NaviGate - ein Neubau für die Forschung zur Tiernavigation

Vorbemerkung

Die Wissenschaftler*innen an der Universität Oldenburg betreiben exzellente Forschung in gesellschaftlicher Verantwortung. Wir streben danach, neue Erkenntnisse zum Wohl der Gesellschaft und aller Lebewesen zu gewinnen. Dabei sind wir uns bewusst, dass unsere Forschung den Einsatz von Tieren erfordern kann. Dies geschieht jedoch nur, wenn es unerlässlich ist, um wissenschaftliche Fragen zu beantworten. Wir bekennen uns zum Tierschutz und zu unserer ethischen Verantwortung. Unsere Forschung entspricht allen gesetzlichen Bestimmungen. Alle, die mit Tieren forschen, verfügen über die erforderlichen Qualifikationen und gehen verantwortungsvoll mit den ihnen anvertrauten Lebewesen um. Die Universität informiert transparent über Forschung mit Tieren auf ihrer Webseite.

Tierschutzgesetz

Tierversuche, etwa in der Grundlagenforschung und zum Schutz der Umwelt, dürfen laut dem deutschen Tierschutzgesetz nur erfolgen, wenn keine Alternativmethoden genutzt werden können. Die zuständige Behörde genehmigt einen Tierversuchsantrag nur dann, wenn die Forschenden belegen, dass das Forschungsvorhaben nicht ohne Tierversuche auskommt. Der zu erwartende Nutzen des Experiments muss das mögliche Leiden des Tieres ethisch rechtfertigten. Die Universität Oldenburg verfügt über alle erforderlichen behördlichen Genehmigungen.

Hintergrundinformationen NaviGate

Der Wissenschaftsrat (WR) hat im April 2026 in seiner Empfehlung zur Förderung von Forschungsbauten an Hochschulen den Neubau des Forschungsbaus „NaviGate“ an der Universität Oldenburg befürwortet. Das geplante Gebäude soll weltweit einzigartige Bedingungen bieten, um das Navigationsverhalten von Tieren und dessen Grundlagen gezielt zu erforschen. Diese Forschung liefert wichtige Erkenntnisse, die zum Schutz wandernder Tiere und dem Erhalt der biologischen Vielfalt von entscheidender Bedeutung sind. 

Herzstück des Neubaus ist ein 18 Meter großer so genannter „Forschungs-Dome“, in dem das Navigationsverhalten von beispielsweise Insekten, Vögeln und Fischen unter kontrollierten, naturähnlichen Bedingungen untersucht werden kann. In der speziell abgeschirmten Anlage lassen sich unter anderem Magnetfelder, Elektrosmog, Lichtreize sowie Geräusche und Gerüche gezielt simulieren. 

Unabhängige Evaluationen haben das im Rahmen von NaviGate geplante Forschungsprogramm und dessen Ziele als herausragend und innovativ eingestuft. Die beteiligten Forschenden werden als international führend in ihren Forschungsfeldern bewertet. Diese Bewertung der Relevanz, Qualität und Bedeutung der Forschung ist ein wesentlicher Bestandteil des Evaluierungsprozesses, der zu der Empfehlung geführt hat, NaviGate zu fördern. 

Pressemeldung: Wissenschaftsrat empfiehlt Neubau in Oldenburg

Die Forschung zur Tiernavigation

Die Forschung im Exzellenzcluster NaviSense und im Sonderforschungsbereich „Magnetrezeption und Navigation in Vertebraten“ sowie die damit verbundenen Studien leisten einen wichtigen Beitrag zum Verständnis, wie sensorische Mechanismen von wandernden Tieren funktionieren, wie Tiere navigieren, wie sie ihre Heimat definieren und warum und wie Tiere menschengemachte Umwelteinflüsse wahrnehmen und darauf reagieren. Das Engagement aller Beteiligten dient sowohl der Grundlagenforschung als auch dem Arten- und Naturschutz.

Fragen zur Forschung mit Tieren

Bedeutet Grundlagenforschung, dass die Forschung mit Tieren aus reiner Neugierde erfolgt?

Ein wesentlicher Aspekt von naturwissenschaftlicher Forschung ist, grundlegende neue Erkenntnisse zu gewinnen, um etwa Zusammenhänge in der Natur zu verstehen. Aus den Ergebnissen ergeben sich, manchmal nach langer Zeit, manchmal unmittelbar, Anwendungen und Innovationen. Die Forschenden an der Universität Oldenburg konnten in den vergangenen Jahren beispielsweise wichtige Erkenntnisse dazu liefern, wie der Magnetische Kompass von Vögeln funktioniert und wie und warum sich Elektrosmog störend auf die Orientierung der Vögel auswirkt. Durch die hochmoderne Laborinfrastruktur von NaviGate kann diese seit Langem etablierte international sichtbare Forschung auf den Gebieten der Tiernavigation und Sensorik zukunftsweisend erweitert werden. Dieses neue Wissen wird wiederum eine große Bedeutung für den Vogelschutz haben.

