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  • Prof. Dr. Albrecht Hausmann

    Prof. Dr. Albrecht Hausmann

Mit Prof. Hausmann über Vergangenheit, Zukunft, Studium und Perspektive

Dieses Interview markiert den Beginn einer Serie, in der wir uns ab jetzt — in unregelmäßigen Abständen — den Professorinnen und Professoren unserer Hochschule widmen werden. Als Lehrende prägen sie Studium und Forschung, als Wissenschaftler ganz entscheidend den nationalen und internationalen Ruf der Universität. Nicht zuletzt als Persönlichkeiten beeinflussen sie die gesamte akademische Kultur in Oldenburg. Doch wer sind sie als Menschen?

Dieses Interview markiert den Beginn einer Serie, in der wir uns ab jetzt — in unregelmäßigen Abständen — den Professorinnen und Professoren unserer Hochschule widmen werden. Als Lehrende prägen sie Studium und Forschung, als Wissenschaftler ganz entscheidend den nationalen und internationalen Ruf der Universität. Nicht zuletzt als Persönlichkeiten beeinflussen sie die gesamte akademische Kultur in Oldenburg. Doch wer sind sie als Menschen? Wir laden zum Gespräch und fragen nach.

Den Auftakt macht Prof. Albrecht Hausmann. Aufgewachsen in Bayern, studiert und promoviert an der Universität München, danach tätig gewesen in Heidelberg und Göttingen, habilitiert an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, zwischenzeitlich lehrend in Freiburg im Breisgau, ist Hausmann seit 2010 Professor für Kulturwissenschaftliche Mediävistik am Institut für Germanistik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Den Germanistikstudierenden wohlbekannt als ‚der Mittelalter-Mann‘, bekleidet Hausmann zurzeit auch das Amt des Studiendekans der Fakultät III und ist in dieser Funktion ebenso auf Absolventenfeiern wie in wichtigen universitären Gremien anzutreffen. Wir treffen ihn am 15. September in seinem Büro zum Interview.

IGAP: Haben Sie vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen. Wie die meisten Professoren haben Sie gewiss viel anderes zu tun, etwa seit Monaten herumliegende Hausarbeiten zu begutachten.

HAUSMANN (lacht): Sie kennen mich gut.

IGAP: Beginnen wir doch gleich mit einem Eisbrecher. Dazu würden wir Sie gerne, wenn Sie erlauben, mit ein paar der bewährten Fragen konfrontieren, die bekannt geworden sind zuerst durch Marcel Proust, dann durch Bernard Pivot im französischen Fernsehen und zuletzt James Lipton bei Inside the Actors Studio:

  1. IGAP: Was ist Ihr Lieblingswort (mittelhochdeutsche sind erlaubt, müssen aber erläutert werden)?
    HAUSMANN: Wenn mittelhochdeutsche Wörter erlaubt sind, dann finde ich, das Wort ‚meinen‘ ist sehr schön. ‚Meinen‘ heißt im Mittelhochdeutschen auch so etwas wie ‚lieben‘. So kann man im Mittelhochdeutschen sagen: „Ich meine dich“ und meint damit nicht nur, dass man sein Gegenüber ‚meint‘ und ansprechen will, sondern auch, dass man es gerne hat, dass man es liebt. Das ist eine schöne Assoziation.
  2. IGAP: Welches Geräusch mögen Sie gar nicht?
    HAUSMANN: Styroporrascheln.
  3. IGAP: Was ist Ihr Lieblingsbuch oder -film?
    HAUSMANN: Mein Lieblingsbuch ist wirklich der Tristan von Gottfried von Straßburg.
  4. IGAP: Mit welcher Person, lebendig oder tot, würden Sie sich gerne einmal zu einem längeren Gespräch zusammensetzen?
    HAUSMANN (überlegend): Johannes von Tepl, der den Ackermann aus Böhmen geschrieben hat. Denn dazu habe ich eine ziemlich abgefahrene These. Und ich würde ihn gerne fragen, ob ich Recht habe – etwas, das ich sonst nie darf als Wissenschaftler: einfach die Frage stellen, ob ich ‚Recht habe‘.
  5. IGAP: Wenn Sie nicht Mediävist geworden wären, was würden Sie heute tun?
    HAUSMANN: Ich wollte früher immer Journalist werden. Das wäre ich wohl heute auch, wenn ich nicht irgendwann auf die Idee gekommen wäre, Mediävist zu werden.

IGAP: Heute lehren Sie nicht nur als Mediävist, Sie sind auch Studiendekan. Wussten Sie, dass Ihnen dadurch die förmliche Anrede ‚Eure Respektabilität‘ zusteht?

