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Michael Sukale

 

7. Mai 1997   113/97

Leonardo da Vinci und die Sichtbarmachung der Welt

Oldenburg. Leonardo da Vinci, der große Maler, Bildhauer, Baumeister und Naturforscher des 15. Jahrhunderts, hat geglaubt, daß die Wirklichkeit über das Sehen vollständig zu erfassen sei: Sein Erkenntnisinstrument ist das Auge, für ihn ist alle Wissenschaft Erfahrungswissenschaft. Seine Methode ist das theoriebezogene Experiment, denn nur das Experiment könne die Wahrheit in der Wissenschaft belegen - zu seiner Zeit ein völlig neuer Wissenschaftsbegriff. In der neuesten Ausgabe (Nr. 25) von EINBLICKE, dem Forschungsmagazin der Universität Oldenburg, untermauert Prof. Dr. Michael Sukale, Leiter des Instituts für Philosophie, diese Sicht auf den wissenschaftlichen Ansatz Leonardos mit einer "Bildergeschichte" exemplarischer Zeichnungen und Gemälde (den vollständigen Artikel finden Sie hier).

Sukale belegt Leonardos damals neuartigen Wissenschaftsbegriff u.a. mit einem Zitat: "Sagst du, die Wissenschaften, die vom Anfang bis zum Ende im Geist bleiben, hätten Wahrheit, so wird dies verneint vornehmlich deshalb, weil bei solchem reingeistigen Abhandeln die Erfahrung nicht vorkommt; ohne dies gibt sich aber kein Ding mit Sicherheit zu erkennen." Das philosophische Prinzip Leonardos, so Sukale weiter, sei einfach: Das Sehen stellt für Leonardo eine gegenüber allen anderen Sinnen und Erkenntnismöglichkeiten besondere Beziehung zur Welt her. Leonardo hat geglaubt, daß alle Realität entweder schon sichtbar ist oder doch wenigstens sichtbar gemacht werden kann. Nun ist dieses Prinzip aber offenbar falsch: Wir wissen, daß die Wirklichkeit nur bedingt mit den Sinnen erfahren werden kann. Dennoch lassen sich mit diesem Prinzip fast alle Forschungen Leonardos erklären. Leonardo mußte den konstruktiven Beweis dafür erbringen, daß alles zeichnerisch darstellbar ist. Mit größter Genauigkeit bildete er deshalb das, was er in der Natur sah, ab und übertrug es damit von der dreidimensionalen Wirklichkeit auf die zweidimensionale Fläche. Um das Innere von Objekten sichtbar zu machen, arbeitete Leonardo mit zu seiner Zeit völlig neuen Prinzipien. So stellte er sich den Menschen als durchsichtig vor, um dadurch die inneren Organe und ihre genaue Lage sichtbar zu machen, ohne dabei die äußere Form aus den Augen zu verlieren.

Leonardo hat die Welt durch das Experiment und die Wahrnehmung rastlos erforscht und seine Theorien, seine Experimente und seine Beobachtungen durch sein zeichnerisches Können für die Nachwelt anschaulich gemacht. "Lies mich, Leser, wenn ich dir Freude mache. Und kommt, ihr Menschen, die Wunder zu sehen, die man bei solchen Studien in der Natur entdeckt", forderte Leonardo seinerzeit auf.

Kontakt: Prof. Dr. Michael Sukale, Institut für Philosophie, Universität Oldenburg, Tel.: 0441/798-3171

(Stand: 29.05.2024)  | 
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