Das natürliche Navigationsverhalten von Vögeln, Fischen oder Insekten lässt sich nur durch Untersuchungen an den lebenden Tieren nachvollziehen und erforschen. Das bedeutet, dass die Beteiligten in ihrer Forschung auch mit Tieren arbeiten. Dabei sind die gesetzlich vorgeschriebenen 3R-Prinzipien (refine, reduce, replace) selbstverständliche Leitkriterien der tierexperimentellen Forschung an der Universität Oldenburg.

Replacement - Beispiel

Ein Eiweiß, das in den Augen von Vögeln vorkommt, konnte erstmals mit Hilfe von Bakterienkulturen in großen Mengen im Labor produziert werden. Seine ausgeprägte Empfindlichkeit für Magnetfelder ist nachgewiesen und in dem renommierten Fachmagazin Nature publiziert. Mehr Informationen in der Pressemeldung Der Quantensinn in der Netzhaut

Lassen sich durch künstliche Untersuchungsbedingungen, in denen etwa Elektrosmog oder Lichtverschmutzung simuliert werden, überhaupt neue wissenschaftliche Erkenntnisse über die Sinnesbiologie und Neurosensorik von Tieren gewinnen? Was bedeutet dies ethisch?

Das weltweit einzigartige neue Gebäude eröffnet völlig neue Forschungsmöglichkeiten, die auch aus ethischer Sicht zukunftsfähig sind. Umweltbedingungen wie Magnetfelder, Lichtverhältnisse oder der Sternenhimmel können erstmals gezielt einzeln oder im Zusammenspiel simuliert und kontrolliert werden. Auf diese Weise können die Forschenden wissenschaftliche Fragen zum Schutz der Tiere gezielter als bisher beantworten. Gezielter heißt, dass weniger Versuche mit weniger Tieren zu neuen Erkenntnissen führen. Die Forschung in NaviGate hilft konkret, zu verstehen, wie Umweltveränderungen Tiere beeinträchtigen. Die Ergebnisse liefern wichtige Grundlagen für wirksame Naturschutzmaßnahmen. Wichtige Themen sind: 

Elektrosmog

Elektrosmog kann den Magnetsinn von Zugvögeln und anderen Tieren stören. Forschungsergebnisse aus Oldenburg haben dafür bereits wichtige Hinweise geliefert. NaviGate ermöglicht es künftig, elektromagnetische Störungen gezielt in unterschiedlichen Stärken und Frequenzen zu simulieren und ihre Auswirkungen genauer zu untersuchen. Die so gewonnenen Erkenntnisse tragen zum Schutz von Vögeln bei, etwa indem die Auswirkungen von verschiedenen Formen von Elektrosmog vorhergesagt und schon bei der Planung von bestimmten Infrastrukturprojekten berücksichtigt werden können.

Lichtverschmutzung

Künstliches Licht kann nachtaktive Insekten und ziehende Singvögel bei der Orientierung stören – oft mit tödlichen Folgen. Die genauen Zusammenhänge sind bislang jedoch nur unzureichend erforscht. Denn bisher lassen sich die komplexen Bedingungen im Freiland experimentell nicht gut untersuchen, weil sie sehr variabel sind. Im Virtual-Reality-Dome von NaviGate können künftigen unterschiedliche Lichtbedingungen, etwa Sternenhimmel, Stadtlicht oder verschiedene Lichtfarben und -stärken, gezielt simuliert werden. So lässt sich systematisch untersuchen, wie Lichtverschmutzung das Verhalten und die neuronale Verarbeitung bei Insekten und Vögeln beeinflusst. Ziel ist es, Grundlagenwissen zu schaffen, um die Auswirkungen künstlichen Lichts besser vorherzusagen und zu reduzieren. Experimente mit Insekten fallen übrigens nicht unter das Tierschutzgesetz.

Zergliederung von Habitaten

Menschliche Einflüsse führen dazu, dass Habitate und Ökosysteme wie Inseln zwischen Gebieten mit intensiver Landnutzung, Siedlungen und Verkehrswegen liegen. Diese Fragmentierung von Habitaten wirkt sich negativ auf viele Arten und die biologische Vielfalt aus. Ziel des UN-Übereinkommens über die biologische Vielfalt ist daher unter anderem, Habitate wiederherzustellen und Arten wieder einzuführen. Das erneute Ansiedeln von Arten ist in der Praxis jedoch oft schwierig, da die Tiere die Umgebung nicht als ihr Zuhause erkennen. Die Forschung in NaviGate wird helfen, zu verstehen, wie Tiere ihr Zuhause wahrnehmen und sich orientieren. Auf dieser Basis können neue Methoden entwickelt werden, um Tiere behutsam an neue Lebensräume zu gewöhnen und so den Erfolg von Wiederansiedlungsprojekten zu verbessern.

Sollten nicht natürliche Habitate und Populationen erhalten werden, um Arten wirksam zu schützen, statt Tiere im Labor zu untersuchen?