HAUSMANN: Ich glaube nicht, dass das in Oldenburg so ist. Das ist an den alten Universitäten der Fall. Hier dürfte es anders sein. Wir sind, wenn ich das richtig sehe, von unserer Entstehung her eine ‚linke Reformuniversität‘. Jedenfalls hat mich noch niemand so angesprochen.

Die Vergangenheit ist für mich stets ein Faszinationsraum gewesen.

IGAP: Respekt verdienen Sie sich ohnehin lieber anders. Man weiß, dass Sie sehr gerne lehren. Ihre Seminarteilnehmer sind Wiederholungstäter. Doch den meisten Studierenden sind Sie als ‚der Mittelalter-Mann‘ bekannt. Das ist, wohlgemerkt, nicht in Abgrenzung zum Renaissance man zu verstehen, sondern bezieht sich auf Ihr Forschungsgebiet. Womit genau beschäftigt sich ein kulturwissenschaftlicher Mediävist?

HAUSMANN: Ein kulturwissenschaftlicher Mediävist, der also — das muss man immer dazusagen — Germanist und dabei vor allem Literaturwissenschaftler ist, beschäftigt sich mit Literatur aus den mittelalterlichen Jahrhunderten, vom Beginn der Überlieferung in deutscher Sprache im 8. Jahrhundert an bis hin zum 16. Jahrhundert. Das ist es zunächst, womit man sich als Gegenstand beschäftigt.

IGAP: Aber es geht im Einzelnen doch sehr ins Detail. Was etwa bewegt einen jungen Mann dazu, sich mit den moralischen Problemen fiktiver Könige, Ritter und Hofdamen zu beschäftigen, die einer Gesellschaftsordnung entstammen, die der unsrigen so ungeheuer fremd ist?

HAUSMANN: Ich muss zugeben, dass ich mich schon als Kind und Jugendlicher immer für Geschichte interessiert habe, immer das Gefühl hatte, dass sie gleichsam eine Erweiterung des Erfahrungsfeldes ist; dass man die Dinge, die man in der Wirklichkeit antrifft, auch noch einmal in die Geschichte hinein verlängern kann. Die Vergangenheit ist für mich stets ein Faszinationsraum gewesen.

IGAP: Wie kam es dann zu der Eingrenzung auf das Mittelalter?

HAUSMANN: Zunächst kam es zu einer Eingrenzung auf die Literatur. Ich habe Germanistik und Politikwissenschaften studiert, zunächst noch mit dem Ziel, Journalist zu werden. Im Laufe der Zeit habe ich dann bemerkt, dass mich auch in der Germanistik wieder der historische Bereich am meisten interessiert, und zwar der ältere historische Bereich. Man muss allerdings auch sagen, dass es ja nicht um Könige und ihre moralischen Probleme geht, sondern es geht durchaus um Probleme, die dadurch, dass sie zwar heute immer noch ähnlich auftauchen, aber doch anders sind in der mittelalterlichen Literatur, uns einen kontrastiven Vergleichsraum bieten und damit auch etwas für uns selber.

IGAP: Spielt dieser Aspekt, der sprichwörtliche Bezug zu heute, auch in Ihrer Forschung eine bedeutende Rolle?

HAUSMANN: Das ist nicht immer leicht und mit einigen Schwierigkeiten innerhalb der mediävistischen Community behaftet, die natürliche ihre speziellen Fragestellungen hat. Dafür kann man da schon einmal belächelt werden. Aber die Idee, zu sagen: diese Dinge haben immer auch eine Relevanz für uns selbst und auch für unseren Blick auf unser eigenes wissenschaftliches Tun, diesen Punkt würde ich schon stark machen. Es gibt ja in der Mediävistik die sogenannte Alteritätsdebatte, eine lange Debatte um die Frage: Ist das Mittelalter eigentlich anders als die Neuzeit, sieht es nur anders aus? Wissen wir vielleicht nur selber nicht genau, ‚was wir sind‘, und glauben deshalb, das Mittelalter sei anders? Ist es unserer Zeit doch recht ähnlich, sozusagen moderner, als wir oft denken?

IGAP: Haben Sie eine persönliche Position?

