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Eine Diskussionseröffnung

Zur Verantwortung Evangelischer Theologie
angesichts von Antisemitismus und Rassismus

Theologie ist in die Geschichte von Antisemitismus, Rassismus und die Geschichte weiterer Diskriminierungen verstrickt. Weil die Universität der Ort war, an dem sich derartige ideologische Vorstellungen vornehmlich ausgebildet haben, ist es besonders wichtig, die Verstrickung der universitären Theologie in diese Verhältnisse zu bearbeiten. Die theologische Wissenschaft hat über Jahrhunderte hinweg antisemitische und rassistische Denkmuster produziert und unterstützt: Sie wirken bis in die Gegenwart.

Es kann beobachtet werden, dass in universitären Räumen, sowohl in öffentlichen Vorträgen als auch in Seminaren, rassistische und verschwörungstheoretische Äußerungen zunehmen. Wahrnehmbar ist außerdem, dass mit den Diskursverschiebungen, die diskriminierendes Sprechen (wieder mehr) möglich machen, wissenschaftliche Standards relativiert werden: So zum Beispiel beim Umgang mit Quellen und beim Aufarbeiten eines Forschungsstands. Gerade in Bezug auf das Thema „Islam“ zeigt sich, dass es immer mehr sogenannte „Islamexperten“ gibt, die wissenschaftlichen Ansprüchen nicht gerecht werden. In den letzten Jahrzehnten hat sich ein Pool von antimuslimischen Bildern im Rahmen von Wissenschaft gebildet, die dadurch plausibel zu werden scheinen, dass sie kontinuierlich reproduziert werden.

Dem Selbstverständnis des Instituts für Evangelische Theologie und Religionspädagogik nach gehört es zu den zentralen Aufgaben des Faches, sich mit epochalen Problemen in Bezug auf Religion(en), Politik und Kultur zu beschäftigen. Wir sehen uns deshalb in der Verantwortung, uns mit Zeitströmungen und Diskursen auseinanderzusetzen, in denen antisemitisch und rassistisch argumentiert wird. In der Tradition des Namensgebers der Universität Oldenburg, Carl von Ossietzky, muss darüber nachgedacht werden, wie wissenschaftlich argumentiert und diskriminierende Diskurse offengelegt, dagegen argumentiert und diese dekonstruiert werden können.

Auch wegen ihrer Verstrickung in die Geschichte von Antisemitismus und Rassismus ist es die Theologie (mit einigen Ausnahmen) bisher schuldig geblieben, sich mit diesen und weiteren Diskriminierungsinstrumenten auseinanderzusetzen. Gegen geschichtsrevisionistische Tendenzen, zum Beispiel in Bezug auf die Shoah oder den transatlantischen Sklavenhandel muss die Theologie versuchen, zu einer reflektierten Erinnerungskultur beizutragen. Sie sollte dort ansetzen, wo es zu Pauschalisierungen und Essentialisierungen kommt, die im Namen von Wissenschaft produziert und reproduziert werden, und weiter daran arbeiten, diese aufzudecken und zu dekonstruieren.

Die Thematisierung von Diskriminierung innerhalb der Theologie ist ein zähes, schwieriges, mitunter auch emotionales Unterfangen. Antisemitismus und Rassismus können zum Beispiel in Gesprächen über den „bösen Gott“ des Alten Testaments und den „guten Gott“ des Neuen Testaments oder in Äußerungen über den „exotischen Charakter“ oder die „Rückständigkeit“ außereuropäischen Christentums vorkommen. Es gehört zu unserem wissenschaftlichen Selbstverständnis, diese Schwierigkeit in der Auseinandersetzung mit der – auch eigenen – Tradition zu bearbeiten.

Dies ist von Bedeutung, weil das Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik ein Ort ist, an dem zukünftige Lehrer*innen ihr Studium absolvieren. Da Schulen – ähnlich wie Universitäten – Multiplikatoren für Einstellungen und Ideologien sind, ist es elementar zu einem kritischen Umgang mit Antisemitismus und Rassismus zu befähigen und anzuerkennen, dass alle Beteiligten in Diskriminierungsdynamiken eingebunden sind. Es ist eine zentrale Bildungsaufgabe, für Privilegien und Marginalisierungen zu sensibilisieren. Hierfür ist es wichtig, Räume – auch theologische Seminarräume – zu schaffen, in denen dies produktiv geschehen kann und Auswege aus diesen Dynamiken entworfen und diskutiert werden können.

Dieser Text soll ein Bezugspunkt für solche Diskussionen sein.


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