Der Schutz von Ökosystemen und Habitaten ist zentral für den Artenschutz. Um wirksame Maßnahmen entwickeln zu können, braucht es jedoch auch ein genaues Verständnis darüber, wie Tiere Umweltreize wahrnehmen und wie Faktoren wie Elektrosmog oder Lichtverschmutzung die von Menschen ausgehen ihr Verhalten beeinflussen. Viele dieser Zusammenhänge lassen sich im Freiland nicht gezielt untersuchen, weil die Umweltbedingungen dort nicht kontrollierbar sind. NaviGate ergänzt daher die Freilandforschung: In der abgeschirmten Umgebung des Labors können einzelne Einflussfaktoren systematisch untersucht werden, um Erkenntnisse für den konkreten Natur- und Artenschutz vor Ort zu gewinnen. So kann der Einsatz weniger Versuchstiere zum Schutz von Millionen anderen Tieren beitragen. Für die Versuche werden grundsätzlich Tierarten gewählt, die in der Natur sehr häufig vorkommen. Die Ergebnisse tragen dazu bei, auch bedrohte Tiere in der Natur besser schützen zu können.

Kann die Beobachtung des Zugverhaltens von Vögeln, etwa mit schonenderen Methoden wie der digitalen Freilandbeobachtung oder Radartracking, die Forschungsfragen beantworten?

Beobachtungen von Tieren im Freiland, etwa mit digitalen Methoden, können die Verhaltensforschung in NaviGate nicht ersetzen. Denn im Freiland können die Forschenden die Umwelteinflüsse auf die Tiere nicht kontrollieren und die Effekte, die verschiedene Einflüsse haben, nicht voneinander trennen. Aus reinen Beobachtungsstudien lassen sich daher oft keine Rückschlüsse auf den Zusammenhang zwischen einem oder mehreren Umwelteinflüssen und bestimmten Verhaltensweisen ziehen. 

Darüber hinaus ist es nicht möglich, die zugrunde liegenden molekularen, biochemischen und physiologischen Mechanismen durch Beobachtungen von Tieren in freier Wildbahn zu verstehen. Dieses Wissen ist jedoch unerlässlich, um zu klären, warum und wie sich vom Menschen verursachte Umweltverschmutzung auf die Tiere auswirkt. Zudem lassen sich mögliche Folgen präziser vorhersagen und Artenschutzmaßnahmen zielgerichteter konzipieren. Schlussfolgerungen, die aus Beobachtungen gewonnen werden, sind zumeist ungenauer und liefern kaum Hinweise auf den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung.

Empfinden die wildlebenden Zugvögel Stress, wenn Sie gefangen und gehalten werden? 

Bisher gibt es wenig Informationen darüber, ob Wildvögel in Gefangenschaft gestresster sind als in der Natur. Eine Studie an Steinschmätzern hat Hinweise darauf geliefert, dass die Tiere in Gefangenschaft keine Anzeichen von Stress entwickelten. Unabhängig davon sorgen fachkundige Personen für das Wohl der Tiere. Auf unserer Webseite gibt es weitere Informationen zur Forschung mit Tieren an der Universität und zur Haltung:

Tiere an der Universität Oldenburg 

Werden wildlebende Zugvögel getötet? 

Die Untersuchungen an Wirbeltieren, die an der Universität Oldenburg durchgeführt werden, bestehen in erster Linie aus Verhaltensbeobachtungen. Durch den Forschungsbau NaviGate wird die Zahl solcher Experimente nicht steigen, da ein wesentlicher Schwerpunkt auf Insekten liegt. Kommen Zugvögel zum Einsatz, werden dies voraussichtlich Rotkehlchen und Mönchsgrasmücken sein. Beide gehören zu den zehn häufigsten Vogelarten in Deutschland. Sie sind nicht bedroht und die Forschungsergebnisse tragen entscheidend zum Schutz auch seltener Zugvögel bei. 

Zu den wissenschaftlichen und ethischen Grundsätzen unserer Forschenden gehört, dass aus Forschungsgründen so wenige Vögel wie möglich getötet werden. Versuchsserien, bei denen Tiere getötet werden, erfolgen nur dann, wenn erwartet wird, dass der Einsatz weniger Tiere statistisch belegbare Ergebnisse bringt. Die Forschenden können zudem dank langjähriger Erfahrung die Experimente so vorausschauend planen und terminieren, dass Gewebe gemeinsam genutzt wird. So reduzieren sie bereits heute die Zahl der Versuchstiere erheblich im Vergleich zu der Zahl der Tiere, die bei einer isolierten Durchführung der Projekte erforderlich wäre. Auf unserer Webseite informieren wir über die Zahlen, die im Zusammenhang mit der Forschung an Tieren stehen: 

Forschung mit Tieren in Zahlen

(Stand: 01.06.2026)  Kurz-URL:Shortlink: https://uol.de/p119546
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