UNI-INFO: Herr Mailitafi, was motiviert Sie dazu, sich neben einem zeit intensiven Chemiestudium sozial zu engagieren?
MAILITAFI: Es ist mir wichtig, angesichts der aktuellen Weltlage nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Mich zu engagieren, gibt mir das Gefühl, wirkmächtig zu bleiben. Ich beteilige mich daran, dass die Welt besser wird. Ich möchte vor allem die Erfahrungen Schwarzer Menschen und People of Color in Deutschland sichtbarer machen. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Menschen Verständnis für einander und Berührungspunkte miteinander haben.
UNI-INFO: In welchen Bereichen sind Sie aktiv?
MAILITAFI: Ich habe zwei kommunale Mandate in der niedersächsischen Kleinstadt Bersenbrück im Landkreis Osnabrück – im Stadtrat und im Samtgemeinderat. Ich versuche dort, die Stimmen junger Menschen, insbesondere von Rassismus betroffener Menschen, einzubringen. Ich biete an Schulen Workshops zu politischer und antirassistischer Bildung an und halte bei Veranstaltungen Vorträge zum Thema. Auch eine Dozentin der Uni Oldenburg hat mich beispielsweise mal für einen Workshop angefragt. Ich bin viel in der digitalen Welt unterwegs und unter anderem Sprecher der Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“. Wir setzen uns darin für eine lückenlose Aufklärung eines furchtbaren Vorfalls in Oldenburg ein: In der Osternacht vor einem Jahr wurde ein 21-Jähriger, ein Bekannter von mir, durch Polizeischüsse getötet. Ich wünsche mir eine ehrliche Debatte über rassistische Polizeigewalt und strukturelle Veränderungen, die alle Menschen in dieser Gesellschaft schützen.
UNI-INFO: Wie lässt sich das alles mit dem Studium vereinbaren?
MAILITAFI: Alles unter einen Hut zu bekommen, ist natürlich her ausfordernd. Es braucht Durchhaltevermögen – und viel Motivation für die Sache. Das Chemiestudium mit seinen festen Laborzeiten und vielen Forschungspraktika bringt mich phasenweise an meine Belastungsgrenzen. Für die Ratsarbeit in Bersenbrück pendle ich viel und habe auch sonst oft deutschlandweit Abendveranstaltungen. Was mir hilft, ist eine strikte Kalenderführung. Und ich muss konsequent sein, mich vor größeren Abgaben wie Hausarbeiten auch mal in die Bibliothek verkriechen und nicht erreichbar sein. Manchmal klappt das auch. (lacht)
UNI-INFO: Vertreterinnen und Vertreter des Instituts für Chemie haben Sie kürzlich für einen bedeutenden Preis für studentisches Engagement vorgeschlagen …
MAILITAFI: … was ich als eine große Wertschätzung empfunden habe! Dieses Verständnis spüre ich auch in meinem Uni-Alltag. Ich kann tatsächlich auch mal individuelle Absprachen mit Dozierenden treffen, etwa bei Terminüberschneidungen zwischen Ratssitzungen und Vorlesungen. Die Profs kommen mir da zum Glück entgegen.
UNI-INFO: Sie engagieren sich politisch, sind stark an Strukturen des gesellschaftlichen Miteinanders interessiert. Warum studieren Sie nicht beispielsweise Sozialwissenschaften?
MAILITAFI: Mit meinem Chemiestudium möchte ich die Basis dafür legen, später an umweltfreundlichen Methoden zu forschen, wie Elektroschrott anders als durch Verbrennen weiter verwertet werden könnte. Ich wurde in Ghana geboren und habe mich viel damit auseinandergesetzt, da es dort die größte Elektroschrottmüllhalde Afrikas gibt. Wertstoffe aus Europa, Amerika und anderen Teilen der Welt werden dorthin verschifft. Die Menschen, die dort leben, versuchen den Müll auf ihre Art und Weise zu verwerten, reparieren elektrische Geräte und recyceln Aluminium. Problematisch ist dabei beispielsweise, dass Reifen als Brennstoff genutzt werden, wodurch hochgiftige Dämpfe entstehen. Ich war selbst 2023 dort: Viele Kinder und vulnerable Menschen leben dort unter menschenunwürdigen Verhältnis sen. Ich würde gerne durch Forschung dazu beitragen, etwas an dieser Situation zu verändern.
UNI-INFO: Was raten Sie Mitstudierenden, die Interesse daran haben, sich sozial zu engagieren, aber nicht genau wissen, wo und wie sie sich ein bringen können?
MAILITAFI: Oldenburg ist eine Unistadt: Menschen kommen und gehen. Das macht Vereinsarbeit oft schwierig, weil die Kontinuität fehlt. Aber selbst wenn man nur über einen begrenzten Zeitraum da ist, gibt es immer etwas zu tun – in vielen tollen Organisationen, Vereinen und Initiativen. Meine Erfahrung ist: Alle freuen sich, wenn es Verstärkung gibt.
Quelle: Uni Info (Jahrgang 53, 3. Quartal 2026; Seite 9; Authorin: Saskia Heinze)