfahrung und Armut (1933); Lehre vom Ähnlichen (1933)
03. 06. 2026 Über das mimetische Vermögen (1933); Der Autor als Produzent (1934)
10. 06. 2026 Der Autor als Produzent (1934)
17. 06. 2026 Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1935)
24. 06. 2026 Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technologischen Reproduzierbarkeit
01. 07. 2026 Über den Begriff der Geschichte (1940)
08. 07. 2026 Über den Begriff der Geschichte, Abschlussgespräch

lecturer

Study fields

  • Studium generale / Gasthörstudium

SWS
2

Anzahl der freigegebenen Plätze für Gasthörende
5

Für Gasthörende / Studium generale geöffnet:
Ja

(Changed: 11 Feb 2026)  Kurz-URL:Shortlink: https://uol.de/p28463en
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