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  • Wenige Wochen alte „Kleinpolypige Steinkoralle“ (Acropora millepora) im Aquarium des ICBM am Standort Wilhelmshaven [Foto: Samuel Nietzer, ICBM]

    Wenige Wochen alte „Kleinpolypige Steinkoralle“ (Acropora millepora) im Aquarium des ICBM am Standort Wilhelmshaven [Foto: Samuel Nietzer, ICBM]

Südsommer in der Retorte

Im Aquarium der von Prof. Dr. Peter Schupp geleiteten Arbeitsgruppe Umweltbiochemie des ICBM ist Dr. Samuel Nietzer und Matthew Jackson jetzt erstmals in Deutschland ein wichtiger Schritt zum Erhalt von Steinkorallen gelungen.

Sexuelle Fortpflanzung von Südseekorallen in Deutschland erstmalig gelungen
Im Aquarium der von Prof. Dr. Peter Schupp geleiteten Arbeitsgruppe Umweltbiochemie des ICBM ist Dr. Samuel Nietzer und Matthew Jackson jetzt erstmals in Deutschland ein wichtiger Schritt zum Erhalt von Steinkorallen gelungen. Gleichsam in der Retorte stellten die Forschenden die Umweltbedingungen so nach, dass die Tiere im Labor gezielt ablaichten und Nachkommen gewonnen werden konnten. Weltweit gelang dies erst wenige Male.

Sonnendurchflutete Korallenriffe – ungeheure Formenvielfalt und schiere Farbexplosion machen sie zum Sehnsuchtsort nicht nur für Tauchenthusiasten. Leider sind diese einzigartigen Naturräume in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet massiv bedroht. Wenngleich Korallenriffe nur etwa ein Fünfhundertstel der globalen Ozeanflächen bedecken, lebt doch mehr als ein Viertel aller marinen Tierarten hier. Ihre ökologische Bedeutung ist in vielerlei Hinsicht der tropischer Regenwälder vergleichbar. Ihr Fischreichtum ernährt mehr als 100 Millionen Menschen weltweit. Sie gelten als noch weitgehend unerforschte Schatzkammer für neue Wirkstoffe etwa gegen Infektionskrankheiten und Krebs und die Riffstrukturen schützen als Wellenbrecher Tausende Kilometer von Küsten. Allein das Great Barrier Reef vor der Nordostküste Australiens erreicht eine Länge von rund 2.300 Kilometern.

Steigende Temperaturen und Meeresspiegel als Folgen globalen Klimawandels sowie zunehmende Versauerung und Verschmutzung der Ozeane setzen diese einzigartigen Ökosysteme jedoch massiv unter Druck. Infolgedessen tritt unter den tropischen Riffkorallen die sogenannte Korallenbleiche immer häufiger auf, in deren Endstadium nur noch ihre abgestorbenen Kalkskelette zurückbleiben. Entsprechend gibt es weltweit inzwischen zahlreiche Bestrebungen zur Rettung der Riffe.

In der Arbeitsgruppe Prof. Schupps werden die riffbauenden Nesseltiere bereits seit vielen Jahren beforscht. Die gezielte geschlechtliche Vermehrung in ihrem Laboraquarium ist nun ein weiterer wichtiger Meilenstein in der Erforschung dieser Organismen. Dazu muss erheblicher Aufwand betrieben werden: Bereits im vergangenen Herbst wurde die ICBM-Aquarienanlage am Standort Wilhelmshaven auf australisches Klima eingestellt. Sonnenauf- und –untergang, Mondzyklus und Wassertemperaturen wurden exakt simuliert. Damit war alles vorbereitet für die sehnlichst erwarteten Korallen aus Australien, die im November in die vorbereiteten Aquarien einzogen.

Offenbar fanden die Korallen hier ideale Bedingungen, denn pünktlich zum erwarteten Termin, etwa eine Woche nach Vollmond im Dezember, begannen sie zu laichen. „Die Eier und Spermien haben wir eingesammelt und unter Laborbedingungen befruchtet“, erklärt Samuel Nietzer. „Es entwickelten sich zunächst Embryos und nach wenigen Tagen die gewünschten Larven, die wir erfolgreich zur Ansiedlung bringen konnten“. Inzwischen nun seien die Nachkommen bereits einige Millimeter groß.

Warum der Aufwand? Zunächst sind Jungkorallen erheblich anpassungsfähiger als die Elterntiere. Ziel der Untersuchungen ist es insbesondere, Faktoren zu identifizieren, die Ansiedlung und Wachstum der Korallen fördern. Bestimmte chemische Verbindungen, die unter anderem von Bakterien abgegeben werden, lösen die Ansiedlung der Korallenlarven aus. Auch Beleuchtung, Nährstoffe und Fütterungsmethoden haben die Forschenden im Blick. Und schließlich widmen sie sich der Frage, ob aus mehreren Einzelkorallen größere zusammengesetzt werden könnten, um so möglichst schnelle Wachstumserfolge zu erzielen. Auf dieser Basis optimierte Aufzuchtmethoden sollen letztlich bei Riffrestaurationen oder auch in der Aquaristik eingesetzt werden. So will man den Druck auf die natürlichen Riffe weiter verringern.

(Stand: 29.09.2020)