HAUSMANN: Ich glaube, die Alternative stimmt nicht. Ich denke, dass wir im Mittelalter die Chance haben, Dinge, die wir von unserer eigenen Gegenwart annehmen, hinterfragen zu können. Ich gebe mal ein Beispiel: Wir glauben etwa, dass wir in unserer modernen Literatur immer sehr originelle Produkte haben, in der Lyrik beispielsweise. Wenn wir dann in mittelalterliche Literatur hineinschauen, in den Minnesang z. B., haben wir den Eindruck: das ist ja immer wieder das Gleiche, zwar neu formuliert, aber doch immer wieder nur die Wiederholung und Variantion des Gleichen. Die Alterität zwischen einer mittelalterlichen Lyrikpraxis, wo immer wieder alles gleich klingt, und einer modernen, wo alles auf Innovation aus ist, ist aber nur dann so groß, wenn wir uns nur die gedruckte, hochkulturelle Lyrik anschauen. Wenn wir uns jene Lyrik anschauen, die die meisten von uns rezipieren — das heißt: Popmusik, vielleicht auch Schlager — dann löst sich der Unterschied ganz schnell auf. In diesem Zusammenhang hat also die Idee, dass das Mittelalter anders ist, für uns die Funktion, unsere Hochkultur zu identifizieren, zu sagen: das ist das eigentlich gültige Gegenwärtige, und den Schlager zu marginalisieren. Das ist eine Form von Arroganz, die dann nicht nur gegenüber dem Mittelalter herrscht, sondern auch gegenüber den Leuten, die sich Schlager anhören. Dann merkt man plötzlich, dass es in dieser Kulturwissenschaft — und das meine ich mit dem Begriff Selbstreflektivität — in Wahrheit darum geht, zu definieren, was eigentlich in unserer Welt gilt. Der Schlager gilt nicht.

IGAP: Ihr Interesse an der Vergangenheit war beständig. Sie sind noch heute mit Leidenschaft dabei. Doch wie sind Sie zu der Erkenntnis gekommen, dass die akademische Laufbahn das Richtige für Sie ist?

HAUSMANN: Ich habe als Student in einer lokalen Redaktion etwas Geld verdient und geschrieben, jedes Wochenende fast, doch irgendwann war es dann, ja, auch ein bisschen langweilig und auf eine Weise anstrengend, dass man nicht denkt, dass man das den Rest seines Lebens machen will. Gleichzeitig habe ich immer gern und innerhalb der Germanistik immer gern in der Mediävistik studiert. Dann wurde irgendwann ein Hochschullehrer auf mich aufmerksam, hat mich gefragt, ob ich in sein Oberseminar komme — so war das damals; da ist man also hingegangen, wurde dort gefördert und irgendwann hat jemand gesagt: „Die Magisterarbeit ist wirklich toll, da muss man jetzt eigentlich eine Doktorarbeit draus machen“. Und mit einer gewissen Eitelkeit versehen tut man das dann.

IGAP: Die meisten unserer Studierenden stehen ja auch irgendwann vor der Frage: Was soll ich mit meinem Leben anstellen? Gibt es da, aus Ihrer Erfahrung, verlässliche Indikatoren?

HAUSMANN: Darauf kann ich freilich nur banal antworten. Die banale Antwort ist: Man muss das tun, was man wirklich gerne tut. Das wird einem jeder sagen. Der akademische Weg ist holprig und stolprig. Die Suche nach Stellen, nach Finanzierungsmöglichkeiten und die Unsicherheit, die mit dem akademischen Werdegang verbunden ist, die ich auch erlebt habe in meiner Zeit — darum muss man wissen. Ich würde mich deshalb immer sehr gut informieren. Das ist der wichtigste Punkt. Wenn man das nicht mag oder kann, wenn man Sicherheit braucht in den nächsten zehn Jahren und jeden Monat sein sicheres Einkommen, dann ist es schwierig.

Ist es nicht seltsam, dass in den Sozialwissenschaften noch richtig Forschung betrieben werden kann?

IGAP: Sie hatten sich also für die wissenschaftliche Karriere entschieden, für das Studium des Mittelalters, aber nicht als Historiker, sondern als Germanist. Für die Naturwissenschaftler ist das häufig ein seltsamer Gedanke, dass auf einem solchen Gebiet noch Wissen geschaffen werden kann. Aber Literaturwissenschaftler arbeiten anders als Physiker. Können Sie erklären, wie in der Mediävistik Fortschritt aussehen kann?

