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4.03.2404 Theodor W. Adorno: Beschädigtes Leben, Kritik des Antisemitimus und Reflexionen über Theorie und Praxis -

Event date(s) | room
- Donnerstag, 9.4.2026 10:00 - 12:00 | A01 0-010 b
- Donnerstag, 16.4.2026 10:00 - 12:00 | A01 0-010 b
- Donnerstag, 23.4.2026 10:00 - 12:00 | A01 0-010 b
- Donnerstag, 30.4.2026 10:00 - 12:00 | A01 0-010 b
- Donnerstag, 7.5.2026 10:00 - 12:00 | A01 0-010 b
- Donnerstag, 21.5.2026 10:00 - 12:00 | A01 0-010 b
- Donnerstag, 28.5.2026 10:00 - 12:00 | A01 0-010 b
- Donnerstag, 4.6.2026 10:00 - 12:00 | A01 0-010 b
- Donnerstag, 11.6.2026 10:00 - 12:00 | A01 0-010 b
- Donnerstag, 18.6.2026 10:00 - 12:00 | A01 0-010 b
- Donnerstag, 25.6.2026 10:00 - 12:00 | A01 0-010 b
- Donnerstag, 2.7.2026 10:00 - 12:00 | A01 0-010 b
- Donnerstag, 9.7.2026 10:00 - 12:00 | A01 0-010 b
Description
Theodor W. Adorno (1903-1969) bildet innerhalb der verzweigten Bewusstseinsströme europäischer Philosophie eine große intellektuelle Ausnahme. Die Absicht des Seminars besteht darin, Adornos Aktualität angesichts triebdynamisch falsch verlaufender Bewusstseinsidentifizierungsprozesse und deren Kritik entlang ausgewählter Texte erkenntniskritisch neu in Szene zu setzen.
Nach der Exilzeit, die Adorno zunächst kurz in England, danach in den USA von 1934 bis 1951 verbrachte, wurde er 1957 in Frankfurt zum Ordinarius für Philosophie und Soziologie ernannt und hatte die methodologische Zusammengehörigkeit soziologisch durchtränkter Philosophie und philosophisch inspirierter Soziologie konzeptionell entwickelt. Wesentlich ist, dass er an frühe erkenntniskritische und ontologische Kernelemente anknüpfte, die er in seiner Frankfurter Antrittsvorlesung „Die Aktualität der Philosophie“ (1931, GS 1, S. 325-344) und dem fulminanten Aufsatz „Die Idee der Naturgeschichte“ (1932, GS 1, S. 345-365) unter Bezugnahme auf Kants kritisches System, Lukács‘ Geschichtsphilosophie (Antinomien der bürgerlichen Gesellschaft), Hegels und Husserls phänomenologische Ansätze und Benjamins Sprach-, Mimesis-, Kunst- und Fortschrittskritik entwickelte. Jene Denkmotive bleiben bis in die späten „Marginalien zu Theorie und Praxis“ (1969) als zudem auch permanente Auseinandersetzung mit der 11. Feuerbachthese von Karl Marx und Bert Brechts Ästhetik des eingreifenden Denkens erhalten.
Neben der immer wieder auf Marx zurückgreifenden Kritik des fetischisierten Tauschwertcharakters der Warengesellschaft, die Adorno zur Kennzeichnung des modernen Industriekapitalismus und der Integrationswilligkeit des Proletariats heranzieht, bereichert er die Philosophiediskussion durch die Erörterung des Wesens erinnerter Gegenstände, die eben nicht im geschichtsfreien Raum, sondern in der restaurativen Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik stattfindet. Gerade weil Adorno in soziologisch-empirischen Studien und erzieherischen Essays wie „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“ (1959), „Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute“ (1962) oder „Erziehung nach Auschwitz“ (1966) die historischen Bedingungen und Verbrechen des Antisemitismus als politische und wirtschaftliche Prozesse, kulturelle Zusammenhänge und völkisch-ideologisch manipulierte Barbarei begreifbar machte, hatte er die elementare Einsicht kundgetan, dass die Strukturen, die den historischen Bedingungen des Nationalsozialismus zugrunde liegen, noch keineswegs aus der Welt geräumt sind.
Dass die Konstitutionsformen der „authoritarian personality“ mit ihrer charakterlichen Neigung zur Stereotypenbildung, oder der Formierung eines homogenen Volkswillens, auch heutzutage zunehmend zu verklärenden und oft kruden Geschichtskonstruktionen, anti-demokratischen Diskursverschiebungen, rechter Hetze und Gewaltbereitschaft geführt haben, geht vor allem aus dem jüngst von Volker Weiß aus Adornos Nachlass herausgegebenen und mit einem eindringlichen Nachwort versehenen Text „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ (1967) hervor. Adornos Analyse liest sich wie eine gegenwartsbezogene Bestandsaufnahme der jetzigen politischen Verhältnisse (Zunahme von Fremdenhass, Verschiebung von Tabus und Sagbarkeitsräumen, Etablierung antiliberaler Denkmuster, Elitenverachtung), indem er sozialpsychologisch den manipulativen Charakter als Trägergestalt antisemitischen und rassistischen Denkens und Handelns dingfest gemacht hatte. Die Aufklärungsarbeit erschwerend wirkte sich auch die Tatsache aus, dass die unerhörte Leichtigkeit, mit der die Entnazifizierung der Hochschulen vorgenommen, und die Schnelligkeit, mit der sie abgeschlossen wurde, eben auch das Fach Philosophie betrifft, gegen deren Selbstkontaminierung mit völkisch-rassistischem Spuk und nachwirkend zweideutigem Sprechen seiner Vertreter eben Adorno auch nach 1945 noch lange ankämpfen musste.
