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Experimentelle Philosophie/Sprachphilosophie (im Aufbau): Experimentell-philosophische Untersu­chung von Austins Unterscheidung zwischen konstativen und performativen Äußerungen

Mit der 1962 in How to do things with words entwickelten Unterscheidung von konstativen und performativen Äußerungen hat Austin den Handlungscharakter sprachlicher Äußerungen in den Fokus sprachphilosophischer Untersuchungen gerückt. Eine Äußerung ist nach Austin genau dann konstativ, wenn sie wahr oder falsch ist. Eine Äußerung ist nach Austin genau dann performativ, wenn sie nicht wahr oder falsch ist bzw. wenn mit ihr eine Handlung vollzogen wird, die ge- oder misslingen kann. Da Handlungen nicht in einem semantischen Sinn wahr oder falsch sein können, ist es unsinnig, von performativen Äußerungen auszusagen, dass sie wahr oder falsch sind. Die Äußerungen „Die Erde dreht sich um die Sonne“ und „Die Sonne dreht sich um die Erde“ sind Beispiele für konstative Äußerungen, da sie wahr oder falsch sind. Die Äußerung „Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau“ ist eine performative Äußerung, da mit der Äußerung eine Handlung vollzogen wird. Es ist unsinnig über diese Äußerung auszusagen, dass sie wahr oder falsch ist.

Austin (1962) hat seine Unterscheidung von konstativen und performativen Äußerungen zugunsten der allgemeineren Konzeption von Sprechakten ab der siebten Vorlesung in How to do things with words verworfen. In diesem Forschungsprojekt wird experimentell-philosophisch untersucht, ob Austins Aufgabe dieser Unterscheidung nicht zu vorschnell war. Dazu wird experimentell überprüft, ob (a) Austins Unterscheidung zwischen konstativen und performativen Äußerungen den sprachlichen Intuitionen der untersuchten Sprachgemeinschaft entspricht, (b) von Austin vorgeschlagene Tests zur Bestimmung konstativer und performativer Äußerungen adäquate Operationalisierungen dieser Unterscheidung sind und (c) innerhalb des Projektes neu entwickelte Tests zweckmäßigere Operationalisierungen der Unterscheidung zwischen konstativen und performativen Äußerungen sind.

Wissenschaftsphilosophie:  Die Diversität wissenschaftlicher Begriffe

Das Ziel dieses Projektes ist es, die Diversität wissenschaftlicher Begriffe und Begriffstypen in einem einheitlichen Modell zu repräsentieren, zu analysieren und zu klassifizieren. Dabei wird von der Hypothese ausgegangen, dass die logischen Begriffsanalysen der modernen Wissen­schaftstheorie um Modelle für alltagssprachliche Begriffe erweitert werden müssen, um der Vielfalt wissenschaftlicher Begriffstypen gerecht werden zu können.

Nach der wissenschaftstheoretischen Auffassung des Logischen Empirismus sind wissenschaftliche Be­grif­fe durch Definitionen oder Zuordnungsregeln (partiell) gedeutet. In den 1960er und 1970er Jahren wird diese Perspektive von Thomas S. Kuhn angezweifelt, der in Anlehnung an den natür­lich­sprachlichen Begriffserwerb für wissenschaftliche Begriffe eine Familienähnlich­keitsstruktur annimmt. Kuhns Argumente stützen die Annahme, dass die wissenschaftstheoretische Begriffsauffassung des Logischen Empirismus zu eng ist und neben Definitionen und Zuordnungsregeln auch weitere Strukturen wissenschaftlicher Begriffe existieren. Die Diversität wissenschaftlicher Begriffe ist somit innerhalb der modernen Wissenschaftstheorie spätestens seit Kuhn – zumindest in eingeschränktem Maß – ein bekanntes Phänomen, aber eine systematische Untersuchung der verschiedenen exis­tierenden Begriffstypen mit dem Ziel einer möglichst vollständigen Klassifikation steht noch aus.

Parallel zur wissenschaftstheoretischen Diskussion um die Struktur wissenschaftlicher Be­griffe entwickelte sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts an der Schnitt­stelle von Philosophie, Linguistik und Kognitionswissenschaft eine Debatte um die Struk­tur und den Erwerb von alltagssprachlichen Begriffen. Aus dieser Debatte sind eine Vielzahl unterschiedlicher Konzeptionen von Begriffen hervorgegangen – z.B. Prototypenbegriffe, definierte Begriffe, Begriffe als (Mini-)Theorien, duale Begriffe, etc. In dem Projekt wird unter Einbeziehung alltagssprachlicher Begriffstheorien der Pluralismus wissenschaftlicher Be­­griffstypen untersucht mit dem Ziel, die verschiedenen Typen in einem einheitlichen Modell zu klassi­fizieren und zu vergleichen sowie neue, bisher nicht untersuchte Begriffstypen auf­zudecken.