HAUSMANN: Zunächst einmal muss man sagen, dass man ja auch umgekehrt denken kann. Ist es nicht seltsam, dass etwa in den Sozialwissenschaften noch richtig Forschung betrieben werden kann? Gewiss, man kann sich immer Fragen ausdenken, Umfragen machen, Daten auswerten. Aber ist das am Ende nicht nur die Anwendung einer längst entwickelten und für sich gar nicht so innovativen ‚Technik‘? Der eigentliche Forschungsansatz in den Geistes- und Kulturwissenschaften ist einer, der immer wieder nach neuen Konzeptionen und Konzeptualisierungen bestimmter Beobachtungen frägt. Die Beobachtungen selbst können sich auch vermehren, auch noch in einem Gebiet wie der Mediävistik (es ist durchaus so, dass man mal neue Textzeugen findet). Doch noch wichtiger, glaube ich, ist das jeweils neue Konzipieren von theoretischen Zugriffen und von Deutungen. Wir haben als Kultur- und Literaturwissenschaftler ja auch eine Forschungstradition, und das Sichabsetzen- und Scheiternlassen bestimmter Vorstellungen, die bisher gegolten haben, und das Weiterentwickeln zu Neukonzeptionen, das scheint mir der eigentliche Forschungsprozess zu sein — den übrigens jeder Studierende selber auch verfolgen kann, nämlich in so etwas wie einer studentischen Hausarbeit.

IGAP: Es heißt, mit Ihrer Dissertation haben Sie sich fachlich nicht nur Freunde gemacht. Über was für Themen streiten sich denn Mediävisten so?

HAUSMANN: Über das Alteritätsthema zum Beispiel, in dem man sich ja irgendwo schon positionieren muss. Ein wichtige Debatte, in die ich mich auch selbst so ein wenig miteinklinke, ist die Frage: Wie bietet man eigentlich mittelalterliche Texte dem modernen Leser dar? Sie betrifft die gesamte Frage der Editionsphilologie. Da wird wirklich erbittert drüber gestritten, und zwar seit über 100 Jahren. Denn mittelalterliche Texte sind fast nie in der Fassung überliefert, die der Autor geschrieben hat, sondern oft in Abschriften späterer Zeit, 50, 100 Jahre später. Diese Abschriften unterscheiden sich dann: ein Text in vielen Fassungen. Jetzt gibt es die einen, die sagen, man muss, ähnlich wie in der Humangenetik, einen Stammbaum entwickeln mit Merkmalsmustern dieser verschiedenen Fassungen, von dem aus man auf einen ursprünglichen Text schließt — die sogenannte Lachmannsche Methode, die sagt, man könne den Text im Grunde rekonstruieren. Man muss dann aber mit einem Konstrukt leben. Die Gegenpartei, fachgeschichtlich die ‚Moderneren‘, sagt, nein, man darf das nicht machen; man muss die mittelalterlichen Texte so lassen, wie sie uns überliefert sind und muss dem Leser möglicherweise alle parallel anbieten oder, nach dem sogenannten Leithandschriftprinzip, nur eine Fassung anbieten, während man die anderen nicht dokumentiert. Und darüber kann man natürlich streiten. Man bekommt jedenfalls kein Ergebnis hin.

IGAP: Und womit beschäftigen Sie sich gerade, wenn einmal keine Vorlesung gehalten, keine Veranstaltung der Goethe-Gesellschaft Oldenburg, deren Vorsitzender Sie ja sind, geplant und keine Prüfungsarbeit begutachtet werden muss? Woran forschen Sie aktuell?

HAUSMANN: In den letzten Jahren beschäftige ich mich immer mehr mit dem Erzählen, mit Erzähltheorie also, damit, wie mittelalterliches Erzählen funktioniert. Es funktioniert ein bisschen anders als modernes Erzählen. Es ist weniger facettenreich. Zum Beispiel gibt es im Mittelalter so gut wie keine Ich-Erzählungen. Die Frage, warum das so ist, beschäftigt mich etwa im Moment. Ich bereite gerade einen Vortrag vor für den Germanistentag in der übernächsten Woche in Bayreuth. Dieses Thema hat dann auch etwas mit Gattungstheorie zu tun, mit den drei großen Gattung Dramatik, Epik, Lyrik.

Die Universität muss Dissidenten erziehen.

IGAP: Forschungsnahes Lehren und Lernen ist ein großes Thema an der Universität. Erst im Juni gab es dazu die Konferenzen forschen@studium, die im Hörsaalzentrum stattfanden und nationalen wie internationalen Besuch lockten. Wie versuchen Sie, Studierende an die Forschung heranzuführen?