Kurzum: Ausgehend von Adornos ausgewählten Essays sollen auch psychoanalytisch entliehene Begriffe und methodische Prämissen kenntlich gemacht werden, die nicht nur den destruktiven Typus des autoritär-servilen Charakters erklären oder die biologisch-ökonomische und politische Basis regressiver Triebstruktur und die Praxis propagandistischer Ideologiebildung von Faschismus, Antisemitismus, Fremdenhass und Klischeebildung offenlegen, sondern auch das Bewusstsein zur Überwindung gesellschaftlicher „Kälte“ durch libidinöse Erziehung der Ich-Stärkung und individueller Zärtlichkeit schärfen. Dabei soll die Frage diskutiert werden, ob sich Adorno bei der Erklärung gesellschaftlicher, ästhetischer und moralischer Phänomene (Analyse des Nationalsozialismus und der Konzentrationslager, Entfremdung, Verdinglichung, Möglichkeit der Liebe als Gegenentwurf, Wahrheit und Wahrscheinlichkeit klassischer und moderner Kunstwerke, Freud und die Analyse des Narzissmus, Sadismus und massenpsychologischer Ichauflösung) treu geblieben ist, oder ob nicht die späten „Marginalen“ viele Überraschungen bereithalten, die über sein frühes Marx-Verständnis im Sinne einer Präzisierung der Theorie-Praxis-Dialektik hinausgehen?
Voraussetzungen: Neugierde und Lesehunger, Lust auf Theoriearbeit und gleichzeitig hohe Frustrationstoleranz, welche das angestrebte Verstehen des Stoffes im Gespräch jedoch erst mitermöglicht. Die erste Sitzung beginnt mit Adornos Exil-Essay „Reflexionen zur Klassentheorie“ (1942). Alle primären und sekundären Texte sind demnächst im Handapparat der UB (Abteilung: Philosophie) zugänglich und werden historisch-systematisch (s. Terminplan) besprochen.
Primärtexte:
Adorno, Theodor W.: Reflexionen zur Klassentheorie [1942]. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz. Bd. 8 (Soziologische Schriften I.). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1998, S. 373-396.
– Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben [1944/47]. Gesammelte Schriften, Bd. 4.
– Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda [1951]. In: Gesammelte Schriften, Bd. 8 (Soziologische Schriften I.), S. 408-433; übertragen aus dem Englischen von Rainer Koehne unter dem Titel „Die Freudsche Theorie und die Struktur der faschistischen Propaganda“ auch in: Tiedemann, Rolf (Hrsg.): Theodor W. Adorno. Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1971, S. 34-66.
– Zum Studium der Philosophie [1955]. In: Gesammelte Schriften, Bd. 20, 1 (Vermischte Schriften I.), S. 318-326.
– Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit [1959]. In: Gesammelte Schriften. Bd. 10, 2 (Kulturkritik und Gesellschaft II. Eingriffe, Stichworte, Anhang), S. 555-572.
– Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute [1962]. In: Gesammelte Schriften. Bd. 20, 1. (Vermische Schriften 1), S. 360-383; auch in: Tiedemann, Rolf (Hrsg.): Theodor W. Adorno: Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft, S. 105-133.
– Notiz über Geisteswissenschaft und Bildung [1962]. In: Gesammelte Schriften. Bd. 10, 2 (Kulturkritik und Gesellschaft II.), S. 495-498.
– Wozu noch Philosophie [1962]. In: Gesammelte Schriften. Bd. 10, 2 (Kulturkritik und Gesellschaft II), S. 459-473.
– Erziehung nach Auschwitz [1966]. In: Gesammelte Schriften. Band 10, 2 (Kulturkritik und Gesellschaft II.), S. 674-690.
– Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Ein Vortrag [1967]. Mit einem Nachwort von Volker Weiß. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2019.
– Marginalien zu Theorie und Praxis [1969]. In: Gesammelte Schriften, Bd. 10, 2 (Kulturkritik und Gesellschaft II), S. 759-793.
– Resignation [1969]. Gesammelte Schriften, Bd. 10, 2 (Kulturkritik und Gesellschaft II.), S. 794-799; auch in: Tiedemann, Rolf (Hrsg.): Theodor W. Adorno: Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft, S. 145-150.
Sekundärliteratur:
Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Adorno, Theodor. W.: Sonderband Text + Kritik. München: edition text + kritik 1977.
Claussen, Detlev: Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie. Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2003.