Neben der Analyse und Klassifikation verschiedener Typen wissenschaftlicher Begriffe liegt die besondere Herausforderung des Projektes darin, eine Repräsentationsmethode zu entwickeln, in der alle aufgefundenen Begriffstypen logisch und kognitiv adäquat, übersichtlich und intuitiv zugänglich dargestellt werden können. In dem Projekt wird das aus den Kognitionswissenschaften stammende und von der Wissenschaftsphilosophie adap­tierte Frame-Modell verwendet und den Anforderungen des Projektes entsprechend modi­fiziert und erweitert.

Veröffentlichungen:

  • Kornmesser, Stephan und Schurz, Gerhard (2018): Analyzing Theories in the Frame Model. Erkenntnis, Online First, doi.org/10.1007/s10670-018-0078-5
  • Kornmesser, Stephan (2018): Frames and Concepts in the Philosophy of Science. European Journal for Philosophy of Science, 8, 225-251.
  • Kornmesser, Stephan (2017): A Frame-Based Approach for Operationalized Concepts. In Michela Massimi, Jan-Willem Romeijn und Gerhard Schurz (Hg.), EPSA 15 Selected Papers: The 5th Conference of the European Philosophy of Science Association in Düsseldorf. Cham: Springer, 205-220.
  • Kornmesser, Stephan (2016): A frame-based approach for theoretical concepts. Synthese, 193, 145-166.

Wissenschaftsphilosophie/Wissenschaftsgeschichte: Die Koexistenz rivalisierender Paradigmen in der Linguistik

Nach dem traditionellen kuhnschen Verständnis wissenschaftsgeschichtlicher Entwicklungen entfaltet sich eine Wissenschaft bzw. ein bestimmter Forschungsbereich innerhalb einer Wissenschaft auf der Grundlage eines Paradigmas in einer Phase der normalen Wissenschaft. Treten bezüglich eines Paradigmas vermehrt Anomalien auf, können WissenschaftlerInnen außerhalb der dem Paradigma verpflichteten wissenschaftlichen Gemeinschaft ein konkurrierendes Paradigma entwerfen, welches das alte Paradigma in einer Phase der wissenschaftlichen Revolution ablöst. Hat sich das neue Paradigma in einer wissenschaftlichen Gemeinschaft durchgesetzt, setzt wieder eine normalwissenschaftliche Phase ein. Dieses Wechselspiel von normaler Wissenschaft und wissenschaftlicher Revolution bildet den von Kuhn intendierten Standardfall wissenschaftlicher Entwicklungen ­– sofern eine Wissenschaft erstmals in eine Phase paradigmengeleiteter Forschung eingetreten ist. In der Linguistik zeichnet sich allerdings im Bereich kognitiver Grammatiktheorien seit den späten 1980ern bis heute ein diesem Standardfall entgegengesetztes Bild ab. Anstatt eines den Bereich der kognitiven Grammatiktheorien dominierenden Paradigmas existieren zwei Paradigmen parallel zueinander, die in einem Verhältnis der Rivalität zueinander stehen, aber trotzdem nicht das jeweils andere Paradigma verdrängen. Die Linguistik befindet sich also aktuell in einer Phase der Koexistenz rivalisierender Paradigmen und bietet somit einen äußerst fruchtbaren Forschungsgegenstand zur Überprüfung, Modifikation und Erweiterung wissenschaftstheoretischer Paradigmenkonzeptionen.

Das erste Paradigma ist die von Noam Chomsky entworfene Generative Grammatik, die sich seit den 1950er Jahren etabliert hat und mit ihrer Abgrenzung vom Behaviorismus als wichtige Wegbereiterin der Kognitionswissenschaft gilt. Das zweite Paradigma ist die durch Ansätze verschiedener WissenschaftlerInnen geprägte Konstruktionsgrammatik, die sich seit den 1980er Jahren entwickelt. Die Generative Grammatik ist eine prototypische Position des linguistischen Essentialismus, der u.a. den Spracherwerb und die kognitive Repräsentation sprachlichen Wissens anhand universaler angeborener sprachspezifischer Strukturen zu erklären versucht. Die Konstruktionsgrammatik ist ein prototypischer Vertreter des linguistischen Emergentismus, der annähernd dieselben Forschungsfragen auf generelle und somit nicht-sprachspezifische kognitive Mechanismen zurückführt. Beide Paradigmen sind bestrebt, sich stark überlappende empirische Phänomenbereiche zu erklären, und stehen somit in einem Verhältnis der Rivalität zueinander, das insbesondere von der historisch jüngeren Konstruktionsgrammatik betont wird. Die Untersuchung dieses aktuell ablaufenden wissenschaftshistorischen Prozesses bietet die Möglichkeit, aus einer metawissenschaftlichen Perspektive die philosophischen Konzeptualisierungen paradigmengeleiteter wissenschaftlicher Entwicklungen zu prüfen, zu modifizieren und zu erweitern sowie an einem Anwendungsbeispiel die in der aktuellen Wissenschaftstheorie unterrepräsentierte linguistische Theoriebildung zu untersuchen.