HAUSMANN: Zunächst einmal ziemlich traditionell. Meiner Meinung nach ist Studium eine Art forschender Zugriff auf, sagen wir mal, unabgeschlossene Gegenstände. Es ist ja nicht so, wie man in der Schule vielleicht suggeriert, dass man eine Art fertigen Wissensbestand hat und den kann man dann irgendwie lernen. Sondern die Dinge, über die ich mich mit den Studierenden in den Seminaren unterhalte, die sind nicht ‚fertig‘, nicht abgeschlossen. Die sind in gewisser Weise immer zu erforschen. Und jede Hausarbeit ist eine Form von Forschung — oder soll eine sein. Sie soll nicht Reproduktion sein, sondern sie soll natürlich ein eigener Zugriff sein, der sagt: Ich überlege mir selber etwas, ich konzipiere etwas, vielleicht sogar neu. Das scheint mir der wichtigste Punkt zu sein: die Studierenden ernstzunehmen und zu sagen: Ihr könnt das eigentlich auch tun. Sie müssen nur akzeptieren, dass sie so weit sind.

IGAP: Forschende sind sie mithin schon. Was ihnen noch fehlt, ist das Hintergrundwissen.

HAUSMANN: Es fehlt ein gewisses Hintergrundwissen. Vielleicht ist das aber auch nicht alles, was wichtig ist. Es ist nicht nur eine Wissens-Wissenschaft.

IGAP: Darin liegt auch ein großes Potenzial, wenn man jetzt mal mit Thomas Kuhn denken möchte: Dadurch, dass Studierende noch nicht fachwissenschaftlich indoktriniert sind, gehen sie frisch ans Werk, mit neuen Perspektiven.

HAUSMANN: Das ist auch die Grundidee der Universität, wenn ich das einmal so sagen darf. Oder die Grundidee dessen, was einmal in dem Begriff ‚Akademie‘ in Griechenland entwickelt wurde. Nämlich dass man sich als etablierter Wissenschaftler mit den jungen Lernenden konfrontieren muss, die einem die Sachen um die Ohren hauen. Das ist es auch, was Kuhn letztlich herausbekommt. Er sagt ja, dass meistens Innovationen von den Leuten gemacht werden, die keine Ahnung haben oder wenig Ahnung haben, weil sie noch nicht mit den Paradigmen geflutet sind, die als etabliert gelten. Das ist es, was ich am Ende auch jedem Studierenden nur so anraten kann: dass man — überspitzt  gesagt — natürlich nichts von dem glauben darf, was der Dozent sagt.

IGAP: Gerade in der Anfangsphase des Bachelors wird aber bekanntlich das Gegenteil gelehrt.

HAUSMANN: Das Problem ist, dass die Universität gleichzeitig Sozialisationsort ist. Sie ist einerseits ein Ort, der Innovation ermöglichen soll, andererseits will sie Leute aber auch ausbilden. Sozialisieren, das heißt auch ein bisschen: schleifen. Und diese Spannung ist es, um die es eigentlich in forschungsorientierter Lehre geht. Es wäre gut, wenn wir an der Universität dieses Kernproblem thematisieren würden, bevor wir unsere Papers schreiben über forschungsbasiertes Lernen. Das ist das Problem: Wie kriegen wir es hin, dass Leute innovativ sein können, Studierende selbst tätig werden können in einer zunehmend verschulten universitären Ausbildung? Es ist also ein grundsätzliches Problem der Universität: Sie muss Dissidenten erziehen. Das ist in gewisser Weise ein Widerspruch in sich.

IGAP: Glauben Sie, das ist etwas, was man angehenden Lehrerinnen und Lehrern auch für die Schule mitgeben kann?

HAUSMANN: Ich persönlich glaube ja. Das ist auch der Grund, weshalb ich denke, dass eine wissenschaftliche Ausbildung und auch all das ‚Zeug‘ wichtig ist, von dem Lehramtsstudierende fragen, wann sie es denn jemals wieder brauchen werden. Denn es geht ja nicht darum, als Lehrer eine Ausbildung ‚on the job‘ zu machen, sondern man muss wollen, dass Lehrer am Ende — jetzt sage ich etwas sehr Altmodisches — gebildete Menschen sind. Dazu gehört für mich das Hinterfragen. Und das ist etwas, was man im wissenschaftlichen Betrieb lernen muss.

IGAP: Dabei wissen Sie aber natürlich: Die meisten werden die mittelhochdeutsche Literatur im Unterricht zu meiden versuchen. Pflichtmodule sind nicht für jeden von dauerhaftem Interesse, ihre Inhalte nach der Prüfung häufig nicht mehr lange gespeichert. Studierende sind nicht nur Sommersonnenschein. Sie machen diesen Job nun schon eine ganze Zeit. Sagen Sie doch mal: Was mögen Sie an Ihren Studierenden und auf welche Angewohnheiten könnten Sie auch ganz gut verzichten?

