Hohe Lehrbelastung, wenig Forschung und knappe Ressourcen – unter diesen Bedingungen arbeitet oft, wer eine Professur an einer privaten Hochschule innehat. Eine Studie gibt Einblick in die bislang wenig beleuchtete akademische Sphäre.
Rund zehn Prozent aller Studierenden in Deutschland sind an den mehr als einhundert privaten deutschen Hochschulen eingeschrieben. Wie dort gelernt und gelehrt wird, hat die Forschung bislang jedoch kaum in den Blick genommen. Insbesondere über die Situation der Professorinnen und Professoren ist nun dank einer aktuellen Studie mehr bekannt: Ein ausgeprägter Fokus auf die Lehre, überschaubare Forschungsförderung sowie begrenzte finanzielle Ressourcen kennzeichnen die Arbeitsrealität. Vier von fünf Befragten sind grundsätzlich zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrer Tätigkeit – im Einzelnen gibt es jedoch zahlreiche Kritikpunkte an den Rahmenbedingungen.
Die Erkenntnisse stammen aus einem Forschungsprojekt der Universität Oldenburg, der Northern Business School Hamburg und der Bergischen Universität Wuppertal, das vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. Mit rund 1.200 Professorinnen und Professoren hat knapp ein Viertel der Angeschriebenen einen Fragebogen beantwortet. Bei jedem sechsten wurden Kommentare ergänzt, die die Forschenden qualitativ analysiert haben. Diese Anmerkungen sind zwar nicht repräsentativ. Gleichwohl bieten sie einen erhellenden Einblick in die personelle Situation.
Filialstruktur führt zu Belastungen
Der Anteil der Privathochschulen in Deutschland ist nach der Jahrtausendwende deutlich gewachsen und umfasst heute gut ein Viertel aller akademischen Einrichtungen. Im privaten Sektor der Wissenschaftswelt finden sich kleine Campushochschulen ebenso wie Bildungsanbieter mit mehreren Standorten. Diese Filialstruktur kann offenbar zu erheblichen Belastungen führen, wie ein Kommentar zeigt: In einem Semester an vier verschiedenen Orten in ganz Deutschland zu lehren, sei durch die zusätzliche Reiseaktivität nervenaufreibend. Dass es statt flexibler Arbeitszeiten nur noch fixe, deutschlandweit einheitliche Zeitfenster gebe, wird in einem weiteren Statement beklagt.
Auch inhaltlich gibt es mancherorts offenbar ein enges Korsett: Skripte und Lehrmaterialien seien standardisiert und Klausuren würden zentral gestellt. Es gebe eine Pflicht zur Aufzeichnung und Nutzungsrechte müssten sogar für selbst erstellte Materialien auf unbegrenzte Dauer abgegeben werden – derartige, auf umfassende Verwertbarkeit zielende Vorgaben des Arbeitgebers werden verständlicherweise als Zumutung empfunden.
Begrenzte Autonomie
Dass fremde Lehrinhalte zu lehren sind, wird in weiteren Kommentaren kritisiert und als Verlust von Autonomie empfunden – ein häufig wiederkehrender Kritikpunkt, der vor allem auf die betriebswirtschaftliche Steuerung und die ausgeprägte Marktorientierung zurückzuführen ist. Selbst die akademische Selbstverwaltung scheint an einzelnen privaten Hochschulen bedroht. Gremien wird demnach durch die Geschäftsführung vorgegeben, welche Entscheidung zu treffen sind. Ein wesentlicher Aspekt, der die Autonomie einschränkt: Es besteht kein Beamtenverhältnis und die private Hochschule ist der direkte Arbeitgeber der Professorinnen und Professoren.