Die Hauptziele dieses Projektes bestehen darin, erstens die Generative Grammatik und die Konstruktionsgrammatik als koexistierende rivalisierende Paradigmen zu rekonstruieren. Zweitens wird das Phänomen der Inkommensurabilität bezüglich koexistierender Paradigmen untersucht. Drittens wird die sich in der tatsächlichen wissenschaftlichen Praxis zeigende Beziehung zwischen der Generativen Grammatik und der Konstruktionsgrammatik analysiert.

Veröffentlichungen:

  • Kornmesser, Stephan (2019): The Multiparadigmatic Structure of Science and Generative Grammar. In András Kertész, Edith Moravcsik und Csilla Rákosi (Hrsg.), Current Approaches to Syntax – A Comparative Handbook. Berlin/Boston: De Gruyter Mouton, S. 493-520.
  • Kornmesser, Stephan (2014): Scientific Revolutions without Paradigm-Replacement and the Coexistence of Competing Paradigms: The Case of Generative Grammar and Construction Grammar. Journal for General Philosophy of Science, 45, 91-118.
  • Kornmesser, Stephan (2014): Rivalisierende Paradigmen in der Linguistik: Generative Grammatik und Konstruktionsgrammatik. In Stephan Kornmesser und Gerhard Schurz (Hg.), Die multiparadigmatische Struktur der Wissenschaften. Wiesbaden: Springer VS, 229-270.
  • Kornmesser, Stephan (2014): Model-Based Research Programs. Conceptus, 41, 135-187.
  • Kornmesser, Stephan (2014): Die multiparadigmatische Struktur der Wissenschaften. Konferenzveröffentlichung zum XXIII. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Philosophie 2014 in Münster. miami.uni-muenster.de/Record/8e45ccec-a29c-4052-96f8-d27f1524c498
  • Kornmesser, Stephan und Schurz, Gerhard (Hg.) (2014): Die multiparadigmatische Struktur der Wissenschaften. Wiesbaden: Springer VS.

Wissenschaftsphilosophie/Geschichte der Wissenschaftstheorie: Theoretische Begriffe im Logischen Empirismus und im wissenschafts­theoretischen Strukturalismus

Das Problem der Bestimmung theoretischer Begriffe zieht sich annähernd durch die gesamte Wissenschaftsphiloso­phie des zwanzigsten Jahrhunderts und bildet sowohl im Logischen Empirismus als auch im (wissenschaftstheoretischen) Strukturalismus einen zentralen Bestandteil. In diesem Forschungsprojekt werden die beiden Positionen gegenübergestellt, ihre Theoretizitätskonzeptionen werden herausgearbeitet und untereinander verglichen. Ein Vergleich der Theoretizitätskonzeptionen kann nur dann zu angemesse­nen Ergebnissen führen, wenn beide Positionen als Ganze, also in Bezug auf ihre Voraussetzun­gen, Ziele und methodischen Instrumente, untersucht werden. Dabei zeigt sich, dass erstens die von der historisch jüngeren Position, dem Strukturalismus, geführte Diskussion kein adäquates Bild des Verhältnisses der Theoretizitätskonzeptionen des Logischen Empirismus und des Strukturalismus ergibt. Zweitens wird anhand der strukturalisti­schen Rekonstruktion einer kognitionswissenschaftlichen Theorie ersichtlich, dass die im Logischen Empirismus angestrebte Abgrenzung von theoretischen und metaphysischen Begriffen im Strukturalismus nicht nachvollzo­gen werden kann. Hieraus folgt, dass im Strukturalismus vorausgesetzt werden muss, was nach Auffas­sung des Logischen Empirismus Ziel der wissenschaftstheoretischen Prüfung ist: die empiristische Sinnhaftigkeit von Theorien.  Drittens kön­nen mittels der strukturalistischen Theorienrekonstruktion und der strukturalistischen Interpreta­tion der kuhnschen Paradigmentheorie neue Ergebnisse zum Analytizitätsbegriff erlangt werden, der eine wichtige Voraussetzung des LE bildet und durch die quinesche Dogmenkritik stark angegriffen wurde.

Veröffentlichungen:

  • Kornmesser, Stephan (2014): Model-Based Research Programs. Conceptus, 41, 135-187.
  • Kornmesser, Stephan (2014): Theoretische Begriffe und empirische Prüfbarkeit im Logischen Empirismus und im Strukturalismus. In Ingo Elbe, Philip Hogh und Christine Zunke (Hg.), Oldenburger Jahrbuch für Philosophie 2012. Oldenburg: BIS-Verlag, 97-123.
  • Kornmesser, Stephan (2012): Von der logischen Analyse der Sprache zur rationalen Rekonstruktion von Theorien. Berlin: LIT-Verlag.
  • Kornmesser, Stephan (2008): Theoretizität im Logischen Empirismus und im Strukturalis­mus – erläutert am Fallbeispiel des Neurobiologischen Konstruktivismus. In: Journal for General Philosophy of Science, 39, 53-67.

 

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