HAUSMANN: Auf Studierende kann ich das gar nicht so recht beziehen. Was ich aber mag, ist, dass ich jedes Semester mit neuen Leuten konfrontiert bin und diese neuen Leute auch immer irgendwie wirklich ’neu‘ sind. Menschen, die hierher kommen, weil sie offen sind, weil sie etwas machen wollen und noch bereit sind, sich damit zu beschäftigen. Ich bin auch gewissermaßen Studentenmöger. Mich interessieren die Leute tatsächlich. Und was man dann natürlich nicht mag, ist eine gewisse ‚Wurstigkeit‘ gegenüber dem ganzen Thema, das Studium also anzusehen als eine Art Hürdenlauf hin zu einem berufsqualifizierenden Abschluss. Die Aussage: „Ich will ja eigentlich nur Lehrer werden.“ Diese Aussage…(lacht) da kriege ich Pickel.

Man hätte nicht das Kind mit dem Bade ausschütten dürfen.

IGAP: Wo wir gerade dabei sind, Ihre dunkle Seite etwas zu erkunden: Es ist bekannt, dass Sie in der Exzellenzinitiative wenig Rühmliches sehen. Aber fangen wir etwas früher an: Wie beurteilen Sie den Bologna-Prozess?

HAUSMANN: Ich glaube, er hat viele Gefahren und viele Chancen. Die Gefahr beim Bologna-Prozess ist, dass das Studium zu sehr zu einem Prüfungsmarathon wird. Die Veränderungen, die wir kürzlich in der Fakultät III auf den Weg gebracht haben, zielen darauf ab, von einer Kultur des Prüfens zu einer Kultur des Studierens zu kommen. Denn es geht hier nicht darum, ständig nur Prüfungen zu absolvieren, um Kompetenzen nachzuweisen. Es geht noch um etwas anderes — und das lässt sich nicht in Prüfungen abbilden. Der Bologna-Prozess mit seinen vielen Prüfungen hat dazu geführt, dass ständig Wettkampf ist und nie Training. Das ist schlecht. Auch einige Aspekte, die sich seit ein paar tausend Jahren in Bildungskonzepten bewährt haben, wie etwa das Üben und das Sich-Ausprobieren, kommen nicht mehr so richtig vor, weil immer gleich geprüft werden muss. Der zweite negative Punkt ist, dass damit die Vorstellung entsteht, dass immer dann, wenn erst einmal geprüft ist, die Kompetenz nachgewiesen und auch beim Studierenden vorhanden ist.

IGAP: Das hat schon in der Schule nicht gestimmt.

HAUSMANN: Eigentlich müssen Inhalte und Fähigkeiten immer wieder wiederholt werden. Man hat die Abschlussprüfung abgeschafft. Das ist meiner Meinung nach ein Fehler. Man hätte nicht das Kind mit dem Bade ausschütten dürfen.

IGAP: Und welche Chancen bietet Bologna? Haben wir die gewünschte Vergleichbarkeit von Studiengängen und -leistungen erreicht?

HAUSMANN: Die Vergleichbarkeit ist ein dickes Problem. Der Kreditpunkt oder Credit Point ist eben blöderweise doch nicht so leicht vergleichbar, wie man dachte, weil die Universitäten das doch durchaus unterschiedlich handhaben. Ich bin hier in der Germanistik auch Anrechnungsbeauftragter und muss sagen: Im Prinzip ist es nicht einfacher als früher. Auch das Auslandsstudium hat sich nicht vereinfacht. Nun aber noch zu den Chancen: Eine echte Chance besteht darin, dass es für Menschen aus bildungsfernen sozialen Milieus wahrscheinlich einfacher ist, in einen Bachelor-Studiengang einzusteigen als früher in das alte Magister-Studium, weil man am Anfang des Studiums ein klareres Angebot hat. Diese Verschulung, die man manchmal kritisiert, ist am Anfang des Studiums vielleicht nicht so falsch. Man hat eine klarere Struktur. Dadurch, würde ich sagen, hat Bologna auch eine Form von Demokratisierung von Bildung gebracht.

IGAP: Wie passt nun die Exzellenzinitiative in diesen Rahmen?