Claussen, Detlev/Negt, Oskar/Wierz, Michael (Hrsg.): Keine Kritische Theorie ohne Amerika. Herausgegeben von Frankfurt/Main: Verlag Neue Kritik 1999.
Demirović, Alex: Der nonkonformistische Intellektuelle. Die Entwicklung der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1999.
Ehlers, Jaro/Gerr, Ulrich Mathias/Köhler, Eike/Stolzenberger, Steffen/Vialon, Martin (Hrsg.): Kritik & Versöhnung. Beiträge im Handgemeinde Kritischer Theorie. Oldenburg: BIS-Verlag der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg 2016.
Fetscher, Iring/Schmidt, Alfred (Hrsg.): Emanzipation als Versöhnung. Zu Adornos Kritik der „Warentausch“-Gesellschaft und Perspektiven der Transformation. Frankfurt/Main: Verlag Neue Kritik 2002.
Honneth, Axel (Hrsg.): Dialektik und Freiheit. Frankfurter Adorno-Konferenz 2003. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2005.
Horn, Klaus: Psychoanalyse – Anpassungslehre oder kritische Theorie des Subjekts? In: Gente, Hans-Peter (Hrsg.): Marxismus, Psychoanalyse, Sexpol. Band 2: Aktuelle Diskussion. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1972, S. 116-159.
Jaeggi, Rahel: „Kein Erzieher vermag etwas dagegen“. Adornos „Minima Moralia“ als Kritik von Lebensformen. In: Honneth Axel (Hrsg.): Frankfurter Adorno-Konferenz 2003, Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2005, S. 115-141.
Klein, Richard/ Kreuzer, Johann/ Müller-Doohm, Stefan (Hrsg.): Adorno-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: Metzler’sche Verlagsbuchhandlung 2011 (2., erweiterte Aufl. 2019).
Löbig, Michael/Schweppenhäuser, Gerhard (Hrsg.): Hamburger Adorno-Symposium. Lüneburg: Dietrich zu Klampen Verlag 1984.
Papst, Reinhard (Hrsg.): Theodor W. Adorno. Kindheit in Amorbach. Bilder und Erinnerungen. Mit einer biographischen Recherche. Frankfurt/Main: Insel Verlag 2003.
Ruschig, Ulrich: Materialismus: Kritische Theorie nach Marx. In: Klein, Richard/Kreuzer, Johann/ Müller-Doohm, Stefan (Hrsg.): Adorno-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2011, S. 335-345.
Ruschig, Ulrich/Schiller, Hans-Ernst (Hrsg.): Staat und Politik bei Adorno. Baden-Baden: Nomos Verlag 2014.
Schneider, Christian/Stillke, Cordelia/Leineweber, Bernd (Hrsg.): Trauma und Kritik. Zur Generationengeschichte der Kritischen Theorie. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot 2000.
Wiggerhaus, Rolf: Die Frankfurter Schule. Geschichte, theoretische Entwicklung, politische Bedeutung [1986]. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1988.
Vialon, Martin: Jean Améry – Philosoph der Aufklärung im Spiegel seiner Auseinandersetzung mit Theodor W. Adorno. In: Bormuth, Matthias / Nurmi-Schomers, Susan (Hrsg.): Kritik aus Passion. Studien zu Jean Améry, Göttingen: Wallstein Verlag 2005, S. 119-143.
– Theodor W. Adorno’s „Hornberg Letter“ to Walter Benjamin. A controversial Discussion of Historical Materialism. In: Moshe Zuckermann (Hrsg.): Theodor W. Adorno. Philosoph des beschädigten Lebens, Göttingen: Wallstein Verlag 2004, S. 109-130.
Zuckermann, Moshe: Kritische Theorie in Israel – Analyse einer Nichtrezeption. In: Ders.: Theodor W. Adorno. Philosoph des beschädigten Lebens. Göttingen: Wallstein Verlag 2004, S. 9-24.
Terminplan:
09. 04. 2026 Einführung, Adorno: Reflexionen zur Klassentheorie (1942)
16. 04. 2026 Reflexionen zur Klassentheorie
23. 04. 2026 Minima Moralia (1944/47)
30. 04. 2026 Minima Moralia; Die Freudsche Theorie und die Struktur der faschistischen Propaganda (1951)
07. 05. 2026 Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit (1959)
21. 05. 2026 Zum Studium der Philosophie (1955); Wozu noch Philosophie (1962)
Notiz über Geisteswissenschaft (1962)
28. 05. 2026 Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute (1962)
04. 06. 2026 Erziehung nach Auschwitz (1966)
11. 06. 2026 Erziehung nach Auschwitz
18. 06. 2026 Aspekte des neuen Rechtsradikalismus heute (1967)
25. 06. 2026 Aspekte des neuen Rechtsradikalismus heute
02. 07. 2026 Marginalien zu Theorie und Praxis (1969)
09. 07. 2026 Marginalien zu Theorie und Praxis; Resignation (1969); Abschlussgespräch
lecturer
Study fields
- Studium generale / Gasthörstudium
SWS
2
Anzahl der freigegebenen Plätze für Gasthörende
5
Für Gasthörende / Studium generale geöffnet:
Ja