Bei offenen Antworten ist es nicht ungewöhnlich, dass mehr Kritik als Lob geäußert wird. Es gibt aber auch Kommentare, die gleich eine ganze Reihe an Vorzügen benennen, die eine private gegenüber einer öffentlichen Hochschule habe: weniger Dünkel und interessantere Biografien, größere Offenheit und mehr Anstrengungsbereitschaft. Allein das geringere Gehalt und fehlende zusätzliche Leistungen seien von Nachteil. Positiv hervorgehoben werden in manchen Statements zudem schnelle Entscheidungen, eine geringe organisatorische Belastung und ein hoher Digitalisierungsgrad. Andere Stimmen beschreiben die privaten Einrichtungen hingegen als altmodische und innovationsfeindliche Unternehmen – die Bewertungen gehen weit auseinander.
Forschung als Privatvergnügen?
An den meist anwendungsorientierten privaten Hochschulen liegt der Fokus auf der Lehre. Einige professorale Stimmen halten das Engagement für die Lehrqualität für ausgeprägter als an öffentlichen Universitäten. Anreize und Förderung für Forschung seien dagegen äußerst begrenzt, was sich schon an fehlenden Reisekostenerstattungen oder Publikationshilfen zeige. Auch an anderen Ressourcen scheint es zu fehlen: An manchen Hochschulen erhalten festangestellte Professoren nicht einmal Notebook, Telefon oder Schreibtisch. Wegen fehlender Sekretariate müsse ein Großteil der Zeit mit Verwaltung verbracht werden. Forschungstätigkeiten, Publikationen oder Herausgeberschaften finden ehrenamtlich oder in der Freizeit statt, wie ein Kommentar beschreibt. Wer dennoch forschen will, bewegt sich in einem Spannungsfeld aus Profilbildung, dem Druck zur Refinanzierung und begrenzten Ressourcen – obgleich der Grundsatz der Forschungsfreiheit auch für private Hochschulen gilt.
Zwischen marktlichen und akademischen Werten gefangen zu sein, wird in einer Rückmeldung so auf den Punkt gebracht: Die eng betriebswirtschaftlich orientierte Geschäftsführung denke mit Blick auf Forschungsförderung und Lehre primitiv. Studiengänge und Forschungsprojekte würden beendet oder verhindert, wenn sie zu wenig Gewinn versprechen. Dass private Hochschulen ihre Existenz eigenständig unter beträchtlichem Konkurrenzdruck sichern müssen, mündet in einem Kommentar in einem harschen Urteil: Die marktorientierte Entwicklung von Programmen führe zu einem willkürlich zusammengewürfelten Lehrangebot.
Zwischen Frust und hoher Zufriedenheit
Die Spannbreite zwischen durchweg positiven, abwägenden und äußerst negativen Kommentaren spiegelt die große Heterogenität privater Einrichtungen. Die Rückmeldungen zeigen einerseits, dass Forschung und Lehre stark vom individuellen Engagement abhängen – was an öffentlichen Einrichtungen nicht anders ist. Andererseits verweist das Feedback auf Besonderheiten, die sich aus der marktlichen Orientierung ergeben.
Insgesamt zeichnen die Rückmeldungen ein durchwachsenes Bild von der Situation der Professorinnen und Professoren an Privathochschulen. Zu beachten ist, dass die Kommentare nicht repräsentativ sind, bei offenen Befragungen überwiegen meist kritische Statements. In der Gesamtbefragung ergibt sich eine grundsätzlich hohe bis sehr hohe Zufriedenheit – rund 80 Prozent der Befragten haben entsprechende Auswahlfelder angekreuzt. Besonders zufrieden sind die Befragten demnach mit ihrer eigentlichen Tätigkeit als Professorin oder Professor sowie mit der kollegialen Zusammenarbeit. Ein gemischtes Bild ergibt sich bei der Lehrverpflichtung und der Ausstattung. Unzufrieden sind die Befragten insbesondere mit der Forschungsförderung, dem Gehalt und der Hochschulleitung.
Weitere Information zum Forschungsprojekt unter: www.propriho.com