HAUSMANN: Dort, wo die Exzellenzinitiative auf eine Differenzierung der Hochschullandschaft in ‚besonders tolle‘ Hochschulen und weniger tolle zielt, sehe ich nicht, warum das eigentlich gut sein soll; ich sehe keine Funktion in dieser Differenzierung. Das ist in den USA so und das wird nun hier gewissermaßen nachgemacht. In den USA dient es dazu, dass Eliten, die es bereits gibt, wissen, wo sie ihre Kinder hinschicken müssen, damit die nächste Generation wieder Elite bleibt. Wenn ich nach Harvard gehe, dann weiß ich, dass ich ausgesorgt habe. Das ist dort auch eine finanzielle Frage. Ich sehe nicht, warum es besser ist, wenn das bei uns auch so sein soll. Wir haben ein sehr demokratisches Hochschulsystem, das es erlaubt, überall zu studieren, und überall ziemlich gut. Wenn ich mir vorstelle, das man einmal einen Durchschnitt zieht über die Studienqualität an allen US-amerikanischen Hochschulen, also auch an denen, die nicht an der Spitze der Rankings stehen, und diesen Durchschnitt mit einem deutschen vergleicht, dann weiß ich nicht, ob wir da besser oder schlechter abschneiden. Ich würde vermuten, dass wir sogar besser dastehen. Man setzt mit so einem Konzept wie der Exzellenzinitiative etwas aufs Spiel, das sehr bewährt ist. Denn wenn sich im Zuge der Differenzierung eine Trennung zwischen Lehr- und Forschungsuniversitäten entwickelt, dann haben wir etwas erreicht, das ich persönlich überhaupt nicht will, nämlich dass an einigen Universitäten dann nur noch gelehrt und kaum mehr geforscht wird.

IGAP: Was auch die Qualität der Lehre stark beeinträchtigen würde.

HAUSMANN: Genau.

IGAP: Mit dieser Einschätzung stehen Sie sicherlich nicht alleine. Wie sich im Juni bei forschen@studium eindrucksvoll gezeigt hat, produzieren deutsche Hochschulen gleichwohl — und auch unabhängig von Clustern — weiterhin exzellente Studierende, die den internationalen Vergleich nicht zu scheuen haben. Eine ganze Reihe von Studiengängen locken sie sogar aus allen Regionen der Welt nach Oldenburg. Dafür ist vermutlich auch den Respektabilitäten zu danken, unseren engagierten Studiendekanen. Vielen dürfte dabei kaum klar sein, womit sich ein Studiendekan konkret beschäftigt. Dabei sind Sie und Ihre Amtskollegen für die Entwicklung der Studiengestaltung an unserer Hochschule ganz entscheidend. Was ist Ihnen bei dieser Arbeit wichtig? Welche Ziele versuchen Sie zu verwirklichen?

HAUSMANN: Nach Niedersächischem Hochschulgesetzt ist der Studiendekan zuständig für die Sicherstellung der Lehre in seiner Fakultät. Das ist eine Verantwortung, die zwar sehr anstrengend ist, die ich aber gerne übernehme, da ich finde, dass die Lehre einer der Kernbereiche der Universität ist. Es ist vielleicht nicht die Antwort auf Ihre Frage, aber ich sage Ihnen, was mir an der Arbeit Spaß macht: Ich bin auch Vorsitzender der Studienkommission, und die Studienkommission der Fakultät ist das einzige Gremium, das paritätisch besetzt ist, es gibt also so viele Studierenden wie Lehrenden in der Kommission, und ich selber habe keine Stimme. Und die Arbeit in diesem Gremium ist überaus bereichernd und interessant. Denn man muss Mehrheiten organisieren, man muss Leute überzeugen, moderieren – das macht Spaß. Eines der Ziele, die ich als Studiendekan verfolgt habe, ist die Neuregelung der Anwesenheitspflicht in der Fakultät III, der eben auch die Studienkommission zustimmen musste. Dieser Prozess hat vier Jahre gedauert, ist jetzt aber abgeschlossen. Das war auch einer der Gründe, weshalb ich Studiendekan geworden bin: Ich wollte diesen Prozess, den meine Vorgängerin angefangen hat, zu Ende bringen.

IGAP: Seit Anfang des Jahres ist nun Ihre Institutskollegin Prof. Kyora Vizepräsidentin für Studium und Lehre. Sie verantwortet für die gesamte Universität, was Sie für die Fakultät III übernehmen. Stoßen Sie beide hier aufeinander oder ergeben sich aus geteilter Facherfahrung gemeinsame Perspektiven und Ideale?

HAUSMANN: Die Ziele, die wir verfolgen, sind mit Sicherheit ähnlich oder gleich. In den Überlegungen, wie man sie erreicht, gibt es natürlich Unterschiede. Wir verstehen uns sehr gut, es ist aber auch klar, dass ich gelegentlich das Fähnchen der Fakultät hochhalten muss, so wie sie als Vizepräsidentin das Fähnchen des Präsidiums oder der ganzen Uni hochhalten muss. Das führt natürlich auch mal zu Meinungsverschiedenheiten. So ist es aber in jedem Gremium und so soll es auch sein.

Ich denke, die Frage ist: Gibt es in 50 Jahren noch eine Germanistik?

IGAP: Verlängern wir diese Ziele mal etwas. Wenn wir 50 Jahre in die Zukunft blicken, wie sehen Sie die Germanistik und die Mediävistik in Oldenburg aufgestellt? Was würden Sie sich wünschen?

HAUSMANN: Oh Gott, 50 Jahre! Sind Sie sicher, dass Sie 50 Jahre sagen wollen? Nun gut. Ich denke, die Frage ist: Gibt es in 50 Jahren noch eine Germanistik? Die Germanistik besteht momentan vor allem aus einer Literaturwissenschaft und einer Sprachwissenschaft. Die Sprachwissenschaft entwickelt sich gerade — nicht nur in Oldenburg, sondern überall — zu einer Wissenschaft, die sich nicht nur auf eine Sprache bezieht. Die Wissenschaftssprache ist hier schon weitgehend Englisch. Die Sprachwissenschaft ist also eigentlich nicht mehr nur germanistisch. In 50 Jahren könnte die Linguistik gar nicht mehr germanistisch gedacht sein, sondern, über die Germanistik weit hinaus, als allgemeine Sprachwissenschaft. Und die Literaturwissenschaft könnte sich auch stärker zu einer Kulturwissenschaft entwickeln, die sich nicht mehr nur mit Literatur beschäftigt, sondern selbstverständlich andere Medien — Fernsehen, dann auch Internet usw. — einbezieht und dann auch international werden muss, weil sie sich ja zum Beispiel nicht nur auf deutsche TV-Serien konzentrieren kann. Die Mediävistik steht in gewisser Weise zwischen den beiden. Wir Mediävisten machen ja Sprachwissenschaft und machen Literaturwissenschaft. Wenn es gut geht, gelingt es, die Mediävistik zu einer Art von Integrationsfeld zu entwickeln. Denn gerade in diesem kulturwissenschaftlichen Zusammenhang hat die Mediävistik einiges zu sagen. Das wäre super. Wenn sie eher nach zehn Jahren fragen, dann fände ich es schön, wenn wir hier in der Mediävistik einen kleinen Schwerpunkt Niederdeutsch ausbilden könnten, weil wir da die Universität sind, die sich genau am richtigen Platz befindet.

IGAP: Von der Zukunft wechseln wir nun in die Vergangenheit. Wie blicken Sie heute auf Ihre erste Hochschule zurück? Können Sie unseren aktuellen und werdenden Alumni etwas darüber erzählen, welche Rolle die Alma mater in ihrem Leben gespielt hat?

HAUSMANN: Ehrlich gesagt eine ziemlich große. Ich habe ja in München studiert, und die Lebenserfahrung, aus einem bayerischen Dorf nach München zu ziehen als 19-Jähriger und dort in eine riesige Universität mit damals über 60.000 Studierenden zu kommen, war eine ungemein wichtige Erfahrung für mich. Mit ihren über die Stadt verteilten Gebäuden hat die Münchner Uni durchaus etwas von der Einrichtung des Gerichts in Kafkas Proceß.  Diese Universität, die alt und groß und auch wirklich bedeutend ist, war schon sehr, sehr prägend. Es war aber nicht nur die Universität; diese Jahre sind einfach so unglaublich wichtig. Das ist es auch, was ich nur jedem Studierenden empfehlen kann: diesen Lebensabschnitt als einen wichtigen Bildungsprozess ernstzunehmen und, so sehr es nur geht, auszuleben.

IGAP: Das nimmt wieder die Idee auf, die Phase des Studiums nicht als eine Zeit der bloßen Ausbildung, sondern der Bildung in einem umfassenden Sinne zu begreifen.

HAUSMANN: Vielleicht ist es vorbei und es ist ein nostalgischer Gedanke, aber die Idee, dass man sagt: das Studium macht etwas mit einem Menschen und verändert ihn ganz wesentlich, die Idee wäre nicht so falsch.

IGAP: Hoffen wir, die Idee erweist sich als zeitlos. Zum Schluss noch die Gewissensfrage: Beatles oder Stones? Oder Justin Bieber?

HAUSMANN (einatmend): Beatles.

IGAP: Warum Beatles?

HAUSMANN: Ich habe ein etwas schwieriges Verhältnis zur Musik. Das liegt daran, dass ich als Jugendlicher eigentlich fast keine Schallplatten gehört habe. Aber meine älteren Brüder hatten eine Beatles-Schallplatte – und die habe ich ganz oft angehört.

IGAP: Lieber Herr Hausmann, wir danken Ihnen sehr für das Gespräch.

Webmgjou9aste3crkqr (internet@uol.de) (Stand: 06.02.2019)